socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Uwe Backes, Alexander Gallus u.a. (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D)

Cover Uwe Backes, Alexander Gallus, Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D). Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 514 Seiten. ISBN 978-3-8487-2522-9. D: 79,00 EUR, A: 81,30 EUR, CH: 109,00 sFr.

27. Jahrgang 2015.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Diese Rezension wurde sieben Tage vor der Bundespräsidentenwahl in Österreich geschrieben. Es handelt sich um die Stichwahl, in der Österreicherinnen und Österreicher sich entscheiden müssen, ob sie den feschen Kandidaten der FPÖ, Norbert Hofer, oder den von den Grünen unterstützten 72-jährigen Kandidaten Alexander Van der Bellen zu ihrem Bundespräsidenten erwählen wollen. Der eine, Norbert Hofer, sieht in den meisten Zuwanderern „Wirtschaftsflüchtlinge und Scheinasylanten“, die zurückgewiesen gehören; der andere, Van der Bellen, plädiert für eine Fortsetzung der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Man kann durchaus behaupten, dass da, also dort in Österreich, Extreme aufeinandertreffen; Extreme, wie sie offenbar momentan die modernen Demokratien in Westeuropa zu prägen scheinen. Das Jahr 2015 hat die extremen Positionen im Umgang mit weltoffenen, demokratischen Grundhaltungen deutlich werden lassen und gleichzeitig sind die Grenzen zwischen den politischen Extremismen und den der scheinbaren politischen Mitte nicht nur fließender, sondern auch durchlässiger geworden. Damit steht auch der Extremismus-Begriff erneut auf dem Prüfstand der wissenschaftlichen Passfähigkeit.

Allerdings ist es wohl der Publikationslogik eines Jahrbuches geschuldet, dass die Ereignisse im Jahr seines Erscheinens noch nicht beobachtbar sein können. Das trifft auch zu großen Teilen für das vorliegende Jahrbuch zu. Nichtsdestotrotz haben die Herausgeber des Jahrbuchs Extremismus & Demokratie 2015 durchaus interessante und lesenswerte Beiträge versammelt.

Herausgeber und Autoren

  • Uwe Backes ist Professor am Institut für Politikwissenschaft an der TU Dresden und stellvertretender Direktor des dortigen Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung.
  • Eckard Jesse war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaft an der TU Chemnitz.
  • Alexander Gallus arbeitet ebenfalls als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz.

Alexander Gallus, Tom Mannewitz (Juniorprofessor an der Technischen Universität Chemnitz), Frank Decker (Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) und Armin Pfahl-Traughber (Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung) sind im ersten Teil des Jahrbuches mit analytischen Beiträgen vertreten.

Eckard Jesse, Uwe Backes, Alexander Gallus, Rudi Bigalke (Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz), Armin Pfahl-Traughber, Aladdin Sarhan (Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz) und Ekkehard Rudolph (Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen), Judith Faessler (Orientalistin), Lazaros Miliopoulos (promovierter Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) und Jürgen P. Lang (Bayerischer Rundfunk) äußern sich in dieser Reihenfolge im zweiten Teil des Jahrbuches, der den Titel trägt „Daten, Dokumente, Dossiers“.

Der dritte Teil umfasst – wie in den Jahrbüchern zuvor – Literaturberichte, Rezessionsessays, umfangreiche Einzelbesprechungen und kommentierte Bibliographien, auf deren Verfasserinnen und Verfasser der Rezensent aus Platzgründen nur beispielhaft eingeht.

Aufbau und Inhalte

Die Herausgeber stimmen im Editorial die Leserinnen und Leser auf die Lektüre ein, in dem sie darauf verweisen, dass das „Zeitalter der Extreme“, wie Eric Hobsbawn (1994) am Ende des 20. Jahrhunderts eben dieses zu markieren versuchte, ins 21. Jahrhundert hineinrage. Die weltpolitisch wirksamen Ereignisse des frühen 21. Jahrhunderts haben auch die innergesellschaftliche Situation in Deutschland stark beeinflusst. Und so liegt es nahe, um dieses noch junge 21. Jahrhundert besser verstehen zu können, den analytischen Blick zunächst auf das vergangene 20. Jahrhundert zu werfen.

Alexander Gallus tut das im Auftaktbeitrag zum ersten Teil des Buches und versucht sich an einer Historisierung des 20. Jahrhunderts. Die analytischen Kategorien „Ideologie“ und „Wissen“ nutzt er, um quasi ein Koordinatensystem zu basteln, innerhalb dessen er die Leitmotive und Metaerzählungen des vergangenen Jahrhunderts einzuordnen versucht. Ein lesenswerter Beitrag – auch deshalb, weil Gallus die Fortwirkungen dieser Leitmotive nicht ausspart!

Tom Mannewitz fragt im anschließenden Beitrag nach der Liberalität und Äquidistanz in Deutschlands politischer Kultur. Konkret geht es dem Autor um die Frage, „ob die Deutschen sich eher durch Liberalität oder eher durch Illiberalität auszeichnen und ob dies den demokratischen Verfassungsstaat vor eine Belastung stellt“ (S. 36). Prüfstein für die Liberalität einer politischen Kultur ist aus Sicht des Autors die „gesellschaftliche Toleranz gegenüber jenen, die diese Toleranz auf eine harte Probe stellen“ (S. 39). Um Indikatoren für jene Toleranz zu finden, greift Mannewitz auf Meinungsumfragen im Rahmen des International Social Survey Programmes (ISSP) zurück, in denen Einstellungen zu politischem Extremismus erfasst werden. Wirklich nicht überraschend für den Rezensenten zeigt sich dabei u.a.: „Religiöser und rechter Extremismus gelten im Vergleich zum linken Pendant augenscheinlich als gefährlicher“ (S. 42). Überrascht ist der Rezensent indes, dass Mannewitz über diese „Illiberalität in der Bevölkerung“ erstaunt ist und meint: „Die Exklusivität gegenüber Rechtsextremismus deutet auf einen Überkompensationseffekt nach einer nationalsozialistischen Diktatur und zwei Weltkriegen hin“ (ebd.). Könnte es nicht sein, dass sich das Meinungsbild der Gesellschaft zumindest ansatzweise auch nach der Faktizität des Wirklichen richtet, also z.B. nach dem in den Verfassungsschutzberichten nachlesbaren größeren Gewalt- und Bedrohungspotential, das vom Rechtsextremismus – im Vergleich zum linken – auszugehen scheint? Vielleicht entsprechen die zwei Kernkonstrukte der Extremismustheorie – Liberalität und Äquidistanz – nur noch bedingt der empirischen Wirklichkeit.

Frank Decker widmet sich im dritten Beitrag des ersten Teils den rechts- und linkspopulistischen Protestphänomenen in Westeuropa. Obwohl bereits in den 1970er Jahren rechtspopulistische Bewegungen in den westeuropäischen Ländern öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen suchten (z.B. in Dänemark und Norwegen), tritt der Rechtspopulismus erst in den 1990er Jahre quasi flächendeckend auf der politischen Bühne auf. Frank Decker macht dafür ökonomische (z.B. mit dem Abbau wohlfahrtsstaatlicher Sicherungen verbundenen Benachteiligungserlebnisse), kulturelle (z.B. globale und nationale Differenzierungen in Lebensstilen) und politische Bedingungen (z.B. die von der Bevölkerung angesichts erlebter sozialer Unsicherheiten wahrgenommene mangelnde Gestaltungsfähigkeit von Politik) verantwortlich. Deckers Handlungsempfehlungen teilt auch der Rezensent (S. 71f.): 1. Mit dem Rechtspopulismus muss man sich auf seinem eigenem Felde auseinandersetzen – der Wertepolitik. 2. Politische Regulation auf europäischer und transnationaler Ebene ist auch im nationalen Interesse. 3. Parteien müssen sich nach außen öffnen, d.h. auch, sie müssen ihr Repräsentations- und Organisationsverständnis den globalen (und digitalen) Vernetzungen der Jetztzeit anpassen.

Im vierten und letzten Beitrag im ersten Teil des Jahrbuches setzt sich Armin Pfahl-Traughber mit einem in „Die Tageszeitung“ von Andreas Speit vorgetragenen Argument auseinander, die „Nicht-Erkennung des NSU lasse sich mit der Fixierung auf extremismustheoretischen Ansatz erklären“ (S. 74). Der Rezensent sieht in diesem Argument keine große Erklärungskraft, da viel wichtigere, die Pragmatik der Sicherheitsbehörden betreffende Ursachen für deren Versagen verantwortlich sind. Deshalb hält er – der Rezensent – Pfahl-Traughbers Versuch, mit der Kritik an Speits Argument auch gleich noch die Extremismustheorie retten zu wollen, für nicht sonderlich erwähnenswert.

Eckard Jesse eröffnet mit einer Analyse der Wahlen im Jahre 2014 den zweiten Teil des Jahrbuches („Daten, Dokumente, Dossiers“). Es geht um die Europawahlen und um die Landtagswahlen in Sachsen, in Thüringen und Brandenburg. Die Analyse ist lesenswert; angesichts der Wahlergebnisse im Jahre 2015 und der inzwischen zustande gekommenen „Zweckbündnisse“ (S. 113) wird aber auch die Schnelllebigkeit und Wankelmütigkeit der Wählerpräferenzen allzu deutlich. Uwe Backes liefert eine Dokumentation über die im Jahre 2014 auffälligen politischen Organisationen. Gegliedert ist die Dokumentation im Stile der Verfassungsschutzberichte: Linksextremismus, Rechtsextremismus, Politisch-religiöser Fundamentalismus. Dass die Verhältnisse zwischen Links- und Rechtsextremismus immer noch mit einem Vergleich zwischen NPD und der Linken exemplifiziert werden, erscheint dem Rezensenten doch etwas antiquiert. Auch die Feststellung, der als „Protestthema auf den Straßen unverkennbare Antiislamismus“ (S. 131) habe die Wahlmobilisierung vorerst kaum beeinflusst, darf angesichts der Wahlausgänge im Jahre 2015 als falsifiziert gelten. Die kurze, aber inhaltsschwere Dokumentation von Alexander Gallus über „Der dritte Weg“ sollte man/frau aufmerksam lesen. Der „Dritte Weg“ könnte sich nämlich als Auffangbecken für NPD-Mitglieder erweisen, wenn deren parteiliche Heimat vom Bundesgerichtshof wegrationalisiert wird.

Der Rezensent gesteht freimütig, dass ihm die „uneingeschränkte Solidarität“ (sic!) mit Israel, die von den Vertretern der Antideutschen Bewegungen proklamiert wird, nicht unsympathisch ist. Wer mehr über diese durchaus schillernden Antideutschen lesen möchte, dem sei der Beitrag Rudi Bigalke empfohlen.

Armin Pfahl-Traughber liefert im anschließenden Beitrag quasi eine qualitative Metaanalyse zu den empirischen Studien, in denen Politik- und Bewegungswissenschaftler versuchten, die soziodemografische Zusammensetzung und Einstellungen der Pegidisten, also der Vertreterinnen und Vertreter der neuen Protestbewegungen aufzuklären. Unterstreichen möchte der Rezensent unbedingt Traughbers Feststellung, dass sich die Mehrheit der Anhänger von Pegida „ideologietheoretisch … der deutschnationalistischen Form des Rechtsextremismus zuordnen“ lasse (S. 167).

Islamismus, Salafismus, Dschihadismus – Worte, die nicht erst seit den Schlüsselereignissen von Paris und Brüssel auch in Deutschland saliente Themen markieren. In Deutschland ist bisher kein größerer Terroranschlag verübt worden. [1] Und dennoch ist Deutschland Teil des dschihadistischen Netzwerks in Europa – als logistische Drehscheibe und Rückzugsort. Spätestens seit 2008 ist Deutschland auch Herkunftsland von Dschihadisten, die zunächst – bis 2011- in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet und in jüngerer Zeit überwiegend in die Kriegsgebiete Syriens oder Iraks ausreis(t)en. Bis Ende 2015 sollen sich rund 30.000 ausländische Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien und dem Irak angeschlossen haben. Davon kommt ein Großteil aus arabischen Ländern, ein bedeutender Anteil von etwa 5.000 Kämpfern jedoch auch aus Westeuropa (The Soufan Group, 2015, S. 5). Im aktuellen Bericht der Ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder (IMK, 2015) werden die Fälle von 677 Personen, die aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sein sollen, analysiert. Davon sollen bis zum 30. Juni 2015 insgesamt 237 Personen nach Deutschland zurückgekehrt sein. Von den ausgereisten Personen sind 21% Frauen. Mit 188 Personen stellen die 22- bis 25-Jährigen die größte Altersgruppe vgl. ausführlicher Frindte u.a., 2016). Im Beitrag von Aladdin Sarhan und Ekkehard Rudolph geht es um eben diese Problematik: „Salafismus in Deutschland: Ideologie, Aktionsfelder, Gefahrenspotenzial in Zeiten des ‚Islamischen Staates‘“). Die Autoren kennen die Klientel und sie wissen, wovon sie schreiben. Ihr Beitrag eignet sich hervorragend für all die Leserinnen und Leser, die sich mit den Erscheinungs-, Aktions- und Rekrutierungsformen des Salafismus vertraut machen möchten. Der anschließende Beitrag von Judith Faessler über den deutschstämmigen Dschihadisten Eric Breininger, der 2010 offenbar bei einem Feuergefecht mit pakistanischen Soldaten starb, bietet einen interessanten Einblick in die biografische Entwicklung eines radikalisierten jungen Mannes. Die Motive für den Anschluss an radikale Gruppen sind nicht nur ideologischer Art. Der Einstieg in extremistische Milieus erfolgt – zumindest in jüngerer Zeit – offenbar weniger wegen des dort vorherrschenden ideologischen Deutungsangebots. Vielmehr bieten radikale Szenen, zumindest vorübergehend, Lösungsansätze und Unterstützung beim Umgang mit den Schwierigkeiten alterstypischer Entwicklungsaufgaben. Die radikalen Gruppierungen und das extremistische Umfeld liefern besonders in der Einstiegsphase ein soziales Stütz- und Bezugssystem: Zugehörigkeit, ein Gefühl von Akzeptanz und emotionaler Rückhalt in der Gruppe stellen relevante motivische Antriebsfedern für das Eintauchen in die extremistischen Umfelder und für gruppenkonformes Verhalten dar. Im Zuge der Gruppenzugehörigkeit wächst dann auch die Identifikation mit den religiös verbrämten Ideologieangeboten.

Das kollektive, aber auch das politische Gedächtnis – nicht nur der Deutschen, aber vor allem der Deutschen – scheint oftmals sehr kurzlebig zu sein. Warum? Wie ist es, verehrte Leserinnen und Leser, um ihr Wissen und ihre Erinnerungen über bzw. an die politischen Entwicklungen in Griechenland vor, während und nach dem 2. Weltkrieg bestellt? Wissen Sie, dass der bewaffnete Widerstand gegen deutsche Besatzung hauptsächlich von der kommunistisch beeinflussten Volksbefreiungsarmee ELAS getragen wurde, dass es nach dem 2. Weltkrieg einen sogenannten weißen Terror der griechischen Rechten gab und dass im Jahre 1967 rechtsgerichtete Offiziere eine Militärdiktatur in Griechenland errichteten? Vielleicht, so vermutet der Rezensent, finden sich in diesen mühevollen und schmerzhaften politischen Entwicklungen, die die Griechen in den letzten Jahrzehnten erlebt, erlitten, aber auch mitgestaltet haben, gute Gründe, um zu verstehen, warum sie, die Griechen, sich so vehement, aber auch zerstritten gegen die Einflussnahme durch die EU zu wehren versuchen. Wie auch immer, das Länderporträt, das Lazaros Miliopoulos von Griechenland zeichnet, hilft nicht nur, das individuelle politische Gedächtnis aufzufrischen; es zeigt auch die hochdiverse politische Landschaft des griechischen Staates.

Zum Abschluss des zweiten Jahrbuchteils analysiert Jürgen P. Lang eine Zeitschrift, über die vermutlich nicht nur der Rezensent sagen würde: Kenne ich nicht, interessiert mich auch nicht. Aber wie das oftmals so ist, Unkenntnis und Desinteresse verstellen nicht selten den Blick auf spannende Details. Um ein solches, politisch mehr oder weniger schwerwiegendes, Detail könnte es sich bei der von der Partei Die Linke herausgegebene Zeitschrift „Disput“ handeln. Jürgen P. Lang erinnert nicht nur an den Vorläufer dieser kleinen Zeitschrift aus DDR-Zeiten; auch dem (bekanntlich DDR-sozialisierten) Rezensenten dämmerte es, als er vom Agitationsblatt „Was + Wie“ las. Wichtiger, in der Medien- und Politikforschung aber kaum beachtet, dürfte das Fortleben dieses Blattes nach dem Ableben der DDR eben unter dem Namen „Disput“ sein. „Disput“ ist die Mitgliederzeitschrift der Partei Die Linke. Darüber, ob und worüber in dieser Zeitschrift gestritten wird oder vormals gestritten wurde, handelt Langs Bericht.

Lesenswerte Literaturbesprechungen finden sich im abschließenden dritten Teil des Jahrbuches. Sechsundzwanzig umfangreicher Literaturbesprechungen, 105 Kurzbesprechungen (falls sich der Rezensent nicht verzählt haben sollte) und 212 (dito) kommentierte Bibliographien finden sich in diesem Teil. Pars pro toto erlaubt sich der Rezensent auf folgende Rezensionen aufmerksam zu machen: Die vom Rezensenten sehr geschätzte Riem Spielhaus (Professorin für Islamwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen) eröffnet den Besprechungsreigen mit einem umfangreichen, informativen und kritischen Literaturbericht zum Thementripel „Salafismus, Jihadismus und Islamismus in Deutschland“ (S. 247ff.).

Kontrovers besprochen, das heißt kritisch aus der Perspektive von fünf Rezensenten (nämlich von Clemens H. Cap, Otto Depenheuer, Wolfgang Hoffmann-Riem, Helmut Müller-Enbergs und Andreas Schurig) wird das von Thomas Ammann und Stefan Aust geschriebene Buch „Digitale Diktatur. Totalüberwachung, Datenmissbrauch, Cyberkrieg“. Hans-Gerd Jaschke (Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht) rezensiert die Autobiografie von Alain de Benoist „Mein Leben. Wege eines Denkens“.

Alfons Söllner widmet sich der hervorragenden Biografie eines hervorragenden Intellektuellen: „Habermas. Eine Biographie“, geschrieben von Stefan Müller-Dohm und erschienen 2014 in Frankfurt a. Main. Lesenswert ist auch die kritische und differenzierte Rezension von Jürgen W. Falter (Professor für Politikwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität-Mainz) zur Studie „Fragile Mitte – Feindselige Zustände: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014“ von Andreas Zick und Anna Klein. Falter meint u.a., die Studie liefere zwar interessante Ergebnisse, „deren Interpretationen durch die Verfasser allerdings stellenweise fragwürdig erscheint…“ (S. 381). In der „kommentierten Biographie“ fiel dem Rezensenten u.a. der Hinweis auf das Buch von Farid Hafez „Islamisch-politische Denker“ (erschienen 2014 bei Peter Lang) auf.

Gefreut hat sich der Rezensent, dass unter den kurz kommentierten Büchern auch jenes von Udo Scheer erwähnt wird („Wir kommen wieder! Plauen 89 – eine Stadt demonstriert sich nach Deutschland“, erschienen 2014 im Mitteldeutschen Verlag). Udo Scheer ist nicht nur ein – zumindest in Mitteldeutschland – bekannter Autor, sondern gehörte zu engagierten Bürgerrechtlern der Jenaer Szene.

Auch das ebenfalls 2014 erschienene Buch „Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie“ von Samuel Salzborn findet in dieser Rubrik Erwähnung. Wichtig und gar nicht randständig ist aber diese Information, die der Rezensent loswerden muss: Samuel Salzborn, der an der Göttinger Universität noch eine Professur für Grundlagen der Sozialwissenschaften innehat und sicher mit zu den engagiertesten Wissenschaftlern in der Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung gehört, muss momentan damit rechnen, dass sein Vertrag mit der Universität nicht verlängert wird. Der Rezensent kann die Gründe dafür nicht nachvollziehen, findet aber das Vorgehen der Göttinger Universitätsleitung skandalös.

Statt eines Fazits

Das Jahrbuch 2015 enthält, wie auch seine Vorgänger, viele lesenswerte und aufschlussreiche Beiträge. Nicht alle überzeugen den Rezensenten als Belege für die Nützlichkeit der Extremismustheorie. Wie wäre es, wenn man statt von Extremismen zu sprechen, um die Entwicklungen im Rechtsextremismus, Linksextremismus und religiösen Extremismus zu untersuchen, einfach mal die wissenschaftliche Perspektive ändert, um die Forschungsfelder neu und produktiver bestellen zu können? Einen interessanten Zugang fand der Rezensent in einer Arbeit von Thomas Grumke (2001). Mit dem Ziel, den Rechtsextremismus in den USA zu analysieren, greift Grumke auf die zivilisationstheoretische Untersuchung fundamentalistischer Bewegungen in der Moderne von Shmuel Eisenstadt (1998) zurück. Eisenstadts Ausgangspunkt ist die Annahme, dass fundamentalistische Bewegungen durchaus modern sein können, obwohl sie antimoderne und antiaufklärerische Ideen verkünden. In dieser Paradoxie sieht Grumke (2001) nun eben auch Parallelen zwischen Fundamentalismus und (US-amerikanischen) Rechtsextremismus. Als Projekt und Produkt der Moderne betreibe der Rechtsextremismus unter Rückgriff auf traditionelle Elemente der (amerikanischen) politischen Kultur eine extreme Komplexitätsreduktion und suspendiere so jegliche Pflicht zur Begründung – an die Stelle des bloßen Bewahrenwollens trete die Platzierung neuer, eigener, umgedeuteter politischer Mythen (wie „Rasse“ oder „Nation“). Ideologisch sei der (amerikanische) Rechtsextremismus – wie auch der religiöse Fundamentalismus – grundsätzlich antimodern, schöpfe aber in organisatorischer Hinsicht die Mittel der Moderne voll aus. Der Zugang, den Thomas Grumke wählt, um sich begrifflich dem Rechtsextremismus über den Vergleich mit dem Fundamentalismus zu nähern, ist gar nicht so abwegig. Fundamentalismus und Rechtsextremismus sind antimodern und modern zugleich. Antimodern sind die Inhalte, modern ihre Organisationsformen.

Heinrich Schäfer (2008) macht einen interessanten Vorschlag, um auch von einem Fundamentalismus im „säkularen Gewande“ sprechen zu können. Er schlägt einen „formalen Fundamentalismusbegriff“ vor, um „sowohl religiöse als auch säkulare Bewegungen auf Fundamentalismus hin überprüfen“ (ebd., S. 24) zu können. Gemäß dieser Definition ist „eine soziale beziehungsweise religiöse Bewegung dann fundamentalistisch, wenn sie: 1. ihre spezifische religiöse, ethnische oder ideologische Orientierung absolut setzt – gleich ob es sich um die Bibel, den Koran, den Mahdi, den Heiligen Geist, das serbische Volk, das Ariertum, den Markt oder sonst etwas handelt und 2. expansiv um die Kontrolle eines ihr übergeordneten gesellschaftlichen Machtzentrums kämpft“ (ebd.). Antimoderne Inhalte (im religiösen Fundamentalismus ist das z.B. die absolute Geltung religiöser Gebote und Verbote; im Rechtsextremismus z.B. die Verabsolutierung von „Rasse“ oder „Nation“; und in den linksextremen Strömungen finden sich ebenfalls manche Antimodernismen) werden durch den Rückgriff auf religiöse und politische Mythen legitimiert, mittels moderner Organisations- und Kommunikationsformen transportiert und durch Gewalt oder Gewaltandrohung durchgesetzt. Wie wäre es also, verehrte Vertreterinnen und Vertreter der Extremismustheorie mit einer neuen Suchstrategie, um den komplexen Problemraum neu auszumessen?

Zitierte Literatur

  • Ammann, Th. & Aust, St (2014). Digitale Diktatur. Totalüberwachung, Datenmissbrauch, Cyberkrieg. Berlin: Econ Verlag.
  • de Benoist, A. (2014) Mein Leben. Wege eines Denkens. Berlin: JF Edition.
  • Eisenstadt, S. (1998). Die Antinomien der Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Frindte, W., Ben Slama, B., Dietrich, N., Pisoiu, D., Uhlmann, M. & Kausch, M. (2016). Wege in die Gewalt, Motivationen und Karrieren salafistischer Jihadisten, HSFK-Report Nr. 3/2016, Frankfurt/M., Quelle: www.hsfk.de/de/publikationen-veranstaltungen/publikation/wege-in-die-gewalt/.
  • Grumke, T. (2001). Rechtsextremismus in den USA. Opladen: Leske + Budrich.
  • Hafez, F. (2014). Islamisch-politische Denker. Eine Einführung in die islamisch-politische Ideengeschichte. Frankfurt a.M.: Peter Lang.
  • Hobsbawm, E. J. (1995). The age of extremes: A history of the world, 1914-1991. New York: Pantheon Books.
  • IMK (Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder, 2015). Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Fortschreibung 2015, In: bit.ly/1ULOi6H (12.1.2016).
  • Müller-Dohm, St. (2014). Jürgen Habermas: Eine Biographie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Salzborn, S. (2014). Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Baden-Baden: Nomos.
  • Schäfer, H. (2008). Fundamentalismen in religiösem und säkularem Gewand. Der Kampf um Deutungshoheit in einer globalen politischen Kultur. In: F. E. Anhelm (ed.), Vernünftiger Glaube zwischen Fundamentalismus und Säkularismus. Protestanten in der globalisierten Welt. (Loccumer Protokolle 34/08). Rehburg-Loccum: Evangelische Akademie, S. 19-42.
  • Scheer, U. (2014). Wir kommen wieder! Plauen 89 – eine Stadt demonstriert sich nach Deutschland. Halle: Mitteldeutscher Verlag.
  • The Soufan Group (2015). Foreign Fighters: An Updated Assessment of the Flow of Foreign Fighters into Syria and Iraq, http://bit.ly/1RC1UlR (21.1.2016.
  • Zick, A. & Klein, A. (2014). Fragile Mitte – Feindselige Zustände: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Berlin: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

[1] Am 2. März 2011 erschoss der Kosovo-Albaner Arid Uka, der seit 1991 in Deutschland lebt, am Frankfurter Flughafen zwei US-amerikanische Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Im Jahre 2007 wurde in Deutschland Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die mehrere Terroranschläge in Deutschland geplant hatten, festgenommen. Zwei der Mitglieder, die später als Rädelsführer verurteilt wurden, waren zum Islam konvertierte Deutsche. Am 16. April verübten zwei junge Männer, die mutmaßlich mit dem Islamischen Staat sympathisierten, einen Anschlag auf ein Sikh-Zentrum in Essen, bei dem drei Menschen verletzt wurden.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
E-Mail Mailformular


Alle 58 Rezensionen von Wolfgang Frindte anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 23.05.2016 zu: Uwe Backes, Alexander Gallus, Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D). Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2522-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20281.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung