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Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder u.a.: Lehrbuch der MarteMeo-Methode

Cover Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder, Angela Helfer: Lehrbuch der MarteMeo-Methode. Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 4., überarbeitete Auflage. 503 Seiten. ISBN 978-3-525-40468-3. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 62,90 sFr.
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Thema

Das Buch ist ein umfassendes Lehrwerk zur Geschichte und zu Theorie und Praxis der MarteMeo-Methode. Diese Beratungsmethode wurde von der Niederländerin Maria Aarts Anfang der 1990er als eigenes, unabhängiges und internationales Netzwerk aufgebaut, um die Kommunikation und Interaktion innerhalb einer Familie oder einer sozialen Gruppe entwicklungsfördernd zu gestalten. Mithilfe von Filmsequenzen aus Alltagssituationen werden gelingende Kommunikationsmomente analysiert, für die Beteiligten sichtbar gemacht und zu weiteren Entwicklungsschritten eingeladen. Anstelle von Kompensation eines defizitären Verhaltens wird konsequent nach den Bedürfnissen hinter einem problematischen Verhalten geschaut und ressourcenorientiert mit allen Beteiligten zusammen gearbeitet. Die Bilder der Videos wirken sowohl emotional als auch kognitiv motivierend. MarteMeo bedeutet sinngemäß „aus eigener Kraft“.

Autor und Autorinnen

Die Autoren Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder und Angela Helfer sind in der MarteMeo-Methode erfahrene Therapeuten, von Maria Aarts lizensierte Supervisoren und seit zwanzig Jahren in der Weiterbildung tätig.

  • Peter Bünder ist Prof. i. R. (Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf), Systemischer Therapeut / Familientherapeut (DGSF), Lehrender für systemische Beratung (DGSF), MarteMeo Licensed Supervisor (Internationale Ausbildungsberechtigung).
  • Annegret Sirringhaus-Bünder ist Dipl.-Sozialarbeiterin (FH), Lehrende für systemische Beratung (DGSF), Lehrende für Systemische Therapie (DGSF), Systemische Supervisorin (DGSF), NLP-Lehrtrainerin (DVNLP), MarteMeo Licensed Supervisor (Internationale Ausbildungsberechtigung).
  • Angela Helfer ist Dipl.-Sozialpädagogin, Familientherapeutin (DGSF), Marte-Meo-Supervisorin.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um die vierte, gründlich überarbeitete Auflage des erstmals 2009 erschienen Lehrbuchs. Das inzwischen auf 504 Seiten erweiterte Lehrbuch ist entstanden aufgrund der wachsenden Nachfrage von Kollegen und Eltern, durch die Vielzahl an Weiterbildungsgängen und den in Fachkreisen geführten Diskurs über Stärken und Grenzen der Methode.

Aufbau

Mit einem einordnenden und pointierten Vorwort motiviert Arist von Schlippe zur Lektüre, die Autoren geben anschließend in einer „Bemerkung vorab“ Auskunft über ihren Weg mit MarteMeo, die Zielsetzung und den Aufbau des Buches. Zusätzlich werden 37 Mitarbeiter namentlich benannt, die durch Beispiele aus ihren beruflichen Arbeitsfeldern praktische Bezüge herstellen.

Das Buch ist in sieben Teile gegliedert:

  1. Geschichte und Theorie
  2. Die Methode und ihre Wirkfaktoren
  3. Beratung von Familien mit Kindern und Jugendlichen
  4. MarteMeo in Einrichtungen und Institutionen
  5. MarteMeo in Ausbildung, Weiterbildung und Supervision
  6. MarteMeo in wissenschaftlichen Kontexten
  7. MarteMeo und Videotechnik

Diesen Teilen sind insgesamt 19 Kapitel mit Unterkapiteln zugeordnet. Zusätzlich gibt es einen Anhang mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis, einem Hinweis auf informative Webseiten und zielführende Adressen. Ein Musterkontrakt über Schweigepflicht bei Videoaufnahmen ergänzt diesen Teil.

Dem Buch ist eine DVD mit Inhaltsverzeichnis beigelegt. Anhand dieser können die wesentlichen Elemente und Instrumente von MarteMeo in kleinen Filmsequenzen angeschaut werden, diese werden im Buch analysiert und reflektiert. Außerdem beinhaltet sie nützliche Zusatzmaterialien wie Arbeitsblätter und Kopiervorlagen. Sehr hilfreich ist ein Link, mit dem man auch online Zugriff auf diese Filme und das Material bekommt.

Zur Veranschaulichung der Inhalte tragen 33 Abbildungen und 17 Tabellen bei, die Praktiker werden von den Checklisten, die gegenüber früheren Veröffentlichungen überarbeitet wurden, sehr profitieren.

Das Buch muss nicht chronologisch gelesen werden, es kann auch sehr gezielt in den Kapiteln genutzt werden, die für den Leser/die Leserin gerade nützlich sind. Dabei erleichtert es die Orientierung innerhalb des Buches, dass Querverweise im Text und ein Stichwortregister vorhanden sind.

Durch viele Beispiele aus wohl allen Anwendungsfeldern von MarteMeo wird die Praxis anschaulich deutlich. Die Verschränkung von Theorie und Praxis gehört wesentlich zum Aufbau des Buches.

Inhalt

In Teil A „Geschichte und Theorie“ beschreiben die Autoren die Herkunft der Methode und positionieren diese innerhalb einer Reihe von Beratungsansätzen, die wie MarteMeo mit Videotechnik arbeiten. Das Besondere der MarteMeo-Methode wird im speziellen Umgang mit dem Filmmaterial gesehen, der wesentlich dem Gedanken des Empowerment verpflichtet ist.

Einen breiten Raum nimmt der Bezug zu den theoretischen Grundlagen ein. Die Methode, die von Maria Aarts aus der Praxis entwickelt wurde, bekommt hier nachträglich ihr theoretisches Gerüst. Es werden Entwicklungspsychologie (speziell Bindungstheorie und Säuglingsforschung), sozial-kognitive Lerntheorie, Neurowissenschaften, Kommunikationstheorie, Theorie der symbolvermittelten Interaktion und Systemtheorie in ihrer Relevanz für die MarteMeo-Methode dargestellt und diskutiert.

In Teil B „Die Methode und ihre Wirkfaktoren“ zeigen die Autoren auf 84 Seiten umfassend und ganz im Sinne eines Lehrbuchs, welches Modell der Methode zugrunde liegt und wie MarteMeo angewendet wird. Die fünf Basiselemente einer förderlichen Kommunikation gelten vor allem in komplementären Beziehungen als Grundlage jeder gelungenen Kommunikation: Initiativen wahrnehmen, bestätigen, benennen, sich abwechseln und positive Leitung. Durch die beiden Meta-Elemente „Angemessener Ton“ und „Konstruktive Dialogtechnik“ wird die Qualität der Kommunikation entscheidend mitbestimmt.

Bevor die Autoren jetzt den konkreten Ablauf einer MarteMeo-Beratung erklären, gibt es ein prägnantes Kapitel (S. 87-101) zu „Indikation und Kontraindikation“. Hier benennen die Autoren wesentliche ethische Grundannahmen wie z.B. „Schweigepflicht und Vertraulichkeit“ und „Respekt vor dem Lebensstil“. Sie zählen Situationen auf, in denen sie von der Methode abraten, da es beispielsweise zu Retraumatisierung kommen könnte.

In den folgenden Kapiteln (S. 101-144) wird die MarteMeo-Beratung vom Beginn bis zum Abschluss genau und anschaulich beschrieben, erläutert und begründet. Sie besteht aus

  1. Auftragsklärung und Kontrakt
  2. Die ersten Videoaufzeichnungen
  3. Videointeraktionsanalyse (VIA)
  4. Entwicklungsdiagnose
  5. Review – das Beratungsgespräch
  6. Abschluss einer Beratung

In den Teilen C und D (S. 145-410) werden ausführlich die verschiedenen Anwendungsfelder von MarteMeo anhand einer Fülle konkreter Beispiele dargestellt. Den Teilen vorangestellt sind jeweils relevante fachliche Informationen, Kontextualisierungen und aktuelle Anmerkungen, auch z.B. zu rechtlichen Grundlagen. So wird in Teil C die MarteMeo Arbeit mit Familien, in denen Kinder die unterschiedlichsten Symptome zeigen, vorgestellt. In Teil D kommen ambulante (z.B. Erziehungsberatung, Sozialpädagogische Familienhilfe, Kindertageseinrichtungen, Sonderkindergärten, Elterngruppenarbeit) und stationäre Arbeitsfelder der Jugendhilfe, außerdem ambulante und stationäre Arbeitsfelder der Gesundheitshilfe, schließlich noch Alten- und Pflegeheime und Schulen in den Blick.

In Teil E wird zum Weiterbildungskonzept von MarteMeo differenziert informiert. Der Begriff ist international geschützt. Die Qualifikation ist nach der Eingangsstufe Anwendungskurs bzw. „Practitioner“ in drei weitere Stufen aufgeteilt: a) „MarteMeo Therapist“ bzw. das analoge Zertifikat „MarteMeo-Fachberater/-in“, b) „MarteMeo-Supervisor“ und c) „Licensed Supervisor“. Außerdem gibt es Fortbildungen für bestimmte Zielgruppen und Fortbildungen, die in Ausbildungsgänge integriert sind (z.B. an Fachschulen für Sozialpädagogik und Heilpädagogik). Zusätzlich wird zum Bereich Supervision und Kollegiale Beratung informiert.

Teil F zeigt anhand von Evaluationsstudien aus den Ländern Deutschland, Dänemark, Irland, Schweden und Indien Forschungsdesigns und wissenschaftliche Ergebnisse zur Relevanz und Effektivität der Methode. Eine Untersuchung hat in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung unter der Leitung des Autors Peter Bünder stattgefunden. Sie ist ausführlich inhaltlich und graphisch dargestellt, die Ergebnisse sind durchaus überraschend und werden hinsichtlich der Konsequenzen für die Anwendung der Methode zielführend diskutiert.

Schließlich wird das Buch durch einen wesentlichen Teil G ergänzt, da die Methode auf der Grundlage von gutem Filmmaterial arbeitet. Um gute Bilder zu erhalten werden hier wertvolle Hinweise für das Gelingen der Videotechnik gegeben.

Fazit

Es handelt sich beim „Lehrbuch der MarteMeo-Methode“ um ein beeindruckendes Werk, das solide und umfassend über diese Beratungsform informiert. Besonders hervorzuheben sind die Verdienste der Autoren um die Herleitung der theoretischen Bezüge, die den Praktikern nicht nur sagen, wie etwas funktioniert, sondern auch ein Bewusstsein dafür schaffen, aus welchen Quellen diese Methode schöpft; die „Anwender“ wissen jetzt, was sie tun, wenn sie mit MarteMeo arbeiten. In diesem Sinne ist auch der Forschungsteil ein ganz großer Gewinn, sowohl verständlich für die Praktiker als auch unverzichtbar für den wissenschaftlichen Diskurs und die Positionierung der Methode in der Diskussion unterschiedlicher Beratungsansätze. Im Ton des Buches wird eine gewisse Begeisterung für die Wirksamkeit der Methode spürbar, dabei bleiben die Autoren differenziert, sachlich, kritisch und zeigen auch Grenzen und Scheitern auf. Für Beratende sehr klärend und entlastend wirkt die Benennung der größeren Kontexte, in denen die Beratungsprozesse immer verortet werden.

Das Lehrbuch ist eine unbedingte Empfehlung für alle, die in Fort- und Ausbildung sowohl als Dozenten, Trainer und Studierende tätig sind. In Beratungsstellen und Hochschulen, in der Fortbildung von Erzieherinnen und Altenpflegern hat es seinen Platz. Dem Buch kommt eine hohe Relevanz für die Lehrer(fort-)bildung zu, und es ist ebenso ein Buch für Eltern, die sich informieren wollen. Durch die vielfältigen Praxisbeispiele hat es einen starken Identifikationswert, es erzählt im besten Sinne auch Geschichten, die sich durch entwicklungsfördernde Kommunikation „aus eigener Kraft“ zum Gelingen wenden können.


Rezensentin
Annette Hummelsheim
Supervisorin DGSv, SG. Lehrkraft für besondere Aufgaben im Arbeitsbereich Beratungsforschung der Universität zu Köln. Beauftragte für das Modul „Grundlagen der Beratung“ im Bachelor Lehramt Sonderpädagogik
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Zitiervorschlag
Annette Hummelsheim. Rezension vom 21.09.2016 zu: Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder, Angela Helfer: Lehrbuch der MarteMeo-Methode. Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-525-40468-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20284.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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