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Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 04.02.2016

Cover Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters ISBN 978-3-8353-1682-9

Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen. Wallstein Verlag (Göttingen) 2015. 216 Seiten. ISBN 978-3-8353-1682-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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„Mach dir dein Alter selbst“

Über Altern, Endlichkeit und Ende des menschlichen Lebens wird philosophisch, anthropologisch, weltanschaulich, pädagogisch, medizinisch, kultursoziologisch (Frank Adloff, Hrsg., Kultursoziologie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17923.php) und kulturhistorisch nachgedacht. Es sind euphorische wie prozessuale, physische wie psychische, objektive wie subjektive Zugangsweisen und intellektuelle Auseinandersetzungen, die je nach Bewusstseinsstand und Intellekt die Fülle des Lebens, die Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen des menschlichen Daseins bündeln (Jos Schnurer, Das Ende des Lebens, 11. 11. 2013, www.socialnet.de/materialien/163.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Ratgeber gibt es genug! Die meterlangen Regale in den Buchhandlungen (ver-)lassen den Leser in der Spannweite von Machenschaften mit allzu simplen Rezepten, wie: „Mache dies, dann bekommst du das…“, bis hin zu gerontologischen Anweisungen, futuristischen „Alters“- Romanen und. wissenschaftlichen Abhandlungen und Forschungsberichten. Es sind Lebens- und Todes-Erzählungen, Anleitungen zur Lebens- und Sterbehilfe, rechtliche Abhandlungen und politische Manifeste. Nicht unwesentlich sind die ökonomischen Begehrlichkeiten, die auf die zunehmende demografische Alterung in den westlichen Industrie- und Wohlstandsgesellschaften zielen, mit Vorschlägen für den Besuch im Fitness-Studio, bis hin zu Angeboten von Treppenliften, Gehhilfen; gar nicht zu reden von den Versprechungen für häusliche und stationäre Pflegehilfe. Die Alten werden umworben wie prosperierende Schatzbriefe im Börsenbetrieb. Gleichzeitig gehen Altenpfleger und im Pflegehilfsdienst Beschäftigte auf die Straße, weil sie von dem, was sie für ihre Arbeit verdienen, sich und ihre Familien nicht ernähren können. Weitere Felder tun sich auf: „Anti-Aging“ ist im Kommen Futuristische Konzepte wenn schon nicht vom „ewigen Leben“, so doch vom „verlängerten“ Leben werden entwickelt (Helmut Luft / Monika Vogt, Die Kunst, dem Alter zu begegnen. Psychoanalytische Erkundungen, 2013, https://www.socialnet.de/rezensionen/18943.php; vgl. auch: Sabine Kampmann / Miriam Haller / Thomas Küpper, Altern – Medienproduziert, Querformat: Zeitschrift für Zeitgenössisches, Kunst, Populärkultur, Nr. 7, transcript Verlag, Bielefeld 2014, 150 S.); und der Blick über den eigenen Alters- und gesellschaftlichen Gartenzaun eröffnet neue Einsichten (Carolin Kollewe / Elmar Schenkel, Hrsg., Alter: Unbekannt. Über die Vielfalt des Älterwerdens. Internationale Perspektiven, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11469.php).

Der an der Universität Konstanz lehrende Geisteswissenschaftler Helmut Bachmaier, Stiftungsrat der Schweizer Tertianum-Stiftung, plädiert in seinem Buch „Lektionen des Alters“ dafür, Kreativität als Herausforderung und Chance für ein gelingendes Altwerden der Menschen zu verstehen. Er stellt das Konzept „Easy Ageing“ vor, mit dem es gelingen kann, mit Leichtigkeit, Entspannung und Mühelosigkeit alt zu werden. Dabei verweist er darauf, dass es sinnvoll und nützlich ist, sich intellektuell mit der verschiedenen Dimensionen auseinander zu setzen, wie sie sich in der Kultur, der Philosophie, der Kunst- und Literaturgeschichte zum Altwerden darstellen. Sein einfaches Rezept: „Älter werden bedeutet, sich täglich eine neue Aufgabe zu stellen. Und die kann man nur selbst finden“. Mit seinen Analysen und Denkanforderungen verweist er auf Methoden, wie sie in der kulturwissenschaftlich-orientierten Alternsforschung, der „Kulturgerontologie“, angewandt werden und sich in der Konsequenz darstellen: „Wer sich selbst keine Aufgabe gibt, gibt sich selbst auf“. „Easy Ageing“ wird also weder als „Anti“.-, noch.als „Pro-Ageing“ verstanden, sondern verbunden mit Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Individuums, das eingebunden und aufgehoben ist in einer freien, demokratischen und gerechten Gesellschaft.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung gliedert der Autor sein Essay in 11 Kapitel.

  1. Im ersten werden aktuelle und mittelfristige Trends zum Älterwerden heute vorgestellt.
  2. Danach wird über „Alterskulturen“ nachgedacht.
  3. Im dritten Kapitel geht es um „Generationenbeziehungen“.
  4. Im vierten Teil wird die „Wertekultur“ thematisiert.
  5. Fünftens wird „Menschenwürde“ als Grundlage des humanen Menschseins reflektiert.
  6. Sechstens wird der wichtige Anspruch „Zeitmanagement im Alter“ angesprochen
  7. Im siebten Kapitel werden verschiedene „Erfahrungsräume im Alter“ aufs Tablett gebracht.
  8. Achtens geht es um „Altersethik“.
  9. Neuntens werden „Ziele der Alterspolitik“ benannt.
  10. Zehntens wird Ars vivendi als „Lebenskunst im Alter“ philosophiert.
  11. Und zum Schluss wird ein Blick auf Alterszeugnisse in der Literatur geworfen.

Bei der Auseinandersetzung über die Lust und den Frust des Altwerdens der Menschen ist es wichtig nachzuschauen, wie der alte Mensch geworden ist wie er ist, individuell und kollektiv. Es kommt darauf an, die historischen und kulturellen Entwicklungen in den Blick zu nehmen, die Unterschiede zu verdeutlichen, die je individuellen und gesellschaftlichen Verläufe zu reflektieren und die Flüchte, Ausflüchte und die entweder akzeptierten, schicksalhaften, oder selbsttranszendent erworbenen Erkenntnisse anzunehmen und anzuwenden. Im gerontologischen Diskurs wird das Alter heute nach dem Grad an Selbständigkeit und Kompetenzen eingeteilt. Man spricht vom „autonomem Alter“, wenn der alte Mensch die alltäglichen Lebensvollzüge selbständig, also ohne fremde Hilfe bewerkstelligen kann; vom „fragilem Alter“, wenn verschiedene Hilfs- und Serviceleistungen in Anspruch genommen werden müssen; und vom „kurativem Alter“, wenn die Pflegebedürftigkeit im Vordergrund des Lebens steht. Es wird darauf hingewiesen, dass das Bewusstwerden des natürlichen Alterns der Menschen nicht erst beim Altwerden beginnen, sondern als Bildungs- und Erziehungsprozess zeitlebens erfolgen müsse und ein Bewusstsein entwickelt werden sollte, dass in jeder Lebensphase der Menschen Lebensqualität möglich und notwendig ist. Damit kommt fairen, menschenwürdigen Generationenkontakten eine große Bedeutung und Aufklärungsaufgabe zu. Der lokale und globale gesellschaftliche Wertediskurs darf sich dabei nicht an kapitalistischen und neoliberalen, ökonomischen Nützlichkeits- und Verwertungsprämissen orientieren, sondern bedarf einer Altersethik, die die Werte Sicherheit – Gesundheit – Selbständigkeit – Aktivität – Mobilität – Partizipation – Erfahrung – Motivation – Kompetenzen – Selbstverantwortung – Vertrauen und Selbstwertgefühl neu justiert. Dass dabei die „globale Ethik“, wie sie sich in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte artikuliert – „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ – bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Zeitmanagement ist nicht nur eine Herausforderung für das Altern eines Menschen, sondern die Auseinandersetzung mit der Zeit stellt eine permanente, aktive Aufgabe für die eigene und (inter-)kulturelle Identitätsentwicklung eines jeden Individuums dar. Wenn jedoch im Alter der Mensch eher losgelöst ist von den alltäglichen und beruflichen Pflichten und Anforderungen, braucht es ein besonderes Nachdenken darüber, wie verantwortungsbewusst der alte Mensch mit seiner Zeit umgeht (vgl. dazu auch: Sebastian Knell, Die Eroberung der Zeit. Grundzüge einer Philosophie verlängerter Lebensspannen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19062.php).

Im siebten Kapitel „Erfahrungsräume im Alter“ vermittelt Bachmaier eine Reihe von Hinweisen und Anregungen, wie sich „Altersträume“ sowohl physisch als auch visionär vollziehen, wie Vorstellungen von Glück gedeutet und reflektiert werden können, wie Schmerzen sich lindern lassen, wie Vorstellungen von Liebe, Freundschaft, Sexualität und Scham erlebt werden können, Angst gebändigt, Geiz verhindert, Sicherheitsbedürfnisse erfüllt, Wohlbefinden gestärkt, Kreativität gesteigert und Interessen und Neugier geweckt und erhalten werden können.

Den Anschein, dass die Forderung nach einer „Altersethik“ in Konkurrenz zu anderen, weltanschaulichen oder globalen Ethiken stehen könnte, räumt der Autor dadurch aus; dass im Vergleich zu den allgemeingültigen und nicht relativierbaren ethischen Werten, die für seine „Altersethik“ herangezogenen Kriterien keinen Unterschied darstellen und sich lediglich als „Sterbeethik“ spezifizieren. Diese Anforderungen verdeutlicht er, indem er auf „Ziele der Alterspolitik“ verweist und diese einfordert: „Alterspolitik ist geplante, ziel- und wertorientierte Mitgestaltung von Lebensformen unterschiedlicher Gruppen von älteren Menschen“. Mit der antiken, philosophischen, anthropologischen Aufforderung „Ars vivendi“, als die Kompetenz, ein gutes, gelingendes, humanes Leben zu führen, nennt der Autor einige Anregungen für den Alltag im Alter, die eigentlich als Selbstverständlichkeiten daher kommen, aber doch entdeckt, erprobt und gelebt werden müssen.

Fazit

Wenn die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974) in einer ihrer Erzählungen schreibt, dass das Alter für sie kein Kerker sei, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht, wird das Anderssein der Menschen im Alter als Akt der Weitsicht in der vielfachen Bedeutung der Analyse zum Altwerden aufgezeigt. Das meint auch Helmut Bachmaier mit seinem Konzept „Easy-Ageing“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.02.2016 zu: Helmut Bachmaier: Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen. Wallstein Verlag (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-8353-1682-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20288.php, Datum des Zugriffs 28.11.2022.


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