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Jennifer Klöckner: Freiwillige Arbeit in gemeinnützigen Vereinen

Cover Jennifer Klöckner: Freiwillige Arbeit in gemeinnützigen Vereinen. Eine vergleichende Studie von Wohlfahrts- und Migrantenorganisationen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 566 Seiten. ISBN 978-3-658-10421-4. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 63,50 sFr.
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Thema

Das Thema „freiwillige Arbeit“ hat seit Jahren Konjunktur und ist Gegenstand einer Vielzahl von Untersuchungen. Mit dem daraus resultierenden Diskurs um das Ehrenamt wandelte sich das Bild der freiwilligen Arbeit. Es ist inzwischen allgemeiner Erkenntnisstand, dass der gesellschaftliche Strukturwandel auch im Ehrenamt und der freiwilligen Arbeit seine Spuren hinterlassen hat. Die neuen Erkenntnisse über den Wandel der Motive zum freiwilligen Engagement und über die organisatorischen Herausforderungen in den Verbänden wurden unter dem Etikett „Modernisierung des Ehrenamtes“ verdichtet. Allerdings fand in dieser Debatte das Thema „Migration und freiwillige Arbeit“ wenig Beachtung. Hier setzt die Arbeit von Jennifer Klöckner an. Die Schnittstelle zwischen professioneller sozialer Dienstleistung und freiwilligem Engagement bilden unter anderem die Wohlfahrtsverbände und die Migrationsvereine. Jennifer Klöckner beschreibt in ihrer Studie die Entstehung und die Funktion von Wohlfahrtsverbänden wie auch der türkisch-islamischen Vereine in Deutschland, bilanziert den Forschungsstand empirischer Studien zu freiwilliger Arbeit und zeichnet die theoretischen Grundlagen zu den Motiven freiwilliger Arbeit nach. Mit Hilfe von Gesprächen mit Verbandsvertretern sowie einer standardisierten Befragung von freiwilligen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern analysiert sie die Motive von Freiwilligen in der freien Wohlfahrtspflege und in türkisch-islamischen Vereinen. Sie geht dabei interdisziplinär vor und integriert sozialpsychologische, soziologische und ökonomische Theorien. Ihre Ergebnisse sind sowohl für die Forschung wie auch für die Praxis von Interesse.

Autorin

Jennifer Klöckner ist Akademische Rätin am Lehrstuhl für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften des Instituts für Soziologie, Technische Universität Dortmund. Ihre Forschungsschwerpunkte sind freiwillige Arbeit, soziale Partizipation und Alternsforschung.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Dissertation von Jennifer Klöckner. Sie wurde am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität Köln bei Prof. em. Dr. Jürgen Friedrichs eingereicht.

Aufbau und Inhalte

Das erste Kapitel gibt einen Überblick über Inhalt und Zielsetzung des Buches.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff „freiwillige Arbeit“ geklärt bzw. geschärft. Jennifer Klöckner unterscheidet vier Dimensionen freiwilliger Arbeit: freie Wahl, Belohnung, Struktur und Zielgruppe. Diesen Dimensionen werden jeweils unterschiedliche Grade der Ausprägung zugeordnet.

Im dritten Kapitel wird die Entwicklung der Sozialordnung und der Wohlfahrtsorganisationen in Deutschland nachgezeichnet. Damit wird das Ziel verfolgt, den Stellenwert der freiwilligen Arbeit im System der Wohlfahrtspflege in der deutschen Gesellschaft besser zu verstehen. So wird die Entstehung der Sozialordnung in Deutschland kurz dargestellt und deren organisatorische Ausdifferenzierung in dem System öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege beschrieben.

Im vierten Kapitel wird ein kurzer Abriss der Geschichte der Arbeitsmigration nach Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts gegeben. Der Fokus liegt hier auf den Migranten aus der Türkei und der Entwicklung der türkisch-islamischen Vereine seit Beginn des letzten Jahrhunderts. Die Bedeutung der Migrationsvereine liegt im Rahmen der Studie insbesondere darin, dass sie als Selbsthilfeorganisationen an der Schnittstelle von religiösen Vereinigungen, wohlfahrtsstaatlichen Aufgaben und freiwilligem Engagement liegen. Die Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege können diese Funktion für Freiwillige mit islamischer Religionszugehörigkeit nur eingeschränkt wahrnehmen, da die Verbände überwiegend einer christlich-religiösen Grundorientierung verpflichtet sind.

Nachdem die Rahmenbedingungen für die Studie dargelegt sind, werden im fünften Kapitel empirische Studien zu freiwilliger Arbeit vorgestellt. Zunächst wird dazu ein Überblick über die Demographie freiwillig Engagierter gegeben. Dazu werden verschiedene Untersuchungen, unter anderem der Freiwilligensurvey und der Engagementatlas, vorgestellt und im Hinblick auf regionale, soziodemografische Unterschiede, zeitlicher Aufwand, differenzierende Engagementbereiche und Freiwillige mit Migrationshintergrund näher beschrieben. Ferner werden Studien zu Religion, Religiosität und freiwilliger Arbeit zusammengefasst, um dann den Forschungsstand zu den Motiven freiwilliger Arbeit zu referieren. Insgesamt werden in den vorgestellten Studien acht Motivbündel mit unterschiedlichen Kombinationen herausgearbeitet. Die Analyse der Studien zeigt aber trotz dieser Bündelung, dass es kein allgemeingültiges Konzept gibt, welches den Überlegungen zu Motiven freiwilliger Arbeit zugrunde liegt.

Im sechsten Kapitel wird der theoretische Referenzrahmen für die eigene empirische Studie entwickelt. Freiwillige Arbeit wird auf der Basis ökonomischer Austauschtheorien analysiert, die das Geschehen im Rahmen von Kosten-Nutzen-Abwägungen begreifen. Freiwillige Arbeit wird so als rationales Handeln verstanden, in dem der Handelnde die einzusetzenden Ressourcen mit einer möglichen subjektiven Nutzenmaximierung abgleicht. Steigt die subjektive Nutzenmaximierung, erhöht sich auch die Motivation für freiwillige Arbeit. Dieses Grundmodell wird in Beziehung zu unterschiedlichen Organisationstypen auf dem „Engagementmarkt“ gesetzt und untersucht, welche Einflüsse auf die Motivstruktur freiwilliger Mitarbeiter einwirken. Dazu wird die Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu kurz vorgestellt und auf die freiwillige Arbeit übertragen. Auf der Basis der theoretischen Überlegungen werden außerdem die zentralen Hypothesen für die eigene empirische Studie entwickelt.

Die methodischen Fragen, die Konstruktion der Fragebögen und die Operationalisierung der Fragestellungen werden im siebten Kapitel beschrieben.

In einem umfangreichen achten Kapitel werden die Ergebnisse der Studie ausführlich vorgestellt. Am Beginn stehen die Ergebnisse der Organisationsbefragung. Hier zeigen sich interessante Unterschiede zwischen den drei untersuchten Organisationstypen (solidarisch, zweckorientiert christlich und zweckorientiert türkisch-islamisch) beispielsweise im Hinblick auf Betätigungsfelder und Finanzierungsquellen. Die soziodemographischen Dimensionen der freiwilligen Mitarbeiter, Merkmale von Art und Umfang der freiwilligen Arbeit sowie die Verknüpfung dieser Merkmale mit den genannten drei Organisationstypen bilden einen weiteren Schwerpunkt. Entsprechend dem Erkenntnisinteresse der Studie nimmt die Beschreibung der Motive freiwilliger Arbeit einen breiten Raum ein. Da direkte Fragen nach den Motiven u.U. sozial erwünschte Antworten produzieren, wurden die Fragen nach den Motiven – entsprechend dem zugrundegelegten ökonomischen Theoriemodell – durch Fragen nach den Kosten und dem Nutzen der freiwilligen Arbeit ergänzt. Insbesondere bei der Gegenüberstellung der Ergebnisse in Bezug auf die drei genannten Organisationstypen werden dabei interessante Unterschiede erkennbar. Dies gilt auch für die Clusteranalyse der vier verdichteten Motivbündel und ihr Vergleich mit den drei Organisationstypen. In dem theoretischen Modell wird davon ausgegangen, dass unterschiedliche Sorten von „Kapital“ (kulturelles Kapital, religiöses Kapital, soziales Kapital und Humankapital) Einfluss auf die Motive haben. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass tatsächlich eine Vielzahl der beschriebenen Merkmale einen Einfluss auf die freiwillige Arbeit hat. Der signifikante Einfluss zeigt sich unter anderem in Bezug auf das kulturelle Kapital und die ausgewählten Motivcluster aber auch beispielsweise bei dem religiösen Kapital und dem Humankapital. Im letzten Abschnitt werden die Ergebnisse der Einflüsse von Religionszugehörigkeit und Religiosität in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit, sich freiwillig zu engagieren, und darauf, ob dieser Einfluss in den beschriebenen Organisationstypen unterschiedlich ist, vorgestellt. Hier werden eine Reihe der im sechsten Kapitel entwickelten Hypothesen überprüft. Dabei zeigt sich, dass ein Großteil der Hypothesen bestätigt werden können.

Im neunten Kapitel werden für den Leser die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst. Es ermöglicht insbesondere für den „eiligen“ Leser eine rasche Orientierung.

Diskussion

Viele der empirischen Studien zu freiwilliger Arbeit und zum Ehrenamt sind auf einer deskriptiven Ebene angesiedelt. Sie liefern interessante Anregungen für die Debatte um den Wandel der Motive des freiwilligen Engagements, greifen in der Regel aber nur eingeschränkt auf ausgewiesene Theorien zurück. Dies ist bei der vorliegenden Arbeit von Jennifer Klöckner anders. Die Autorin liefert nicht nur einen umfassenden Überblick zu vorliegenden empirischen Studien, sondern entwickelt darüber hinaus ein komplexes Theoriemodell, das die Grundlage für die zu prüfenden Hypothesen bildet. Dabei betritt sie inhaltlich und in Bezug auf die Zielgruppe Neuland und schließt eine Forschungslücke der Engagementforschung. Erstmalig wurden türkisch-islamische Vereine und deren freiwillige und hauptamtliche Mitarbeiter systematisch mit deutschen und türkischen Fragebögen untersucht. Dadurch eröffnet sich künftigen Studien die Möglichkeit, diese Ergebnisse zu nutzen und sie noch weiter zu differenzieren. Die Studie setzt einen hohen Standard im Rahmen der quantitativen empirischen Sozialforschung. Dies setzt beim Leser in manchen Passagen Kenntnisse in statistischen Auswertungsverfahren voraus. Die Arbeit wurde als Dissertation eingereicht und entspricht der State of the Art wissenschaftlicher Standards, was jedoch nicht immer die Lesbarkeit erhöht. Dies ist aber nur eine Randbemerkung und schmälert die Bedeutung der Studie keineswegs.

Fazit

Wohlfahrtsorganisationen unterliegen einem nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel und stehen vor neuen organisatorischen Herausforderungen. Ihre Arbeit findet an der Schnittstelle von professioneller sozialer Dienstleistung und freiwilligem Engagement (Ehrenamt) statt. Letzteres speist sich aus unterschiedlichen Quellen und unterliegt vielfältigen Einflüssen. Die vorliegende Arbeit zeigt wie Veränderungen in der freien Wohlfahrtspflege und in türkisch-islamischen Vereinen Einfluss auf die Motive der freiwilligen Arbeit nehmen und wie diese sich in Bezug auf unterschiedliche Organisationstypen ausdifferenzieren. Durch ein interdisziplinäres Erklärungsmodell, das sozialpsychologische, soziologische und ökonomische Theorien miteinander vereint, wird in der Studie aufgezeigt, dass soziale und religiöse Motive einerseits sowie ein nutzenorientiertes menschliches Handeln andererseits eng miteinander verbunden sind. Dadurch wird sichtbar, dass hinter vordergründig altruistischen Motiven eine Kosten-Nutzen-Abwägung der freiwillig Engagierten verborgen liegt. Diese Erkenntnis eröffnet den Hauptamtlichen in gemeinnützigen Organisationen eine veränderte Perspektive, die für die Gewinnung und Betreuung von freiwillig Engagierten im Alltag Bedeutung hat.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 26.04.2016 zu: Jennifer Klöckner: Freiwillige Arbeit in gemeinnützigen Vereinen. Eine vergleichende Studie von Wohlfahrts- und Migrantenorganisationen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-10421-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20289.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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