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Petra Frehe: Auf dem Weg zu einer entwicklungsförderlichen Didaktik am Übergang Schule - Beruf

Cover Petra Frehe: Auf dem Weg zu einer entwicklungsförderlichen Didaktik am Übergang Schule - Beruf. Eine designbasierte Studie im Anwendungskontext. Eusl-Verlagsgesellschaft mbH (Detmold) 2015. 536 Seiten. ISBN 978-3-940625-55-7. D: 47,00 EUR, A: 48,40 EUR.
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Thema

In den Buchtitel hat die Autorin nicht die „Zielgruppe benachteiligter Jugendlicher“ aufgenommen – wie z. B. auf der letzten Seite des Bucheinbandes zur Kurzinformation. Dies lässt erkennen, dass es ihr darum geht, das Thema des Buches allgemeiner, grundsätzlicher zu fassen und zu analysieren. Deswegen ist diese Arbeit nicht nur für Gestalter der Bildung für diese „Zielgruppe“ interessant und anregend, sondern auch für alle übrigen Mitgestalter von Bildungsprozessen im Kontext von Berufsorientierung, individueller Stärkenorientierung und entwicklungsförderlicher Kompetenzerfassung von Lernenden sowie für diejenigen, die diese Themenschwerpunkte auf der Wissenschaftsebene bearbeiten. Sehr intensiv hat die Autorin im Projekt InLab mitgearbeitet: Individuelle Förderung und selbstgesteuerte Kompetenzentwicklung für multikulturelle Lebens- und Arbeitswelten in der berufsschulischen Grundbildung.

Autorin

Diese Arbeit von Frau Dr. Petra Frehe wurde 2015 an der Universität Paderborn als Dissertation angenommen. Umfangreiche Anhänge sind nicht Bestandteil dieser Veröffentlichung, sondern auf Anfrage gesondert erhältlich.

Aufbau

Nach einführenden Verzeichnisübersichten und einem umfassenden Literaturverzeichnis am Schluss ist das Werk wie folgt gegliedert:

  1. Einleitung und Hinführung zur Studie (1 ff.)

    Teil I Kontext und Problemraum der Studie

  2. Lehren und Lernen am Übergang Schule-Beruf (11 ff.)

  3. Das Projekt InLab (41 ff.)

    Teil II Forschungsmethodologische Positionierung – Forschung im Anwendungskontext

  4. Auf dem Weg zu einer forschungsmethodologischen Positionierung im Spannungsfeld von Verstehen und Gestalten (45 ff.)

    Teil III Der didaktische Prototyp – Rollenbasierte Kompetenzbilanz (rbKB)

  5. Prozessperspektive: Entwicklung der Rollenbasierten Kompetenzbilanz (rbKB) (101 ff.)
  6. Produktperspektive: Darstellung der Rollenbasierten Kompetenzbilanz (rbKB) (115 ff.)

    Teil IV Empirische Analyse und Erkenntnisgewinnung

  7. Forschungsmethodisches Vorgehen zur empirischen Analyse (152 ff.)
  8. Empirische Erkenntnisgewinnung (223 ff.)

    Teil V Theoriebasierte Erkenntnisgewinnung – Die Entwicklungsschwerpunkte im Fokus

  9. Berufsorientierung (282 ff.)
  10. Entwicklungsförderliche Kompetenzerfassung (340 ff.)
  11. Stärkenorientierung (415 ff.)

    Teil VI Entwicklungsdesiderata und Handlungsempfehlungen

  12. Entwicklungsdesiderata des Prototyps (455 ff.)
  13. Fallbezogene Handlungsempfehlungen (470 ff.)
  14. Reflexive Gesamtschau auf die Studie und Ausblick (489 ff.)

Inhalt

Nach der Einführung (1 ff.) wird im 2. Kapitel das Übergangssystem als inzwischen „dritte Säule des Berufsbildungssystems“ (11) differenziert dargestellt: in der historischen Entwicklung seit den 1992er Jahren bis heute und (in NRW) auch in Zukunft „als ein Kerngeschäft für die berufliche Bildungsarbeit“ (15) vor allem im Berufsgrundschuljahr und der zweijährigen Berufsfachschule (20 ff.) mit einer „höchst heterogenen Zielgruppe an Lernenden“ (39).

Die vorgelegte Studie „basiert auf Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten im Rahmen des Projekts InLab“ (41), das hier einführend schon erwähnt wurde. Es wird im 3. Kapitel überblicksartig erläutert. Die drei Arbeitsbereiche werden aufgezeigt: Übergang von Schule zu Berufskolleg (I) Praxisphasen als Erfahrungs- und Entwicklungsraum (II), Übergang in Berufsausbildung und Arbeit (III).

Teil II ist das 4. Kapitel (beide Titel s. o.), in dem ausführlich und auch kritisch Grundaussagen zu Modellversuchen und Modellversuchsforschung zusammengestellt werden. „Didaktische Prototypen werden im Grundsätzlichen sowie im wirtschaftspädagogischen und ingenieurwissenschaftlichen Kontext“ (59 ff.) und dann anschließend in der „Rollenbasierten Kompetenzbilanz“ (rbKB) konkretisiert (76 ff.).

Diese wird im Teil III in den Kapiteln 5 und 6 in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Zusammenfassend stellt die Autorin fest, dass die entwickelte rbkB „einen didaktischen Prototyp zur individuellen Förderung“ darstellt, „um die Entwicklung einer ganzheitlichen Handlungskompetenz zu ermöglichen“ (150). Dabei kommt der Förderung von Persönlichkeitsbildung „ein besonderer Stellenwert zu.“ Auf den im hier nicht veröffentlichten Anhang in der Anlage wird verwiesen (vgl. obigen Hinweis bei der Angabe zur Autorin).

Teil IV besteht aus den o. g. sehr ausführlichen Kapiteln 7 und 8, nämlich der Bearbeitung und Entfaltung des

  • forschungsmethodischen Vorgehens zur empirischen Analyse und der
  • empirischen Erkenntnisgewinnung.

Dies erfolgt wieder unter Verweis auf die hier nicht veröffentlichten detaillierten Datenanalysen im Anhang (s. o.) in gründlicher und sehr ausführlicher Darstellung ausgewählter theoretischer Grundlagen und kritisch methodischer Reflexion – veranschaulicht in mehreren Abbildungen und Tabellen (151). Nach der Erläuterung der Datenerhebung (157 ff.) und deren Auswertung (191 ff.) stellt die Autorin fest, dass die entstandenen „Textprodukte als Auswertungsgrundlage insbesondere zur Beantwortung der Forschungsfragen von besonderem Interesse sind“ (223). Deren Erkenntnisse aus den empirischen Analysen werden in Kapitel 8 erläutert. Dabei wird für den lesenden Rezensenten (weniger für die Autorin) erkennbar, dass die unterschiedlichen Bildungsgänge und Unterrichtskonzepte in den Berufskollegs nur schwer vergleichbar sind. Zusammenfassend kommt die Autorin u. a. aber zu dem Schluss, dass zur Implementation der rbKB vor Ort jeweils Ausdifferenzierungen und Positionierungen vorgenommen werden müssen (267), was sie in ihrer abschließenden kritischen Würdigung der Ergebnisse noch einmal bestätigt (279).

Die theoriebasierte Erkenntnisgewinnung in den drei Entwicklungsschwerpunkten erfolgt im V. Teil zur Berufsorientierung (Kapitel 9, S. 282 ff.), zur entwicklungsförderlichen Kompetenzerfassung (Kapitel 10, S. 340 ff.) und zur Stärkenorientierung (Kapitel 11, S. 415 ff.). Beispielhaft ausgewählte Aussagen sind:

  • Das Selbstkonzept einer Person hat für die Berufsorientierung eine besondere Bedeutung, da es für diesen Prozess als eine orientierungsgebende Größe wirkt und „dabei selbst im Kontext der Berufsorientierung weiterentwickelt wird“ (289).
  • Entwicklungsfördernde Kompetenzerfassung sollte so gestaltet werden, „dass sie von den Lernenden positiv und motivierend wahrgenommen wird und sie somit einen Zugang zu individuellem Lernen ermöglicht“ (365).
  • Stärkenorientierung wird u. a. im Kontext der Konzepte Salutogenese (Gesundheit), Empowerment (selbstbestimmtes Lernen) und Resilienz (Bewältigungskapazität) analysiert (435 ff.).

Im Teil VI (Titel s. o.) werden reflektierende Bewertungen auch im Hinblick auf eine konstruktive Weiterentwicklung vorgenommen (454). Die im 12. Kapitel aufgezeigten Entwicklungsdesiderata müssen Anlass für eine Weiterentwicklung des Prototyps sein (469). Im 13. Kapitel werden für jedes beteiligte Berufskolleg Handlungsempfehlungen zur Durchführung der rbKB veröffentlicht.

In die reflexive Gesamtschau auf die Studie wird im 14. Kapitel eingeführt, dass es sich „um subjektive Einschätzungen der Forscherin zu Potenzialen und Grenzen der Arbeit sowie bzgl. weiterführender Themen und Forschungsfelder (handelt), die im Rahmen dieser Studie nicht aufgenommen werden konnten“ (489).

Diskussion

  1. In dieser Studie erfolgte „keine direkte Zusammenführung der Erkenntnisse aus der Orientierung an Theorien der Praxen mit den Erkenntnissen der Orientierung an wissenschaftlichen Theorien. Gemeinsam werden sie jedoch in der Wissensbasis der Forscherin vereint“ (497). Reicht das für eine wissenschaftsbasierte Studie aus?!
  2. Die in dieser Studie veröffentlichte Bestandsaufnahme der praktizierten Berufsorientierung an den wenigen beispielhaft gewählten Berufskollegs mit den Berufsfeldern Metall- und Elektrotechnik, Sozial- und Gesundheitswesen sowie Ernährungs- und Hauswirtschaft ist ernüchternd bis erschreckend (225 ff.). Ist dieses Bild repräsentativ?!

Fazit

Der Weg zu einer entwicklungsförderlichen Didaktik für (meist) benachteiligte Jugendliche am Übergang Schule-Beruf wird in theoretisch breiter Fundierung und im erprobten Anwendungskontext ausführlich bearbeitet und dargestellt – teils in zahlreichen Abbildungen und Tabellen veranschaulicht. Wer unmittelbar oder mittelbar an der Gestaltung von Bildungsprozessen Jugendlicher im Kontext von Berufsorientierung, individueller Stärkenorientierung und entwicklungsförderlicher Kompetenzerfasssung beteiligt ist, sollte sich aus diesem Buch Anregungen für seine Wissenschaftsarbeit oder praktische Tätigkeit holen. Es ist drucktechnisch übersichtlich und gut lesbar gestaltet.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 17.02.2016 zu: Petra Frehe: Auf dem Weg zu einer entwicklungsförderlichen Didaktik am Übergang Schule - Beruf. Eine designbasierte Studie im Anwendungskontext. Eusl-Verlagsgesellschaft mbH (Detmold) 2015. ISBN 978-3-940625-55-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20292.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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