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Leonie Herwartz-Emden, Wiebke Waburg u.a. (Hrsg.): Lebensentwürfe junger Frauen zwischen Schule, Freizeit und Familie

Rezensiert von Prof. Simone Gretler Heusser, 10.01.2017

Cover Leonie Herwartz-Emden, Wiebke Waburg u.a. (Hrsg.): Lebensentwürfe junger Frauen zwischen Schule, Freizeit und Familie ISBN 978-3-8474-0051-6

Leonie Herwartz-Emden, Wiebke Waburg, Wassilios Baros, Verena Schurt (Hrsg.): Lebensentwürfe junger Frauen zwischen Schule, Freizeit und Familie. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. 250 Seiten. ISBN 978-3-8474-0051-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
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Thema

Das Buch behandelt in verschiedenen Beiträgen das Aufwachsen in der Migrationsgesellschaft. Erstmals werden hier auch Daten der Evaluationsstudie KuKo (Geschlechtergerechte Kompetenzförderung unter Berücksichtigung kultureller Heterogenität) einem breiten Publikum vorgestellt.

Aufbau

Das Buch ist nach der Einleitung, welche zugleich einen Überblick über den Stand der Forschung gibt und die Beiträge des Bandes in einem grösseren migrationsspezifischen pädagogischen Zusammenhang stellt, in zwei Teile gegliedert:

  1. biografische Orientierungen und Lebenswelten
  2. „Inszenierungspraktiken in Bildungsprozessen und pädagogischen Kontexten“

Zum 1. Teil

Dort werden postmigrantische Lebensentwürfe von Jugendlichen aus Köln, Berlin oder Wien mit den Wahrnehmungen ihrer eingewanderten Grosseltern und Eltern in Beziehung gesetzt. Binäre und fixe Kategorien weichen hybrideren, mehrdeutigen und „mehrheimischen“ Perspektiven (Erol Yildiz).

Der Beitrag von Michaela Brosig befasst sich mit den Lebenswelten junger Frauen in Berlin-Neukölln. Die Suche nach Anerkennung als Person ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe dieser Altersphase. Die familiären Netzwerke und Community-Strukturen werden dabei einerseits als Kontrollinstanzen erfahren, denen sich die Mädchen durch Verlassen des Stadtteils oder den Rückzug in die lokale Mädchenfreizeiteinrichtung entziehen. Andererseits bieten die lokalen Strukturen auch einen Schutzraum vor Ausgrenzung und Rassismus.

Leonie Herwartz-Emden und Wiebke Warburg haben Mädchen zu ihren Zukunftsvorstellungen befragt. Die Gymnasiastinnen zeigen eine Orientierung zu eher frauentypischen Berufen, welche häufig durch eine grosse Nähe zu Menschen gekennzeichnet sind und die für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf am ehesten geeignet erscheinen. Es zeigen sich keine Unterschiede in den Vorstellungen der Mädchen bezogen auf ihre kulturelle Herkunft.

In ihrem spannenden Beitrag „Neue Perspektiven zum Eigensinn von Teenagermutterschaft“ zielt die Autorin Corinna Steber darauf ab, eine ressourcenorientierte Lesart dieses traditionell sehr kritisch gesehenen Phänomens zu entwickeln.

Der letzte Beitrag dieses Teils wurde von Andra Ohidy verfasst und analysiert die Erfolgsfaktoren junger Roma-Frauen im ungarischen Bildungssystem, welche trotz vorhandener Mehrfachbenachteiligung als Frauen und Roma einen Hochschulabschluss geschafft haben. Sie kommt zum Schluss, dass alle befragten Frauen eine stark ausgeprägte Bildungsmotivation und Unterstützung durch ihre Eltern – vor allem Mütter – wie auch Lehrpersonen hatten. Ebenso waren sie bereit, sich gegen die traditionellen Frauenrolle zu stellen.

Zum 2. Teil

Jessica Pahl macht dabei den Anfang mit einem sehr spannenden Beitrag über die Bedeutung des Körpers in interkulturellen Interaktionssituationen. Dabei nimmt sie die körperliche Erfahrung des – religiös bedingten – Fastens zum Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Modells „körpervermittelnder juveniler Inszenierungen in interkulturellen Verstehensprozessen“.

Verena Schurt, Wiebke Warburg (Schule, Adoleszenz, Männlichkeit – eine theoretische Annäherung) und Verena Schurt und Verena Boppel ((Selbst-)Inszenierungen von Jungen im monoedukativen Unterricht) gehen adoleszenten Männlichkeitskonzepten nach und zeigen aufgrund ethnographisch angelegter Unterrichtsbeobachtungen von Unterrichtssequenzen in einer Jungen-Gruppe einer Gymnasialklasse die Strategien und Praktiken der Jugendlichen zur Produktion und Reproduktion, Aushandlung und Positionierung verschiedener Zugehörigkeiten.

Zum Schluss lotet Veronika Magyar-Haas „Grenzhafte Möglichkeiten sozialer Maskenspiele in offenen Mädcheneinrichtungen“ aus. Besonders interessant ist bei diesem Beitrag der einführende theoretische Exkurs über das „Wahren des Gesichts“ in diesem Zusammenhang, welcher eine reflektierte Handhabung von Spielregeln und Normendiskussion erleichtert.

Diskussion und Fazit

Vielleicht ist es ein wenig Ironie der Geschichte oder Manifest der Flüchtigkeit von Kategorien, dass sich im vorliegenden vierten Band „Weibliche Adoleszenz und Schule“ auch Beiträge finden, welche nichts mit Weiblichkeit zu tun haben, sondern männliche Jugendliche zum Thema haben. Mag sein, dass hier die Forschungspraxis die Herausgeberprogrammatik überholt hat; dies zeigt auf, dass die Migrationsgesellschaft tatsächlich noch keineswegs theoretisch aufgearbeitet worden ist. Wichtig scheint mir, dass hier kleine, feine Forschungsberichte zur Lebenswelt Jugendlicher versammelt sind, welche in ihrer Fokussierung auf eine kleine Gruppe wie die Jungen einer Schulklasse oder die Teilnehmerinnen an einem Tanzworkshop im Jugendhaus einen lebendigen, nachvollziehbaren und erhellenden Einblick in die Lebensrealitäten der Jugendlichen, aber auch in die Praxis der qualitativen Sozialforschung geben.

Das Buch ist gut zu lesen und eignet sich auch für den Unterricht in sozialwissenschaftlichen Fächern, wo beispielsweise die einzelnen Fallbeispiele der beiden Teile miteinander verglichen und diskutiert werden könnten.

Rezension von
Prof. Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
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Es gibt 44 Rezensionen von Simone Gretler Heusser.

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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 10.01.2017 zu: Leonie Herwartz-Emden, Wiebke Waburg, Wassilios Baros, Verena Schurt (Hrsg.): Lebensentwürfe junger Frauen zwischen Schule, Freizeit und Familie. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-8474-0051-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20298.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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