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Mia Roth: Überleben durch Vergessen

Cover Mia Roth: Überleben durch Vergessen. Die jüdische Geliebte, der Retter von der Gestapo und die kleine Zeugin. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. 189 Seiten. ISBN 978-3-8497-0080-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Im Jahre 2015 erschienen in Deutschland gleich zwei Bücher, die ein ungewöhnliches Thema behandeln: Die erotische Beziehung zwischen einer – dadurch dem Holocaust entkommenden – Jüdin und einem deutschen Mann, der Teil des nationalsozialistischen Vernichtungsregimes war; nebst Darstellung, welche psychischen Folgen dieses Verhältnis und dessen späteres Verschweigen für Nachgeborene hatte. Das eine Buch ist Hanni Münzers „Honigtot“ (München: Piper, 2015), das andere das hier zu rezensierende. Jenseits des gemeinsamen Themas sind beide Bücher höchst unterschiedlich: Das erste ist ein Roman, das zweite ein Sachbuch, das eine wirklichkeitsnahe Fiktion, das zweite, Stilmittel des Romans verwendend, Bericht von (einer Entdeckung) der Wirklichkeit.

Übersetzerin

Man kann trotz reichlicher Erfahrung mit Übersetzungen und Gesprächen mit einigen Übersetzerinnen nicht wirklich ermessen und in rechtem Maße würdigen, welche Leistung Übersetzer(innen) erbringen. Aber man hat mit der Zeit gewisse Wertmaßstäbe entwickelt. An denen gemessen, gebührt Maren Klostermann aller Respekt. Vor diesem Buch konnte man sie schätzen lernen als Übersetzerin von Mihály Csíkszentmihályis „FLOW und Kreativität“ (Stuttgart: Klett – Cotta, 2015); andere ihrer Übersetzungen sind einzusehen unter: https://www.goodreads.com/author/show/867035.Maren_Klostermann.

Autorin

Mia Roth, der Nachnahme rührt von der 1958 geschlossenen und dreißig Jahre später geschiedenen Ehe mit „RonnieRoth her, wurde am 26. März 1940 in Zagreb geboren. Ihre Eltern, deren einziges Kind sie blieb, waren Greta und Mladen Bernfest, beide jüdisch; die Geburtsurkunde hält den Vornamen „Mirjana“ (jüdisch: Mirijam; deutsch: Maria) fest. Das mit den Alliierten sympathisierende Königreich Jugoslawien wurde ab April 1941 von den Achsenmächten okkupiert; Zagreb wie das gesamte Inland-Kroatien und Teile Dalmatiens von den Deutschen, Split und andere Teile des dalmatinischen Küstenlandes hingegen von den Italienern besetzt. Das Terrorisieren und Morden überließen die Deutschen in ihrer Besatzungszone den kroatischen Faschisten, organisiert in der Ustascha (https://de.wikipedia.org/wiki/Ustascha).

Die Gefahr für die Zagreber Jüdinnen und Juden ging 1941 / 1942 also von der Ustascha aus, die sich in Sachen „Judenvernichtung“ nicht als Handlanger der Deutschen, sondern als Akteur in eigener Sache sah. Rund 15 Monate konnte Klaus Knehe, „der Retter von der Gestapo“ Mia, ihre Mutter sowie einige andere Familienmitglieder vor der Ustascha schützen, dann aber mussten sie auf Anraten des „Retters“ fliehen. Im August 1942 machten sich Mia, ihre Mutter sowie die beiden Großmütter (die Großväter waren schon in den Fängen der Ustascha bzw. von ihnen umgebracht) auf nach Split, besetzt von den Italienern, die aus eigenen Stücken keine Judenvernichtung betrieben. Von dort ging es 1943 noch zu Mussolinis Zeiten weiter nach Rom, wo Mia, ihre Mutter und ihre Großmutter mütterlicherseits, die von der Autorin mehr als die Mutter geliebte Karoline, dem Wechsel der Machtverhältnisse folgend, wechselhafte Zeiten erlebten.

Nach dem Krieg ging 1945 zuerst Karoline nach London, wo schon ihr Sohn Felix, der Onkel der Autorin, mit Familie lebte. Der war ebenfalls 1942 aus Zagreb geflohenen und noch zu Kriegszeiten auf „unmöglichem“ Wege nach London gekommen; wie das möglich war, hat die Autorin mit Akribie ermittelt. Mutter Greta und Tochter Mia folgten 1946, beide zogen 1949 weiter nach Südafrika, wo Greta 1950 und Mia 1958 heirateten. Die Autorin bekam in einer Ehe, von der sie sich Schutz erhofft hatte, die aber unglücklich verlief, vier Kinder, begann, nachdem diese aus dem Gröbsten heraus waren, zu studieren und wurde schließlich als bald Fünfzigjährige Professorin für Geschichte. Die zwischenzeitlich Emeritierte lehrte nicht nur in Südafrika, sondern auch in anderen Ländern – darunter ihrem Geburtsland, dem heutigen Kroatien. Ihre Reise, auch ihre literarische, endete (vorläufig?) in Australien, „dem ersten Ort, an dem ich mich sicher und geborgen fühlte, habe ich das Ganze dann schließlich aufgeschrieben“ (S. 8).

Über 50 Jahre alt war sie, als sie ein Geschichtsprojekt ganz eigener Art startete. Eines in eigener Sache. Aufmerksame Leser(innen) werden sicher schon gefragt haben: Was eigentlich ist mit Mias Vater? Ja, von dem war bislang wenig die Rede. Die genannte Flucht hat er nicht mit angetreten. Aber weshalb? Ist etwa auch er von der Ustascha „weggeschafft“ worden? Aber warum dann nicht auch Gretas annähernd gleich alter Bruder Felix? Warum hat der „Retter“ nicht auch den Vater beschützt? Überhaupt: War da etwas mit und zwischen dem „Retter“ und dem Vater? Ja, da war was, und die Autorin hat es allzu klar gewusst – früher als Kind. Aber bald hat sie das Wissen weggedrängt, weil sie weiter leben wollte, was ihr denn auch – wie schlecht und recht auch immer - gelang: „Überleben durch Vergessen“.

Aber Wegdrängen kostet seinen Preis. Als Mia Roth das deutlich wurde UND sie die Kraft hatte, mit dem Drachen des Weggedrängten zu kämpfen, machte sie sich auf Entdeckungsreise. Das Buch ist ihr Bericht.

Aufbau und Inhalt

Bernhard Trenkle (http://www.bernhard-trenkle.eu/index.php) hat (auf der Umschlaginnenseite vorn) geschrieben, das vorliegende Buch sei „weder Fachbuch noch Krimi – und doch beides“. Wie ein Fachbuch zu rezensieren sei, weiß man als Wissenschaftler so einigermaßen. Aber wie rezensiert man einen Krimi? Na ja, zumindest so, dass man dem Buch nicht seine Spannung nimmt.

Das Buch beginnt mit einem knappen Dank, den zu lesen sich lohnt, weil hier sichtbar wird, welch einer mit finanziellen und zeitlichen Opfern verbundenen weiten Reise mit vielen Stationen es bedurfte, bis die vorliegende Geschichte so erzählt werden konnte, wie sie denn hier erzählt wird. Der Dank schließt mit Worten, die in einer Danksagung doch überraschen, aber etwas von dem Stil anklingen lassen, in dem hier erzählt wird: „Allen Freunden und Verwandten, die wollten, dass es eine Geschichte voller Herzchen und Blümchen und schöner Klischees bleibt, möchte ich sagen: Es tut mir leid, dass es anders gekommen ist.“ (S. 7)

Humor, Sinn für das Absurde und Mut sind Kennzeichen der Autorin; sie durchziehen das ganze Buch. Von ihrem Mut kündet in der Einleitung, die viele Themen anklingen lässt, zunächst folgende Passage: „Geschichten von Holocaust-Überlebenden handeln normalerweise von den Unschuldigen, die entweder durch Willensstärke oder Glück überlebt haben. Dies ist eine Geschichte von Juden, die kollaboriert haben. Von meiner Familie.“ (S. 7) Außerdem weiß Mia Roth sehr genau, welches Risiko sie mit Veröffentlichung ihres Berichts eingeht: „Beim Aufschreiben dieser Geschichte gab es ein großes Problem – die ewige Angst, die jeden Juden bewegt, nämlich: Wird es den permanenten Antisemitismus, mit dem wir seit Jahrhunderten zu kämpfen haben, verstärken oder verringern? Wir Juden sind angeblich klüger, mehr an Geld interessiert, gerissener als andere und weniger ehrlich. Und hier erzähle ich eine Geschichte, die die Negativität all dieser Eigenschaften unterstreicht.“ (S. 7) Sie geht bewusst das Risiko ein, Beifall von der „falschen Seite“ zu bekommen. Dies, weil sie die leibhaftige Erfahrung gemacht hat, dass nur die Wahrheit frei macht – die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

In Kapitel 1 Von Teddybären und Goldmünzen – Wie wir dem Holocaust entronnen sind breitet die Autorin die Geschichte ihres Entrinnens aus der Shoah in der Fassung aus, die sich bald als Familienmythos erweisen sollte. Von dessen Macht war sie über ein halbes Jahrhundert lang beherrscht: „Die widersprüchlichen Erklärungen zum Tod meines Vaters, die fröhlichen Porträtfotos von mir, aufgenommen in einer Phase des Terrors für so viele andere, das Schweigen meiner Großmütter, die Ungereimtheiten in den Geschichten meiner Mutter und meines Onkels – nichts davon kam mir, einer gelernten Historikerin, zu irgend einem Zeitpunkt seltsam vor, noch nicht einmal, als sowohl meine Mutter als auch mein Mann sich von meinem Leben distanziert hatten.“ (S. 62)

Kapitel 2 Die Kiste öffnen und 3 Die Seele öffnen berichten davon, wie der Bann des Familienmythos gebrochen werden konnte. Auf der Außenseite (3. Kap.) spielten das Testament der Großmutter väterlicherseits, Claudie, und eine Information der Conference on Jewish Material Claims Against Germany eine bedeutsame Rolle, auf der Innenseite (4. Kap.) wenige Sitzungen mit einem Hypnotherapeuten. Man kann an diesen beiden Kapiteln ablesen, wie komplex und kompliziert das Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit sein kann. Und diese beiden Kapitel sind eine Illustration der tiefen Wahrheit, derer sich Psychotherapeut(inn)en ebenso bewusst sind wie Künstler(innen): Inside is outside and outside is inside is outside … (and so on).

Die Autorin hat gelernt, wissenschaftlich zu denken und mit dem Werkzeug von Historiker(inne)n umzugehen. Das nötigte sie zu und ermöglichte ihr eine Spurensuche ganz besonderer Art. Von dieser Spurensuche und dem, was sie dabei (heraus-)gefunden hat, berichten die Kapitel 4 Den historischen Hintergrund aufdecken und 5 Ist es wahr? Die Suche nach Bestätigung. Mitunter bleiben offene Fragen. Aber diese Fragen sind nun dem Inhalt nach weitaus geschärfter und besser begründet als zuvor.

Damit ist das Material zusammen getragen für Alles zusammenfügen und verstehen (Kapitel 6).

Bleibt noch der Schluss, dessen letzter Abschnitt den Verstehenshorizont eröffnet, unter dem das Buch gelesen sein will: als Nachhall eines Befreiungsschreis. „Als sie den Mord an ihrem Vater sah, hat sie nicht laut aufgeschrien. Später hatte sie Angst aufzuschreien. Jetzt, endlich, hat das kleine Mädchen, das alles mit ansah, aufgeschrien.“ (S. 176)

Nach Textende finden sich eine Zeittafel, eine Karte von Mittel- und Westeuropa sowie ein Nachwort von Woltemade Hartmann, dem oben erwähnten Hypnotherapeuten.

Diskussion

DeborahMarias Mutter Martha in „Honigtot“ und Miriam – Mirjam – Mias Mutter Greta dürften für ganze Reihe – der moralischen Bewertung durch Außenstehende völlig enthobener – jüdischer Frauen stehen, die ein erotisches Verhältnis mit Gestapo-, Nachrichtendienst-, SS- oder Wehrmachtsmännern hatten (mit solchen in hohen Rängen natürlich, denn denen auf den niedrigen drohte in solchem Fall standrechtliche Erschießung). Und ihr Bericht über die Zeit der Shoah ist nicht der einzige aus der Feder von Betroffenen. Er dürfte aber zu den letzten seiner Art gehören, einfach weil die Lebenszeit auch der jüngsten Holocaust- und Shoah-Überlebenden zu Ende geht. Allein dies schon macht ihn wertvoll. Einzigartig ist er durch ein Doppeltes. Zum einen macht sich da eine Person an ein historisches Forschungsprojekt in eigener Sache, die selbst „vom Fach“ ist. Zum anderen hat sich diese Person eigens dazu psychotherapeutische Hilfe gesucht – und reflektiert darüber. So weit zur inhaltlichen Würdigung.

Zwei Tipps für Leser(innen), die das Buch nicht nur lesen wollen (was allen Genuss verspricht), sondern sich auch „erarbeiten“ (hier winkt intellektueller Mehrwert).

  1. Legen Sie eine Gen(e)ogramm – Schablone an, die Platz hat für vier Generationen (von Mias Großeltern bis zu ihren Kindern und denen ihres Onkels) und füllen Sie diese beim Lesen nach und nach aus. Die Autorin hat ein solches Gen(e)ogramm beim Schreiben (natürlich!) vor ihrem geistigen Auge, da sollten sie gleichziehen können, wenn Sie ihr folgen wollen.
  2. Vervollständigen Sie die auf den Seiten 177 – 178 dargestellte Zeittafel – am besten als Reproduktion im DIN A4-Format – fortlaufend um weitere Informationen aus dem Text (und zusätzlichen aus anderen Quellen). Die Autorin hat bezüglich der hier verhandelten geschichtlichen Ereignisse einen durch seine Härte sehr instruktiven Unterricht hinter sich. Heutige Leser(innen) haben – je jünger, desto mehr – geringe Geschichtskenntnisse (denen auch nicht automatisch dadurch abgeholfen ist, dass es google und Co. gibt). Da irrt man und frau doch allzu schnell und allzu leicht durch Timeless-Nowhereland; dem Verstehen des Buches ist das abträglich.

Man kann noch ein Drittes tun. Ich habe auf der Karte von S. 179 so etwa in der Mitte des (imaginären) rechten oberen Quadranten ein Kreuz markiert und „Berlin“ dazu geschrieben. Berlin ist einer der bedeutsamen Bezugspunkte dieses Buches. Es bezeichnet den Ort, an dem die Vernichtung der europäischen Juden geplant wurde und von wo „der Retter von der Gestapo“ seine Befehle erhielt. Es ist aber auch die Stadt, die sich der rund zwanzigjährigen Greta um 1930 als „Erlebnisstadt“ einprägte (vielleicht hat sie Klaus schon dort und damals kennen gelernt; vgl. S. 139), in der sie von 1979 bis zu ihrem Tod 2006 lebte und wo sie begraben ist. Schließlich: Berlin ist die Hauptstadt jenes Staates, in dem „Überleben durch Vergessen“ erschien.

Erstmals erschien? Alleinig erschien? Da gibt es Fragen zur Entstehungsgeschichte des Buches zwischen Abschluss des Manuskripts und der Publikation, über die man gerne Näheres wissen möchte; möglicherweise waren die im Buch beschriebenen Irrungen und Wirrungen noch gar nicht zu Ende, sondern setzen sich auf anderer Ebene und zu späterer Zeit fort. Ich habe den Verlag zu diesem Punkt angefragt, er geruhte zu schweigen.

Auch zu der Frage, wer denn eigentlich die Zeittafel auf den S. 177 – 178 erstellt hat. Die Autorin selbst oder eine redaktionelle Hand? In der Zeittafel heißt es unter August 1942 „Meine Mutter, meine Großmutter Karoline und ich fahren mit dem Zug von Zagreb nach Split“. Auf den S. 45 – 46 aber ist zwei Mal davon die Rede, jene Zugfahrt sei zusammen mit auch der zweiten Großmutter, Claudie, der Großmutter väterlicherseits erfolgt. Aus familiendynamischer wie familienhistorischer Sicht liegt hier ein Unterschied vor, der einen Unterschied macht.

Keine Verlagsantwort gab es auch auf Fragen zu und Hinweise auf Ungereimtheiten bezüglich des Nachworts von Woltemade Hartmann. Gehörte dieses ganz oder teilweise schon zum ursprünglichen Manuskript der Autorin? Wurde es von fremder Hand (welcher? wann?) hinzugefügt? Diese Fragen stellen sich aufmerksamen Leser(inne)n aus zumindest zwei Gründen. Der eine ist: Leser(innen) sollen ja bestimmte Buchpassagen und die Kommentare in besagtem Nachwort in Verbindung bringen. Nur: Im Text, die betreffenden Hochzahlen beginnen auf S. 80, findet sich kein Hinweis darauf, wozu die Hochzahlen dienen, und bei den Kommentaren (beginnend auf S. 183) kein Rückverweis auf den Text. Leser(innen)freundlichkeit sieht anders aus.

Der Leser(innen)unfreundlichkeit ist damit aber noch nicht genug. Im Text finden sich Hochzahlen zwischen 1 (S. 80) und 10 (S. 107), die Anmerkungen aber reichen von 1 bis 11! Versucht man sich einen Reim darauf zu machen, wie die beiden verschiedenen Zählungen irgendwie sinnvoll auf einander bezogen werden könnten, kommt man zu der Annahme, Kommentar 2 passe zu Hochzahl 1, 3 zu 2 usw. Aber jede(r) Leser(in) möge ihre / seine eigenen Überlegungen anstellen. Vielleicht sind wir hier ja nur (selbstverständlich) uneingeweihte Teilnehmer(innen) eines Feldversuchs zu „heilsamen Verstörungen“. You never know.

Gewusst, vom Verlag gewusst, hätte der Rezensent gerne, von wem denn eigentlich der Untertitel des Buches stammt: „Die jüdische Geliebte, der Retter von der Gestapo und die kleine Zeugin“. Es gibt Gründe, die an der Urheberschaft der Autorin zweifeln lassen. Für sie war weitaus mehr, als dass die Mutter eine Geliebte war, erschütternd, dass sie eine Kollaborateurin war. Sie war beides, dessen ist sich Mia Roth gleichermaßen gewiss. In welcher Form aber war die Mutter Kollaborateurin? Hier hat die Tochter hat keine Gewissheiten, aber begründete Verdächte. Zur Zagreber Zeit: „War sie eine ‚Greiferin‘, die Juden denunzierte?“ (S. 164). Und zur Zeit in Rom: „War sie gekommen, um die jüdische Gemeinschaft zu infiltrieren und bei der sehr effizienten Zusammentreibung und Deportation der Juden nach Auschwitz zu helfen, die sofort nach der Ankunft der Deutschen in Rom im September 1943 begann?“ (S. 164) Jedenfalls: Statt „Die jüdische Geliebte“ wäre sachlich zutreffender: „Die jüdische Kollaborateurin“. Aber das klingt natürlich nicht ganz so „sexy“ – and sex sells.

Und wie ist das mit dem „Retter von der Gestapo“? Der Retter Klaus war mit großer Sicherheit nicht Mitglied der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), sondern des Sicherheitsdienstes (SD). Mitglieder beider Organisationen, die nach dem Krieg in Nürnberg gesondert als „Verbrecherische Organisationen“ eingestuft wurden, arbeiteten zusammen in Einsatzgruppen (Egr); in einer von ihnen war Klaus tätig (vgl. S. 125). Die Autorin spricht gleich an mehreren Stellen davon, Klaus sei Mitglied des SD gewesen. Und sie weiß (natürlich!) den Unterschied zwischen SD (wichtiger Aufgabenbereich: Gegenspionage) und Gestapo. Mit Blick auf die Nachkriegszeit formuliert sie etwa: „Die Gestapo schob die Schuld für die Gräueltaten auf den SD, der SD schob sie auf die Gestapo.“ (S. 157) Es müsste daher sachlich korrekt „der Retter vom Sicherheitsdienst“ heißen. Nur: Wer kennt den eigentlich (noch)? Gehört denn der Sicherheitsdienst nach heutigem Empfinden den nicht zu den Guten? Und ist denn nicht „Gestapo“ die Chiffre für die Nazi-Bösen schlechthin? Da wird man die historische Wahrheit doch ein wenig beugen dürfen.

Fazit

Unbedingt lesenswert! Wer eine „Familienrekonstruktion“ ganz eigener Art kennen lernen möchte: Hier ist sie. Und gibt es wirklich ein packenderes Buch zu Familienmythen und -geheimnissen sowie deren Zertrümmerung bzw. Aufdeckung? Ich frage das in Kenntnis vergleichbarer Bücher, auch dem von Nicole Riess („Familienmythen, Familiengeheimnisse, Familiengesetze“, Heidelberg: Carl Auer, 2007). Wen ungewöhnliche Tochter-Mutter-Beziehungen interessieren, kommt hier emotional und intellektuell mehr auf seine Kosten als mit „Honigtot“. Für Psychotherapie-Interessierte: Das Buch illustriert eindrücklich, was Traumatisierung heißen und Hypnotherapie bewirken kann.

Schließlich ist das Buch lesenswert für alle, die sich ein differenziertes Bild von der Shoah verschaffen wollen und den emotionalen wie intellektuellen Zugang dazu vor allem über über Zeugnisse Betroffener finden. Im vorliegenden Werk wurde ein ungewöhnliches Kapitel des großen Buches über den Holocaust verfasst. Es steht für mich, obgleich literarisch anders gestaltet und von der Lebenserfahrung der Autor(inn)en verschieden, in der Tradition von Tadeusz Borowskis „Bei uns in Auschwitz“, Imre Kertészs „Roman eines Schicksallosen“, Primo Levis „Ist das ein Mensch“, Jorge Sempruns „Die große Reise“ und Aleksandar Ti?mas „Der Gebrauch des Menschen“.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 24.02.2016 zu: Mia Roth: Überleben durch Vergessen. Die jüdische Geliebte, der Retter von der Gestapo und die kleine Zeugin. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2015. ISBN 978-3-8497-0080-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20312.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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