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Christian Roesler: Psychosoziale Arbeit mit Familien

Cover Christian Roesler: Psychosoziale Arbeit mit Familien. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-023367-6. 29,99 EUR.
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Thema

Der Titel der vorliegenden Publikation ist mit „Psychosoziale Arbeit mit Familien“ sehr knapp gehalten und kommt auch ohne erläuternden Untertitel aus. Auch wenn dieser Titel den Kern des bearbeiteten Themas trifft, kommt doch nicht zum Ausdruck, worin das wesentliche Anliegen des Autors besteht. Er unternimmt den Versuch, Hilfen für Familien konsequent vom diagnostizierten Problem ausgehend und entlang eines multiprofessionellen Focuses zu betrachten. Das zielt in die aktuelle Diskussion um die Vernetzung von Angeboten für Familien, die in letzter Zeit durch die Frühen Hilfen wieder deutlich mehr an Fahrt aufgenommen hat.

Autor und HerausgeberInnen

Der Autor ist promoviert als Dr. phil und lehrt als Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen als Psychologe und ausgebildeter Psychoanalytiker unter anderem in den Bereichen Paarbeziehung/Paarberatung, Beratungsforschung und Klinische Arbeit mit Familien.

Das Buch ist erschienen in der Reihe „Handlungsfelder Sozialer Arbeit“, die von Martin Becker, Cornelia Kricheldorff und Jürgen E. Schwab herausgegeben wird. Zielsetzung der Reihe ist, als curriculares Modell für das Bachelorstudium der Sozialen Arbeit aktuelle Bedingungen und Entwicklungen in verschiedenen Feldern Sozialer Arbeit in den Blick zu nehmen und Aktionen und Interventionen dazu fachlich begründet abzuleiten.

Entstehungshintergrund

Der Entstehung und Konzeption des Buches liegt die Erkenntnis des Autors zugrunde, „dass sich die Probleme und Hilfebedarfe von Familien nicht angemessen über einen professionsspezifischen Zugang erkennen und bearbeiten lassen“. Eine Vielzahl von Problemen und Fehlentwicklungen in der Versorgung von Familien werden in einen Zusammenhäng damit gestellt, dass die im Handlungsfeld Familie tätigen Professionen nur in ihrem spezifischen Zusammenhang agieren und weder Kooperation noch Informationsaustausch über Professionsgrenzen hinweg stattfinden.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil, mit Grundlagen überschrieben, wird ein ganzes Bündel an Themen abgehandelt. Von der Familie heute im Kontext von demografischem und Wertewandel erstreckt es sich über die verschiedenen Unterstützungssysteme und Interventionsformen bis hin zum konkreten Hilfebedarf von Familien und psychosozialer Diagnostik.
  2. Teil zwei, der den Hauptteil des Buches darstellt, geht auf die Familie im Lebenszyklus ein und beleuchtet dabei spezifische Problemfelder und Hilfebedarfe sowie Interventionsmöglichkeiten.
  3. Abschließend werden in Teil drei, der „Die Zukunft“ lautet, Trends, Prognosen, Szenarien und Bedarfe skizziert.

Ausgewählte Inhalte

Im Hauptteil des Buches wird in den Kapiteln vier bis acht die Familie im Lebenszyklus dargestellt. Dies beginnt mit der Paarbeziehung, geht weiter mit Schwangerschaft und Geburt des ersten Kindes, der Familie mit Säuglingen und Kleinkindern, der Familie mit Kindergarten- und Schulkindern und schließt mit Familien mit erwachsenen Kindern. Die einzelnen Kapitel sind dabei ähnlich aufgebaut.

Nach einer Darstellung der jeweiligen Familienphase werden mögliche Problemkonstellationen genannt, die jeweils auftreten können. Im Anschluss erfolgt dann eine Auflistung von Einrichtungen, Diensten und Programmen, die zur Verfügung stehen und genutzt werden könnten.

Beispielhaft soll dieser Aufbau für die Phase „Familie mit Säuglingen und Kleinkindern“ nachgezeichnet werden.

Einleitend wird darauf hingewiesen, „dass eine allgemeine Verunsicherung bzw. ein Mangel an Kenntnissen über gute Erziehungsbedingungen grundsätzlich in allen sozialen Milieus beobachtet werden kann“.

Weiterhin wird auf die Belastung vieler Familien „durch wirtschaftliche und Arbeitsbedingungen, psychische Störungen oder körperliche Erkrankungen, mangelnde Vorbereitung auf die Elternschaft und anderes mehr“ eingegangen. Zudem zeigten Forschungsergebnisse, „dass die Gefahr von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung in den ersten fünf Lebensjahren am größten ist“.

Im Anschluss daran werden die Frühen Hilfen mit ihrem wesentlichen Strukturmerkmal der Vernetzung und beispielhaften Programmen (z.B. Familienbesucher) vorgestellt. Weiterhin wird auf Eltern-Säuglings-Beratung und -Psychotherapie, Screenings (durch die Frühen Hilfen) und die Frage, wie sinnvoll externe Kinderbetreuung ist, eingegangen.

In den Kapiteln neun bis 12 werden grundsätzliche mögliche Problemlagen von Familien unabhängig vom Lebenszyklusmodell geschildert. Der Autor geht dabei auf Trennung und Scheidung, besondere Familienformen (wie z.B. Regenbogen- oder Pflegefamilien), Gewalt in der Familie sowie auf Krankheiten (z.B. Suchterkrankungen) und psychische Störungen in der Familie ein. Auch hier werden im Anschluss an die Problemdarstellung mögliche Hilfen thematisiert, wie z.B. Familienmediation/Scheidungsmediation bei Trennung und Scheidung. In Kapitel 13 und 14, die den Hauptteil beschließen, werden mit der Sozialpädagogischen Familienhilfe und aufsuchenden Familientherapie sowie mit der stationären Arbeit mit Familien (sowohl im Jugendhilfe- wie auch im Rehabilitationskontext) konkrete Hilfen für belastete Familien näher vorgestellt.

Im dritten und letzten Teil des Buches wird zunächst auf Themen und Trends hingewiesen, die zukünftig stärker in die Arbeit mit Familien einfließen werden (gleichgeschlechtliche Elternpaare, Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung, weitere Zunahme der Scheidungsrate). Für notwendig erachtet der Autor einen weiteren Ausbau von Präventionsarbeit (z.B. durch Familienbildung und Beziehungstrainings für Paare), das frühere Erkennen problematischer Familienentwicklungen (z.B. durch Familienhebammen und die Erziehungsberatung), eine Vernetzung von Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe sowie eine stärkere integrierte Versorgung, wie es sie beispielhaft bei Essstörungen bereits gibt.

Diskussion

Die große Stärke des Buches liegt darin, dass nahezu alle denkbaren Facetten, die mit Familien und psychosozialen Belastungen zu tun haben, Erwähnung finden und erklärt werden. Damit lässt sich jedoch nicht verhindern, dass doch viele Themen eher oberflächlich gestreift werden bzw. man sich fragen kann, ob sie unbedingt in ein solches Buch aufgenommen werden sollten, wie z.B. die Erklärung des Subsidiaritätsprinzips auf weniger als einer halben Seite. Eine bessere Systematik bei der Gliederung hätte zudem verhindert, dass sich doch einige Redundanzen eingeschlichen haben, so dass man an mehreren Stellen und Teilen des Buches auf dieselben Hilfe- und Interventionsformen stößt.

Bei all der Fülle an dargestellten Hilfen und Angeboten bleibt doch offen, wie z.B. SozialarbeiterInnen, die im Jugendamt auf eine belastete Familie treffen, ein problemorientiertes, multiprofessionelles Vorgehen konzeptionell aufs Gleis setzen und dabei möglichweise als CasemanagerIn fungieren könnten. Denn nur dadurch ließe sich letztlich auch dort, wo es keine modellhaften Programme gibt, das von dem Autor zurecht bemängelte Nebeneinander der Professionen überwinden.

Fazit

Das Buch „Psychosoziale Arbeit mit Familien“ von Christian Roesler ist eine umfassende und insgesamt gelungene Darstellung von psychosozialen Problemen, die bei Familien in verschiedenen Phasen auftreten können, sowie möglichen Hilfen und Interventionsformen, die von Einrichtungen und Diensten des Sozial- und Gesundheitswesens angeboten werden. LeserInnen erfahren zudem, welche Themen (wie z.B. gleichgeschlechtliche Elternpaare) zukünftig stärker zu beachten sein werden und dass ein Ausbau präventiver und integrierter Angebote, wie z.B. Kurse zur Stärkung der Erziehungskompetenz oder vernetzte Hilfen bei Essstörungen, sinnvoll wäre.


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Burmeister
Homepage www.dhbw-heidenheim.de


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Zitiervorschlag
Jürgen Burmeister. Rezension vom 03.06.2016 zu: Christian Roesler: Psychosoziale Arbeit mit Familien. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-023367-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20316.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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