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Mariella Matthäus, Andreas Stein: Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS

Rezensiert von Dr. Johannes Streif, 26.08.2016

Cover Mariella Matthäus, Andreas Stein: Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS ISBN 978-3-17-024802-1

Mariella Matthäus, Andreas Stein: Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS. Ein Manual. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-024802-1. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Bei „Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS. Ein Manual“, erschienen 2016 bei Kohlhammer, handelt es sich um ein Trainingsprogramm für Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS. In zehn Sitzungen werden die Betroffenen auf Grundlage eines psychoedukativen Konzepts mit den Grundlagen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung vertraut gemacht sowie zur Bewältigung symptomatischer Alltagsprobleme aufgrund der Störung angeleitet.

Autorin und Autor

Mariella Matthäus und Dr. med. Andreas Stein arbeiten in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Rheinhessen-Fachklinik Alzey, erstere als Sozialpädagogin, zweiter als Chefarzt.

Entstehungshintergrund

Das Werk basiert auf Erfahrungen der Autoren in der stationären klinischen Arbeit mit ADHS-betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dem Trainingsprogramm für die Betroffenen soll ein weiteres Buch folgen, dessen Programm sich dann an deren Angehörige wendet, um auch diese für eine bessere Alltagsbewältigung des Lebens mit ADHS-Betroffenen zu gewinnen.

Aufbau

Das rund 130 Seiten starke DIN A4-Manual ist in fünf Kapitel unterteilt.

Einer kurzen Einleitung in Kapitel 1, welche das Konzept der Psychoedukation im Hinblick auf Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS vorstellt, folgt in Kapitel 2 ein knapper Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur ADHS, der bereits die veränderten Diagnosekriterien des DSM-5 der Amerikanischen Psychiatrischen Assoziation berücksichtigt. Darüber hinaus geht der Überblick auch auf die bislang evaluierten therapeutischen Ansätze wie Psychoedukation, Psychotherapie und Pharmakotherapie bei ADHS ein.

Kapitel 3 stellt auf gerademal drei Seiten in die Idee und Geschichte der Psychoedukation vor.

Kapitel 4 spezifiziert das Konzept im Hinblick auf Gruppen und erläutert den grundsätzlichen Aufbau des Trainingsprogramms sowie seiner einzelnen Sitzungen. Dabei werden der Austausch der Betroffenen mit Achtsamkeitsübungen, sitzungsspezifischen Themen sowie Hausaufgaben kombiniert.

Kapitel 5 umfasst das eigentliche Trainingsprogramm in der Abfolge der Sitzungen, wobei neben der Themeneinführung, den Vorlagen für Aufmerksamkeitsübungen und themenspezifischen Hausaufgaben auch die PowerPoint-Folien abgedruckt sind, die den Gruppenleitern als Vorlage für die Durchführung dienen und von einem Server des Verlags heruntergeladen werden können.

Der Programmablauf enthält die folgenden Themen:

  • Sitzung 1: Vorstellung und Organisatorisches (Ablauf, Regeln, Ziele);
  • Sitzung 2: Epidemiologie, Symptome der ADHS (DSM-5), Diagnostik und Ursachen (insbesondere auch die neurobiologischen und neuropsychologischen Aspekte der ADHS sowie modulierende soziale Faktoren);
  • Sitzung 3: Therapie der ADHS (u.a. multimodale Behandlung, Behandlungsmotivation, Modifikation dysfunktionaler Kognitionen, Erarbeiten von Problemlösestrategien, adäquate Emotionsregulation, Verminderung riskanten Verhaltens, Verbesserung sozialer Beziehungen, der Leistungsfähigkeit, Organisationsfähigkeit und des Zeitmanagements);
  • Sitzung 4: Symptomatik und Risikoverhalten v.a. in der Adoleszenz (Drogen, Computerspiel- und Internetsucht, Sexualität und Partnerschaft, Tipps zum Umgang mit Geld);
  • Sitzung 5: Komorbide Störungen und deren Behandlung (Teilleistungsstörungen, Depression, Angst und Phobien, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Tic-Störungen, Autismus, Schlafstörungen, Suchterkrankungen);
  • Sitzung 6: Ressourcen, Selbstbild und Selbstwert (positive Eigenschaften, Optimismus und Pessimismus, berühmte Persönlichkeiten mit ADHS);
  • Sitzung 7: Vom Chaos zur Ordnung (Zeitmanagement, Terminplanung, Prioritätensetzung);
  • Sitzung 8: Stressmanagement (Reduktion von Stressoren, verbesserte Selbstorganisation, Aufbau sozialer Hilfesysteme, Abgrenzung von Ansprüchen);
  • Sitzung 9: Emotionsregulation und Impulskontrolle / Modifikation von Problemverhalten (Informationen über Gefühle, Affekte, Stimmungen, Impulskontrolltechniken, Verhaltensmodifikation);
  • Sitzung 10: Evaluation und Verabschiedung (Was habe ich erreicht? Was muss ich noch verändern? Stabilisierung der Effekte).

Inhalt

Das Gruppentrainingsmanual „Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS“ ist ein Handbuch für Fachpersonen aus dem Bereich der Pädagogik, Medizin, Psychologie und Psychotherapie zur Durchführung eines psychoedukativen Programms mit ADHS-Betroffenen zwischen 14 und 22 Jahren. Es soll dazu dienen, die Betroffenen mit dem Störungsbild, seiner Symptomatik, seinen Ursachen und Auswirkungen, aber auch mit Möglichkeiten seiner Therapie sowie der alltagspraktischen Reduktion von störungsbedingten Einschränkungen vertraut zu machen. Fünf von zehn Sitzungen sind dabei der Gruppendynamik und Information gewidmet (Sitzung 1-3, 5 und 10).

Die andere Hälfte der Sitzungen befasst sich nur teilweise mit altersspezifischen Aspekten der ADHS, so die Sitzung 4 zum Risikoverhalten und ‚modernen‘ Süchten wie Computerspielen, Internet und sozialen Netzwerken. Zwar haben auch Themen wie „Ressourcen, Selbstbild und Selbstwert“ eine jugendtypische Komponente, doch kommt diese in den zumeist nur knapp umrissenen Sitzungskapiteln kaum zur Sprache. Dies gilt auch für die nicht nur ADHS-spezifischen, sondern altersbedingten Schwierigkeiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Bereich der Selbstorganisation, die das Kapitel 7 „Vom Chaos zur Ordnung“ abhandelt. Hier wie auch in Kapitel 8 zum Stressmanagement fehlt der kulturelle Hintergrund der sozialen Veränderungen in den postindustriellen Gesellschaften, insbesondere der Einfluss von Internet und sozialen Netzwerken auf Grundlage ihrer permanenten Verfügbarkeit durch Tablets und Smartphones. Lediglich Kapitel 9 setzt gegen Ende des Trainingsprogramms nochmals einen zwar nicht ausschließlichen, jedoch erkennbar altersspezifischen Akzent mit dem Fokus auf „Emotionsregulation und Impulskontrolle“, wobei auch hier nicht klar zwischen dezidierter ADHS-Symptomatik und allgemeinen Entwicklungsaspekten unterschieden wird.

So knapp, wie die Trainingseinheiten (Sitzungen) im Manual gehalten sind, so kurz und prägnant ist die Einführung in das Trainingsprogramm. Positiv hervorzuheben ist der an der aktuellen Forschung orientierte Überblick über die ADHS und ihre Therapie, wenngleich dieser keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und – im Kontext des Programms zurecht – auf die Darstellung abseitiger ätiologischer Spekulationen und für die Zielgruppe nicht evaluierter Behandlungsformen verzichtet. Sinnvoll, allerdings gleichfalls sehr rudimentär, ist das kurze Kapitel 3 mit seinen Erläuterungen zur Psychoedukation als Methode einschließlich der Benennung von Zielen, u.a. der Verbesserung des krankheitsbezogenen Wissens, der Förderung des Verständnisses und der subjektiven Verarbeitung des Krankheitsgeschehens, der Unterstützung von Selbstverantwortung und Autonomie durch die Sensibilisierung für eigene Stärken und Ressourcen, insbesondere aber auch die Erhöhung der Selbstwirksamkeit und ihres Erlebens durch die Betroffenen, die häufig bereits in der Kindheit diagnostiziert und behandelt wurden, diese Behandlung jedoch mit Beginn der Adoleszenz nicht selten als fremdgesteuert und dyston zu den eigenen Sichtweisen und Erwartungen erleben.

Diskussion

Mit „Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS“ haben die Autoren Mariella Matthäus und Andreas Stein ein alltagstaugliches Manual zur Durchführung eines Gruppenprogramms für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS vorgelegt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Psychoedukation, die letztlich die Hälfte der Sitzungen und noch mehr der eigentlichen Inhalte bestimmt. Das ist zunächst kein Nachteil, da die Informationen zur ADHS, ihren Komorbiditäten sowie zur Therapie auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse sind. Allerdings wird das Programm auf diese Weise recht wissenslastig und erscheint zumindest für die jüngsten in der anvisierten Zielgruppe von 14- bis 22-jährigen Patienten nicht übermäßig attraktiv. Auch setzt das Programm sowohl eine solide Behandlungsmotivation als auch hinreichende kognitive Fähigkeiten voraus, um von der Teilnahme zu profitieren.

Eine weitere Voraussetzung betrifft die Gruppenleiter. Das Manual fasst den in Frage kommenden Personenkreis sehr weit, betont jedoch, dass die jeweils vorgesehenen zwei Gruppenleiter „in der Regel psychiatrisch erfahren“ sein sollen. Die für einige der Themen jedoch recht knappen Informationen und Folien zum Beispiel zur Sitzung 7 „Vom Chaos zur Ordnung“ setzen jedoch ein großes Vorwissen und erhebliche Erfahrung im Umgang mit von der ADHS betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen voraus. Dies schließt auch das Wissen und die Fertigkeit mit ein, die partiell allgemeingehaltenen Themen für die Zielgruppe herunterzubrechen. In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert, einige der Sitzungen würden für eine erneute Auflage zumindest im Manual thematisch erweitert, um verständlich zu machen, welche Aspekte des jeweiligen Themas für die ADHS-Betroffenen besonders relevant sind. Eine solche Überarbeitung könnte auch dazu genutzt werden, Themen und Material jugendgerechter aufzubereiten, womit keine Anbiederung an eine kaum allgemein zu fassende aktuelle Jugendkultur gemeint ist, sondern eine stärkere Konfrontation und Auseinandersetzung mit den altersspezifischen Konfliktthemen Schule und Ausbildung einschließlich notwendiger Anpassung und Leistungszwang, Medienkonsum und Flucht in virtuelle Welten sowie Selbstorganisation im Kontext eines heute oft überfürsorglichen Erziehungsverhaltens von Eltern und Pädagogen.

Der stellenweise sowohl inhaltlich als auch strukturell unzureichende, zumindest aber unzureichend klare Bezug zur intendierten Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist überhaupt das größte Manko des Manuals. Dieser Mangel macht das Programm weder unnütz noch unbrauchbar, erfordert jedoch von den Durchführenden umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit ADHS-Betroffenen, aber auch Jugendlichen im allgemeinen, sowie die Fähigkeit und Fertigkeiten, Material und Diskussion über die Vorgaben des Manuals hinaus auszuweiten und zugleich an die spezifische Problematik der Gruppenteilnehmer anzupassen. Dies ist allerdings eine Notwendigkeit in der Anwendung praktisch aller standardisierten und manualisierten Gruppenprogramme im Kontext psychiatrischer Erkrankungen.

Nicht zuletzt geht das Programm kaum auf die mit der ADHS-Symptomatik zumeist verbundenen Probleme im Sozialverhalten als einer Grundlage auch der Teilnahme an einem solchen Gruppentraining ein. Nachgerade die ADHS macht in der symptomatischen Auffälligkeit der Betroffenen ihre Behandlung besonders schwer – ähnlich der Derealisation im Kontext anderer psychiatrischer Störungsbilder, welche die Betroffenen oft nicht erkennen lässt, warum gerade sie von einem Programm profitieren, an dem teilzunehmen für sie besonders schwer ist. So schreiben die Autoren auf Seite 31 des Manuals lapidar: „Teilnehmer, die wiederholt das Gruppengeschehen nachhaltig stören, sollten von der Sitzung ausgeschlossen werden.“ Das ist richtig und notwendig, damit das Programm für die anderen Teilnehmer gewinnbringend durchgeführt werden kann. Andererseits werden dadurch mutmaßlich gerade jene Personen ausgeschlossen, die der Psychoedukation in besonderer Weise bedürfen. Eine Einzeltherapie ist für ein solches Gruppentraining dabei weder ein allzeit probater Ersatz noch stets eine gute Vorbereitung. Hier erscheint es sinnvoll, das Manual würde seinen Anwendern mehr Informationen und Handreichungen dazu bieten, wie mit ADHS-spezifischem Störverhalten umgegangen werden kann, zumal dann, wenn zwei Gruppenleiter zur Verfügung stehen und somit beispielsweise eine zeitweise Aufsplittung der Gesamtgruppe möglich ist.

Mit Spannung darf schließlich das angekündigte Buch zur Psychoedukation der Angehörigen erwartet werden, da Behandlungsmethoden und Therapieverfahren insbesondere im Kontext der ADHS, die Defizite in der neurophysiologischen Selbststeuerung mit komplexen Sozialisationserfahrungen verbindet, in ihrer zwangsläufigen zeitlichen und thematischen Reduktion meist nicht hinreichen, stabile Verhaltensänderungen im Alltag zu gewährleisten. Hier ist es erforderlich, dass das soziale Umfeld der Betroffenen durch Hilfen bei der Selbstorganisation, gezielte Rückmeldungen zu Verhaltensweisen und eine in Teilen auch zwangsweise Einbindung in förderliche soziale Kontexte quasi das therapeutische Milieu im Alltag fortsetzt.

Fazit

„Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS“ vom Mariella Matthäus und Andreas Stein ist das Manual zu einem gut durchdachten, auf zehn Sitzungen verteilten psychoedukativen Programm zur Schulung und Anleitung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS. Es ist sowohl im ambulanten wie im stationären Setting einsetzbar, erfordert jedoch spezifisch qualifizierte Gruppenleiter mit großem Vorwissen über die ADHS sowie Erfahrung im Umgang mit betroffenen Jugendlichen. Die angesprochenen Themen sowie die Aufmachung des Materials könnten in einer weiteren Auflage stärker an die Zielgruppe angepasst werden. Dennoch handelt es sich bereits bei der vorliegenden ersten Auflage um ein alltagstaugliches Programm mit zahlreichen Anregungen, von denen insbesondere routinierte Pädagogen und Therapeuten die für ihr Klientel geeigneten Teile auswählen und die Durchführung an den spezifischen Bedürfnissen der einzelnen Teilnehmer wie auch der Zusammensetzung der Gruppe ausrichten können.

Rezension von
Dr. Johannes Streif
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Es gibt 10 Rezensionen von Johannes Streif.

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Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 26.08.2016 zu: Mariella Matthäus, Andreas Stein: Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS. Ein Manual. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-024802-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20318.php, Datum des Zugriffs 28.11.2022.


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