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Dieter Katzenbach (Hrsg.): Qualitative Forschungsmethoden in der Sonderpädagogik

Cover Dieter Katzenbach (Hrsg.): Qualitative Forschungsmethoden in der Sonderpädagogik. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-022476-6. 39,00 EUR.
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Herausgeber

Dieter Katzenbach hat eine Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Pädagogik und Didaktik bei kognitiven Beeinträchtigungen“ an der Universität Frankfurt inne. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen betreffen darüber hinaus Arbeiten zur psychoanalytisch orientierten Pädagogik.

Entstehungshintergrund

Neben einer Kooperation zwischen Katzenbach von der Sonderpädagogik und Oevermann aus dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften an der Frankfurter Universität stehen die meisten VerfasserInnen in einem Bezug zur psychoanalytischen Ausbildung und Tätigkeit. Ca. die Hälfte der AutorInnen sind außerhalb der akademischen Ausbildung tätig.

Thema

Da in der Sonderpädagogik vielfach mit qualitativen Forschungsmethoden gearbeitet wird, bietet es sich an, des Themas allgemeiner zu vergewissern. Die vorliegende von Katzenbach herausgegebene Veröffentlichung legt den Fokus vor allem auf Diskussionen im Umkreis der Objektiven Hermeneutik von Oevermann und Methoden, die eine psychoanalytische Ausrichtung haben unter Einbeziehung von allgemeiner entwickelten Verfahren.

Einige kursorische Bemerkungen in der Einleitung charakterisieren das inhaltliche Programm Katzenbachs, nämlich vor allem in dem Programm „Prozesse der Stigmatisierung und Essentialisierung von Differenz“ aufzuzeigen. Dieses findet sich in den meisten der Einzelaufsätze mehr oder weniger wieder.

Aufbau

Die Aufsätze werden entlang dreier Themen präsentiert:

  1. Feldzugang und Akquise,
  2. Erhebungsverfahren und
  3. Auswertungsmethoden.

Katzenbach versteht diese als „Schlüsselstellen des Forschungsprozesses“ ( S. 10).

Innerhalb der drei Schwerpunkte ergeben sich für ihn als Untergliederungen die Ordnungspunkte:

  • Grundlegendes zu den Methoden,
  • Probleme der Methoden und
  • Modifikationen.

Inhalt

Der erste Aufsatz, von Trescher und Oevermann: „(Sonder-)pädagogische Fallakquise und ihre Problemfelder am Beispiel der Thematik Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ stellt Schwierigkeiten dar, Interviewpartner zu gewinnen, die von Adipositas mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Da Adipositas in unserer Gesellschaft mit hoher Stigmatisierung verbunden ist, sind Probleme des Zugangs generalisierbar auf andere von Stigmata betroffene Gruppen, insofern auch bei Kindern mit sonderpädagogischem Zuwendungsbedarf. Bei Adipositas zeigte sich als das erfolgreichste Verfahren das der direkten Ansprache durch „empathiefähige“ und „selbstsicher auftretende“ (S. 29) Forscher. Die Grenzen der anderen versuchten Zugänge wurden von den Autoren deutlich angesprochen.

Trescher beschreibt in einem zweiten Artikel („Feldzugang bei kognitiver Beeinträchtigung – am Beispiel der direkten Beforschung dementiell erkrankter Personen“) die Erfahrungen der Akquise mit dementiell erkrankten Personen, die er im Rahmen einer größeren Studie gewonnen hat. Auch hier zeigte sich der Zugang über die Intuitionen der Altenpflege als problematisch, wobei Trescher diese Schwierigkeiten weniger aus Stigmatisierung ableitet als aus der Ausstattung, Realisierung, Kostendruck und Kontrolle im Bereich der Altenpflege.

Ausgehend von allgemeinen Reflexionen zum Zusammenhang von Interviews mit geistig Behinderten und der sozialen Konstruktion geistiger Behinderung diskutiert Schallenkammer die Verwendung leitfadengesteuerter Interviews, wobei sie insbesondere die Dimensionen Offenheit, Vertrauen, Zugang über Gatekeeper und die unterschiedlichen Möglichkeiten des Verstehens im Zusammenhang mit Sprachgebrauch wert legt. Insbesondere zeigt sie die Gefahr eines paternalistischen Zugangs auf.

Schlick diskutiert in ihrem Beitrag „Offene nichtstandardisierte Interviews als Grundlage fallrekonstruktiver objektiv-hermeneutischer Sozialforschung“ neben den allgemeinen Fragen der Objektiven Hermeneutik, nämlich den Zugriff auf „sinnstrukturierte Gegenstände“ und den Unterschied in der Eingangssequenz zwischen narrativem Interview und offenem nichtstandardisiertem Interviews insb. den Einfluss des Gesprächsanreizes mit einer „vorher genau überlegten, tendenziell konfrontativen und erprobten Eingangsfrage als Gesprächsanreiz“. Weiterhin bezieht sie ihre Reflexionen und Erfahrung mit der Durchführung nichtstandardisierte Interwies und die Probleme der Aufzeichnung und Aufarbeitung in ihre methodische Diskussion ein.

Ein weiteres Verfahren wird von Giese beschrieben: „Die Heidelberger Struktur-Lege-Technik (SLT) zur Rekonstruktion von Subjektiven Theorien von Menschen mit intellektueller Behinderung“, einem graphisch orientiertem Verfahren zur Erfassung von Strukturen subjektiver Theorien, hier verstanden als das „Gesamtbild“ der „Sinn- und Bedeutungssysteme“ von „Alltagsmenschen“. Die SLT nimmt dieser Begrifflichkeit gegenüber eine Haltung „mittlerer Reichweite“ ein, in dem sie durch halbstandardisierte Interviews und dem Legeverfahren die zentralen Begriffe erfassen möchte (74). Giese beschreibt an verschiedenen Beispielen wie er die SLT adaptiert hat zur Anwendung bei Menschen mit intellektueller Behinderung, wobei „Motivation, Durchhaltevermögen und intellektuelle Fähigkeit Gelingensbedingung“ darstellt.

Drei weitere Artikel des Teils „Erhebungsverfahren“, also Ruths Artikel zu projektiven Verfahren („Projektive Verfahren als Zugang zu inneren Erlebniswelten – Entwicklung eines Erhebungsinstruments am Beispiel der Erschließung triangulärer Beziehungsmuster von Kindern“, Schrenker („Spiel- und Erzählverfahren zur Erschließung kindlicher Erfahrungswelten“) und Kratz („Psychoanalytisch orientierte Beobachtungen in der empirischen Sozialforschung“) zeigen sich ohne den im Titel vorgenommenen sonderpädagogischen Bezug.

Ähnlich sind im dritten Unterpunkt „Auswertungsmethoden“ Aufsätze versammelt, die allgemein zu einem auch sonderpädagogisch bearbeiteten Thema hinführen wie auch solchen, in denen der sonderpädagogische Bezug ein Desiderat für zukünftige Forschung bleibt.

Die Verwendung filmisch und videographisch gewonnener Daten und deren Auswertung hat eine lange Tradition in der allgemeinen Pädagogik und der Sonderpädagogik, wobei Buchhaupt in seinem Artikel „Videografisches Datenmaterial als Grundlage von Interaktionsanalysen – ein Bespiel aus der Unterrichtsforschung“ auf die Bedeutung der rasanten technischen Entwicklung durch die Möglichkeiten der digitalen Gewinnung und Verarbeitung hinweist, bei denen Kostenfaktoren kaum noch eine Rolle spielen, sich allerdings der Zeitaufwand zur Analyse (noch) kaum verändert hat. Buchhaupt stellt hier einen Bezug zur ethnographischen Diskussion in der qualitativen Sozialforschung her. Seine zentrale Fragestellung ist auf das Verhältnis von „Emotionen und Lernen“ orientiert, wobei er sich speziell der Bedeutung der Konfiguration von Tischen und Stühlen innerhalb eines Klassenraums für Lernchancen widmet. Jeder einzelne Tisch zeigt sich als unterschiedlich bedeutsam für die emotionalen Vorgänge und die Lernchancen der Kinder. Viele sonderpädagogische Problemlagen stehen in Zusammenhang mit den örtlichen Gegebenheiten im Klassenraum und zu dieser Fragestellung bietet Buchhaupt eine interessante Fortführung dieser Diskussion.

Auf dem Hintergrund der einführend dargestellten Qualitativen Inhaltsanalyse, wie sie vor allem von Meyring für den deutschen Sprachraum propagiert wurde, widmen sich Buchhaupt und Schallenkammer den komplexen Vorgängen im Bereich der Frühförderung. Sie versuchen vor allem drei Aspekte aufzuklären:

  • die Bedingungen der Kooperation aller Beteiligten
  • Beurteilung des Angebots und der Leistungen an Frühförderung durch Eltern und anderen Anspruchsberechtigten,
  • Auswirkung der aktuellen rechtlichen Bestimmung auf Kostenübernahme, Realisierung und fachliche Kooperation der Komplexleistung.

Mit zwölf Fallstudien, in denen möglichst alle Akteure interviewt wurden, in der Summe ergab es 44 Interviews, wurde das Datenmaterial gewonnen, vor allem durch die Kategorisierungen der Forscherin (wahrscheinlich Schallenkammer) wurden Kategoriensysteme gewonnen, die in diesem Artikel beispielhaft für den Bereich der Heilmittelverordnungen in einem halbseitigem Kategorienbaum (S. 176) dargestellt werden. Zum Abschluss diskutieren die Autoren auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Auswertung das Verhältnis von qualitativer Inhaltsanalyse und der meistens zeitlich notwendigen subjektiven Abkürzungsstrategie. Deshalb wundert es etwas, dass nicht die Einbeziehung von QDA-Programmen (Qualitative Datenanalyse) reflektiert wurde.

Als weitere Methode wird mit vier Artikeln die Objektive Hermeneutik thematisiert. Einführend stellt Trescher die Methode dar, mit Schwerpunkt auf den fünf Regeln, der Kontextfreiheit, der Wörtlichkeit, der Sequenzialität, der Extensität und der Sparsamkeit.

In einem ersten Forschungsbeispiel wendet Kauz das Verfahren zur Analyse einer kollegialen sonderpädagogischen Beratung an. Allerdings sind die Fallsituation und die sich daraus ergebende interpretierte Fallstruktur von allgemeiner Natur, ohne dass damit eine Anwendung mit spezifisch sonderpädagogischen Inhalten, gerade unter dem Aspekt der Inklusion ausgeschlossen ist.

Uphoffs Beitrag zur Interaktionsanalyse im „Forschungsfeld ‚geistige Behinderung‘“ zeigt die Möglichkeiten, die die Methode der Objektiven Hermeneutik bietet, wenn sie aufzeigt, wie die Interpretationen herausarbeiten können, wie mit Differenzen umgegangen wird, ob sie ausgeblendet werden oder überschätzt werden (S. 224). Gleichzeitig werden hier die Grenzen eines Forschungsansatz deutlich, der sich von vornherein zur Differenzhypothese bekennt, denn das Verhältnis von Defizit zur Differenz im Phänomen kognitiver Beeinträchtigung wird dadurch nicht thematisierbar oder allenfalls als Beleg für Differenz verwendet.

Die Widersprüchlichkeit wird unmittelbar deutlich im Kontrast zum nächsten Artikel, schon allein in der Wortwahl, eben „sogenannte geistige Behinderung“, jetzt „Demenz“ und „kognitive Einschränkung“. Trescher behandelt hier zwei Aspekte des oben schon von ihm behandelten Forschungsfeldes Demenz, mit dem Schwerpunkt auf zwei Forschungsfragen: situativer Umgang mit dementiell erkrankten Personen und Auswirkung der Heimstrukturen auf diese Personen. Die kognitive Einschränkung führt dazu, dass von dementiell erkrankten Personen die Interview-Situation als speziell gerahmte Situation nur allenfalls begrenzt verstanden werden kann, so dass der Interviewer gar nicht erst die Maske des Interviewers verwenden kann, sondern viel stärker beteiligt ist. Er beschreibt verschiedene Möglichkeiten, wie dennoch ein verwertbares Maß an Validität erreicht werden kann.

Die letzten drei Artikel (von Kratz & Ruth, von Ruth und von Schrenker) stellen die Tiefenhermeneutik (insb. in Anschluss an Lorenzer) dar und verdeutlichen sie an dem Beispiel kindlicher Erzählungen und von Spiel- und Erzählverfahren. Wie weit diese Methode im sonderpädagogischen Bereich Verwendung finden wird ist in diesen Texten noch nicht angesprochen.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband bietet eine gute Übersicht zu Möglichkeiten qualitativer Sozialforschung im Bereich Sonderpädagogik. Neben einer allgemeinen Einführung durch den Herausgeber ist zu jeder dargestellten Methode ein Hintergrundartikel vorangestellt, so dass das Buch geeignet ist, die Methodenauswahl entlang der eigenen theoretischen Präferenzen zu erleichtern. Weiterhin werden die Schwierigkeiten der einzelnen Methoden, problematische Aspekte und Modifikationen beschrieben, was insbesondere deshalb gewinnbringend ist, weil erstaunlich ehrlich auf Schwierigkeiten eingegangen wird, sowohl bei der Akquise wie bei der Durchführung, bei dem Gebot der Sparsamkeit und bei der Anforderung Validität zu gewährleisten.

Ein grundsätzliches Problem in der Kooperation zwischen Sozialwissenschaftlern und Sonderpädagogen besteht darin, dass Sonderpädagogik ein extrem komplexer Bereich ist, der ohne Spezifizierungen aus Pädagogik, Medizin, Psychologie, Soziologie und Ethik nicht auskommt, und der zudem von heterogenen Konfigurationen geprägt, den Betroffenen, ihrem Umfeld, insb. den Eltern, den Fachleuten mit sehr unterschiedlichem beruflichen Status (von Verbeamtung und hochbezahlter Freiberuflichkeit bis zur prekären Honorartätigkeit), Politik und alternative Politik, und Medien nicht zu vergessen.

In der Summe beinhaltet das viele Gefahren wie z.B. wenn sich Zweckbündnisse entwickeln, die ihre Definition der Situation durchsetzen wollen. Für externe Wissenschaftler ist dieses Geflecht noch weniger zu durchschauen, zumal sonderpädagogische Themen meistens in der Wissenschaftskarriere nur als Zwischenstationen gewählt werden.

Bei dem handbuchartigen Titel des Sammelbandes hätte ein Artikel, der einen Überblick über qualitatives Arbeiten im Bereich Sonderpädagogik (z.B. schon 1987 Eberwein, Hans, Hrsg., Fremdverstehen sozialer Randgruppen, Ethnographische Feldforschung in der Sonder- und Sozialpädagogik, Weinheim) gegeben hätte, erwartbar gewesen.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 06.09.2017 zu: Dieter Katzenbach (Hrsg.): Qualitative Forschungsmethoden in der Sonderpädagogik. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022476-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20319.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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