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Ansgar Marx, Rudolf Bieker (Hrsg.): Mediation und Konfliktmanagement in der Sozialen Arbeit

Cover Ansgar Marx, Rudolf Bieker (Hrsg.): Mediation und Konfliktmanagement in der Sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-026032-0. 32,00 EUR.
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Autor

Dr. jur. Ansgar Marx präsentiert ein Lehrbuch, welches sich expliziert an Studierende der Sozialen Arbeit der in Deutschland üblichen Fachrichtungen Sozialarbeit und Sozialpädagogik aber auch an Fachleute der Sozialen Arbeit in der Praxis richtet. Der Autor war als Rechtsanwalt tätig und ist heute Professor für Zivilrecht, Familienrecht und Mediation an einer deutschen Hochschule, Ausbildner von Mediatoren und Leiter eines Institutes für Konfliktlösungen.

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist in der Reihe „Soziale Arbeit und Grundwissen“ im Kohlhammer-Verlag erschienen, was bereits auf das Anliegen hinweist. Mit Bezug auf den „Bologna-Prozess“, welcher zu einer verkürzten Ausbildung geführt habe, wird ein Bedarf verortet „in kompakter Form“ leserfreundliches „unabdingbares Grundwissen“ für das Selbststudium Studierender vorzulegen. Der Autor verweist auf die zunehmende Bedeutung von Mediation in den Arbeitsfeldern und Einrichtungen der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Kapitel 1 widmet sich den Konflikttheorien
  2. Kapitel 2 fokussiert auf Kommunikationstheorien und die Grundlagen der konstruktiven Gesprächsführung
  3. Kapitel 3 beschreibt Geschichte und Methodik der Mediation
  4. Kapitel 4 beleuchtet konstruktive Konfliktpädagogik mit Kindern
  5. Kapitel 5 vertieft die Anwendung von Mediation in diversen Feldern der Sozialen Arbeit
  6. Kapitel 6 schliesslich erklärt das Berufsbild der Mediation

In Kapitel 1 „Konflikte als Entwicklungspotenzial“ wird zuerst die Konfliktdefinition nach Friedrich Glasl sowie die Definition eines „Politischen Konfliktes“ eingeführt. Mit Bezug auf andere Autor/innen entwickelt der Autor ein „Oktagon der Konflikttypen“. Diese acht Konflikttypen werden an Beispielen erläutert um dann zu einer kurzen Darstellung der Eskalationsstufen nach F. Glasl zu gelangen. Es folgen der Umgang mit Konflikten, das Eisbergmodell bewusster und unbewusster Aspekte und eine Übung zum eigenen Konfliktverhalten. Das verhältnismässig kurze Kapitel endet mit einer Darstellung der beiden Konfliktlösungsverfahren ADR „Alternative Dispute Resolution“ und ODR „Online Dispute Resolution“.

In Kapitel 2 „Grundlagen konstruktiver Gesprächsführung“ folgen die wichtigsten Kommunikationstheorien und Kommunikationsmethoden tatsächlich in kompakter Form und praxisgerecht dargestellt. Zunächst gilt der Fokus Carl Rogers personenzentrierten Gesprächsführung, die hier noch als klientenzentriert bezeichnet wird. Nach der Besprechung der Beratervariablen – Kongruenz, Akzeptanz und Empathie – wird die (zuerst von Rogers vorgestellte) Methode des „Aktiven Zuhörens“ allerdings nach Thomas Gordon erklärt, welcher unter diesem Begriff auch das Paraphrasieren sowie das Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte versteht. Für Rogers hingegen sind das drei unterschiedliche, wenn auch verknüpfte methodische Aspekte, was in diesem Lehrbuch keine Erwähnung findet. Mit einer sehr kurzen Darstellung der fünf Axiome nach Paul Watzlawick folgen essentielle Grundlagen der Kommunikationstheorien auf zwei Seiten. Möglicherweise liegt die knappe Darstellung darin begründet, dass sich Studierende der Sozialen Arbeit sowieso intensiv mit diesen Axiomen zu beschäftigen haben. Folgerichtig wird nun an das 4-Ohren-Modell nach Friedemann Schulz von Thun erinnert und nach Virginia Satir die vier Grundformen der Abwehr besprochen. Naheliegend ist ein Verweis auf die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg und die Lösungs- und Ressourcenfokussierung nach Steve de Shazer (u.a. die „Wunderfrage“). Es folgen eine Reihe von konkreten Kommunikations- und Fragetechniken von der „Ich-Botschaft“ über das Refraiming bis hin zu verschiedenen Fragetechniken. Der Autor bezeichnet das „Aktive Zuhören“ (nach Gordon, nicht nach Rogers) als „die zentrale Kommunikationstechnik der Mediation“, wobei auch reframing als Teil des Aktiven Zuhörens verstanden wird; insgesamt eine Interpretation von Aktivem Zuhören, die kaum von allen Fachleuten geteilt wird, insbesondere wenn es sich um ein Lehrbuch der Sozialen Arbeit handelt.

Kapitel 3 „Die Methoden der Mediation“ startet mit einem historischen Rückblick, beleuchtet die aktuelle Situation in Deutschland (Verbände, Anwendungsgebiete, gesetzliche Verankerung), nicht aber in Österreich und der Schweiz. Die Zusammenfassung von Definition, Merkmalen, Prinzipien und der Rolle des Mediators resp. der Mediatorin entsprechen dem aktuellen klassischen Verständnis von Mediation. Neuere Ansätze eines Mediationsverständnisses und kritische Würdigungen dieser klassischen Darstellung, etwas von Friedrich Glas, finden keine Erwähnung. Letzterer unterscheidet verschiedene Konfliktbearbeitungsmethoden, die sich je nach – in diesem Buch dargestellten – Eskalationsstufen unterscheiden, von der Power-Mediation bis zur Transformations-Mediation. Etwas unscharf werden die Begriffe „Neutralität“, „Allparteilichkeit“ und „Unparteilichkeit“ verwendet, was erstaunt. Mit einem Unterkapitel zum Thema Harvard-Konzept erinnert der Autor an das bewährte Konzept des sachgerechten Verhandelns. Es folgen Phasen-Modelle der Mediation, wovon eines (9-Phasen-Modell) exemplarisch und differenziert dargestellt wird. Schliesslich wird ein Überblick über verschiedene Mediations-Stile geboten.

In Kapitel 4 „Prinzipien einer konstruktiven Konfliktpädagogik“ behandelt der Autor ausführlich die Konfliktthematik im Kontext insbesondere von kleineren Kindern. Es werden entwicklungspsychologische Erklärungen für das konflikthafte Verhalten von Kindern erklärt, etwa die Bedeutung von Konflikten für die Persönlichkeitsentwicklung. Konfliktauslöser, -verlauf und Genderaspekte werden ebenso dargestellt, wie Konfliktverhalten, Aggressionsformen, die Rolle von Bezugspersonen im Kontext sozial-emotionaler Kompetenzen. Auf dieser Grundlage werden „Prinzipien einer konstruktiven Konfliktkultur“ besprochen, welche eine Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten zur Deeskalation beinhalten. Es werden konkrete Methoden im Umgang mit Kindern, etwa das „Palaverzelt“ oder „Konfliktlotsen“ genauer vorgestellt.

Mit Kapitel 5 „Mediation in der Sozialen Arbeit“ vermittelt der Autor Einblicke in verschiedene Anwendungsgebiete der Mediation im Rahmen Sozialer Arbeit. Neben der klassischen Sozialarbeit wird Konfliktmanagement mit Behörden und in sozialen Organisationen, also auch unter Fachleuten, nicht nur in der Arbeit mit Klient/innen und Adressat/innen (zum Beispiel Supervision) vorgestellt. Ausführlich wird die Trennungs- und Scheidungsmediation besprochen und schliesslich auch Familienkonflikte, Schulmediation, Täter-Opfer-Ausgleich und Mediation im Gesundheitswesen. Unter anderem spricht sich der Autor auch für „verordnete“ Mediation aus ohne dies näher zu begründen. Nur kurz wird zum Schluss auf den Sozialraum als Konfliktfeld eingegangen: Mieter- und Nachbarschaftskonflikte, interkulturelle Mediation und Gemeinwesenmediation, wobei letztere in Deutschland noch relativ neu und wenig verbreitet seien. Der grosse Bereich der Offenen Jugendarbeit als wichtiges Feld der Sozialen Arbeit findet keine Erwähnung.

In Kapitel 6 „Berufsbild Mediation“ finden Studierende eine gute Zusammenfassung zum Berufsbild Mediation. Dazu gehören rechtliche Grundlagen und berufliche Standards in Deutschland.

Diskussion

An ein Lehrbuch werden besondere Erwartungen gestellt, die nicht überzeugend erfüllt erscheinen. In der zu knappen Konflikttheorie werden zum Beispiel Aspekte der Konfliktanalyse als Vorbereitung der Mediation sowie eine Definition des Begriffes Konfliktmanagement, welcher im Titel vorkommt, vermisst. Mediation erscheint unkritisch als Möglichkeit aller Konflikte. Eine Differenzierung von Mediationsformen auf Grund der diagnostizierten Eskalationsstufe wird nicht vorgenommen. Der Darstellung der Anwendung von „Aktivem Zuhören“ werden viele Fachleute nicht zustimmen und schliesslich fehlen Aspekte der Gruppendynamik, welche für das Konfliktgeschehen bedeutend sind. Bei der Darstellung der Mediationsfelder kommt das grosse Feld der Jugendarbeit (Jugendzentren, Aufsuchende Jugendarbeit) gar nicht und der Sozialraum (Gemeinwesenarbeit respektive Soziokulturelle Animation in der Schweiz) nur am Rande vor. Zuviel Platz finden das Gesundheitswesens und die entwicklungspsychologischen Überlegungen zum (konfliktiven) Verhalten von kleinen Kindern. Diese erfordern wohl mehr pädagogische Überlegungen als klassische Formen der Mediation.

Fazit

Das Werk vermag seinem Anspruch ein Lehrbuch für Studierende der Sozialen Arbeit zu sein weitgehend genügen. Neben dem breiten Spektrum von Methoden und Techniken wirken die Übungen und Beispiele bereichernd. Die Verknüpfung zur Kommunikationslehre ist wichtig und dokumentiert, dass Soziale Arbeit auch zum Konfliktmanagement befähigt. Das zeigt sich auch in der breiten Darstellung der Anwendungsfelder. Studierende finden eine Art Nachschlagewerk zum Thema Mediation vor, welches sehr viele, wenn auch nicht alle relevanten Aspekte von Konfliktarbeit und Mediation enthält.


Rezensent
Raoul Rosenberg-Fontana
Soziokult. Animator FH, Dipl. Supervisor und Gemeinde- & Organisationsentwickler, Dozent an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Er lehrt Konfliktmanagement, Kommunikation und Interaktion und ist als Inhaber der Firma Teampuls regelmässig in der Konfliktarbeit in der Sozialen Arbeit sowie in Politikfeldern tätig
Homepage www.teampuls.ch
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Zitiervorschlag
Raoul Rosenberg-Fontana. Rezension vom 09.06.2016 zu: Ansgar Marx, Rudolf Bieker (Hrsg.): Mediation und Konfliktmanagement in der Sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-026032-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20321.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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