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Irène Kummer: Wandlungen. Aufbruch in die Jahre 50 plus

Cover Irène Kummer: Wandlungen. Aufbruch in die Jahre 50 plus. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 327 Seiten. ISBN 978-3-407-85737-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der Autorin geht es in ihrem Buch vor allem darum, einen anderen Bezug zum eigenen Älterwerden zu finden und zu zeigen, dass dieses nicht nur erlitten zu werden braucht, sondern aktiv beeinflusst und damit erfüllend gestaltet werden kann. Dabei betont sie die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels: „Statt vom Leben gelebt zu werden, haben wir die Chance, es als unser persönliches zu formen.“ (11f). So will sie dazu ermutigen, in einer Rückbesinnung, die bisher erworbenen Lebenskompetenzen erneut bewußt anzunehmen, sich von ihnen getragen zu fühlen und so die individuelle Lebensqualität zu intensivieren: „Die Ernte aus dem bisher Gelebten lässt sich einbringen, als Wegzehrung für die nächsten Phasen nutzen und auch an andere weitergeben…Reife und Alter bedeuten nicht unbedingt eine Verminderung von Lebendigkeit, sondern eine Veränderung der Erregungsmuster, die uns unsere Lebendigkeit spüren lassen.“

In diesem Sinne geht es in Kummers Buch tatsächlich darum, die Vergangenheit als Kraftressource zu nutzen, die eigene Resilienz zu stärken und die im Lebenslauf möglicherweise ins Vergessene geratenen Potentiale und Bedürfnisse neu zu entdecken und zu leben.

Autorin

Irène Kummer ist Psychotherapeutin, u. a. mit einem Schwerpunkt auf der Individualpsychologie nach Alfred Adler und Formativer Psychologie nach Stanley Keleman, Lehrtherapeutin und Hochschuldozentin und Leiterin eines Weiterbildungszentrums in Zürich.

Aufbau

Kummers Buch besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen.

Zum ersten Teil

Im ersten Teil des Buches werden grundsätzliche Aspekte des Älterwerden diskutiert. Sie geben Einblick, wie das Älterwerden „funktioniert“ und wie es möglich ist, diesem Prozess auf der Basis unserer biologischen Entwicklung Gestalt geben und das Gegebene auf individuelle Weise zu beeinflussen und zu formen. Gerade in den späten Lebensphasen ist dies aus Sicht der Autorin entscheidend.

Drei Kapitel umfasst der erste Teil

  1. Wendezeiten – dem eigenen Leben Gestalt geben
  2. Wachstum und Wandel im späteren Leben
  3. Unser Körper im Wandel.

Hier zeigt die Autorin insbesondere auf, das nicht nur ältere, sondern auch alte Menschen ihr Leben und ihre Lebensmuster beeinflussen und gestalten können. Für Kummer steht das vor allem im Zusammenhang damit, dass sich grundsätzlich die landläufigen Vorstellungen davon, wie wir Altern definieren und wie Menschen mit ihrer Körperlichkeit umgehen, beeinflussen lassen.

Schwerpunkt des ersten Kapitels sind die Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen, die sich aus dem Älterwerden ergeben können. Sie zeigt auf, welche Herausforderungen sich aus den Wendezeiten in der zweiten Lebenshälfte ergeben, aber auch wie Resilienz gestärkt und Zuversicht entwickelt werden kann und das eigene Potenzial umfassend und nachhaltig in den eigenen Entwicklungsprozess eingebracht werden kann, und dabei alle Ebenen der Persönlichkeit einbezogen werden können.

Kapitel zwei stellt dazu entsprechende Konzepte und Methoden vor. Die Autorin lädt zu einem veränderten Blick auf das bisher gelebte Leben ein. Es werden aktuelle Forschungsergebnisse der Neurobiologie präsentiert und das Lebensphasen- und Reifekonzept von Stanley Kelemean eingeführt. Dabei geht es darum: „...dass wir unsere Verhaltensmöglichkeiten differenzieren lernen, um ein reiches persönliches Verhaltensrepertoire zu entwickeln sowie neue Persönlichkeitsschichten aus uns herauszuformen.“ (57). Eine wichtige Rolle nimmt in diesem Kapitel auch die Auseinandersetzung mit Träumen ein, die nach Erfahrung der Autorin häufig einen Übergang in Lebensphasen ankündigen und neue Perspektiven aufzeigen.

Übergänge in neue Lebensphasen werden – so Kummer – oft von Krisen begleitet werden: „Einige dieser Übergänge merken wir kaum, andere sind so schwierig, dass sie kaum zu bewältigen scheinen und zu tiefen Krisen führen, die jedoch meist eine Chance darstellen, das Leben umzuformen und neu zu gestalten. Wichtig ist das Vertrauen auf all die Kompetenzen und Ressourcen, die in den früheren Lebensphasen gewonnen wurden.“ (104).

Im dritten Kapitel legt die Autorin den Fokus vor allem darauf, zu einer Überwindung des Trennungsmodells zwischen Körper auf der einen Seite und Seele und Geist auf der anderen zu kommen. Dabei geht es zunächst um grundsätzliche Ausführungen zum körperlichen Niederschlag der Wendezeiten des Alterns, zugleich jedoch auch um die aktive Gestaltung dieses Prozesses aus einer bestimmten Haltung heraus, die sich z. B. in Wertschätzung dem eigenen Körper gegenüber, einem sorgfältigen und wohlwollenden Umgang damit, also den eigenen Grenzen, aber auch Ressourcen und Empowerment ausdrückt.

Zum zweiten Teil

Im zweiten Teil stehen vorrangig einzelne Lebensbereiche und deren Gestaltung im Prozess des Älterwerdens im Mittelpunkt: Beziehungsgestaltung – Generationendialoge – Lebensaufgabe Beruf. Das abschließende Kapitel befasst sich mit den letzten Lebensphasen.

Hier setzen drei weitere Kapitel folgende Akzente:

  1. Das eigene Beziehungsnetz weben und pflegen
  2. Berufsgestaltung und Übergang ins nachberufliche Leben
  3. Das Endliche und Umfassende.

Im vierten Kapitel nimmt die Autorin die Pflege bzw. den Erhalt oder Aus- bzw. Umbau des Beziehungsnetzes in den Blick. Sie stellt theoretische Überlegungen an den Anfang und nimmt dabei u. a. Bezug auf Blaise Pascal, Alfred Adler, Martin Buber und Gerald Hüther. Sie führt an einzelnen Fallbeispielen aus, welche Aspekte des Beziehungsnetzes in dieser Lebensphase besonders bedeutsam sin und was bei deren Gestaltung relevant ist. Dabei betont sie, dass es weniger altersbedingte Grenzen gibt als Menschen glauben – sowohl beruflich wie privat (174). Ausführlich erörtert wird auch das Thema Partnerschaft und Sexualität im Alter. Dazu führt die Autorin u. a. aus: „Neue Perspektiven des eigenen Erlebens können sich auftun: Vertiefung, Zentrierung, aber auch Intensivierung. Das gelingt jedoch nur, wenn Frauen und Männer bereit sind, sich auf den unsicheren, den schmerzlichen Gefühlen auszusetzen, ihre wertenden Muster wahrzunehmen und sie immer wieder auch abzubauen, ohne Hader mit ihrem wiederkehrenden Auftauchen. Es ist ein anspruchsvoller Prozess, überkommene, wertend-vergleichende Muster gerade in Wendezeiten aufzulösen, in der die Gesellschaft sie einem so überdeutlich zuschreibt.“ (188).

Zwei weitere Schwerpunkte in diesem Kapitel nehmen (lebens-)lange Freundschaften und die Herkunftsfamilie als Ressourcen in den Blick.

Das fünfte Kapitel richtet den Blick auf die Berufsgestaltung und den Übergang in die nachberufliche Lebensphase.

Konzeptuell und methodisch steht in diesem Buch die Verbindung zwischen dem Lebensstilkonzept der Individualpsychologie nach Alfred Adler und dem »Formativen Konzept« des amerikanischen Forschers und Therapeuten Stanley Keleman. Dieses Modell geht von einer somatisch-emotionalen und mentalen Einheit des Menschen aus. Aufgrund dieses Verständnisses, so Kelemans Modell, ist es möglich, ererbte und erlernte Muster zu überwinden: „Anstatt von unseren Mustern oder von Einflüssen des Umfeldes gelebt zu werden, gestalten wir unser eigenes Leben, indem wir auf uns Einfluss nehmen.“ (323) (Hervorhebung im Original)

Besonders bedeutsam in Kelemans Theorie ist die Vorstellung, dass in jedem Menschen ein „eingeborener Drang nach Wachstum“ (324) wirkt ebenso wie das Konzept der Entwicklung des sogenannten „zweiten Erwachsenen“ (324), „der eine Vertiefung und Ausdifferenzierung des ersten Erwachsenen darstellt“ (324). Es wird auch eine sehr enge Verbindung zwischen der Verhaltensdimension und der Anatomie hergestellt: „Anatomische Struktur ist Verhalten. Anatomie ist etwas Lebendiges – eine lebendige Struktur und nicht etwas Statisches.“ (324, Hervorhebung im Original). Dazu bietet das Formative Konzept entsprechende Übungen an, z. B. eine Wie-Übung oder Verkörperungsübung.

Diskussion und Fazit

Irène Kummer möchte nach eigenen Aussagen mit ihrem Buch „diejenigen Personen erreichen, die daran interessiert sind, neue persönliche Erfahrungen und Lebensmuster zu kreieren. Ein befriedigendes Leben geschieht nicht irgendwie – es braucht eine lebendige Vision, die sich aus den Erfahrungen mit der eigenen Persönlichkeit ergibt. Und so braucht es auch ein persönliches Engagement, sich auf den eigenen formenden Prozess in den späteren Lebensphasen einzulassen und den damit verbundenen Einsatz nicht zu scheuen. Die Auseinandersetzung mit früheren Wendezeiten und die Entscheidung, nicht vom Leben gelebt zu werden, sondern sich selber aktiv zu beeinflussen, vermögen den Umgang mit den späteren Lebensphasen fruchtbar und befriedigend zu machen.“ (13, Hervorhebung im Original)

Irené Kummer gibt dazu in ihrem Buch zahlreiche Anregungen, stellt Fälle aus ihrem therapeutischen Alltag vor, erzählt Geschichten und trägt Gedichte vor, die inspirieren und zum eigenen Reflektieren anregen, lädt zu Übungen und Gedankenreisen ein. Leser*innen, die mit dem oben formulierten Anspruch an die Lektüre herangehen, werden sicherlich nicht enttäuscht werden von diesem stärkenden, ermutigenden und ästhetisch sehr ansprechendem Buch.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 01.06.2016 zu: Irène Kummer: Wandlungen. Aufbruch in die Jahre 50 plus. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-85737-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20330.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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