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Gerhard Gäbler, Roland Steidl (Hrsg.): Soziale Strategien für morgen

Cover Gerhard Gäbler, Roland Steidl (Hrsg.): Soziale Strategien für morgen. Ein Plädoyer für die Menschenwürde. Otto Müller Verlag GmbH (Salzburg) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-7013-1236-8. D: 25,00 EUR, A: 25,00 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Wie wird unsere reiche Gesellschaft ihrer Verantwortung für all jene gerecht, die in Not geraten, verarmen, mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben müssen, die seelische Krisen durchmachen oder auf der Flucht vor lebensbedrohlichen Ereignissen sind, fragen die Herausgeber dieses Bandes. Sie werfen einen kritischen Blick auf aktuelle Entwicklungen im Bereich Sozialer Arbeit.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Publikationen über Soziale Dienstleistungen in Österreich sind rar. Deshalb ist das Erscheinen des vorliegenden Sammelbands durchaus bemerkenswert. Die Herausgeber und auch ein Großteil der Autoren kommen aus dem Umfeld der Diakonie Österreich. Gerhard Gäbler war lange Jahre Rektor des größten Diakonischen Werks in Österreich, Roland Steidl ebendort im Bildungsbereich beschäftigt.

Der Band blickt kritisch auf Entwicklungen der Ökonomisierung und Technisierung unserer Gesellschaft und will auf deren Auswirkungen auf den Bereich sozialer Dienstleistungen hinweisen.

Aufbau und Inhalt

Ein erster Abschnitt stellt Herausforderungen dar. „Ist mehr Armut ein Naturgesetz“ fragt Martin Schenk. Er stellt die Armutsentwicklung der letzten Jahre in Österreich dar und arbeitet Stärken und Schwächen des österreichischen Sozialstaats heraus, wirft aber auch einen Blick auf Entwicklungen im europäischen und globalen Umfeld. Einen historischen Rückblick zum Umgang mit dem Alter bringt Daniela Palk in ihrem Beitrag zur Herausforderung durch den demokratischen Wandel, und beschäftigt sich dann mit aktuellen Diskussionen zum Zusammenleben der Generationen und der Suche nach neuen Formen des Umgangs mit Pflegebedürftigkeit. Unausweichlich ist das Thema Asyl/Migration, wobei Josef Kiesenhofer zunächst die Stufen schildert, die ein Asylwerber in Österreich durchläuft, um dann die Situation vor dem Hintergrund des „neoliberalen Paradigmas“ zu deuten. Der folgende Beitrag von Ruth Strauch-Lintschnig zum Thema Sozialausbildungen beginnt mit thesenhaften Formulierungen zu antagonistischen Themenstellungen wie „Bildung versus Ausbildung“, um dann grundsätzliche Erwägungen zu einer Pädagogik im Sozialbereich zu bringen. Der Wandel der Herausforderungen im Bereich der Behindertenhilfe wird anhand eines Gesprächs mit zwei langjährig beruflich in diesem Bereich tätigen Personen dargestellt.

Mit Reflexionen ist der zweite Abschnitt überschrieben. Zunächst setzt sich Renate Schernus kritisch mit dem Thema Qualitätsmanagement auseinander, wobei sie einen „ökonomischen Qualitätsbegriff“ als „Gefährdung des zwischenmenschlichen Umgangs“ anprangert. Josef Scharinger, Vorstandsmitglied des Diakoniewerks Gallneukirchen und der Unternehmensberater Franz Auinger bemühen sich aufzuzeigen, mit welchen betriebswirtschaftlichen Instrumenten es gelingen kann, das Spannungsfeld zwischen Sozialarbeit und Ökonomie so zu gestalten, „dass daraus ein zukunftsfähiges Ganzes entsteht“. Vielleicht bewusst dialektisch gedacht folgt darauf eine wilde Polemik gegen das Eindringen betriebswirtschaftlicher Sprache in den Sozialbereich. Thomas Erlach, Betriebsratsvorsitzender eines Sozialvereins, demaskiert es als Eindringen neoliberalen Gedankenguts, das er in die Nähe des Faschismus rückt, und betont die desaströsen Auswirkungen auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auf differenziertere Weise nähert sich Cornelia Coenen-Marx dem Thema der Motivation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angesichts aktueller Entwicklungen im Bereich Sozialer Dienstleistungen. Wie kann die Beziehungsqualität angesichts von gesellschaftlichen Tendenzen der Beschleunigung aufrechterhalten werden, ist eine ihrer Fragen. Mit vielen praktischen Erfahrungen aus der Behindertenarbeit gesättigt ist der anschließende Beitrag von Dieter Fischer zum „Abenteuer, Menschen zu betreuen und zu begleiten, die sich selbst nicht ‚forthelfen‘ können“. Seine feinsinnigen Ausführungen weisen insbesondere auf das Unplanbare und wenig Steuerbare hin, und fordern zu Sensibilität für den konkreten Menschen auf.

Mit Ethik und Menschenwürde setzt sich der dritte Abschnitt auseinander. Der Theologe Ulrich H.J.Körner reflektiert über Inklusion, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aus Sicht einer diakonischen Ethik. Beeindruckend der Beitrag von Günther Trübswasser zum Thema Menschenwürde aus der Perspektive von Menschen mit Beeinträchtigungen. Anhand von Erinnerungen an seine eigene Kindheit zeigt er eindrucksvoll auf, wie demütigend ein von Fürsorge und Wohltätigkeit geprägter Zugang ist, wie notwendig es ist, Menschenwürde mit Rechtsansprüchen zu verknüpfen. Abschließend erstellt Roland Steidl eine kritische Zeitdiagnose aus philosophischer Sicht, anknüpfend an Martin Bubers These „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.

Der vierte Abschnitt ist dem Thema Gesellschaft – Politik gewidmet. Der Journalist Gerald Mandlbauer analysiert die Präsenz sozialer Themen in den Medien. Der Marktforscher Werner Beutelmeyer stellt Umfrageergebnisse zur Sicht der Österreicher auf Sozialstaat und Soziale Probleme vor. Am Abschluss des Bandes steht Gerhard Gäblers kritische Analyse der aktuellen Situation sozialer Dienstleistungen, er stellt „Thesen für ein zukünftiges Wirken der sozialen Institution“ vor.

Diskussion

Der Band bietet einen Einblick in die kontroverse Stimmungslage in der österreichischen Sozialszene. Von einer pragmatischen Nutzung von Methoden des Sozialmanagements bis zu deren Verteufelung als neoliberale Kolonialisierung des Sozialen reicht die Spannweite. Gibt es eine Vermittlung zwischen diesen Positionen? Im vorliegenden Band ist sie nicht sichtbar.

Breiten Raum nehmen Reflexionen aus philosophischer und theologischer Sicht ein, wobei meist eine Rückkoppelung an Erfahrungen aus der Praxis sozialer Dienstleistungen spürbar wird.

Diskussionswürdig erscheint der Titel des Bandes „Soziale Strategien für Morgen“. Im Wesentlichen handelt es sich um kritische Zeitdiagnosen, die sich um das Thema Menschenwürde ranken. Dieter Fischer sieht in seinem Beitrag strategisches Denken im Umfeld der Behindertenarbeit sogar prinzipiell kritisch. Am ehesten wird der abschließende Beitrag von Gerhard Gäbler dem Titel gerecht.

Fazit

Die Autoren nehmen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen kritisch in den Blick, die sie mit den Begriffen Ökonomisierung und Technisierung kennzeichnen. Diese Entwicklungen haben aus ihrer Sicht negative Auswirkungen sowohl auf die Nutzer sozialer Dienstleistungen als auch auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Feld. Es braucht mehr Solidarität und Kooperation der Dienstleistungsanbieter, um Kostenträger, Politik und Verwaltung immer wieder auf das Thema der gefährdeten Menschenwürde aufmerksam zu machen.


Rezension von
Prof. Dr. Markus Lehner
Leiter des Departements Gesundheits-, Sozial- und Public Management der FH Oberösterreich, Fakultät für Gesundheit und Soziales
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Zitiervorschlag
Markus Lehner. Rezension vom 29.03.2016 zu: Gerhard Gäbler, Roland Steidl (Hrsg.): Soziale Strategien für morgen. Ein Plädoyer für die Menschenwürde. Otto Müller Verlag GmbH (Salzburg) 2016. ISBN 978-3-7013-1236-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20337.php, Datum des Zugriffs 03.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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