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Tabea Siekmann: Sexualerziehung und gesundheitliche Aufklärung für Mädchen und junge Frauen

Cover Tabea Siekmann: Sexualerziehung und gesundheitliche Aufklärung für Mädchen und junge Frauen. Springer (Berlin) 2015. 143 Seiten. ISBN 978-3-662-48600-9. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band ist als Manual konzipiert und aufgebaut, um (ausschließlich) weibliche Personen grundlegend aufzuklären.

Entstehungshintergrund

Tabea Siekmann erläutert im Vorwort, dass das Manual die Verschriftlichung einer Gruppentherapie darstellt, die sie als Ärztin einer geschlossenen Jugendlichenakutstation entwickelte.

Aufbau und Inhalt

Das Manual besteht im grundlegenden Aufbau aus Einleitung (Kapitel 1, S. 1-5, zwei Teilen (einem theoretischen, einem praktischen), einem Serviceteil und dem Stichwortverzeichnis.

Im Vorwort wird sowohl auf den Entstehungshintergrund verwiesen, als auch auf den Mehrwert, der sich durch die Nutzung des Buches ergeben soll. Sie erläutert zudem Ziel des Manuals und die Aufgaben der AnleiterInnen. So ist das Manual (offenbar) ausschließlich für den Einsatz durch Therapeuten u.ä. Berufsgruppen gedacht.

Im ersten Kapitel wird neben den Zielen auch die Anwendung des Manuals erläutert. Darin werden (mehr oder weniger didaktisch nachdrücklich) Hinweise zum Einsatz gegeben, die selbstverständlich sind und nicht hätten extra aufgeführt werden müssen.

Innerhalb des ersten theoretischen Teils sind elf Kapitel enthalten zu folgenden Themen.

Kapitel 2 erläutert die Veränderungen des weiblichen Körpers in der Pubertät (S. 9-13). Darin wird zu Beginn eine kurze Einführung gegeben, kurz der Unterschied zwischen primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen skizziert und in einem längeren Abschnitt über die Auswirkungen der Hormone referiert. Zudem wird knapp auf die gynäkologische Erstuntersuchung verwiesen.

Kapitel 3 widmet sich dem Bereich der Hygiene (S. 15-17). Darin wird sowohl auf Hygienemaßnahmen verwiesen, die sich eher auf allgemeine Bereiche beziehen (z.B. alle zwei Tage zu duschen), als auch speziell auf Hygienemaßnahmen während der Menstruation. Die zwei einzigen hier dargestellten Maßnahmen zum Auffangen des Menstruationsbluts sind Binden und Tampons.

Kapitel 4 erklärt die weibliche Anatomie und den weiblichen Zyklus (S. 19-28). Neben den äußeren und inneren Geschlechtsorganen werden ebenfalls die Brüste aufgeführt. Zwei schematische Abbildungen ergänzen die Ausführungen, wobei nicht erkennbar wird, welcher Quelle die Abbildungen entnommen wurden. Im Abschnitt zum weiblichen Zyklus wird vorrangig auf die Eireifungsphasen eingegangen, woran sich ein kurzer Abschnitt zu Zyklusstörungen anschließt. Für interessierte Leser werden im Anschluss ausführliche Informationen dargeboten.

Kapitel 5 klärt über sexuelle Identität und Toleranz auf (S. 31-33). Darin wird über sexuelle Orientierungen ebenso informiert wie über rechtliche Hintergründe, verweist aber deutlich auf Problematiken von Diskriminierungen.

Kapitel 6 legt den Bereich Gefühle und Beziehung dar (S. 35-38). Darin wird über Verliebtheit als auch über Normen und Werte informiert, die zum Teil stark konservativ anmuten: „Bevor eine Beziehung eingegangen wird, sollten sich die Personen zunächst richtig kennenlernen. Bevor sich die Jugendliche mit jemandem einlässt, sollte die Frage geklärt sein, ob das Gegenüber es ernst mit ihr meint“ (S. 37). Ausschließlich implizit wird hier auf Ausnutzen / Nötigen, Erpressen etc. eingegangen.

Kapitel 7 gibt Informationen zum Thema Geschlechtsverkehr (S. 39-41). Darin werden sowohl verschiedene Formen differenziert als auch Verhaltensregeln gegeben.

Kapitel 8 stellt Grundlagen der Verhütung vor (S. 43-65). Darin werden hormonelle Kontrazeptiva ausführlich und differenziert dargestellt, der PEARL-Index, mechanische und chemische Kontrazeptiva (z.B. Kondome), aber auch Sterilisation und natürliche Verhütungsmethoden.

Kapitel 9 beschäftigt sich mit den Thema Schwangerschaft und Geburt (S. 67-78).

Im Kapitel 10 wird auf das Thema Schwangerschaftsabbruch verwiesen (S. 79-82).

Daran schließt sich das Thema sexuell übertragbarer Krankheiten an, das im 11. Kapitel behandelt wird (S. 83-91).

Im 12. Kapitel stehen Notfallsituationen und Kontaktadressen im Mittelpunkt (S. 93-95).

Das 13. Kapitel eröffnet zugleich den praktischen Teil. Darin werden die 11 thematisch vorher diskutierten Themen didaktisch aufbereitet und als Einzelsitzung vorgestellt (S. 99-111).

Kapitel 14 enthält ausschließlich Materialien (z.B. den Vertrag, aber auch 19 Arbeitsblätter für die 11 Sitzungen). Das Stichwortverzeichnis auf den Seiten 146-147 beschließt den Band.

Diskussion

Schon im Vorwort klingt an, was sich durch das gesamte Manual zieht: eine deutliche heteronormative Auffassung: zum einen bleibt grundsätzlich unklar, warum durch die Verwendung der generischen maskulinen Form die Lesbarkeit erhöht wird (und das bei einem Buch, das ausschließlich für die Benutzung bei Mädchen und Frauen angedacht ist). Zum anderen bleibt unverständlich, warum das Buch sich ausschließlich an Frauen richtet – ist doch hinlänglich aus Wissenschaft und Praxis bekannt (und bestätigt), dass gerade Jungen große Wissensdefizite in der Kenntnis weiblicher Körper und seinen geschlechtlichen / reproduktiven / sexuellen Funktionen aufweisen.

In der Einleitung werden zum Teil nebensächliche, überflüssige bzw. selbstverständliche Hinweise gegeben (z.B. als Tipp ausgewiesen: Wahren Sie professionelle Distanz und erzählen Sie keine privaten Details/Anekdoten, S. 4), die vermutlich mehr über die Einstellung der Autorin Auskunft geben als dass es sich um sachdienliche Hinweise handelt: Das Wahren professioneller Distanz sollte sowohl in medizinischen wie pädagogischen / erziehungswissenschaftlichen Professionen selbstverständlich sein. Es mutet äußerst unprofessionell an, solche Ratschläge a) überhaupt zu geben und b) sie auch noch als Extra-Tipp zu verpacken.

Kapitel 3 legt Hygienemaßnahmen sowohl allgemeiner Art als auch speziell während der Menstruation dar. Unverständlich bleibt hier, warum Menstruationstassen nicht angesprochen werden. Eine Begründung für die Exklusion erfolgt ebenfalls nicht. Dieser Ausschluss einer Maßnahme, die für viele Jugendliche heute essentiell erscheinen, schränkt jedoch die Aussagekraft erheblich ein.

Im 5. Kapitel wird zwar im Titel auf sexuelle Orientierungen rekurriert, dennoch wird dann ausschließlich auf Homo-, Hetero- und Bisexualität verwiesen. Völlig unverständlich bleibt hier, warum im Kapiteltitel auf sexuelle Identität verwiesen wird, dieser Anspruch aber überhaupt nicht eingelöst wird. So wird über sexuelle Identität jenseits der (heteronormativen) Norm nicht berichtet, im angeführten Praxisbeispiel zwar implizit auf Transidentität Bezug genommen, die gängige Unterscheidung (LGBTIQQ) jedoch nicht mal aufgegriffen. Hier hätte eine deutliche, gründliche und wissenschaftlich ausgerichtete Literaturrecherche bedeutend zur Qualitätsverbesserung beigetragen.

Kapitel 6 stellt das Thema Gefühle und Beziehungen in den Mittelpunkt. So wird zum einen auf das Gefühl der Verliebtheit eingegangen, jedoch erfolgen immer wieder (nur notdürftig getarnt) Warnungen vor vorschnell eingegangene sexuellen Beziehungen. Immer wieder wird hier darauf verwiesen, dass die Jugendlichen Gefahren nicht einschätzen könnten bzw. sich zu sexuellen Handlungen hinreißen lassen, deren Tragweite sie nicht abschätzen können. Dies scheint aber generell auf Menschen zuzutreffen (und beileibe nicht ein Alleinstellungsmerkmal von Jugendlichen in geschlossenen Akutstationen zu sein). Die hier als Orientierungshilfe gegebenen Fragen muten bestenfalls naiv an (z.B. „Steht die Person zu mir“ oder „Kann ich der Person vertrauen?“ – es scheint ja wohl eher zu den Grunderfahrungen menschlichen Soziallebens zu gehören, von Menschen auch enttäuscht zu werden – oder wird hier implizit davon ausgegangen, dass nur Jugendliche Fehler machen und Erwachsene fehlerfrei sind? Und dürfen sexuelle Beziehungen tatsächlich erst eingegangen werden, wenn richtiges Kennenlernen erfolgte. Wer beurteilt dann „richtig“?

Kapitel 7 beinhaltet neben verschiedenen Formen des Geschlechtsverkehres (genauer: Vorformen) zu wenig essentielle Informationen. So wird zwar auf weitere Techniken eingegangen, auf Details wird aber verzichtet – zu vermuten bleibt aber, dass gerade Detailwissen hier hilfreich ist (und sich ggf. aus anderen Informationsquellen besorgt wird). Zudem setzt sich unter SexualwissenschaftlerInnen eher der Begriff Solosexualität durch als Onanie – da hätte die Autorin gründlicher recherchieren können (und müssen).

Fazit

Das Buch löst den angesprochenen Anspruch nicht ein. Neben der erkennbar heteronormativen Ausrichtung bleiben unzureichende Informationen (z.B. das völlige Fehlen von Verhütungsmitteln und -methoden für lesbische Jugendliche) zu bemängeln. In der vorliegenden Form ist das Buch kaum praktikabel einsetzbar.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 06.02.2018 zu: Tabea Siekmann: Sexualerziehung und gesundheitliche Aufklärung für Mädchen und junge Frauen. Springer (Berlin) 2015. ISBN 978-3-662-48600-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20344.php, Datum des Zugriffs 22.05.2018.


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