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Marcus Roth, Victoria Schönefeld u.a. (Hrsg.): Trainings- und Interventions­programme zur Förderung von Empathie

Cover Marcus Roth, Victoria Schönefeld, Tobias Altmann (Hrsg.): Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung von Empathie. Ein praxisorientiertes Kompendium. Springer (Berlin) 2015. 212 Seiten. ISBN 978-3-662-48198-1. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Aktuelle Kompetenzkataloge bleiben nicht bei fachlichen Standards stehen, sondern benennen auch emotionale Kompetenzen. Diese markieren nicht zuletzt jene Voraussetzungen in der Persönlichkeitsstruktur, die es erlauben, variable Situationen zu erfassen sowie erworbene kognitive, technische oder funktionale Kompetenzen verantwortungsvoll einzusetzen. Der Begriff „Empathie“ ist dabei in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, wird aber selten präzise definiert. In die wissenschaftliche Debatte eingeführt wurde der Begriff bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Heute besteht allgemein Einigkeit darüber, dass der Begriff aus einer kognitiven und einer affektiven Komponente besteht: Es geht um die kognitive Fähigkeit der Perspektivenübernahme und das affektive Mitfühlen. Doch ist noch längst nicht in allen Punkten geklärt, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise sich Empathie ausbildet und entwickelt. Zwischenmenschliche Interaktion – dies lässt sich sagen – spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein an der Universität Duisburg-Essen entstandenes Kompendium stellt Trainingsprogramme vor, die der Förderung von Empathie dienen sollen.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Marcus Roth ist Professor für Differentielle Psychologie an der Universität Duisburg-Essen; er forscht vor allem zu Fragen der Persönlichkeitspsychologie, Diagnostik und Entwicklung psychologischer Messverfahren. Die weiteren Mitherausgeber sind an seiner Professur als Wissenschaftliche Mitarbeiter tätig.
  • Victoria Schönefeld ist Diplompsychologin und ausgebildet in Personenzentrierten Basiskompetenzen gemäß der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie.
  • Tobias Altmann, promovierter Psychologe, ist ausgebildeter Mediator und qualifiziert in der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg.

Kontext

Der vorliegende Band versteht sich als echtes Kompendium. Geboten werden soll ein Überblick über die nach Ansicht der Herausgeber wichtigsten Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung emotionaler Kompetenzen. Zwingende Voraussetzungen für die Aufnahme in den Band waren, dass das jeweilige Programm in deutscher Sprache für die Anwender verfügbar ist und dass empirische Evaluationen zu dessen Akzeptanz oder Effizienz vorliegen.

Die Autoren und Autorinnen, welche die von ihnen entwickelten Programme vorstellen, kommen aus verschiedenen Disziplinen der Psychologie, beispielsweise der Pädagogischen, Klinischen oder Persönlichkeitspsychologie.

Aufbau

Das Kompendium besticht durch seinen stringenten Aufbau. Alle Programme und Trainings werden nach einem einheitlichen Raster vorgestellt, was die Vergleichbarkeit sehr erleichtert:

  • Zielsetzung des Programms
  • Anwendungsbereiche
  • theoretischer Hintergrund
  • Entwicklung des Programms
  • Darstellung des Programms in einer Übersicht
  • Dauer der Durchführung des Programms
  • Versionen
  • empirische Fundierung: Evaluation des Programms bezüglich Akzeptanz und Wirksamkeit
  • Bewertung und Stellenwert des Programms in der Praxis bei und von den Anwendern
  • Bezugsquelle
  • zitierte Literatur

Vorgestellt werden insgesamt dreizehn Programme, die sich sowohl auf das Kindes- und Jugendalter als auch das Erwachsenenalter beziehen. Deren Darstellungen werden gerahmt durch eine kurze Einleitung der Herausgeber zum aktuellen Stand der Empathieforschung und eine Schlussbetrachtung, in welcher die Herausgeber des Bandes noch einmal deutlich machen, welche inhaltliche Bandbreite die vorgestellten Trainingsprogramme abstecken. Ein knapp gehaltenes Sachverzeichnis rundet den Band ab.

Inhalt

Alle vorgestellten Programme gehen, wie nicht anders zu erwarten, von der Prämisse aus, dass menschliche Empathiefähigkeit durch kurzfristige Interventionen veränderbar ist. Die Programme richten sich zum einen auf Personen, bei denen ein Mangel an empathischen Fähigkeiten diagnostiziert worden ist, zum anderen auf Angehörige solcher Gruppen, beispielsweise bestimmter Berufsgruppen, die häufig mit Situationen konfrontiert sind, die Empathiefähigkeit erfordern.

Folgende Programme werden im Einzelnen vorgestellt:

  1. Das Programm „Mich und Dich verstehen“ (Michael Behr, Gernot Aich) will emotionale Kompetenzen in Schulklassen oder Kindergruppen fördern. Das an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd entwickelte Programm ist an den Bildungsplan angepasst. Verfolgt wird keine „Defizitstrategie“, vielmehr sollen die Kinder allgemein in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung gefördert werden. Geboten werden mehr als fünfzig Spiele oder Lernanlässe, mit denen die Wahrnehmung eigener Gefühle und das Einfühlungsvermögen bei Grundschulkindern systematisch gefördert werden sollen.
  2. Das Programm „Soziales Lernen in der Schule“ (Anna Haep, Gisela Steins) basiert auf Annahmen der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie. Es besteht aus zwei Teilen: einem Unterrichtsprogramm für Schüler sowie einem Programm für Lehramtsstudierende, das auf deren Reflexionsberichten aufbaut.
  3. Faustlos“ (Andreas Schick, Manfred Cierpka), ein Programm für Kindergarten und Schule, will Fähigkeiten zur gewaltfreien Problem- und Konfliktlösung aufbauen. Dahinter steckt die Annahme, dass Empathie „Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit Ärger und Wut“ (S. 41) ist.
  4. Das „Emotionstraining in der Schule“ nach Franz Petermann, Ulrike Petermann und Dennis Nitkowski zielt darauf, die Emotionsregulationsstrategien von Heranwachsenden zu verbessern. Dies kann Depression präventiv begegnen. Die Autoren berufen sich auf Studien, die davon ausgehen, dass entsprechende Präventionsmaßnahmen bereits frühzeitig vor Beginn der Pubertät ansetzen sollten, wenn sich noch kaum Angst- oder Depressionssymptome zeigen.
  5. Medienhelden“ (Herbert Scheithauer) ist ein strukturiertes und manualisiertes Programm, das der Prävention von Cybermobbing und der Förderung schützender Onlinefertigkeiten im schulischen Kontext dienen soll. Gearbeitet wird u. a. mit Kurzfilmen, Rollenspielen, Peer-to-Peer-Trainings oder Peer-to-Parent-Tutorings.
  6. Miteinander: Wie Empathie Kinder stark macht“ (Helle Jensen, Martijn van Beek) – hinter diesem Titel verbirgt sich ein Programm, das sich an pädagogische Fachkräfte richtet, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Diese sollen zunächst ihre eigene Beziehungskompetenz stärken und dann auch befähigt werden, die Übungen auch den Heranwachsenden selbst zu vermitteln.
  7. Mitfühlend leben“ (Erik van den Brink, Frits Koster) ist ein Gruppentraining, das durch den Aufbau von (Selbst-)Mitgefühl das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden verbessern will. Es kann sowohl präventiv als auch kurativ bei Personen mit akuten Gesundheitsproblemen eingesetzt werden.
  8. Mit Empathie arbeiten – gewaltfrei kommunizieren“ (Tobis Altmann, Victoria Schönefeld, Marcus Roth) nennt sich ein Programm der Herausgeber des Bandes, das sich an Angehörige sozialer Berufe in Pflege, Erziehung oder Beratung wendet. Das eigene emphatische Handeln soll verbessert werden, indem die eigenen Interaktionsmuster reflektiert und alternative, funktionale Verhaltensweisen aufgebaut werden.
  9. Während das vorstehende Programm auf die Methode Gewaltfreier Kommunikation setzt, basiert „Empathie hat jeder!“ (Kathrin Bäuerle, Katrin Nagel, Melanie Neumann) auf einer erlebnisorientierten, pragmatistisch orientierten Didaktik. Zur Zielgruppe gehören Angehörige von Gesundheitsberufen. Die Adressaten nehmen dabei eine aktive Rolle ein. Persönliche Erfahrungen werden initiiert (beispielsweise über szenisches Spiel, Literatur, Schreibtechniken oder das Photographieren), reflektiert und dann in die Praxis transformiert.
  10. EMO-TRAIN“ (Sarah Herpertz, Astrid Schütz) ist ein Interventionsprogramm zur Förderung von Empathie, Emotionswahrnehmung und -regulation, das sich an Dienstleistungsberufe und Führungskräfte richtet. Wer Emotionen bei sich besser wahrnehmen und regulieren kann, wird diese auch bei anderen besser einschätzen können.
  11. Sabine C. Koch stellt ein Programm zur Empathieförderung durch Spiegeltechnik in der Tanz- und Bewegungstherapie vor. Dieses richtet sich an schwer beeinträchtigte Patienten mit psychiatrischen, psychosomatischen oder Autismusstörungen: „Im Programm wird die eigene Körperwahrnehmung und die Stärkung der Kompetenz zur Differenzierung Selbst-Anderer als Grundlage kinästhetischer und emotionaler Empathie trainiert.“ (S. 166).
  12. Das „Partnerschaftliche Lernprogramm – EPL“ (Ann-Katrin Job, Kurt Hahlweg) will über den Weg des Kommunikationstrainings die Empathie bei Paaren fördern. Es existieren verschiedene Versionen mit sprechenden Abkürzungen, beispielsweise „Konstruktive Ehe und Kommunikation“ (KEK), „Kommunikations-Kompetenz – Training in der Paarbeziehung“ (KOMKOM) oder „Talk Talk Talk and more – Kommunikations- und Problemlösetraining für Jugendliche“.
  13. Abschließend wird ein Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS-R) vorgestellt (Bernd Wischka), das im Strafvollzug oder sozialtherapeutischen Einrichtungen zur Anwendung gelangen kann. Das Programm will helfen, eine behinderte oder stagnierende soziale Entwicklung wieder aufzunehmen.

Diskussion

Der Band bietet eine klare Fokussierung auf psychologische Programme oder Trainings der Empathieförderung und unternimmt beispielsweise keine Grenzüberschreitungen in den Bereich sozialen Lernens (zu denken wäre beispielsweise an das von Michaela Brohm in Trier entwickelte Interventionsprogramm zur Sozialkompetenzförderung). Was mit dieser klaren Schwerpunktsetzung allerdings gleichfalls unterbleibt ist eine pädagogische Einordnung oder bildungswissenschaftliche Rahmung jener Programme, die ausdrücklich für den Bereich schulischen Lernens entwickelt wurden. Inwieweit die vorgestellten Trainings genuin bildenden Charakter besitzen, wird nicht geklärt. Schulleiter oder Lehrer, die sich mit dem Band über den Markt empathiefördernder Trainingsprogramme informieren wollen, müssen eine entsprechende pädagogische Rekontextualisierung selber leisten.

Der stringente, synopsenähnliche Aufbau des Bandes ermöglicht eine sehr gute Vergleichbarkeit der vorgestellten Programme. Allerdings werden die Programme von ihren Urhebern selbst vorgestellt, auch diskutieren diese ihre empirischen Befunde selbst. Eine kritische Außensicht von dritter Seite auf die einzelnen Programme unterbleibt. Diese Entscheidung der Herausgeber müssen Leser entsprechend in Rechnung stellen, wenn sie den Band zur Hand nehmen. Vor diesem Hintergrund wäre es vermutlich sinnvoll gewesen, wenn die Herausgeber selbst ihrem Band noch eine längere Conclusio angefügt hätten.

Fazit

Der Förderung emphatischer Fähigkeiten kommt eine wichtige Bedeutung für die Stress- und Problembewältigung zu. Wer sich über die Möglichkeiten informieren will, in welchen Bereichen und mit welchen Methoden diese Fähigkeiten gefördert werden können, dem bietet der vorliegende Band eine gute, leicht zugängliche Übersicht. Der Band richtet sich an eine interessierte Fachöffentlichkeit, die bereits gewisse psychologisch-pädagogische Grundlagenkenntnisse mitbringt, setzt aber kein „Expertenwissen“ über psychologische Trainings voraus.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 15.08.2016 zu: Marcus Roth, Victoria Schönefeld, Tobias Altmann (Hrsg.): Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung von Empathie. Ein praxisorientiertes Kompendium. Springer (Berlin) 2015. ISBN 978-3-662-48198-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20345.php, Datum des Zugriffs 11.11.2019.


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