socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Katrin Reuter, David Spiegel: Psychische Belastungen bei Krebserkrankungen

Cover Katrin Reuter, David Spiegel: Psychische Belastungen bei Krebserkrankungen. Gruppentherapie nach dem supportiv-expressiven Ansatz. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. 132 Seiten. ISBN 978-3-8017-2503-7. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.

Praxis der psychodynamischen Psychotherapie, Band 9.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Zielgruppe

Die auf 12 Sitzungen angelegte Kurzzeittherapie nach dem supportiv-expressiven Ansatz für onkologische Patienten wird in diesem Manual umfassend und praxisnah dargestellt.

Das Buch richtet sich an Gruppenpsychotherapeuten und Psychoonkologen und an Therapeuten in Ausbildung. Es ist Teil der Reihe: Praxis der psychodynamischen Psychotherapie – analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Band 9).

Autorin und Autor

Katrin Reuter ist psychologische Psychotherapeutin, Psychoonkologin und Supervisorin. Sie hat den supportiv-expressiven Ansatz, der von David Spiegel in Kalifornien systematisiert und empirisch untersucht wurde, für deutsche Verhältnisse adaptiert.

Aufbau

Zunächst werden psychoonkologische Grundlagen und die klinisch-philosophischen Konzepte des bekannten Gruppentherapeuten Irvin Yalom thematisiert. Auf dessen Arbeiten zur existentiellen Psychotherapie und prozessorientierten Gruppentherapie beruht der supportiv-expressiveAnsatz (SEGT).

Im zweiten Kapitel wird die Durchführung der Gruppentherapie illustriert durch Fallbeispiele praxisnah dargestellt.

Das dritte Kapitel befasst sich mit Studien zur Wirksamkeit der supportiv-expressiven Gruppentherapie.

Im Anhang befinden sich Handreichungen für das Vorgespräch und ausgewählte Gruppensitzungen, die mit konkreten Formulierungsvorschlägen untersetzt sind.

Inhalt

In der existentiellen Psychotherapie geht es um die Klärung der Situation des Menschen in der Welt. Yalom beschreibt die existenziell unausweichlichen Bedingungen des Menschseins mit den Kategorien: Tod, Freiheit, Isolation und Sinn. In der Gruppentherapie mit Krebspatienten geht es nicht so sehr um innerpsychische Konflikte, sondern vielmehr um die mit der Krankheit einhergehenden existentiellen Fragen. Der supportiv-expressive Ansatz bezieht sich darüber hinaus auf die Wirkfaktoren der Gruppentherapie nach Yalom. Die Grundpfeiler des therapeutischen Konzeptes der SEGT bestehen darin, Unterstützung aufzubauen und Bindungen aktiv zu schaffen, die emotionale Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit zu fördern und existentielle Fragen und Anliegen zu klären. Die Behandlungsziele leiten sich aus diesen Prinzipien ab:

  • Unterstützung durch Freunde und Familie fördern
  • Arzt-Patient Beziehung stärken
  • Copingstrategien erweitern
  • Den Tod „entgiften“
  • Einen Lebensplan entwickeln
  • Bearbeitung erkrankungsbezogener Themen
  • Integration eines veränderten Körper-und Selbstbildes
  • Bearbeitung individueller Themen und
  • Verbesserung der Lebensqualität und Rückgang psychischer Belastung

Bezüglich der Gruppenzusammensetzung zeigt die Erfahrung, dass neu erkrankte und Patienten in einem fortgeschrittenen, metastasierten Stadium von getrennten Gruppen profitieren. Optimal sind 7 bis 8 TeilnehmerInnen, die von einem Therapeuten/ einer Therapeutin und einem Cotherapeuten begleitet werden.

Der in diesem Buch beschriebene Ansatz besteht aus einer geschlossenen Gruppe mit zwölf regulären Sitzungen und einem Follow-up-Termin. Die PatientInnen erhalten zunächst ein Vorgespräch, in dem – neben einer diagnostischen Abklärung – Ambivalenzen angesprochen werden und eine persönliche Zielformulierung angestrebt wird.

Die erste Sitzung dient dem Vertrauensaufbau und der Vorstellung/ dem Kennenlernen der Teilnehmer. Die SEGT legt Wert darauf, die Sitzungen miteinander zu verbinden, um den emotionalen und thematischen Gruppenprozess in Gang zu halten. Das Handeln der Therapeuten berücksichtigt drei Ebenen:

  1. den Gruppenprozess,
  2. die thematischen Inhalte und
  3. die individuelle Situation und Problemstellung der TeilnehmerInnen.

Die Arbeit im Hier und Jetzt ist ein wichtiges therapeutisches Prinzip.

Von der zweiten Sitzung an wird am Ende eine Entspannungsübung und geleitete Imagination durchgeführt.

Die vierte bis neunte Sitzung stellt die Hauptarbeitsphase dar: die TherapeutInnen halten den Fokus auf dem internalen Erleben der PatientInnen und ihren Reaktionen. Gleichzeitig wird zunehmend auf aktive Bewältigungsstrategien hingearbeitet. Die Beziehungen der PatientInnen untereinander werden gestärkt. Von der zehnten Sitzung an wird das bevorstehende Therapieende konkret angesprochen, zugleich werden Themen, die bislang noch nicht in ausreichender Tiefe angesprochen wurden, aufgegriffen. Die Ausrichtung auf die Zukunft nach Abschluss der Sitzungen erhält durch die Follow-up-Sitzung nach zwei Monaten einen Ankerpunkt.

Zur Wirksamkeit der supportiv-expressiven Gruppentherapie gibt es inzwischen zahlreiche Studien, da sich das Verfahren bereits seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als spezifischer gruppentherapeutischer Ansatz für die Psychotherapie mit Krebspatienten entwickelt hat. Da das Setting jedoch variierte und zudem die Studien unterschiedliche Zielgruppen und verschiedene Designs aufweisen, sind die Ergebnisse uneinheitlich. In dem vorliegenden Buch werden im dritten Kapitel die unterschiedlichen Studienergebnisse dargestellt.

Diskussion

Es handelt sich bei dem supportiv-expressiven Gruppentherapiekonzept um ein in Amerika schon recht lange etabliertes Verfahren, das jetzt in adaptierter Form für den deutschsprachigen Raum praxisnah dargestellt wird. Das Buch ist sehr gut verständlich und bietet einen genauen Einblick in das Verfahren. Der Ansatz wird theoretisch fundiert und in seinen Evaluationsergebnissen dargestellt. Da jedoch aus der Psychotherapie-Forschung bekannt ist, dass die Methode nur einen Teil der Varianz des Therapieerfolges ausmacht, wundert es nicht, dass die Evaluationsergebnisse uneinheitlich sind. Der Obertitel des Buches ist etwas irreführend, da es in erster Linie um den gruppentherapeutischen Ansatz geht.

Fazit

Die Darstellung des supportiv-expressiven Gruppentherapieansatzes für onkologische PatientInnen ist sehr praxisnah, zugleich gut verständlich und theoretisch fundiert. Das Verfahren beruht auf den Arbeiten von Irvin Yalom zur existentiellen Psychotherapie und prozessorientierten Gruppentherapie und verbindet unterstützende und emotionsfokussierende Prinzipien. Es handelt sich um eine Kurzintervention über zwölf Sitzungen mit einer Follow-up-Sitzung nach zwei Monaten.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
E-Mail Mailformular


Alle 120 Rezensionen von Annemarie Jost anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 29.02.2016 zu: Katrin Reuter, David Spiegel: Psychische Belastungen bei Krebserkrankungen. Gruppentherapie nach dem supportiv-expressiven Ansatz. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-8017-2503-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20347.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung