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Steffi Giersberg, Elina Touil u.a.: Alkoholabhängigkeit

Cover Steffi Giersberg, Elina Touil, Denise Kästner, Dorothea Büchtemann, Jörn Moock u.a.: Alkoholabhängigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 104 Seiten. ISBN 978-3-17-029164-5. D: 39,99 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 46,00 sFr.

Weitere Autoren: Wolfram Kawohl, Wulf Rössler. Reihe: Behandlungspfade für die ambulante Integrierte Versorgung von psychisch erkrankten Menschen hrsg. von Wulf Rössler und Jörn Moock.
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Thema

Das vorliegende Buch thematisiert die sektorenübergreifende Versorgung alkoholabhängiger Menschen. Diese werden in diesem Zusammenhang als Patienten von in erster Linie psychiatrischen Hilfeangeboten begriffen. Ziel ist es, einen evidenzbasierten Behandlungspfad in Form von Modulen zu formulieren, der den Behandlungsverlauf für die ambulante integrierte Versorgung von Patienten mit der Primärdiagnose Alkoholabhängigkeit beschreiben soll (S. 11). Behandlungspfade in dieser Lesart stellen ein Konzept des medizinischen Versorgungs- und Qualitätsmanagements dar. Sie sollen in einer eher linearen Perspektive Behandlungsverläufe sektoren- und professionsübergreifend unter den Aspekten der Effektivität und Effizienz fördern.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Mit Prof. Dr. Wulf Rössler und Dr. Jörn Moock verantworten zwei ausgewiesene Kenner der psychiatrischen Versorgungsforschung den Gesamtrahmen des mehrbändigen Werkes „Behandlungspfade für die ambulante Integrierte Versorgung von psychisch erkrankten Menschen“, dem auch der vorliegende Band „Alkoholabhängigkeit“ zugeordnet werden kann.

Die anderen Autor_innen des vorliegenden Bandes Steffi Giersberg, Elina Touil, Denise Kästner, Dorothea Büchtemann und Prof. Dr. Wolfram Kawohl sind unter anderem ebenfalls im Rahmen von gesundheitlicher oder psychiatrischer Versorgungsforschung tätig und waren innerhalb dieser Reihe teilweise auch an den anderen Bänden beteiligt.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band „Alkoholabhängigkeit“ ist Teil der Veröffentlichung eines EU finanzierten Großforschungsprojektes zur psychiatrischen Integrierten Versorgung, welches von 2009 – 2015 an der Leuphana Universtität Lüneburg unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Wulf Rössler durchgeführt wurde.

Weitere Bände im Rahmen dieser Reihe sind Behandlungspfade zu den Themen

  • „Mittelschwere und schwere unipolare Depression“,
  • „Bipolare Störungen“,
  • „Demenz“ und
  • „Schizophrenie“.

Anspruch des Projektes war es u. a. Versorgungslücken zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zur Bewältigung der Herausforderungen innerhalb des Gesundheitssystems zu entwickeln. Grundlage dieses Forschungsansatzes war eine systematische Analyse der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz in Form von Studien, Behandlungsleitlinien, Experteninterviews und Konsentierungsverfahren. Auf der Basis dieser Analysen wurden dann Module entwickelt, die für Gesundheitsplaner_innen im Modus von „Behandlungspfaden“ ein evidenzbasiertes, sektorenübergreifendes Management von Hilfeangeboten für komplexe psychiatrische Erkrankungen hier der Alkoholabhängigkeit erleichtern sollen.

Aufbau und Inhalt

Entsprechend der Funktion als ergebnisorientierter Forschungsbericht ist der Aufbau des Buches klassischerweise entsprechend angelegt und beginnt nach dem Inhaltsverzeichnis mit einem zweiseitigen Abkürzungsverzeichnis.

Danach erfolgt eine Einleitung, die einen ersten Einblick in die Versorgungsrealität für Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit gewährt.

Kapitel 2 umreißt konzise die angewandte Methodik der Untersuchung, die schon an dieser Stelle ahnen lässt, wie komplex der nachfolgende Inhalt sein dürfte.

Es folgt das Kapitel 3 über die Ergebnisse der Analyse mit den Unterpunkten

  • Versorgung allgemein
  • Behandlungsmotivation
  • Diagnostik
  • Behandlung
  • Integration in Beschäftigung
  • Angehörige
  • Kooperation und Vernetzung

Alle Kapitel sind untergliedert in die Punkte „Probleme“ und „Lösungsansätze“ und weisen an den Seitenrändern systematisch Stichworte zu den behandelten Inhalten auf, insofern ist es der Leser_in möglich sich trotz der hohen Komplexität gut zurechtzufinden.

Das Kapitel 4 beschreibt als ein weiteres zentrales Kapitel auf der Basis der zuvor geleisteten Analyse die Module zu dem Behandlungspfad, der sich nach einer Einführung in die Struktur der jeweiligen Module gliedert in

  • Aufnahme
  • Intervention
  • Krisen- und Notfallmodule
  • Kooperation und Qualitätssicherung

und pro Modul jeweils mehrere Teilmodule enthält.

Es folgt in Kapitel 5 Implementierungshinweise zu den Modulen und in Kapitel 6 ein Ausblick aus versorgungspolitischer Sicht. Das sich anschließende umfangreiche Literaturverzeichnis ermöglicht die vielfältigen Verweise nachzuvollziehen und macht erneut die Komplexität des Vorhabens deutlich.

Der Band schließt mit einem Anhang, der für diejenigen hilfreich ist, die sich z. B. tiefergehend mit der Forschungsstrategie beschäftigen wollen und leistet dabei einen nicht unerheblichen Beitrag zur weiteren Transzendierung des beschriebenen Projektes. Das Stichwortregister erleichtert schlussendlich einen schnellen Quereinstieg zu spezifischen Fragestellungen bzw. Interessen.

Das ganze Werk umfasst inkl. aller Register und Anhänge nur 104 Seiten, was einen weiteren Hinweis auf die hohe Komplexität und enorme Informationsdichte der Inhalte dieses Buches darstellt.

Diskussion

Der vorliegende Band bietet einen profunden Überblick über die Versorgungsrealität von alkoholkranken Menschen in erster Linie aus der Sicht des Gesundheitswesens und hier im besonderen Maße der Psychiatrie. Besonders beeindruckend ist die Vielzahl der gesichteten Quellen. Wenn nach der Stichwortsuche aus 2120 gefundenen Literaturhinweisen in 4 internationalen Datenbanken und Handsuche nach dem Screening der Titel und Abstracts schließlich nur 36 verwertbare Titel für die Volltextanalyse übrigbleiben, wirft dies ein interessantes Licht auf das Vorhandensein von relevanten Studien zu Versorgung von Alkoholkranken und unterstreicht die Notwendigkeit und Besonderheit des vorliegenden Unterfangens.

Besonders positiv ist hervorzuheben, dass auch auf Erfahrungswerte von Akteuren aus anderen Sektoren als dem originären Gesundheitswesen aber mit engen Schnittstellen dorthin zurückgegriffen wurde z. B. Leiter aus Suchtberatungsstellen, gesetzliche Betreuer, aber auch Patienten- und/ oder Angehörigenvertreter.

Darüber hinaus bezieht sich der Begriff der „sektorenübergreifend“ im Wesentlichen auf verschiedene Sektoren innerhalb des Gesundheitswesens. Die Beschreibung der Methodik ist sehr gut nachvollziehbar, ebenso wie die Analyse der Quellen zu den einzelnen Unterpunkten. Insbesondere letztere geben komprimiert höchst interessante Einblicke, deren Einzelheiten an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden können, um den Rahmen der Rezension nicht zu sprengen, aber dazu einladen, sich die dahinterliegenden Studien näher anzuschauen.

Die Auflistung der Module hingegen erscheint etwas unübersichtlich trotz der Einführung und grafischen Absetzung. Dies ist der Benutzung der vielen (wenn auch im umfangreichen Abkürzungsverzeichnis aufgelösten) Abkürzungen und den Querverweisen geschuldet. Die Komplexität der Darstellung allerdings liegt in der Sache selbst begründet, die mit einem linearen Konzept wie dem Behandlungspfad nur schwer einzufangen ist.

Fazit

Alles in allem ist der Band Alkoholabhängigkeit aus der Reihe „Behandlungspfade für die Integrierte Versorgung“ ein hoch interessanter Einblick in die Praxis der evidenzbasierten Versorgungsforschung und die Situation der Versorgung alkoholabhängiger Menschen. Er wird sicher und sollte seinen Platz finden bei allen an der Planung und Umsetzung der Versorgung der entsprechenden Patientengruppe beteiligten Akteuren. Darüber hinaus ist er sicherlich auch interessant für alle, die sich mit Forschung auf dem Gebiet der evidenzbasierten (Sucht-) Medizin oder der Alkoholabhängigkeit auseinandersetzen wollen und müssen.

Studierende dürften sich ohne entsprechende Einführung aufgrund der hohen Komplexität jedoch etwas schwertun, die dargestellte Materie angemessen zu durchdringen, aber von den vielen Literaturhinweisen und der den Modulen vorausgehenden Analyse profitieren.


Rezensentin
Rita Hansjürgens
M. A., Dipl. Sozialarbeiterin, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Katholische Hochschule NRW, Abt. Paderborn
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Zitiervorschlag
Rita Hansjürgens. Rezension vom 24.03.2016 zu: Steffi Giersberg, Elina Touil, Denise Kästner, Dorothea Büchtemann, Jörn Moock u.a.: Alkoholabhängigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-029164-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20350.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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