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Dirk Baier, Christian Pfeiffer: Representative Studies on Victimisation

Cover Dirk Baier, Christian Pfeiffer: Representative Studies on Victimisation. Research Findings from Germany. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 308 Seiten. ISBN 978-3-8487-2984-5. D: 73,00 EUR, A: 75,10 EUR, CH: 105,00 sFr.
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Thema

Das Buch zielt auf eine internationale Rezeption. Primäres Ziel jedes Beitrags ist es, auf empirischer Grundlage einen deskriptiven Überblick über opferbezogene Sachverhalte zu geben. Es geht bis auf zwei Ausnahmen um repräsentative, quantitative deutsche Studien zu Opferwerdungen mit sehr großen Stichproben von beispielsweise ca. 7500 (16-40jährige Deutsche) Personen aus der Bevölkerung, 20.000 PolizeibeamtInnen oder gar 45.000 SchülerInnen. Der Beitrag von Höynck & Zähringer analysiert sogar sämtliche Fälle aus den Jahren 1997-2006. Ähnliches gilt im Grunde auch für die Sekundäranalyse der polizeilichen Kriminalstatistik durch Hanslmaier & Baier. Obwohl hier fast immer Querschnittdaten genutzt werden, sind zuweilen doch Vergleiche mit Vorläuferstudien möglich, mithin Trends aufzeigbar. Während in den USA und auch im Vereinigten Königreich regelmäßig Opferbefragungen durchgeführt werden und damit u.a. analysiert werden kann, welche Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Viktimisierungsrisiko aufweisen und welche Faktoren dafür verantwortlich sind, fehlt eine entsprechende staatliche Initiative in Deutschland.

Herausgeber und weitere AutorInnen

Dr. Dirk Baier und Prof. Dr. Christian Pfeiffer sind Mitarbeiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen e.V. (KFN) in Hannover. Christian Pfeiffer ist ehemaliger Justizminister von Niedersachsen und war lange Jahre Direktor des KFN. Das KFN (englisch CRLS) versteht sich als Mittler zwischen wissenschaftlicher kriminologischer Forschung, PraktikerInnen und politischen Entscheidungsträgern und möchte zu einer rationalen evidenzbasierten Kriminalpolitik beitragen.

Die weiteren AutorInnen sind allesamt mit dem KFN eng verbunden bzw. waren ehemalige Mitarbeitende.:

  • Michael Hanslmaier (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am KFN),
  • Prof. Dr. Stefanie Kemme (Professorin an der Akademie der Polizei in Hamburg),
  • Dr. Susann Prätor (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kriminologischen Dienst Niedersachsen),
  • Dr. Lena Posch (Rechtspsychologin),
  • Dr. Steffen Bieneck (Consultant),
  • Karoline Ellrich (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am KFN),
  • Bettina Zietlow (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am KFN),
  • Prof. Dr. Theresia Höynck (Professorin an der Universität Kassel),
  • Dr. Ulrike Zähringer (Geschäftsführerin der DVJJ),
  • Sandra Fernau (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am KFN) und
  • Dr. Bettina Doering (Landespräventionsrat Niedersachsen)

Aufbau

Das Buch in englischer Sprache – zugleich Band 48 der Schriftenreihe „Interdisziplinäre Beiträge zur kriminologischen Forschung“ – umfasst nach einer Einleitung (S. 7-11) elf weitere Beiträge und ist in die folgenden vier Teile gegliedert:

  1. Official Crime Statistics (ein Beitrag S. 15-36),
  2. What People Think about Crime and What They Really Experience (drei Beiträge S. 39-138),
  3. Findings on Special Groups (fünf Beiträge S. 141-250) sowie
  4. Consequences of Victimisation (zwei Beiträge S. 253-308).

Zu Teil 1 Official Crime Statistics

Der Aufsatz „Crime in Germany as Reflected in the Police Crime Statistics“ von Baier & Hanslmaier bietet einen guten Einstieg. Er informiert einerseits über die Konstruktion der polizeilichen Kriminalstatistik und ihre Änderungen sowie über alternative Verfahren, sich ein Bild über die Kriminalitätslage zu machen und andererseits über einige wichtige inhaltliche Aspekte. So verbreitet sich eine Kultur der Gewaltlosigkeit und es gibt im Norden Deutschlands eine höhere Anzeigebereitschaft als im Süden. Als interessante Nebeninformation ist eingestreut, dass sich die Anzahl der PolizeibeamtInnen, die in der großen Mehrzahl aller Kriminalfälle ermitteln [1], zwischen 1964 und 2005 von 210 auf 325 pro 100.000 Einwohner erhöht hat, ein wichtiges Faktum in Zeiten, in denen ständig über Personalmangel in der Polizei geklagt wird. Nicht so einfach nachzuvollziehen ist, warum die Autoren Wirtschafts- und Drogenstraftaten als „opferlose Delikte“ bezeichnen. Auch der Versuch einer Projektion der Kriminalstatistik bis ins Jahr 2030, in dem danach ca. 400.000 Täter weniger in Erscheinung treten werden (vgl. dazu auch Hanslmaier, Kemme, Stoll & Baier: Kriminalität im Jahr 2020. Erklärung und Prognose registrierter Kriminalität in Zeiten demografischen Wandels. Springer 2013) wirft eher Fragen auf.

Zu Teil 2 What People Think about Crime and What They Really Experience

Baier, Hanslmaier und Kemme streichen in ihrem Beitrag „Public Perceptions of Crime“ heraus, dass Kriminalität ein Mediensubjekt ist. Im Fernsehen ist beispielsweise die Sendedauer von 15,4 Std täglich (1985) auf 239,2 Std. (2009) angestiegen! Mehr als 7500 Personen, die grundsätzlich an Befragungen teilnehmen („access panel“), wurden in drei Wellen zwischen 2004 und 2010 schriftlich befragt. Kriminalität wird grundsätzlich erheblich überschätzt. Dabei wird die Wahrnehmung allerdings nicht so sehr durch eine direkte Opferwerdung beeinflusst, sondern durch die Medienberichterstattung bzw. den Medienkonsum. Eine gewisse punitive Grundtendenz wiederum sorgt dafür, dass sich Menschen bestimmten Medien und Medienberichten zuwenden, z.B. Delikte gegen Kinder, die medial herausgestrichen werden, stärker wahrnehmen.

Opferwerdungen durch physische Gewalt sind in der Adoleszenz gemäß Baier und Prätor („Adolescents as Victims of Violence“) sehr weit verbreitet: mindestens jede sechste Person (Neuntklässler, ca. 15 Jahre alt) berichtete davon, Gewaltopfer durch Körperverletzung, Raub oder Erpressung geworden zu sein. Dabei führen ca. 20% der Körperverletzungen zu einer stationären Krankenhausbehandlung. Diese Zahlen betreffen aber eine Altersgruppe, die sowohl als Täter als auch als Opfer stärker in Erscheinung tritt als andere. Im Zeitvergleich zeigt sich ein Rückgang der Gewalt, insbesondere innerhalb der Familie. Auch wird Gewalt zunehmend weniger akzeptiert, was möglicherweise mit schulischen Präventionsprogrammen zusammenhängt. Während die Opferzahlen in der polizeilichen Kriminalstatistik ansteigen, zeigt sich in der selbstberichteten Opferwerdung ein sinkender bis gleichbleibender Trend, d.h. die Sensitivität scheint angestiegen zu sein. Die Autoren schließen daraus, dass die Trends in der PKS mit größter Vorsicht zu interpretieren sind. U.a. weil die Anzeigebereitschaft je nach Täter-Opfer-Beziehung bzw. Status/sozialer Distanz sehr unterschiedlich ausfällt. Für Opferwerdungen durch Sexualdelikte zeigt sich trotz des erheblichen Anstiegs der Anzeigen nach wie vor eines der größten Dunkelfelder. Hier sind die Täter erheblich älter und stammen meist aus dem familiären Umfeld. Die Lebensqualität („well-being“) wird durch Opferwerdungen erheblich beeinträchtigt, z.T. auch das Selbstwertgefühl. Die Autoren sprechen vom doppelten Teufelskreis der Opferwerdung: diejenigen, die Opfer waren, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, erneut Opfer zu werden, aber auch zum Täter zu werden. Die Frage der Resilienz aufgeworfen, denn manche Opfer kommen aus Kreislauf heraus. Diese Studie über Gewaltdelikte fand erhebliche Unterschiede nach Regionen und auch nach Schulen. Vorgeschlagen wird künftig zu untersuchen, wovon die Anzeigebereitschaft abhängt, insbesondere, ob das Verhältnis der Betroffenen zur Polizei dabei eine Rolle spielt. Außerdem fehlten vergleichbare Studien zu Eigentumsdelikten und vor allem zum „Bullying“ als eher psychischer und besonders medienvermittelter Form von Gewalt.

Im Beitrag von Lena Posch und Steffen Bieneck geht es um sexuelle Viktimisierungen von Kindern und Heranwachsenden. International wird – bei großen Unterschieden zwischen einzelnen Studien – seit den frühen 1990er Jahren ein Rückgang berichtet. Es fehlen Selbstberichtsdaten und die Evaluation der Auswirkungen von Präventionskampagnen. Diese scheinen in Verbindung mit dem Verbot elterlicher Züchtigung erfolgreich zu sein. Hier werden Ergebnisse einer Befragung von über 9000 Deutschen zwischen 16 und 40 Jahren aus dem Jahre 2011 ausgewertet. Es geht es um eine Replikation der Studie von Wetzels (1997), deren Daten 1992 erhoben wurden. Die Viktimisierungsraten sind im Zeitvergleich erheblich gesunken, auch innerhalb der Studie geben die Älteren deutlich höhere Viktimisierungsquoten in ihrer Jugend an als die jüngeren Befragten. Die Anzeigequote liegt nur bei ca. 14%, was wenig überrascht, da mehr als 50% der Täter aus dem familiären Umfeld stammen. Fremde werden etwas häufiger angezeigt, begehen aber tendenziell weniger schwerwiegende Delikte (z.B. Exhibitonismus im Vergleich zur sexuellen Penetration). Die Anzeigebereitschaft ist in jüngeren Gruppen höher. Es gibt keine statistisch signifikanten Genderdifferenzen. Da die innerfamiliären Übergriffe zurückgehen, kommt es insgesamt zu einem Rückgang der sexuellen Opferwerdungen. Es verschiebt sich gleichzeitig die Relation zwischen Tätern aus dem Nahfeld und Fremden.

Zu Teil 3 Findings on Special Groups

Die Beiträge von Karoline Ellrich und Dirk Baier einerseits („Police Officers as Victims of Violence: Findings of a Germany-wide Survey“) und Bettina Zietlow andererseits („Violence Against Police Officers: The Victims´ Perspective“) behandeln PolizeibeamtInnen als Opfer. Diese reagieren auf gewalttätige Angriffe nicht anders als andere Menschen auch, nämlich individuell sehr unterschiedlich. Wichtig ist allerdings, ob eine Viktimisierung relativ allein (tendenziell erschwerend) oder während eines größeren Einsatzes erlebt wurde. Ein unterstützendes Umfeld und Möglichkeiten, die Opferwerdung aufzuarbeiten sind hilfreich für die Wiederherstellung sowohl des persönlichen Gleichgewichts als auch der Arbeitsfähigkeit. Dazu gehören auch die Reaktionen von KollegInnen, die gegebenenfalls den Stress erhöhen können. Diese Erkenntnisse aus Zietlows von der Polizeigewerkschaft finanzierten Studie gehen aus 35 Interviews mit PolizistInnen hervor, die in Folge eines Angriffs krankgeschrieben wurden (zwei Ausnahmen). Ellrich und Baier berichten über eine Online-Befragung von fast 21.000 PolizeibeamtInnen aus dem Jahre 2010, die zeigt, dass diese häufig insbesondere verbaler Gewalt und leichteren Formen körperlicher Angriffe ausgesetzt sind. Eine von acht PolizistInnen hat in einem Fünfjahreszeitraum jedoch auch Gewalt erlebt, die zu einer anschließenden Krankschreibung führte. Ursächlich dafür war meist ein alkoholisierter, männlicher jüngerer Einzeltäter. Dabei traf es körperlich groß gewachsene junge männliche Beamte mit Migrationshintergrund eher, außerdem StreifenbeamtInnen und Mitglieder besonderer Einheiten, d.h. das Opferrisiko für Beamtinnen und Ältere war geringer. Einen für die Polizei gefährlichen Kontext stellt die häusliche Gewalt dar. Aufgrund der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Betroffenheit fragen sich die Autoren, ob dafür eine stärkere Hemmung, gegenüber Beamtinnen Gewalt einzusetzen oder größere soziale Kompetenzen in Konfliktsituationen seitens der Frauen verantwortlich sind und daraus entsprechende Rückschlüsse auf die Ausbildung gezogen werden können. Zu diesem Aspekt liefern die Daten jedoch keinen Aufschluss.

Steffen Bieneck und Dirk Baier widmen sich dem Thema „Victimisation and perpetration among Prison Inmates“. Grundlage ist eine in 48 Gefängnissen in fünf Bundesländern durchgeführte KFN-Fragebogen-Studie (18 Sprachen) mit 5983 hauptsächlich männlichen Erwachsenen, von denen 26,6% als ImmigrantInnen gewertet werden (die größte Gruppe stammt aus der früheren UdSSR, danach stehen „Polen“ vor „Türken“). Gewalt im Gefängnis ist speziell für jüngere Altersgruppen ein Thema und führt zur Meidung bestimmter Orte. Subkulturen bilden sich nach ethnischen Kategorien: Afrikaner werden Opfer, Ex-Jugoslawen, Russen und Polen treten eher als Täter hervor.

Theresia Höynck und Ulrike Zähringer analysieren alle 507 Gerichtsakten der Tötungsdelikte an unter 6jährigen Kindern in Deutschland („Homicide of Children“) im Zeitraum 1997-2006. Es handelt sich um ein sehr heterogenes Phänomen, für das deshalb neun Untergruppen gebildet werden, darunter auch einige Fälle, in denen unklar blieb, ob es sich überhaupt um ein Tötungsdelikt handelte. Das größte Risiko haben Kinder unmittelbar nach der Geburt – immerhin 38,5% wurden innerhalb der ersten 24 Stunden ihres Lebens überwiegend durch die Mutter getötet. Lediglich bei den Tötungen infolge von Misshandlung – mit fast 25% der zweithäufigsten Tötungskategorie – wurde ein signifikanter Geschlechterunterschied der Opfer festgestellt: 65% der Kinder waren männlich. Die Täter sind mit Ausnahme der Tötungen unmittelbar nach der Geburt überwiegend männlich und dabei sind die biologischen Väter dreimal so häufig vertreten wie die sozialen Väter (Partner der Mutter).

Sandra Fernau hat sich im Rahmen einer laufenden qualitativen Studie (bisher 13 Interviews mit Opfern) mit Fällen des sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche befasst. Alle Taten liegen sehr lange zurück und einige Opfer haben jahrzehntelang nicht einmal mit engsten Angehörigen darüber gesprochen. Die Autorin arbeitet fünf Gemeinsamkeiten heraus: Furcht vor Stigmatisierung, Selbstbeschuldigung, Herunterspielen des Sachverhalts, Religionsneutralisations-Strategie und die religiöse Interpretation als Gottesprüfung. Es ist zu hoffen, dass alsbald weitere Ergebnisse vorgelegt werden.

Zu Teil 4 Consequences of Victimisation

Der Beitrag „Victimisation, Fear of Crime and Life Satisfaction“ von Hanslmaier, Kemme & Baier befasst sich mit den langfristigen Folgen von Viktimisierungen, die sich grundsätzlich negativ auf Gesundheit und Lebensqualität auswirken, im Detail aber doch komplex und widersprüchlich erscheinen und nach Viktimisierungsarten erheblich unterscheiden. So findet sich auch ein Ergebnis, dass größere Furcht zu geringerer Opferwerdung führt, wahrscheinlich weil die Betroffenen Risiken von vornherein meiden. Anhaltspunkte für ein sogenanntes posttraumatisches Wachstum werden nicht benannt. Datengrundlage ist dasselbe Panel, das bereits im ersten Beitrag dieses AutorInnenteams zugrunde lag mit „traumhaften“ Rücklaufquoten zwischen 64 und 86 Prozent.

Im Beitrag „How Violent Victimisation Affects Moral Cognitions, Moral Emotions and Moral Motivation“ von Doering & Baier geht es um die Neigung, aufgrund schwach ausgebildeter Moral und geringer Selbstkontrolle Straftaten zu begehen, also eher eine täterbezogene Perspektive, die kognitive, emotionale und motivationale Komponenten in den Blick nimmt. Nach einer Opferwerdung könnte die betreffende Person von Unbekannten eher Feindseligkeit erwarten oder weniger empathisch sein. In sehr elaborierter Weise werden Skalen beschrieben und Messergebnisse vorgestellt, um fünf Hypothesen an einer Stichprobe von knapp 3000 NeuntklässlerInnen aus dem Emsland zu überprüfen. Diese Region bietet besonders gute Bedingungen des Aufwachsens, z.B. eine relativ niedrige Rate von gewaltsamen Opferwerdungen. Entsprechend beunruhigen muss, dass diejenigen, die z.B. trotzdem durch elterliche Gewalt Opfer werden, auch außerhalb ihres Elternhauses stärker betroffen sind. Sie zeigen auch eine statistisch signifikant höhere Bereitschaft Risiken einzugehen. Dieses und die befürwortende Einstellung zur Gewalt – beides eher männliche Eigenschaften – führen wiederum zu eigenen Tatbegehungen. Opferwerdungen untergraben nicht generell die persönliche Moral und eine hohe Moral und Empathie führen dazu, nicht zum Täter zu werden.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Werk ist für Deutschland einzigartig und damit wertvoll. Allgemein geben alle Artikel einen guten Einblick in den Stand der bisherigen Forschung, auch wenn einmal ein Vorhaben fehlt. Außerdem wird recht detailliert über methodische Fragen informiert.

  • Teil 1 bringt wenig Neues, sieht man einmal von der auch von den Autoren selbst als eher wagemutig eingeschätzten Prognose ab. Trotzdem bietet dieses Kapitel eine gute Grundlage und zeigt auf, wo Grenzen der Erkenntnis ohne Opferbefragungen liegen.
  • Teil 2 dürfte die größte Leserschaft finden, da es um die Rolle der Medien, sexuelle Gewalt und Erfahrungen der nachwachsenden Generation geht, uns also gewissermaßen alle betrifft.
  • Teil 3 ist bereits mit „spezifischen Gruppen“ betitelt und für Polizeiangehörige, Strafgefangene bzw. Verantwortliche für den Strafvollzug von großem Interesse. Die praktische Relevanz für Betroffene des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker dürfte begrenzt sein. Ob die Ergebnisse der Tötungen von Kindern tatsächlich medial und in der Politik rezipiert werden, halte ich für fraglich, wäre aber sehr wünschenswert.
  • Zu Teil 4 gibt es eine längere, allerdings eher qualitativ dominierte Forschungstradition. Die hier vorgestellten quantitativen Studien bereichern in ihrer Spezifik dieses Feld und schließen gut an bestehende Erkenntnisse an.

Die Intention, die viktimologischen Forschungen des KFN vorzustellen, ist gerade im Hinblick auf eine rationalere Kriminalpolitik lobenswert. Das Werk wendet sich dabei eher an Spezialisten, da der Schreibstil wissenschaftlich-nüchtern ist und in mehreren Beiträgen recht hohe methodologische Vorkenntnisse voraussetzt. Ich würde mir wünschen, dass JournalistInnen und politische Entscheidungsträger sowie Studierende in Disziplinen, die mit Opfern in Kontakt kommen – wie die Soziale Arbeit, Medizin, Psychologie und Therapie – sich in Inhalte vertiefen, da noch immer einerseits viele Opfer unnötig sekundär viktimisiert werden, andererseits aber auch Opferangaben zuweilen zu Fehlurteilen und großem Leid auf Seiten vermeintlicher Täter führen (vgl. z.B. jüngst Max Steller: Nichts als die Wahrheit? Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann. 2. Aufl. München: Heyne Verl. 2015). Der Preis 79 € dürfte auf individuelle LeserInnen eher abschreckend wirken.


[1] Die Fußnote 1 (Fußnoten sollten in diesem Buch unbedingt zur Kenntnis genommen werden!) informiert darüber, dass lediglich 17% aller Ermittlungsverfahren von der Staatsanwaltschaft initiiert werden und dann gegebenenfalls keinen Eingang in die polizeiliche Statistik finden.


Rezension von
Prof. Dr. Otmar Hagemann
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Zitiervorschlag
Otmar Hagemann. Rezension vom 31.08.2016 zu: Dirk Baier, Christian Pfeiffer: Representative Studies on Victimisation. Research Findings from Germany. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2984-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20351.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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