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Thomas Grosse, Lisa Niederreiter u.a. (Hrsg.): Inklusion und Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit

Cover Thomas Grosse, Lisa Niederreiter, Helene Skladny (Hrsg.): Inklusion und Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3315-1. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Im Zentrum des vorliegenden Buches steht die Diskussion von Inklusion und deren Realisierungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Aus unterschiedlichen Bereichen der Ästhetischen Bildung innerhalb der Sozialen Arbeit (Bildende Kunst, Theater, Musik, Neue Medien und Sprache) werden Herangehensweisen, Perspektiven und Definitionen von Inklusion erörtert. Anhand konkreter Projekt- und Praxisberichte erfolgen vielfache Blicke auf praktizierte Modelle sowie die Diskussion der Strukturen und Bedingungen als wesentliche Voraussetzung für inklusive Praxis. Dieser Diskurs erfolgt hier nicht nur am Beispiel Schule, sondern bezieht sich auf viele soziale Berufsfelder, in denen Vielfalt in Form von lebens- und situationsbezogenen Angeboten meist schon praktizierter Lebensalltag ist, bedingt durch die Existenz von sehr heterogenen Gruppen. Die HerausgeberInnen verbinden damit den Wunsch und die Hoffnung, „dass sich aus den Beiträgen ein entsprechend vielfältiges und inspirierendes Bild der Inklusionschancen in Deutschland herauslesen lässt“ (S. 10).

Das Buch richtet sich an alle in sozialen Arbeitsbereichen Tätigen, insbesondere an Lehrende und Studierende der Sozialarbeit, der Sozialpädagogik und verwandter Berufsgruppen. Es richtet sich aber auch an von Exklusion betroffene Personen, deren Angehörige und FreundInnen, die insbesondere durch die praxisorientierten Beiträge Anregungen und Argumentationshilfen bekommen sollen.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die HerausgeberInnen sind ProfessorInnen an Hochschulen und Fachhochschule im Bereich Ästhetische Kommunikation und Ästhetische Bildung und unter anderem Mitglieder im Bundesarbeitskreis Kultur-Ästhetik-Medien (BAKÄM). Die Einzelbeiträge stammen zusätzlich von AutorInnen, die einerseits auch zum Großteil als ProfessorInnen an Hochschulen zu verschiedenen ästhetischen, sozialen und soziologischen Bereichen lehren, die andererseits aber auch eine bunte Palette beruflicher Hintergründe und Aktionsfelder aufweisen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch knüpft an einige jüngere Veröffentlichungen zur Ästhetischen Praxis und zu künstlerisch-ästhetischen Methoden in der Sozialen Arbeit an. Mit einem Verweis auf die Bedeutung des Themenbereichs Kultur – Ästhetik – Medien als wichtige Säule innerhalb der Ausbildung und Alltagspraxis der Sozialen Arbeit steht hier in diesem Zusammenhang das Thema Inklusion im Mittelpunkt. Die Beiträge in diesem Buch bauen auf bisherigen Erkenntnissen und Erfahrungen vielfältiger Verbindungen von Kunst und Sozialer Arbeit auf, die u.a. zeigen, wie künstlerische Projekte wie Offene Ateliers, Theaterwerkstätten, usw. integrative Ermöglichungsräume schaffen und wie beispielsweise die Freude am Gestalten, an Musik, am Schauspiel etc. die Lebensqualität zu steigern vermag. Die vorliegenden Buchbeiträge zeigen, wie die vielfältigen Formen ästhetischer Bildung kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und somit zum Gelingen inklusiver Lebenspraxis beitragen.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Das Buch enthält neben einer in den Aufbau und die Einzelbeiträge einführenden Einleitung zwölf Einzelbeiträge. Darin werden aus unterschiedlichen Perspektiven inklusive Arbeitsansätze und Praxisprojekte Sozialer Arbeit in den Bereichen Kunst, Musik, Sprache, Medien und Theater vorgestellt und diskutiert. Eine zentrale Fragestellung stellt die Klammer zwischen den Beiträgen dar: Wie lässt sich Inklusion im Sinne der 2009 in Deutschland in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention in der jeweiligen ästhetischen Praxis realisieren und welche Konsequenzen für das professionelle Handeln folgen daraus? Oder eine Formulierung von Boban/Hinz aufgreifend, die Krieger in seinem Beitrag zitiert: Wie können die drei Teilaufgaben zur Umsetzung des Leitziels Inklusion in sozialen Handlungsfeldern umgesetzt werden, nämlich „inklusive Strukturen etablieren – inklusive Praktiken entwickeln – inklusive Kulturen schaffen“? (S. 41). Den Beiträgen liegt dabei ein erweitertes Inklusionsverständnis zugrunde, das Dannenbeck so formuliert: Wie lassen sich Teilhabeoptionen und Teilhabebarrieren durch Soziale Arbeit entwickeln, verändern und verschieben? (S 22)

Die Beiträge thematisieren solche Fragestellungen im Feld der Schule (Beitrag von Döttinger / Hollenbach), aus musikpädagogischem und musikalischem Blickwinkel im Feld von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund (Beitrag von Krieger) sowie für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen (Beitrag von Josties mit einem Exkurs von Thomas / Klinger sowie der Beitrag von Dorrance und Meyberg zum spielerischen Arbeiten mit einem Rhythmusinstrument aus dem Baskenland, dem Txalaparta), im Feld von demenziell veränderten Menschen (Beitrag von Hartogh und eine Projektbeschreibung von Skladny), aus theaterpädagogischen Sichtweisen und systemischer Perspektive (Beitrag von Miller) und aus dem Blickwinkel der Theaterarbeit mit Menschen mit und ohne Behinderungen (Beitrag von Hentschel), im Bereich der Ausbildung von pädagogischen Fachkräften für die Praxis in einer kulturheterogenen Gesellschaft mit besonderer Perspektive auf eine außerunterrichtliche Sprachförderung (Beitrag von Barboza), im Bereich des barrierefreien Zugangs zu Neuen Medien (Beitrag von Röll) und nicht zuletzt der Beitrag von Niederreiter zum Künstlerischen Forschen im Outsider-Kontext. Ein grundsätzlicher Aufruf zu einer anhaltenden theoretisch fundierten Reflexionsbereitschaft hinsichtlich der Mechanismen von Inklusion und Exklusion steht zu Beginn der Beiträge (Beitrag von Dannenbeck)

Exemplarisch seien ein paar inhaltliche Aspekte herausgegriffen, die das Interesse an der vertiefenden Lektüre wecken mögen:

Sinnigerweise beginnt der Reigen der Beiträge u.a. mit der Thematisierung von Inklusion im schulischen Kontext, also an jenem Ort, auf den sich die nicht ganz emotionsfreien Debatten zur Inklusion bislang in erster Linie beziehen. In einer detaillierten Analyse machen Döttinger und Hollenbach auf die in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabte Praxis der Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sowie auf das Fehlen bundeseinheitlicher Diagnosestandards aufmerksam. Dennoch werden im Ländervergleich gestiegene Förderquoten und unveränderte Exklusionsquoten festgestellt und diskutiert. Der Hinweis auf die drohende Verfestigung der Einteilung von Schülern in Gruppen mit und ohne Behinderung und die unveränderte Separierung von Kindern mit Förderschulbedarf vom Regelschulsystem zeigt die Schwierigkeit, eine an Separation gewohnte Gesellschaft umzugewöhnen. Zugleich beleben Döttinger und Hollenbach mit ihren Ausführungen die Erinnerung an die Verpflichtung zu einem „inklusiven Bildungssystem“. Dabei geht es nicht um die Integration von ein paar separierten Gruppen, sondern darum „Lernbarrieren zu reduzieren und Unterschiede im Lernen nicht als Problem, sondern als Chance und Herausforderung zu begreifen“ (S.27). Inklusion wird somit nicht als fertiger Zustand, sondern als Prozess definiert. Dies lässt sich zugleich als Grundstein für alle Sozialen Bereiche sehen, als grundlegendes humanes Prinzip für alle Lebensbereiche und Lebensalter.

Auf einBeispiel gelebter Inklusion“ (S. 129) verweist Hentschel in ihrem Beitrag zur künstlerischen Praxis in Bethel. Seit den Anfängen anno 1983 werden in der Arbeit mit Musik, Theater und Performance eigene Wege mit und von Menschen mit Behinderungen entwickelt und erprobt. Inklusives Handeln und Denken werden hier als „das gelebte Miteinander heterogener und sich als heterogen verstehender Menschen mit ihren verschiedenen Fähigkeiten und Bedürfnissen“ (S.129) sichtbar, begleitet von konzeptionellen Überprüfungen der Arbeitsweisen in Fachtagungen und Forschungszirkeln. Basis des Beitrags ist eine Auseinandersetzung mit dem „Modus der Gabe“, ein Ansatz, der auf Mauss zurückgeht und im Rahmen des Forschungsprojekts „Konzepte der Gabe in der Gegenwartskunst“ als Bezugsrahmen gesetzt wird. Die sozialphilosophischen Konzeptionen des Gabentheorems mit ihrem Akzent auf Austausch, Wechselseitigkeit und soziale Bindung werden als Kriterium gelingender Kommunikation im künstlerischen Projekt skizziert. Anhand konkreter Vorgehensweisen und Projekte in Bethel wie beispielweise die Verschreibungen oder das Volxtheater wird die Theaterwerkstatt Bethel als ein Ort des Gebens, des Nehmens und des Weitergebens im Sinne der Gabentheorie und Gabenökonomie beschrieben. Es entsteht ein Erfahrungsraum, in dem in Anlehnung an Mauss „der Reichtum menschlicher Vielfalt zirkuliert, vermehrt und verzehrt wird und immer wieder neu entsteht.“ (S. 148)

Eine interessante und bislang einzigartige Vorgehensweise beschreibt Niederreiter in ihrem Beitrag zu künstlerischem Forschen und zur künstlerischen Resonanz im Outsider-Kontext. Erstmals wird in der Arbeit mit beeinträchtigten Kunstschaffenden die Methode des künstlerischen Forschens und der künstlerischen Resonanz systematisch eingesetzt und mit einem Residenzmodell kombiniert. Zwei künstlerische Leiterinnen und ein externer „Outsider“ arbeiten in zwei Kunst-Workshops mit vier „psychiatrischen Patienten“ mit langjährigen chronischen Verläufen einer Schizophrenie zusammen. Es geht um ein künstlerisch-forschendes Reagieren auf Kunstwerke, mit deren Urheber die teilnehmenden Kunstschaffenden eine ähnliche Form der Ausgrenzung und eine ähnliche Lebenswelt teilen. Ort des Geschehens ist der öffentliche Ausstellungsraum im Kunsthaus Kannen, ein Museum für Outsiderkunst, auf dem Gelände des Alexianer Krankenhauses, in dem diese vier Teilnehmer leben. Dieses Pilotprojekt wird von Niederreiter sehr differenziert kontextualisiert und mehrdimensional, sich auf qualitative Forschungsinstrumente stützend evaluiert sowie anhand von zahlreichen Bildbeispielen und Bildprozessen veranschaulicht. Darin zeigt sich u.a., dass das künstlerische Forschen in Erweiterung der rezeptiven kunsttherapeutischen und kunstpädagogischen Methoden zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Anderen und damit zu vertieften Aneignungsprozessen in der eigenen künstlerischen Arbeit und zu (Selbst-)Bildungsprozessen führt. In diesem Beitrag kommen aber auch jene Momente zur Sprache, die Niederreiter in den theoretischen Konzepten manchmal vermisst, die aber in der Praxis von Bedeutung sind. Es geht um die „Verstörung“ und die Irritationen, die durch Begegnungen mit körperlich, seelisch und intellektuell beeinträchtigten Menschen mitunter ausgelöst werden und um die Berücksichtigung der Kraft, des Interesses und des Assistenzbedarfs, die in solchen Kooperationen wichtiger Teil des Lebensalltags sind.

Dass eine künstlerische Weiterbegleitung nach diesen Workshops aus der Ferne via neue Medien u.a. daran scheiterte, dass keiner der Teilnehmer über einen Zugang zum PC bzw. über eine eigene email-Adresse verfügte, verweist auf die Themeninhalte des Beitrags von Röll. Sein Interesse gilt der Frage der Teilhabeungerechtigkeit am Zugang zu digitalen Medien, die heute den kommunikativen Code in der Gesellschaft bestimmen. Die Frage, inwieweit alle, auch behinderte Menschen an der digitalen Kommunikationskultur teilnehmen und die in diesen Medien liegenden „Potenziale zur Erweiterung der Kommunikationsfähigkeit“ (S 233) nutzen können, führt ihn zu den sozialen Faktoren des Digital Divide. Sich auf Bourdieu berufend sieht Röll in den Debatten rund um Digital Divide und Digital Gap Inklusionsdebatten. Mit Hinweisen auf viele Initiativen und Projekte informiert er in seinem Beitrag zur aktuellen Entwicklung der Schaffung von barrierefreier Informationstechnik für beeinträchtige Menschen, um ihnen bessere Chancen zu gesellschaftlicher Kommunikation und Teilhabe zu ermöglichen.

„Ästhetische Infantilisierung“ und „Ästhetische Umgebungsqualitäten“ sind interessante Aspekte, die Skladny in ihrer Projektbeschreibung zweier kooperierender Seminare von Studierenden aufgreift. In diesem Projekt lassen sich Studierende behutsam und fotografisch in die Lebenswelt von Demenz Betroffenen und deren Angehörigen ein und bereiten einen gemeinsamen Museumsbesuch zur Betrachtung freier Gegenwartskunst vor, führen ihn durch und werten ihn aus. Die Erfahrungen zeigen, dass Kunst in mehrfacher Hinsicht zur Inklusion Demenzbetroffener beitragen kann. Erlebte Qualitäten des Kunstbetrachtens, die Wirkung von Kunst und Ästhetik auf Menschen mit Demenz werden anhand von Beispielen beschrieben und vor dem Hintergrund sonst erfahrener ästhetischer Infantilisierung nachvollziehbar. In Anlehnung an Radvansky betrachtet Skladny die Infantilisierung Demenzbetroffener, die ein verbreitetes Phänomen ist, als folgenreiche Wirklichkeitskonstruktion. Insbesondere im ästhetischen Bereich ähneln Förder- und Aktivierungsübungen für Menschen mit Demenz oft sehr einer bestimmten Form von „kindgerechten“ Frühförderprogrammen. Die Thesen, dass Alzheimer eine zusätzliche Sensitivität und Offenheit gegenüber den Künsten bringe und dass Menschen mit Demenz unkonventioneller und moderner auf bildende Kunst reagieren, konnten in diesem Projekt bestätigt werden. Gründe mögen in der Fähigkeit eines unmittelbaren, spontanen und sinnlichen Eingehens liegen, da die Kunst Zugangs- und Austauschformen bietet, die nicht zwingend und ausschließlich auf kognitivem Wissen basieren. Ähnliches ist in der Lebensraumgestaltung von Demenzpatienten zu beobachten, die oftmals den Kinder-bzw. Kleinkindstatus unterstützen. Böhme zitierend verweist Skladny auf die ästhetische Dimension, die zu einem menschenwürdigen Dasein gehöre, und dass Umgebungsqualitäten für das Befinden eines Menschen (mit) verantwortlich seien. Dies kann sich sowohl auf die Gestaltung der Lebensräume als auch die Beziehungs- und Umgangsqualitäten beziehen, die untrennbar zusammen gehören.

Als letztes in der Auswahl seien Erfahrungen mit barrierefreiem gemeinsamem Musizieren genannt. Im Beitrag von Dorrance und Meyberg wird das Beispiel eines gemeinsamen improvisatorischen Musizierens auf dem Txalaparta, einem Rhythmusinstrument aus dem Baskenland, für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen beschrieben. Hohe Konzentration und kommunikative Präsenz, das Sicherheit und Orientierung vermittelnde Teilen von Spielregeln und eines zeitlich und örtlich fixierten Rahmens sind Aspekte, die ein Gefühl des Miteinanders und des Erlebens des Eigenanteils am gemeinsamen Rhythmus gleichzeitig erlebbar machen. Dies kann eine wichtige Facette inklusiver Praxis bedeuten.

Diskussion

Durch alle Beiträge zieht sich ein starkes Votum für „eine Kultur der Vielfalt“ (Titel des Beitrags von Hentschel, S. 129), eine wichtige Voraussetzung zur Realisierung eines inklusiven Bildungssystems. Dass das hier nicht nur eine theoretische Forderung bleibt, sondern durch Beispiele gelebter Inklusionskonzepte und -projekte anschaulich wird, sehe ich als besondere Qualität des vorliegenden Buchs mit seinen Beiträgen aus den unterschiedlichen sozialen Handlungsfeldern. In einem weiten Spektrum findet sich dabei der Blick auf bereits lang gelebte inklusive Praxis z.B. in der Theaterarbeit in Bethel (Beitrag von Hentschel), die dort schon Lebensalltag war, lange bevor dieser Begriff die sozialpädagogische Landschaft erreicht hat bis hin zu einem beispielhaften Einblick in eine besondere und sehr einzigartige Vorgehensweise, die Niederreiter in ihrem Beitrag zum Künstlerischen Forschen beschreibt und reflektiert.

Durch die Beiträge im Buch wird die Inklusionsdebatte aus dem schulischen Feld hinausgeführt, hinein in viele soziale Bereiche, in denen insbesondere die Künste und verschiedene Formen der ästhetischen Bildung als Chance kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe sichtbar werden. Aufgrund konkreter reflektierter Praxisbeispiele werden solche Formen der Teilhabe anschaulich und nachvollziehbar. In diesen Reflexionen zeigen sich viele Facetten einer erweiterten Debatte inklusiver Lebenspraxis, innerhalb der zentrale Diskussionsfäden zur Inklusion aufgegriffen und innerhalb der jeweiligen Praxisbereiche weiter differenziert werden. Ein solch erweitertes Inklusionsverständnis hinterfragt den Begriff der Normalität und die daraus resultierenden Selektions- und Ausgrenzungsmechanismen aufgrund von soziokultureller Herkunft und Hintergrund, Alters- und Geschlechtszugehörigkeit, sexueller Orientierung usw.

An manchen Stellen im Buch stellt sich während der Lektüre die Frage, inwieweit nicht auch Sprache bzw. Sprachcodes eine exklusionsfördernde Wirkung haben können. Zusätzlich stellt sich die Frage, inwieweit ein solcher Sprachcode auch zu Sprachgewohnheiten führt, die nicht immer nur dem Lektüregewinn dienen. Dazu zählen beispielsweise eine Vorliebe zu systematischen Aufzählungen in Unterpunkten, aber auch manchmal sehr bemühte Verbindungen um theoretische Bezugnahmen zu den zitierten Praxiserfahrungen. Dass in den meisten Beiträgen eine Diskussion des Inklusionsbegriffs erfolgt und dies eine in der Einleitung angesprochene Redundanz beinhalten könnte, diese Gefahr ist durch die facettenreichen Debatten weniger gegeben. Sie zeigt sich eher dort, wo die Debatten zu sehr ausschließlich im Bereich von theoretischen Forderungen geführt werden.

Vielfalt als kostbare Ressource (S. 199): Diese spiegelt sich in den Beiträgen und soll mit nachfolgendem Zitat noch einmal unterstrichen werden. Sie zeigt sich aber auch in der Fülle von Modellprojekten und Initiativen, auf die hier in den Beiträgen verwiesen wird, die auch für interessierte Angehörige hilfreich sein können.

„Inklusion basiert also auf einem Menschenbild, das die ausschließliche Normorientierung unserer Gesellschaft am Gesunden und Vollhandlungsfähigen aufhebt und die Unterschiedlichkeit der einzelnen Menschen als zum Menschsein notwendig zugehörig und damit als Variante von Normalität begreift. Verschiedenheit wird dabei als eine Bereicherung des menschlichen Lebens und des Zusammenlebens der Menschen gewertet“ (Markowetz in Hentschel S. 133)

Fazit

Der oben zitierte Wunsch der HerausgeberInnen, dass sich in den Beiträgen die vielfältigen Inklusionschancen zeigen mögen, ist m.E. in Erfüllung gegangen. Insbesondere die Beiträge, die sich direkt auf reflektierte Praxis- und Projektarbeiten beziehen, bieten eine gute Möglichkeit den gelebten Umgang mit Vielfalt wahrzunehmen. Dass eine solche Vielfalt insbesondere in künstlerisch-ästhetischen Vorgehensweisen erlebbar und damit die kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe ganz konkret ermöglicht wird, wird hier durch eine interessante Auswahl von Vorgehensweisen und Projekten sichtbar. In der Öffnung der Inklusionsdebatte hin zu den künstlerisch-ästhetischen Formen inklusiver Lebenspraxis in unterschiedlichsten Arbeitsfeldern im sozialen Bereich erweitern sie den Inklusionsbegriff sinnlich konkret und wirken inspirierend. Ebenso wird die theoretische Diskussion zu Inklusion und Exklusion, zu Integration und Assimilation aus unterschiedlichen Perspektiven weitergeführt. Inkludierende Praxis als „Teilhabe an einer Kultur des wertschätzenden, differenztoleranten und -thematisierenden Austauschs“ wird hier verstehbar (S. 42).


Rezensentin
Prof. Dr. Christine Mechler-Schönach
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Zitiervorschlag
Christine Mechler-Schönach. Rezension vom 15.09.2016 zu: Thomas Grosse, Lisa Niederreiter, Helene Skladny (Hrsg.): Inklusion und Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3315-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20357.php, Datum des Zugriffs 17.07.2019.


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