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Tim Tjettmers, Tim Henning: Grundbildung im Strafvollzug

Cover Tim Tjettmers, Tim Henning: Grundbildung im Strafvollzug. Bedarfe, Bedingungen und Ziele. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-5601-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Das Buch handelt von Anstrengungen zur Alphabetisierung Gefangener im Strafvollzug, insbesondere dem Projekt RAUS (Resozialisierung durch Alphabetisierung und Übergangsmanagement für Straffällige). Die Autoren verwenden im Titel ihres Werkes den Begriff der ‚Grundbildung‘, der sich vielfach durchsetze, auch wenn seine Bedeutung in Abgrenzung zu dem der Alphabetisierung noch nicht vollständig geklärt sei (S. 12 ff.). Ob sie ihrem Anliegen, das Thema entsprechend seiner Wichtigkeit bekannter zu machen, mit dem in der Alltagssprache nicht entsprechend verknüpften Begriff näherkommen, darf allerdings mit Blick auf ein Publikum, dem das Thema neu genug ist, um diesen Fachterminus noch nicht zu kennen, bezweifelt werden.

Tatsächlich ist jedoch das Thema Analphabetismus von ganz erheblicher Bedeutung für den Strafvollzug, weshalb es sich bei dem Buch um ein mit 100 Seiten nur kleines, aber dennoch beachtenswertes Werk handelt. Diese Bedeutung ergibt sich zum einen aus der ganz erheblichen Überrepräsentation von Analphabetisierten im Strafvollzug im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, die auf das erheblich erhöhte Inhaftierungsrisiko von Personen verweist, die sich in unterdurchschnittlichem Maß schriftsprachlich auszudrücken in der Lage sind. Zugleich stellt der Strafvollzug jedoch paradoxerweise einen gesellschaftlichen Bereich dar, in dem die Notwendigkeit, sich schriftlich artikulieren zu können, weit überdurchschnittlich ausgeprägt ist. Dies zeigt sich bereits an dem Erfordernis, oftmals selbst für alltägliche Kleinigkeiten einen schriftlichen Antrag ausfüllen zu müssen. Die Probleme potenzieren sich, will man Rechtsschutz gegen Entscheidungen der Anstalt suchen, denn ein Antrag auf gerichtliche Entscheidung muss in deutscher Sprache schriftlich gestellt werden. Zwar besteht alternativ die Möglichkeit, ihn zur Niederschrift der Geschäftsstelle des Gerichts zu diktieren (§ 112 Abs. 1 StVollzG mit bundesweiter Fortgeltung), dies setzt jedoch voraus, sich als schriftunkundig zu erkennen zu geben. In einer Vielzahl vollzuglicher Alltagssituationen führt reiner oder funktionaler Analphabetismus zu Benachteiligung und besonderer Vulnerabilität. Dazu gehört auch die Tatsache, dass besondere Schutz- und Präventionskonzepte vielfach gerade auf schriftliche Information von Gefangenen setzen (vgl. zum Ganzen Gabriele Klocke (2007): Fremdsprachigkeit und Analphabetismus als strukturelle Gefährdungsmerkmale in Gewahrsamssituationen, in: Deutsches Institut für Menschenrechte (Hrsg.), Prävention von Folter und Misshandlung in Deutschland, Baden-Baden: Nomos Verlag, S. 71-91).

Autoren und Entstehungshintergrund

Die Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung und berichten über ihr BMBF-finanziertes Projekt RAUS. Dieses Projekt zielte neben der Vermittlung schriftsprachlicher Kompetenzen auch darauf, das Selbstbewusstsein von Gefangenen und deren Arbeitsmarktchancen nach der Entlassung mit Blick auf Einfacharbeitsplätze zu stärken.

Aufbau

Das Buch beginnt nach der Einleitung mit einem Kapitel über funktionalen Analphabetismus in Deutschland und im deutschen Strafvollzug (2.), gefolgt von einem über die rechtlichen Grundlagen von Alphabetisierung/Grundbildung (3.), einem Kapitel mit den Ergebnissen der durchgeführten qualitativen Erhebung (4.), gefolgt von der Darstellung aus der quantitativen (5.), der Vorstellung des Projekts RAUS (6.) und einer Conclusio (7.).

Inhalt

Nach einer Einführung insbesondere zu unterschiedlichen Formen des Analphabetismus wird die doppelte Stigmatisierung funktionaler Analphabeten im Strafvollzug dargelegt, die sich aus der bereits vorherigen Ausgrenzung und dem Zusammenbruch draußen üblicher Kompensationsstrategien (‚Brillenausrede‘) in den ‚Antragswelten‘ des Strafvollzugs ergibt. Hervorgehoben wird das besondere Kommunikationsproblem mit Bezugspersonen außerhalb (S. 19 f.), mit denen zwar regelmäßig das Recht schriftlich zu kommunizieren besteht, wohingegen die mündliche Kommunikation, etwa bei Besuchen oder via Telefon, unterschiedlich starken und teilweise sehr gravierenden Einschränkungen unterliegt.

Wie die Autoren mit Blick auf die gesetzlichen Grundlagen zeigen (S. 23 ff.), können Grundbildungsangebote rechtlich mit Arbeit gleichgestellt oder als Freizeitgestaltung gerahmt werden, was sich auf die wichtige Frage auswirkt, ob die Gefangenen für die Teilnahme wenigstens minimal bezahlt werden, so dass ein entsprechender Anreiz entsteht, wohingegen im Jugendvollzug auf die dort bestehende Mitwirkungspflicht der Gefangenen gesetzt werden könne.

Zum Zweck einer Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes von Grundbildungsangeboten wurden Experteninterviews mit Lehrkräften aus dem Vollzug sowie problemzentrierte Interviews mit Gefangenen aus drei Vollzugsanstalten geführt.

Aus letzteren ergab sich, dass funktionaler Analphabetismus im Vollzug stärkere problematische Auswirkungen auf die Alltagsbewältigung hat als zu jedem anderen Zeitpunkt vor der Haft, insbesondere beim Verfassen von Anträgen. Andererseits führt die ständige Anforderung von Schriftsprachlichkeit dort auch zu besonderer Erreichbarkeit für Literalitätsförderung (S. 43 f.).

Als lebenswelterweiternde Motive wurden etwa das Bedürfnis nach digitaler Teilhabe über soziale Netzwerke, SMS und Internet und der Wille, die eigenen Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen zu können, ausgemacht sowie die bei notwendigem Verzicht auf u.a. die zuvor genannten Tätigkeiten im Strafvollzug desto bedeutungsvolleren, „auch mal eine Zeitung lesen“ zu können und Kontakt zu den Angehörigen zu halten (S. 45).

Zur genuinen Zielgruppe der Grundbildungsangebote werden Personen gezählt, deren Erstsprache Deutsch ist, wohingegen Gefangene mit primärem Analphabetismus ohne ausreichende Deutschkenntnisse ebenso wie zweitsprachenlernende Gefangene mit ausreichender Alphabetisierung in ihrer Erstsprache ausgeschlossen sind oder lediglich punktuell „mit Bedacht integriert“ werden, da andernfalls die Gefahr gesehen wird, „die Zielsetzung des Kurses zu sprengen“ (S. 41).

Möglichkeiten, zur Zielgruppe gehörende Gefangene anzusprechen, die auch aus Schamgefühl, wegen negativer Lernerfahrungen und Versagensängsten selten von sich aus aktiv werden, sind aufgeführt und bieten sich bereits im Rahmen der sog. Behandlungsuntersuchung zu Vollzugsbeginn (S. 50 ff.). Neben Lese- und Schreibkompetenz wird Anwendungskompetenz zum Lerninhalt und es finden sich gute Ideen wie die, für Gefangene sicherlich besonders interessante Preislisten zum Vergleich der Einkaufspreise inner- und außerhalb der Anstalt als Lehrmaterial heranzuziehen (S. 52 ff.). Die Stärkung des Selbstbewusstseins der Teilnehmenden wird als wesentlich für die Überwindung negativer Vorerfahrungen und den Lernerfolg beschrieben (S. 54 f.).

Es besteht in den Anstalten ein heterogenes Bildungsangebot, durch das jeweilige Land bzw. den ESF finanziert oder auch ehrenamtlich. Große Unterschiede zeigten sich zudem in Abhängigkeit davon, ob eine solche Fördermaßnahme als bezahlte Behandlungsmaßnahme, bezogen auf die es leichter ist für die Teilnahme zu gewinnen, oder als Teil der Freizeit angeboten wurde (S. 56 ff.). Mit einer im Rahmen der quantitativen Erhebung ermittelten Durchdringung des Justizvollzugs für Erwachsene mit Alphabetisierungsangeboten von etwa 40% und im Jugendvollzug von über 60% halten die Autoren die Angebotsstruktur für insgesamt gut (S. 69 ff.). Es erscheint ihnen jedoch vor dem Hintergrund einer mutmaßlichen Quote von Analphabetisierten im deutschen Strafvollzug um die 20% höchst unwahrscheinlich, dass es Haftanstalten geben könne, die keinerlei Bedarf für entsprechende Angebote hätten, obwohl dies von den Anstalten ohne solche gleich nach fehlendem Personal als häufigster Grund angegeben wurde (S. 74 f.). Deshalb wendet sich das Projekt RAUS auch insbesondere der Sensibilisierung über Plakate, Ausstellungen, Poetry-Slams etc. zu (S. 79 ff.). Weitere Informationen und ein Materialienpool finden sich auf der Homepage des Projekts (www.raus-blick.de).

Diskussion

Die Autoren rechtfertigen ihr unterstützenswertes Projekt teilweise etwas fragwürdig. So sollte die Grundbildung nicht als ein (vermeintliches) Tool der Rückfallprävention via Arbeitsmarktintegration propagiert werden (S. 21 f.), sondern als ein Beispiel für Wiedereingliederungsbemühungen unabhängig vom Ziel der Kriminalitätsvermeidung, das entsprechend auch lediglich als freiwilliges Angebot konzipiert sein darf, auch wenn die Autoren einen „sanften“ Initialzwang für förderlich halten (S. 94), wobei die anfänglich extrinsische Motivation aber bereits aus den Schwierigkeiten im Strafvollzug als solchen und ohne weiteren, intendierten Zwang entsteht (S. 44 f.).

Alphabetisierungsprojekte in Haftanstalten sind als notwendiger Bestandteil des Bildungsprogramms zu begrüßen und es ist bedauerlich genug, dass diese nicht überall längst selbstverständlich sind. Daher sind innovative Ideen, wie Gefangene und Bedienstete dafür zu gewinnen sind, höchst willkommen. Gleiches gilt für Veröffentlichungen über diese, wie die vorliegende, der daher Verbreitung insbesondere unter für den Strafvollzug Verantwortlichen zu wünschen ist.

Kritikwürdig an der in der Publikation dargestellten Situation ist allerdings, dass Gefangene ohne Deutsch als Erstsprache nur punktuell in solche Angebote einbezogen werden. Schließlich sind fremdsprachige Gefangene, zumal wenn sie über keine deutsche Staatsangehörigkeit verfügen ohnehin vielfach benachteiligt und befinden sich in einem ebenso lähmenden wie rechtswidrigen „Abwartevollzug“ (vgl. zum Ganzen Graebsch in AK-StVollzG (Hrsg. Feest/Lesting/Lindemann), erscheint 2017: Ausländische Gefangene). Entsprechend den seit 2012 geltenden, aber bis heute in Deutschland unbeachtet gebliebenen Europaratsempfehlungen für ausländische Gefangene (Recommendation CM/Rec(2012)12 of the Committee of Ministers to member States concerning foreign prisoners) sollen fremdsprachige Gefangene in die Lage versetzt werden, wirksam mit Mitgefangenen und Bediensteten kommunizieren zu können und dafür eine Sprache zu erlernen (29.1), wozu gerade für die Kommunikation mit dem Personal auch die Schriftsprache gehört, unabhängig davon, ob eine Verständigung mündlich bereits möglich ist oder nicht und auch davon, ob Gefangene bereits in einer Sprache schriftlich kommunizieren können oder nicht. Bedienstete haben sicherzustellen, dass Bildungsmaßnahmen so effektiv wie möglich sind, wofür auf individuelle Bedarfe und Bedürfnisse einzugehen und auch auf anerkannte Qualifikationen hinzuarbeiten ist, die in dem Land erweitert werden können, in dem sie sich voraussichtlich nach der Entlassung aufhalten werden (29.2). Dafür bietet sich Alphabetisierung und Grundbildung an, auch bezogen auf andere Sprachen als die deutsche. Es ist nachvollziehbar, dass so heterogene Bedürfnisse wie das nach Alphabetisierung bei bestehender deutscher Erstsprache und das, die deutsche Sprache erst noch erlernen zu wollen, einen Kurs „sprengen“ können. Dies darf jedoch kein Grund sein, eine ohnehin mehrfach benachteiligte Gruppe Gefangener von solchen Möglichkeiten auszuschließen, sondern spricht für eine Diversifizierung dieses Angebots, wobei an Kursen für Deutsch als Zweitsprache sowie anderen Sprachkursen ebenfalls vielfach ein zu behebender Mangel besteht.

Fazit

Das Buch gibt einen ernüchternden, aber zugleich hoffnungsvollen Einblick in den gegenwärtigen Stand von Alphabetisierungsbemühungen im deutschen Strafvollzug. Es skizziert den Bedarf ebenso wie die rechtlichen Grundlagen und gibt einen Überblick zur aktuellen Situation. Dass zu einer flächendeckenden Versorgung noch große Lücken klaffen wird ebenso deutlich wie die Tatsache, dass im Wesentlichen trotz des hohen Anteils ausländischer Gefangener überwiegend nur solche profitieren können, deren Erstsprache Deutsch ist. Für weitere Verbesserung und womöglich auch nur den Erhalt des durch besondere Projekte finanzierten Status Quo ist die Sensibilisierung aller Beteiligten eine wichtige Voraussetzung, für die anschauliche Beispiele gegeben werden.


Rezension von
Prof. Dr. Christine Graebsch
Dipl.-Krim. Hochschullehrerin an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, Leiterin des dortigen Strafvollzugsarchivs.
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Zitiervorschlag
Christine Graebsch. Rezension vom 22.08.2016 zu: Tim Tjettmers, Tim Henning: Grundbildung im Strafvollzug. Bedarfe, Bedingungen und Ziele. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-5601-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20359.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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