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Yvonne Jewkes, Ben Crewe u.a. (Hrsg.): Handbook on Prisons

Cover Yvonne Jewkes, Ben Crewe, Jamie Bennett (Hrsg.): Handbook on Prisons. Taylor & Francis (Oxford OX14 4) 2016. 2nd revised Auflage. 756 Seiten. ISBN 978-0-415-74566-6. 56,35 EUR.
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Thema

Der erzwungene Eintritt in Räume und Kontexte, die der kanadische Soziologe Erving Goffman einmal „totale Institutionen“ genannt hat, führt auf Seiten der Betroffenen geradezu zwangsläufig zu einer neuen Evaluation des bis dahin kulturell Erlernten. Die Alltagswelt scheint aufgehoben – und neue Regelwerke rücken an ihre Stelle. Eine solche Institution ist das Gefängnis. Es fungiert heute, da die Inhaftierungszahlen in vielen Ländern massiv ansteigen, als eine Art Katalysator der „Risikogesellschaft“: Niemand, so die Implikation der entsprechenden statistischen Daten, ist mehr sicher, überall herrscht Undurchsichtigkeitt, und das Gefängnis ist die symbolische Bekräftigung dieses gesellschaftsübergreifenden Zustands. Eine Inhaftierung führt fraglos zu Anschlusseffekten in verschiedenen Lebensbereichen, es handelt sich also keineswegs um ein isoliertes Geschehen ohne Verbindung zur ‚Außenwelt‘. Vor allem in englischsprachigen Ländern wächst damit, in den Worten Loic Wacquants, die „social insecurity“. Der vorliegenden Band versucht, das Gefängnis inmitten dieser vielfältigen soziopolitischen Zusammenhänge zu verorten.

HerausgeberInnen

  • Yvonne Jewkes ist Professorin für Kriminologie an der University of Brighton.
  • Ben Crewe ist Vizedirektor des Prison Research Centre am Institut für Kriminologie der University of Cambridge.
  • Jamie Bennett ist Leiter der britischen Strafanstalten Grendon und Spring Hill und arbeitet ferner an der University of Oxford.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die zweite, aktualisierte Auflage des zuerst 2007 erschienenen Handbuchs, das als Leitfaden und Orientierungsmittel an der Schnittstelle von Soziologie und Kriminologie fungieren soll.

Aufbau

Neben einer Einleitung und einem ausführlichen Personen- und Sachwortindex sind auf fast 760 Seiten 40 Texte in fünf thematische Abschnitte gegliedert:

1. Prisons in context

2. Prison controversies

3. International perspectives on imprisonment

4. The penal spectrum

5. Beyond the prison

Inhalt

Ziel der vielfältigen Darstellungen des Handbuchs ist es, das Gefängnis als ein nicht lediglich zeitlich und räumlich determiniertes, sondern auch als kulturelles Phänomen zu begreifen, welches Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Weltweit sind mehr als 10 Millionen Menschen in Haft und in vielen Staaten steigen die Zahlen an. In Schottland beispielsweise ergab sich von 1973 bis 2014 ein Anstieg der Gefängnispopulation um das mehr als 18-fache! (Alleine die Zahl der heute dort inhaftierten Frauen ist beinahe schon deckungsgleich mit der Zahl aller Gefängnisinsassen zu Anfang der 1970er Jahre.) Entscheidend für solche Veränderungen sind nicht gestiegene Kriminalitätszahlen, sondern vielmehr „changes in government policies“ (14). Die politische Komponente ist insbesondere dort von Gewicht, wo es um Legitimationsprobleme etwa von Hochsicherheitsgefängnissen geht: Empirische Belege, dass ein hartes Durchgreifen (Einzelhaft usw.) Gefangene tatsächlich ‚bessert‘, gibt es nicht, wiewohl solche Effekte politisch deklamiert werden. Daran schließt sich die Frage an, welche Konsequenz Strafen, die angeblich Besserung forcieren, letztlich überhaupt entfalten sollen, wenn der Inhaftierte ohnehin nie wieder frei gelassen wird? Nicht Logik und nicht Resozialisierung sind die Devisen moderner Gefängnisführung – bzw. von „penological modernism“ (55) –, sondern die drei ‚E‘: „economy, efficiency and effectiveness“ (47). Unterfüttert mit ökonomischem Kalkül, sollen Haftanstalten heute vor allem die Unsicherheit abfedern helfen, die durch die Kolportage eines spezifischen Menschenbildes generiert wird. Hochsicherheitstrakte und generell die Rückkehr zu repressiven Maßnahmen scheinen die logische Antwort auf diese vermeintlichen Bedrohungen zu sein: „Where Offenders are viewed as more numerous, more threatening, more undeserving, less corrigible and, perhaps, less akin to ourselves, then priorities accordingly tend to refocus on deterrence and security confinement.“ (74)

Die verschiedenen Artikel des Handbuchs widmen sich diesen gesellschaftspolitischen Tendenzen (und ihren eher zaghaften Gegenentwicklungen) mit recht viel Aufmerksamkeit, der Umfang des Bandes lässt daneben aber noch genügend Raum für Auseinandersetzungen mit historischen und theoretischen Erklärungs- und Reformierungsansätzen, für einen kulturvergleichenden Blick rund um die ganze Welt, für die nähere Beschäftigung mit den Faktoren Häftlingsalter, Häftlingsgeschlecht, politisches Hintergrundsystem, Therapie im Knast, Sozialstruktur im Binnenraum, die Inhaftierung von Ausländern bzw. von Mitgliedern indigener Bevölkerungsgruppen, die architektonische Gestaltung der Anstalten, die persönliche Arbeit an der Identitäts(um)bildung, die Selbstmordrate, Drogengebrauch hinter Gittern und vieles mehr. Auch die schon lange diskutierte und immer wieder aufblitzende Frage nach der Effektivität eines Modells, das auf die Zufügung von Nachteilen mit einer Zufügung von Nachteilen antwortet, wird umfangreich und aus verschiedenen Perspektiven aufgearbeitet.

Besonders lohnenswert sind die – indes über verschiedene Artikel verstreuten – Beleuchtungen der ethnografischen Pionierstudien, die ab den 1940er Jahren gezielt verfolgt wurden. Sie zeigen in ihrer Uneindeutigkeit, dass das Leben im Gefängnis nicht statisch abläuft – so sehr es sich danach anfühlen mag –, sondern gleichsam von sozialen und politischen Wandlungsprozessen bald subtil und bald spürbar transformiert wird. Die Adaption an den Gefängnisalltag verläuft offenbar entlang psychologischer und sozialer Mechanismen, aber nicht losgelöst von der Lebenswelt ‚außerhalb‘, die temporär verlassen, vielleicht aber auch für immer aufgegeben werden muss. Insofern kommt dem Personal der Haftanstalten die wichtige Aufgabe zu, soziale Übersetzungsarbeit („jailcraft“, 268f.) inmitten eines teilweise brachialen Bruchs mit der bisherigen Lebenswirklichkeit zu leisten. Die zu verlassende Realität ist in vielen Fällen aber eben kein Leben im Zentrum der Gesellschaft, sondern eine Existenz an ihren Rändern. Vor allem die armen und bildungsfernen Bevölkerungsgruppen unterliegen der Gefahr, inhaftiert zu werden. Der Blick auf die empirischen Daten legt es jedenfalls nahe, dass es „an act of honesty“ wäre, von Gefängnissen als „houses for the poor“ (375) zu sprechen.

Weltweit liegt die Inhaftierungsrate bei 144 Gefangenen pro 100.000 Einwohner, dieses Verhältnis jedoch schwankt je nach Region und Kulturkontext erheblich (die USA haben mit die höchste Rate, die Zentralafrikanische Republik mit die niedrigste). Männer über 80 Jahre zählen gegenwärtig zu den größten Zuwachsgruppen (vgl. 514), während Frauen gegenüber dem anderen Geschlecht traditionell in wesentlich geringerer Zahl inhaftiert sind. Wenn auch viele düstere Episoden in der Geschichte neuzeitlicher Gefängnisanlagen (d.h. ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts) mittlerweile der Vergangenheit angehören, so steht außer Frage – und dies ist der Tenor des vorliegenden Buches –, dass es ein allgemeingültiges oder gar gesamtgesellschaftlich getragenes Gefängnisimage heute weniger denn je gibt. Wie Haftanstalten betrachtet werden, hängt nicht von den Tatsachen, sondern vom politischen Beobachterstandpunkt ab; dies erschwert die wissenschaftliche und zumal die ethnografische Arbeit im Sektor Punitivität, es macht sie aber gleichwohl unabdingbar.

Diskussion

Das Handbuch liefert faszinierende Einblicke in eine Nische der Gesellschaft, von der jeder eine Vorstellung hat. Diese Vorstellungen entstammen üblicherweise medialen Bildern und sind meistens nicht lebensweltlichem Erfahrungswissen geschuldet, weshalb das Gefängnis seit jeher gewissermaßen mythologisch gedacht wird. Die lobenswerte Bandbreite des Handbuchs und die zum Teil hochinteressanten Artikel, die den Gegenstand tatsächlich interdisziplinär einkreisen (statt dies, wie es nicht selten der Fall ist, schlichtweg anzukündigen und nicht einzuhalten) macht das Lesen einzelner Beiträge zu einem lehrreichen Vergnügen. Über die Reihenfolge der Artikel ließe sich im Einzelfall zwar streiten, im Format des Handbuches lädt der Band indes aber ohnehin nicht dazu ein, alle gut 760 Seiten von Anfang bis Ende durchzuarbeiten. Die thematische Breite dürfte auf diesem Gebiet weltweit ohne Vorbild sein, sieht man einmal von der ersten, nun überholten Auflage ab.

Vertreter einzelner Disziplinen, die das Gefängnis spezifisch untersuchen, könnten es als kritisch ansehen, dass das Handbuch einen deutlichen Schwerpunkt auf das sozialpsychologischen Spektrum gefängnisrelevanter Aspekte legt und somit beispielsweise pädagogische, vor allem aber juristische Sichtweisen weniger intensiv behandelt. Andererseits erlaubt gerade diese Gewichtsverlagerung die Berücksichtigung sowohl der Innen-, wie auch der Außenperspektive, und dies im buchstäblichen Sinne des Wortes: Sowohl Gefängnisbetreiber wie auch ehemalige Häftlinge kommen zu Wort. Besondere Aufmerksamkeit verdienen gegen Ende des Buches jene Abschnitte, die der (Feld-)Forschungssituation gewidmet sind. Sie eröffnen der Leserschaft nicht lediglich Einblicke in einen verschlossenen Bereich, sondern zugleich eine Meta-Reflexion über die Bedingungen der Möglichkeit dieser Annäherungen. Von besonderem Wert sind hier die Schilderungen von Spannungen zwischen den Geschlechtern – etwa dann, wenn Forscherinnen einerseits als ‚Außenweltzugehörige‘ respektiert, andererseits aber aus dem gleichen Grund situativ bedroht und hinsichtlich ihrer sexuellen Identität beleidigt und belästigt werden. Solcher Art sind die Probleme von Feldforschung in Feldern abweichenden Verhaltens, die ohne entsprechende Nachforschungen für die ‚Outsider‘ dieser Felder Dunkelfelder wären.

Fazit

Dem vorliegenden Handbuch dürfte sein Rang als Standardwerk wohl auf längere Sicht nicht streitbar gemacht werden, nicht nur wegen des beeindruckenden thematischen Spektrums, sondern auch aufgrund des aktuellen Datenmaterials und der globalen Perspektive der Beiträge. Wer sich mit der Kultur und den Problemen des Gefängniswesens befasst, ist mit diesem Werk gut bedient.

Summary

The handbook is likely to be considered standard reading in its field for a long time to come; not only because of its impressive thematic scope, but also on the basis of its data material and its global perspective. Whoever has to deal with the specific culture and problems of prison life today will be served well with this volume.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 08.08.2016 zu: Yvonne Jewkes, Ben Crewe, Jamie Bennett (Hrsg.): Handbook on Prisons. Taylor & Francis (Oxford OX14 4) 2016. 2nd revised Auflage. ISBN 978-0-415-74566-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20360.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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