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Georg Milzner: Digitale Hysterie

Cover Georg Milzner: Digitale Hysterie. Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-407-86406-2. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Thema

Georg Milzner versucht sich mit seinem im Beltz-Verlag erschienenen Buch „Digitale Hysterie“ gegen einen von ihm wahrgenommenen Trend zu stemmen, welcher den Computer als ein für die Kindheit gefährliches Medium brandmarkt.

Autor

Georg Milzner ist freiberuflicher Psychologe, der sich intensiv mit dem Medienkonsum in der Kindheit beschäftigt hat. Darüber hinaus hat er zu weiteren Themen, wie Amokläufe, Religion oder Psychosen bereits Publikationen verfasst.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist modern aufgemacht. Das Cover prangt in deutlicher roter Farbe und gelben Lettern und spricht mit seiner Gestaltung eine dem Computermedium affine Leserschaft an. Ein grafisches Element zeigt über dem Titel die Entwicklung des Menschen zum Homo Digitales in einer verkürzten Form (es fehlen einige Schritte der Rückwärts-Entwicklung).

Das Buch Digitale Hysterie ist in zehn Kapitel unterteilt, die jeweils einem eigenen Schwerpunkt folgen. Die ersten acht Kapitel widerlegen die unterschiedlichen Ängste von Eltern und Pädagogen bezüglich der dem Computer zugeschriebenen negativen Einflüssen auf Kinder. Die beiden letzten Kapitel geben Hinweise für die erwachsenen Personen zum Umgang mit Kindern an Computern. Die jeweiligen Kapitel sind intern mit verschiedenen Schlagwörtern/ Aussagen wie „Experten in der Irrtumsschleife“, „Ins Netz anstatt in den Wald“ oder „Von der Absurdität der Medienabstinenz“ versehen.

1. Ein kleiner Krieger hat Albträume. Der Autor Georg Milzner versucht anhand des Fallbeispiels vom kleinen neunjährigen Franz mit Vorurteilen bezüglich des kindlichen Medienumgangs aufzuräumen. Hier geht es insbesondere um Albträume und Ängste mit denen der Autor in seiner psychologischen Praxis konfrontiert werde. Dafür gibt er jedoch zum Computerumgang von Kindern eine »begründete Entwarnung«, da der konkrete Zusammenhang von Auffälligkeiten und Computern nur »falscher Alarm« sei.

2. Machen Computer uns dümmer? Im zweiten Kapitel geht der Autor einem weiteren Vorurteil auf den Grund. Er beantwortet die Frage der Kapitelüberschrift eindeutig mit: Nein! Die Intelligenz verändere sich zwar durch die mediale Nutzung, aber dies sei ein Ergebnis der menschlichen/technischen Entwicklung. Lesen könne man schließlich auch am Computer lernen, man müsse nur die wichtigen Inhalte herausfiltern.

3. Wie gefährlich sind Computerspiele? Georg Milzner versucht Computerspiele als Spiele zu verorten und weist auf seine Selbstversuche als Gamer hin, denn man könne etwas nur bewerten, was man selber ausprobiert habe (vgl. S. 75). Darüber hinaus zeigt er einen Blick in ausgewählte Forschungen.

4. Computersucht oder Leidenschaft? Die Angst vor der Sucht wird im vierten Kapitel ausgiebig behandelt und setzt die Begriffe Sucht und Gewöhnung gegenüber. Daraus entwickelt er das Problem der Übersprungshandlungen, von dem jedoch mehr Erwachsene als Kinder betroffen seien. Aber man sollte in Bezug auf das Verhalten von Computer spielenden Kindern wachsam bleiben, denn nicht jedes Spiel sei gleich von ihnen zu verarbeiten. Daher solle man Kindern Angebote über den Computerkonsum hinaus anbieten: »eine mediale Mischkost« (vgl. 118f).

5. Die neue alte Angst: Bildschirm und Gewalt. Hier stellt sich der Autor der These entgegen, dass Gewaltdarstellungen Gewalt säen. Dazu begibt er sich in die Vergangenheit (Goethes Werther) und bestreitet nicht, dass für manche Personen sehr wohl eine steigende Gewaltbereitschaft durch den Konsum von Medialer Gewalt ausgehen könne, verallgemeinern könne man dies jedoch nicht. Stattdessen müsse man der Aggression auf den Grund gehen und sie eventuell per medialer Aggressionsabfuhr beseitigen.

6. Neue Wege für kreative Köpfe: Eine Bilanz. Der Autor untersucht den Vorwurf, Computern seien für die Fantasie und Kreativität schädlich. Man solle vom Computer kein hohes Maß an Kreativität verlangen, aber der Computer sei für kreative Menschen ein vorzügliches Werkzeug.

7. Das Computerproblem als Beziehungsproblem. Hier spricht der Autor die sozialen Interaktionen an, an deren Störung der Computer eine Schuldigkeit haben soll. Er differenziert, dass die digitale Welt das Aufmerksamkeitsgefüge komplizierter mache und eine neue Aufmerksamkeitsethik vonnöten sei: „Kläre, wer für dich die wichtigsten Menschen sind“ (167), fordert er hierzu. Der Autor widerspricht, dass der Computer an den Problemen der Menschen schuld sei, denn die Probleme lägen in anderen Fragen der Zeit, wie einer Scheinbefriedigung, die zwar der Computer einem Menschen geben könne, aber ebenso könnte er diese auch woanders hernehmen. Der Computer sei also nicht die Ursache von etwaigen Beziehungsproblemen, sondern nur eine Ersatzstrategie, wenn auch keine Lösung, um vorhandene Probleme zu bearbeiten.

8. Wie gefährlich sind Facebook & Co? Anhand von verschiedenen Studien zeigt uns der Autor die unterschiedlichen Facetten von sozialen Medien. Das Thema wird von einer Beschreibung aus einem Erziehungsratgeber einer technikfeindlichen Autorin eröffnet. Der Tenor seines Widerspruchs ist, dass soziale Medien nicht als Auslöser für die Probleme der Welt gebrandmarkt werden sollten, dass Cybermobbing zwar ein Problem sei, es aber nicht in einem so gravierenden Maße um sich greife. Dennoch warnt er vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit der Selbstdarstellung in Medien. Der beste Schutz dagegen sei, den Kindern die Möglichkeit zu geben, am Medium zu lernen.

9. Selbststeuerung Lehren statt Spiele verbieten. Hierauf zielt auch der nächste Abschnitt. Die Anpassung an Maschinen sei ein evolutionärer Schritt. Der Mensch müsse daher die Technik beherrschen und eine Beziehung darin zu sich finden. Durch Teilnahme an der Welt der Kinder, können diese den nutzbringenden Umgang mit der Technik lernen. Die Kinder sollen befähigt werden zu erkennen, was die Technik mit ihnen mache.

10. Was Kinder im digitalen Zeitalter von uns brauchen. Die Weiterentwicklung der Welt ist ein laufender Prozess und die Zukunft der Kinder beginne heute. Der Autor fasst seine Gedanken von den unterstützenden Begleitern, mit der Fähigkeit, schlummernde Potentiale zu wecken, fort und plädiert dafür, die Kinder auf das, was in der Zukunft kommen mag, vorzubereiten.

Diskussion

Das Buch ist recht vereinnahmend geschrieben. Dem Autor gelingt es mit seinen Praxisbeispielen und dem Verweis auf etwaige allgemeine Auffassungen den Leser direkt anzusprechen und mit ins Boot zu nehmen. Als wissenschaftliche Referenzquelle eignet sich das Buch allerdings kaum. Verallgemeinerungen, Meinung als Faktum und der lässige Umgang mit Quellen und Belegen lässt dieses Buch zwar als einen netten Aspekt zur Medienrezeption lesen, aber fundierte Ergebnisse liefert es nicht. Manche Leser werden zum Nachdenken gebracht, manche werden sich der Meinung des Autors anschließen und seine Ideen als eine Art von Konzept umzusetzen versuchen, aber inwiefern das Geschriebene praxistauglich ist, bleibt ein Experiment.

Aber Georg Milzner bemüht sich auch nicht ein wissenschaftliches Publikum anzusprechen, sondern Eltern. Daher verwendet er eine emotionale Sprache, die auf Binarismen beruht, aber am Ende alles ins Graue wechseln lässt, um nicht angreifbar zu sein. Der Autor baut so etwas wie eine Kaugummiwolke auf, die mit „Ja, aber“ viele Aussagen relativiert.

Saloppe Formulierungen werden mit (realistischen) Fallbeispielen verbunden und es entsteht der Eindruck, der Autor möchte die Problematik des kindlichen Medienkonsums bagatellisieren. Er wirft den Medienkritikern vor, unseriös zu arbeiten und Studienergebnisse auf ihr Dämonisierungspotential hin zu interpretieren. Auf der anderen Seite werden die Aussagen des Autors nur vage belegt. Er argumentiert auf der Ebene, dass die Medienkritiker keine Ahnung, er aber jede Menge Erfahrung habe.

Es ist schwierig, eine Diskussion mit dem Inhalt des Buches zu beginnen. Es ist zu rhetorisch geschrieben, die oben genannte Kaugummiwolke tut ihr übriges. Einige Aussagen des Autors können unterstützt werden, aber der Duktus ist zu emotional und lässt aufgrund seiner binären Struktur wenig Raum für eine Erörterung des Themas übrig.

Es ist ein Fakt, dass sich unsere Gesellschaft aufgrund seiner fortschreitenden Durchdringung mit Medien verändert. Eine simple Ablehnung der Veränderungen ist daher nicht zielführend. Das große Feld der Medienpädagogik zielt darauf ab, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu erhöhen. Dazu gibt es unzählige Untersuchungen, Forschungsgebiete und Veröffentlichungen. Diese versuchen ebenso den Kritikern zu vermitteln, dass es wichtig sei, Heranwachsenden beim Umgang mit Medien zu helfen, so dass sie souverän damit umzugehen lernen und die Fallstricke, die von den Medien ausgehen, erkennen und umschiffen können. Von daher ist dieses Buch nicht der wichtige einsame Aufschrei gegen eine Gesellschaft, die Computerspiele verteufeln will. Andere Autoren schaffen einen differenzierteren Blick darauf, nicht nur eine laute Gegenrede.

Fazit

Die Mediennutzung von Kindern wird heutzutage oftmals kontrovers diskutiert. Medienkritiker sehen die Probleme, Medienpädagogen die Probleme und Chancen. Georg Milzner befindet sich mit seinem Buch jedoch in einer persönlichen Abwehrschlacht gegen seine Gegner (Medienkritiker). Es wird mit Sicherheit seine Anhänger finden und es sind durchaus auch interessante Gedanken zur Mediennutzung im Buch zu entdecken. Das positive Bild wird jedoch vom persönlichen Stil des Autors, der jede Kritik als unzulässig und falsch abtut sowie den steten Verallgemeinerungen, die als Fakten daherkommen, abgeschwächt. Daher eignet sich das Buch nicht wirklich als ein Diskussionsbeitrag zum Thema. Digitale Hysterie ist ein Ratgeberbuch für den Umgang mit Medien für Eltern, die sich keine Sorgen um die Mediennutzung ihrer Kinder machen (möchten).


Rezensent
Michael Christopher
Filmwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 19.07.2016 zu: Georg Milzner: Digitale Hysterie. Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-86406-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20380.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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