socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Susanne Eble, Clarissa Kurscheid (Hrsg.): Gesundheits­netzwerke. Strategie, Konzeption, Umsetzung

Cover Susanne Eble, Clarissa Kurscheid (Hrsg.): Gesundheitsnetzwerke. Strategie, Konzeption, Umsetzung. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-95466-227-2. D: 59,95 EUR, A: 61,75 EUR, CH: 72,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wie überall im Gesundheitssystem geht es auch bei der vernetzten Versorgung primär um das Patientenwohl: Besonders die das Krankheitsspektrum dominierenden chronische Erkrankungen machen eine professionen-, fächer- und sektorenübergreifende Behandlung notwendig, damit der Patient eine dem Stand der Wissenschaft entsprechende Hilfe bekommt, die er nun einmal benötigt. Ganzheitliche Betrachtung, Leitlinienübereinstimmung des Handelns und sichere Arzneimittelversorgung sollen die vorzüglichen Pluspunkte dieser Art der Versorgung für den Patienten sein.

Es gab frühzeitig Ärzte, die sich zu sogenannten Ärztenetzwerken zusammengeschlossen haben, um auf diese Weise die Qualität der Versorgung der ihnen anvertrauten Patienten zu steigern. Doch auch die Ärzte selbst profitierten von der Effizienzsteigerung, von den Synergieeffekten und der Standardisierung der Abläufe und von der Möglichkeit zusätzlicher außerbudgetärer Einnahmen.

Der Gesetzgeber hat in den letzten Jahren erkannt, dass Versorgungsnetze Vorteile bringen können, und besondere Finanzierungsmöglichkeiten von Praxisnetzen ermöglicht. Außerdem wurden die Kooperationsverpflichtung der ambulanten fachärztlichen Versorgung sowie die Vereinfachung der Rahmenbedingungen für die integrierte Versorgung beschlossen.

Der Vernetzungsgedanke wird oft zum Leitbild einer Umorientierung vor dem Hintergrund von finanziellen Engpässen und Einsparungsmodellen propagiert. Das muss nicht schlecht sein, sollte aber doch im Auge behalten werden, wenn wie bei den Gesundheitsnetzwerken das Patientenwohl im Vordergrund stehen soll.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin Susanne Eble (M.A.) ist im Gesundheitsmanagement der Berlin-Chemie AG beschäftigt, die Teil des weltweit agierenden Menarini-Konzerns ist. Das Unternehmen ist in der Arzneimittelproduktion und in der Vermarktung von Arzneimitteln tätig. Darüber hinaus gehört das Gesundheitsmanagement zu seinem Geschäftsfeld. Regionale gesundheitliche Versorgungsformen sollen gemeinsam mit Ärzten und allen, die in vernetzten Strukturen Patienten leitliniengerecht mit innovativen Arzneimitteln behandeln, gestaltet werden.

Die Herausgeberin Prof. Dr. Clarissa Kurscheid ist in der praxisHochschule der Klett-Gruppe tätig. Es handelt sich dabei um eine staatlich anerkannte Fachhochschule in Köln. Dort lehrt sie Gesundheitsökonomie und Institutionenökonomie und leitet seit 2015 das Institut für Gesundheits- und Versorgungsforschung. Es sei noch erwähnt, dass in den Einrichtungen der Klett-Gruppe jährlich mehr als 185.000 Personen lernen; damit ist diese Gruppe der führende private Bildungsanbieter in Deutschland. Wer hat das gewusst?

Die übrigen sechsundvierzig Autoren können nicht alle vorgestellt und mit Namen genannt werden, verfügen aber, soweit ich es aus der Lektüre beurteilen kann, über die für ihre jeweiligen Themen erforderliche Sachkunde. Interessant sind die Kurzvorstellungen der einzelnen Personen mit ihren für mich oft überraschenden Werdegängen und Berufsstationen.

Aufbau und Inhalt

Der erste Kapitel beschäftigt sich mit den gesundheitspolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen und Grundlagen für Gesundheitsnetzwerke: Nach einer kurzen Einführung in das deutsche Gesundheitssystem werden die rechtlichen Rahmenbedingungen kooperativer Versorgungsformen und Netzwerke beleuchtet. Außerdem werden Inhalte und Umsetzung von Selektivverträgen mit den gesetzlichen Krankenkassen vorgestellt und wegen ihres Nutzens für die Implementierung innovativer Versorgungsformen grundsätzlich begrüßt. Im Mittelpunkt stehen allerdings Beiträge zu den Praxisnetzen gemäß § 87 b Abs.4 SGB V. Um ein solches Praxisnetz wirklich einzurichten, müssen allerdings erhebliche Hürden genommen werden. In einem Beitrag wird mit einigem Bedauern konstatiert, dass erst 33 Arztnetze in ganz Deutschland mit Schwerpunkten in Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe anerkannt sind. Auf die Erfolgsfaktoren für Netze und regionale Gesundheitsorganisationen wird unter Hinweis auf best practise: Gesundes Kinzigtal verwiesen.

Das zweite Kapitel thematisiert die strategische Steuerung von Netzwerken: Arztnetze (nach § 87 SGB V) werden im ersten Beitrag als die einzigen Instanzen des Gesundheitssystems betrachtet, die überhaupt in der Lage wären, ein regionales Versorgungsmanagement umzusetzen. Skeptisch werden im folgenden Artikel die Möglichkeiten der Steuerung chronischer Krankheiten in Netzwerken unter den bestehenden Bedingungen betrachtet; weitere, sehr grundlegende politische Reformen würden dafür benötigt. Es geht auch und gerade für die Netzwerke, kein Weg daran vorbei, mit Kennzahlen und Daten den Beweis anzutreten, dass die Versorgungsqualität in der durch Netzwerke gesteuerten Gesundheitsversorgung besser ausfällt, so die Konsequenz des dritten Aufsatzes. Der abschließende Beitrag setzt sich mit der Finanzierung von Netzwerkstrukturen und kooperativen Versorgungsformen auseinander und betont die Notwendigkeit der Beratung durch verschiedene Experten (Bauvorhaben, Medizinrecht, Steuerrecht).

Das dritte Kapitel macht die operative Steuerung in Netzwerkstrukturen zum Thema. Zu den elementaren Säulen der Netzfinanzierung zählen die Selektivverträge, deren Ausgestaltung über die Frage der Motivation der Netzwerkbeteiligten entscheidet. Es folgt ein Beitrag, der an einem Beispiel -Koordinationsstelle für Palliativ Care- demonstriert, wie die Businessplanung von Gesundheitsnetzwerken in der Praxis aussehen kann. Ein Businessplan, so heißt es, bringt sowohl das Unternehmensziel (oder die Ziele) als auch die vorgesehenen Maßnahmen schriftlich und prägnant auf den Punkt. Wie betriebswirtschaftliches Controlling in kleinen und großen Netzwerken eingesetzt werden kann, um Steuerung und Entscheidungen zu optimieren, wird im nächsten Aufsatz gezeigt; eine große Herausforderung ist dabei, wie die Verteilung der GKV-Einnahmen unter den Ärzten erfolgen soll. Es werden noch einzelne Exkurse zu der Notwendigkeit von IT-Lösungen und zum Informationsmanagement sowie zum Datenschutz in Gesundheitsnetzwerken präsentiert. Mit einem Beitrag zur rationalen Pharmakotherapie, bei der es um die Vermeidung unerwünschter Multimedikation geht, schließt dieses Kapitel.

Das vierte Kapitel hat das Finanzmanagement von Netzwerken im Gesundheitswesen zum Gegenstand: Erlösarten und Erlösquellen, Kostenstrukturen, Finanzierungsmöglichkeiten von Netzwerken, Ertragskraft und Netzwerkgröße und Projektförderung sind die Themen.

Das fünfte Kapitel geht dem Qualitätsmanagement und dem Risikomanagement nach. Hier wird auch die Frage gestellt, ob es Arztnetze für die Qualität der Versorgung braucht? Natürlich ist es eine rhetorische Frage, deren Beantwortung gleichwohl interessant ist: Chronische Erkrankungen und Multimorbidität verlangen nach innovativen Versorgungsabläufen.

Die die Publikation abschließenden sechsten und siebten Kapitel stellen gelingendes Personalmanagement und Marketing sowie Formen der Kommunikation in den ärztlichen Netzwerken vor.

Diskussion

Keine Frage: Es gelingt der Veröffentlichung überzeugend, dem interessierten Leser zu vermitteln, was bei der Planung, Konzeption und Umsetzung eines Gesundheitsnetzwerkes zu beachten ist. Dass dabei der klassische Businessplan – von der Strategie bis zum operativen Geschäft – Pate gestanden hat, ist offensichtlich kein Nachteil.

Die aufmerksame Lektüre macht aber auch deutlich, auf welche Bedingungen sich der zukünftige Netzwerkteilnehmer einlässt:

Sicherlich gibt es die positiven Seiten, zu der die Work-Life-Balance zählt, die Möglichkeit also, Familie und Beruf stressfrei vereinbaren zu können. Auch kann in einem Netzwerk der medizinisch-technologische Fortschritt, der sich u. a. in der Apparatemedizin und der Labortechnik zeigt, risikoärmer und lukrativer genutzt werden als etwa in eigener Praxis. Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Fachärzten, mit Krankenhäusern und anderen Zweigen der Medizin und mit den Heil- und Pflegeberufen sowie der Sozialarbeit mag im Einzelfall schneller und reibungsloser organisiert werden können.

Doch auch die Netzwerke haben ihre Tücken, zu denen nicht zuletzt auch die aufwendigen und viel Zeit beanspruchenden Abstimmungen im Netzwerk zählen. Netzwerke sind darüber hinaus keineswegs neutrale Gebilde, sondern sie beherbergen auch Möglichkeiten der Macht- und Cliquenbildung. Will man mitsprechen, wird man in solche unerfreulichen Prozesse einbezogen, ob man will oder nicht. Was in diesem Zusammenhang noch wichtiger ist: Wer hat das Netzwerk wirklich in der Hand? Sind es ein im Hintergrund agierendes Krankenhaus oder eine Gruppe von machtbewussten Kollegen oder die neuen Netzwerkmanager und Funktionäre? Denn der Name Netzwerk steht nicht unbedingt und automatisch für Parität und demokratische Strukturen. Wer garantiert eigentlich die demokratische und transparente Willensbildung im Netzwerk? Der Arzt will doch in der Regel kein Netzwerk-Angestellter werden, der Pläne und Arbeitsschritte umsetzen muss, ohne dabei selbstbestimmt sein zu können. Der Beruf des Arztes hat stets als Kennzeichen ein hohes Maß an Autonomie gehabt. Findet sich gerade im Netzwerk eine Quelle der Stärkung dieser hoch zu veranschlagenden professionellen Autonomie?

Kommen wir noch zu einer anderen Frage: Sind nicht die Erwartungen, die in die ärztlichen Netzwerke gesetzt werden überzogen? Können die Netzwerke die Behandlung chronischer Erkrankungen und zum Beispiel psychiatrischer Erkrankungen wirklich in einem qualitativen entscheidenden Ausmaß gegenüber herkömmlichen Versorgungsformen verbessern? Gerade bei diesen Krankheitsbildern sind doch die Angehörigen, die häusliche Umgebung, der Alltag der Patienten die für den Krankheitsverlauf entscheidenden Faktoren, auf die ein Netzwerk keineswegs besser einwirken kann als der altbekannte Hausarzt in Einzelpraxis oder Praxisgemeinschaft und in Verbindung mit den sozialen Diensten. Die für eine qualitative Verbesserung der Versorgungssituation notwendige Koordination von sozialen, pflegerischen, medizinischen und anderen Einrichtungen und Diensten in überschaubaren städtischen Räumen übersteigt die Kräfte jedes Netzwerks und kann nur als Gemeinschaftsaufgabe aller an der Versorgung Beteiligten unter Einschluss der Gesundheitsselbsthilfe, der Angehörigen und aller Patienten und Bürger gelingen. Diese Koordinationsaufgabe verweist letztendlich auf eine kommunale Verpflichtung, deren Art und Umfang hier nicht erörtert werden soll.

Eine abschließende Überlegung: Stärken Ärzte-Netzwerke nicht die Dominanz der Anbieterseite im Gesundheitswesen? Welche Möglichkeiten der persönlichen Mitsprache und Aushandlung haben die Konsumenten, also die Patienten, überhaupt noch, wenn ihr Gegenüber ein Netzwerkmitarbeiter ist, der Absprachen einhalten muss und einem Controlling unterworfen ist? Wohin sollen sie im Bedarfsfalle gehen, wenn das Netzwerk den ganzen Stadtteil dominiert?

Doch wir können die fortschreitende Ökonomisierung und die damit verbundene Einschränkung der Handlungsfreiheit, die fast schon jedes Berufsfeld erfasst hat, für die Profession des Arztes bedauerlicherweise nicht aufhalten. Aber vielleicht gelingt es den Ärzten noch selbst!

Fazit

Das Buch ist nicht nur für Ärzte, die überlegen, einem Netzwerk beizutreten, interessant und lehrreich. Netzwerke sind multi-professionelle Dienstleister und u. a. auch für die sozialen, pflegerischen, psychologischen und psychosozialen Berufe offen. Der hier gebotene kompetente Einblick in die Netzwerkstrukturen kann bei der Wahl eines Arbeitsplatzes jedenfalls nützlich sein. Auch für diejenigen, die sich mit dem Gesundheitssystem und seinen zukünftigen Ausformungen beruflich beschäftigen müssen, kann der Blick in dieses Buch nicht schädlich sein, weil es zeigt, wohin die Gesundheitsreise geht.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 78 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 13.10.2016 zu: Susanne Eble, Clarissa Kurscheid (Hrsg.): Gesundheitsnetzwerke. Strategie, Konzeption, Umsetzung. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2016. ISBN 978-3-95466-227-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20381.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung