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Pascal Eitler, Jens Elberfeld (Hrsg.): Zeitgeschichte des Selbst

Cover Pascal Eitler, Jens Elberfeld (Hrsg.): Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung - Politisierung - Emotionalisierung. transcript (Bielefeld) 2015. 392 Seiten. ISBN 978-3-8376-3084-8. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Im Mittelpunkt der in diesem Buch veröffentlichten Studien steht die Zeitgeschichte des Selbst um und nach 1968. In diesem Zeitraum, für den sich der Begriff „nach dem Boom“ eingebürgert hat, werden viele neue Praktiken der Subjektivierung und Selbsttechnologie kreiert, die das Selbst neu formen und bilden und einen historischen bis heute anhaltenden Wandel des Individuums eingeleitet haben. Dabei werden die neuen, auf das Individuum einwirkenden Gestaltungskräfte sowohl als fremdgesteuerte Prozesse gesellschaftlicher Menschenführung als auch als Prozesse der individuellen Selbstführung verstanden und identifiziert. Fremdführung und Selbststeuerung sollten dabei nicht als Gegensätze angesehen werden, sondern vielmehr als sich wechselseitig stärkende und hervorbringende Energien, die zur Schaffung des neuen Selbst aufeinander angewiesen sind und es gemeinsam produzieren. Will das neue Selbst authentisch, mit sich identisch und von den anderen Mitgliedern der Gesellschaft anerkannt sein, bedarf es zuvor großer Anstrengungen der Disziplinierung und Normalisierung, um den gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen begegnen und den Erwartungshaltungen gesellschaftlicher Institutionen entsprechen zu können. Diese Arbeit an dem Selbst ist dauerhaft und endlos und gebiert immer wieder die neue moderne Gesellschaft.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht auf einen vom Arbeitskreis für Körpergeschichte initiierten, interdisziplinären Workshop zurück, der bereits 2010 mit finanzieller Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung und der Bielefeld Graduate School in History and Sociology an der Universität Bielefeld stattfand.

Einleitung

Man selbst zu sein – das wurde um und nach 1968 zu einer immer schwierigeren Aufgabe. Die Beiträge des Bandes rekonstruieren markante Entwicklungen in der Zeitgeschichte des Selbst im Spannungsfeld der seit einem halben Jahrhundert laufenden Therapeutisierungs-, Politisierungs- und Emotionalisierungsprozesse und diskutieren in diesem Rahmen neue Perspektiven auf die Gesellschaftsgeschichte des deutschsprachigen Raumes (so formuliert es der Klappentext).

In ihrer Einleitung „Von der Gesellschaftsgeschichte zur Zeitgeschichte des Selbst- und zurück“ bemängeln die Herausgeber Pascal Eitler und Jens Elberfeld, dass die Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht sonderlich Kenntnis von sich wandelnden Selbstverhältnissen um und vor allem nach 1968 nimmt und die entsprechenden erstmals wichtige Aspekte des historischen Wandels berücksichtigenden Studien zur Zeitgeschichte des Selbst zu wenig beachtet werden. Kaum eine der neueren, groß angelegten Gesamtdarstellungen zur Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland gehe auf sich in den vergangenen fünfzig Jahren teilweise massiv verändernde Subjektivierungspraktiken ernsthaft ein.

Ebenfalls einleitenden Charakter hat der sich auf grundlegende analytische Fragen konzentrierende und viele komplexe Punkte aufwerfende Beitrag „Auf dem Weg zu einer praxeologischen Analyse des Selbst“ von Andreas Reckwitz. Um die Individualität unter den vielen das Selbst formenden kulturellen Kräften noch bewahren zu können und sie nicht vollends als Produkt dieser Kräfte begreifen zu müssen, wird der Begriff der Idiosynkrasie des einzelnen Subjektes eingeführt. Dieser von einer antiken Ärzteschule geprägte Terminus soll letztendlich das Besondere jedes Individuums und sein Abweichungspotential vom Durchschnitt sichern, also ein Stück individueller Freiheit. Freilich bekommt Freiheit in ihrer Abweichung von der Norm damit fast schon einen pathologischen Touch. „Wenn sich die soziologische und historische Analyse des Selbst und seiner Subjektivierungsweisen auf typische kulturelle Formen konzentrieren muss, werden damit doch zumindest am Rande der dominanten Perspektive jene individuellen Besonderheiten sichtbar, für deren Details sich in der Moderne in erster Linie andere kommunikativen Genres als die Wissenschaft interessieren, insbesondere die persönlichen Beziehungen und die Kunst“ ( S. 45). Freiheit gerinnt zur interessierenden Nebensache.

Aufbau

Unter dem Oberbegriff der Therapeutisierung werden im ersten Abschnitt des Buches folgende Aufsätze vorgestellt:

  • Befreiung des Subjekts, Management des Selbst. Therapeutisierungsprozesse im deutschsprachigen Raum seit den 60er Jahren (Jens Elberfeld)
  • Erziehung der Erzieher. Lehrer als problematische Subjekte zwischen Bildungsreform und antiautoritärer Pädagogik (Maik Tändler)
  • Führungsverhältnisse im Hungerstreik. Ein Kapitel zur Geschichte des westdeutschen Strafvollzugs (1973-1985) (Marcel Streng)
  • Laufen als Heilssuche? Körperliche Selbstfindung von den 1970er bis zu den 90er Jahren in transatlantischer Perspektive (Tobias Dietrich)
  • Das Leben in Stasi-Akten. Pastoralmacht und Archivpraktiken zischen 1950 und 2000 (Myriam Naumann)

Unter dem Titel der Politisierung werden im zweiten Abschnitt des Buches folgende Studien präsentiert:

  • Migration und das Ende des bürgerlichen Subjekts. Transformationen des Subjekts vom Gastarbeiteregime bis zum Diskurs des Illegalen (Massimo Perinelli)
  • Von der Befreiung der Frau zur Befreiung des Selbst. Eine kritische Analyse der Befreiungssemantik in der (Neuen) Frauenbewegung (Imke Schmincke)
  • Anpassung: Disco und Jugendbeobachtung in Westdeutschland, 1975 – 1981 (Alexa Geisthövel)
  • ExpertInnen statt AktivistInnen: Der Entpolitisierungsdiskurs in der Aids-Arbeit der 1980er Jahre (Peter Paul Bänziger)
  • Die Konstruktion „demokratischer“ Selbste in zwei exemplarischen Filmen über Neonazis (Julia Stegmann)

Unter der Kategorie Emotionalisierung werden im dritten und letzten Abschnittdes Buches folgende Arbeiten dargeboten:

  • Drogen, Selbst, Gefühl. Psychodelischer Drogenkonsum in der Bundesrepublik Deutschland um 1970 (Florian Schieking)
  • Alterssex und die Kultur des Lebenslangen Lernens, 1960-2000 (Annika Wellmann)
  • Job Satisfaction statt Arbeitszufriedenheit: Gefühlswissen im arbeitswissenschaftlichen Diskurs der 1970er Jahre (Sabine Donauer)
  • Hormone und Self-Fashioning: Biomedizinische Deutungsmuster als Mittel der Selbstkonzeption alternder Frauen (Meike Wolf)

Dem Leser werden die Autorinnen und Autoren zum Schluss des Buches vorgestellt. Ein kleines Manko: Unter den am Schluss des Bandes aufgeführten Kurzbiographien fehlen Angaben zu Andreas Reckwitz.

Die solide und ansprechend gestaltete Publikation demonstriert, wie wichtig die Art des Einbandes und die Bindung für die Handhabbarkeit eines Buches sein können. Man greift gerne zu diesem Buch. Auch der jeweils ausgewählte Satz und die Gestaltung der Anmerkungen sind gut getroffen und erleichtern das Lesen.

Ausgewählte Inhalte

Aus den einzelnen Abschnitten werde ich jeweils einen Aufsatz auswählen und ihn vorstellen:

Mit den Therapeutisierungsprozessen seit den 60er Jahren beschäftigt sich die Studie „Befreiung des Subjekts, Management des Selbst“ von Jens Elberfeld und fragt nach deren Auswirkungen auf die Konstituierung des Subjektes:

Die als Siegeszug der Psychotherapie beschriebene Therapeutisierung beginnt zunächst mit der Reform der Psychiatrie und der Erweiterung der engeren Psychiatrie um psychotherapeutische Angebote. Mit der Aufnahme der Psychotherapie in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung und mit dem Psychotherapeutengesetz wird dieser Vorgang fortgesetzt und erhält letztendlich durch den Auf-und Ausbau des Beratungswesens (Ehe-, Familien-Erziehungs-und Sexualberatung) und der damit verbundenen Hinwendung zu Alltagsproblemen und zwischenmenschlichen Konflikten einen enormen gesellschaftlichen Auftrieb. Hinzu kommt der sogenannte Psychoboom, in dem abseits von der öffentlichen gesundheitlichen und medizinischen Versorgung ein neuer Therapiemarkt mit eigenen Dienstleistungen und Strukturen entsteht. Als letzter Faktor der Therapeutisierung werden die Bildungsexpansion und die Hochschulreform genannt, in deren Folge u. a. ein rapides Wachstum der Psychologie eintritt. Alle diese Entwicklungen führen zu einer Dynamisierung und Erweiterung der therapeutischen Feldes auf die Gesamtgesellschaft.

In der sogenannten 68er-Bewegung wird dann die aus wissenschaftlicher Disziplin und professioneller Führung entbundene und in das gesellschaftliche Bewusstsein eingedrungene Psychotherapie zur Veränderung und Befreiung des Subjektes aus repressiven und entfremdeten Verhältnissen eingesetzt. Als Beispiele dafür dienen der Studie die Kommune Zwei und das Sozialistische Patientenkollektiv. Die politische Indienstnahme therapeutischer Methoden wird später in den 70er und 80er Jahren in alternativen Milieus abgeschwächt fortgesetzt: Frauenbewegung, humanistische Psychologie, Encounter- und Selbsterfahrungsgruppen, Familientherapie, Systemische Therapie werden beispielhaft genannt. Doch wird die therapeutische Arbeit am Selbst nicht mehr zwingend politisch verstanden.

Ab Mitte der 80er Jahre und verstärkt im Laufe der 90er Jahre kommt es dann zur Öffnung des therapeutischen Feldes hin zur Arbeit und Organisationsentwicklung. Die therapeutische Konstitution des Subjektes ist nun jeder politischen Absicht entkleidet und folgt dabei in Gestalt des Coaching zunehmend ökonomischen Kriterien der Effizienz und Leistungssteigerung. Das sich auf die gesamte Lebensführung und nicht nur auf die Arbeitswelt beziehende Coaching führt letztendlich zu einem pragmatischen und zweckrationalen Management des Selbst, das sich affirmativ und adaptiv zu den gegebenen Umständen verhält. Der Therapeutisierungsprozess ist auf dem Weg der Emanzipation des Subjekts und der Befreiung der Gesellschaft zum Stillstand und zum ökonomisch enggeführten Selbstmanagement gekommen. Was für ein Subjekt wurde nun wohl durch Therapie, Beratung und Coaching konstituiert?

Aus dem Bereich der Politisierung möchte ich den von Massimo Perinelli geschriebenen Aufsatz „Migration und das Ende des bürgerlichen Subjekts“ wegen seiner abenteuerlich-radikalen Gedankenführung skizzieren:

Die Migration ist es, die zur Krise des Nationalstaates und des bürgerlichen Subjektes führt; sie hat die großen Ordnungssysteme der Moderne – den nationalen Staat und das bürgerliche Subjekt – zur Transformation gezwungen. Der Effekt der Migration besteht in der Herauslösung der bürgerlichen Subjekte aus ihrer Ordnung und damit in ihrer Freisetzung. Hiermit wird die unhistorische und unmittelbare Identifikation des Bürgers mit dem Ordnungssystem beendet, die geschichtliche Gewordenheit der aktuellen Ordnung sichtbar gemacht und die bürgerliche Enthistorisierung beendet. Migration wird zum Geburtshelfer der Aufklärung und des geschichtlichen Bewusstseins. Die Dekonstruktion des bürgerlichen Subjektes oder seine Entsubjektivierung als bürgerliches Subjekt machen die Ordnung hinterfragbar und stellen sie zur Disposition. Jetzt entstehen neue Technologien des Selbst und neue Ordnungen.

Als historisches Beispiel für diese Effekte dient die Auflösung des Feudalismus: Den umherziehenden, mit dem Begriff der Migranten gleichgesetzten Massen der frühen europäischen Neuzeit geht es nicht um Partizipation, Widerstand und Erringung von Macht, sondern ausschließlich um die faktische Delegitimierung der Verhältnisse. Ihr Potential liegt in der Fliehkraft. Erst wenn der Zustand eines Null-Punktes erreicht ist, kann eine neue geschichtliche Etappe einsetzen. Es beginnt der Aufstieg der Städte und des frühkapitalistischen Manufaktursystems. Jetzt entstehen neue Einlassungsmechanismen und neue Subjektkonstellationen. Dem entstehenden Kapitalismus gelingt es allerdings, die freigesetzten Massen in sein System einzubinden. Die große Revolution bleibt aus.

Ein Zeit-und Ortswechsel wird aus revolutionären Gründen erforderlich: Die gegenwärtige sozialdemokratische Variante des Kapitalismus hat neue Formen der Subjektivierung hervorgebracht, indem er die gefährlichen und arbeitenden Klassen verbürgerlicht und in den sozialen Nationalstaat eingebunden hat. Allerdings gibt es zwei Integrationsausnahmen: Das sind die Nichtmännlichen und die Nichtnationalen, Frauen und Fremde/Migranten, die dem patriarchalischen und rassistischen bürgerlichen Muster widersprechen und das mit sich selbst identische Subjekt bürgerlicher Gesellschaften auf je eigene Weise herausfordern. Eine umstürzende und zudem den bürgerlichen Subjektivierungstyp positiv überschreitende Perspektive auf den Neuen Menschen (Karl Otto Hondrich) wird eröffnet.

Bedauerlich kann es für Perinelli eigentlich nur sein, dass der bürgerliche Typus mit seinen Beständen und Perspektiven diesem Geschichtsgang die Zustimmung verweigert und die Wirklichkeit ein anderes Bild der präsumtiven Subjekte der Revolution als der Autor zeichnet. Will die Theorie Geburtshelfer einer neuen Gesellschaft sein, muss sie die Wirklichkeit wenigstens erfassen und nicht herbeiwünschen. Über das, was sein soll, darf man das, was ist, nicht übersehen.

Im Rahmen der Themen zur Emotionalisierung möchte ich auf den von Annika Wellmann geschriebenen Beitrag „Alterssex und die Kultur des Lebenslangen Lernens, 1960-2000“ zu sprechen kommen:

Die Autorin skizziert die Stadien der Entwicklung der Anschauungen über den Alterssex von der Pathologisierung bis zur Klientelisierung:

  • Pathologisierung des Altersex (Psychiater Max Mikorey) bis Anfang der 60er Jahre
  • Normalitätserklärung des Alterssex (Arzt Isadore Rubin) ab 1968
  • Sozialwissenschaftliche Untersuchungen in den 70er Jahren: Nicht organische Veränderungen sind primäre Ursache der sexuellen Nicht- Aktivität, sondern negative Normalitätsvorstellungen und Sozialisationsprozesse.
  • Verwissenschaftlichung und Normalisierung des Alterssex eröffnen seit den 80er Jahren Medizinern und Psychotherapeuten die „Klientelisierung der Betagten“ in Form der Medikalisierung (Pharmazeutika u. a.Hormone) und der Arbeit an sich selbst (Ratgeberliteratur).

Das Selbstbild, das Ältere durch den beobachtenden Blick auf ihren Sexualkörper gewinnen sollten, blieb jedoch ambivalent: Konstatierung physischen Verfalls einerseits, bei Zuwachs an Zärtlichkeit und Sinnlichkeit andererseits. Die Ratgeberliteratur lenkte die Aufmerksamkeit gleichwohl auf die Ausweitung der Sexualpraktiken, kurz gesagt: auf die Optimierung des Sex. Trotz aller Bemühungen um die Gleichstellung des Alterssex blieb er jedoch randständig, wie die eigens auf Ältere abgestellte Ratgeberliteratur beweist.

Letztendlich - so das Resümee – geht es beim propagierten Alterssex um den sozialen Imperativ und die Steuerung des Individuums, das gefühlte Alter gering und sich fit für den Alltag zu halten. Altersrisiken sollen auf diese freiwillige Weise möglichst gering gehalten werden. Active Ageing ist nur die Radikalisierung dieses Ansatzes der Selbstsorge für das neue Jahrtausend. Das Konzept des individuellen lebenslangen Lernens drückt in diesem Zusammenhang nur die Erkenntnis aus, dass selbstgesteuertes und freiwilliges Lernen wirkungsvoller ist als jede Art des fremdbestimmten Handelns. Gleichzeitig ermöglicht die Implementierung des Imperativs der Selbstsorge den herrschenden Mächten die leichtere Abwälzung der mit dem Alter verbundenen Risiken von den sozialen Versicherungssystemen auf das Individuum. Alterskrankheit wird zum Mangel an Selbstsorge, berührt keineswegs soziale Verhältnisse oder Missstände und erfordert keine oder nur geringe Solidarität.

Diskussion

Man fragt sich nach der Lektüre der einzelnen, durchweg interessanten und anregend geschriebenen Aufsätze, ob das Selbst wirklich so ein einfach herstellbares Produkt ist, wie es hier erscheint: Reicht es aus, historische Fakten und gesellschaftliche Entwicklungen themenzentriert auszuwählen, neue Tendenzen und einen neuen Look zu beschreiben, Handlungsstrategien und weitere Bausteine zu benennen, sie auf einen Punkt oder mehrere Punkte hin zusammenzuführen und dadurch die Entstehung eines neu geformten und den eigenen und fremden Ansprüchen folgenden Selbst zu behaupten? Das Selbst scheint eine tabula rasa zu sein, die nur darauf wartet, mit neuen Eindrücken und Maximen geprägt zu werden, um sich entsprechend verhalten zu können. Es fragt sich jedoch, ob das Selbst so voraussetzungslos, unmittelbar, flexibel und formbar ist, wie es dargestellt wird. Können die hier beschriebenen Formen des zeitgeschichtlichen Selbst nicht auch Phänomene der Oberfläche sein, die keineswegs tiefenwirksam sind und eher Moden gleichkommen als in der Persönlichkeit verankerten Merkmalen. Die Beschreibung von Moden wäre aber nicht unbedingt ausreichend für eine Zeitgeschichte des Selbst. Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung sind wesentliche, freilich in Jahrhunderten geformte Bausteine, die u. a. zu einem handelnden Menschen zählen und auch bei einer Zeitgeschichte des Selbst berücksichtigt werden sollten. Das zeitgeschichtliche Selbst hat Herkunft und nicht jeder handelt herkunftslos.

Noch einen anderen kritischen Gedanken möchte ich vortragen: Wenn das Selbst herkunftsbedingt innere Qualitäten hat und zum Beispiel in der Lage ist, sein von ihm eingefordertes Handeln aufzuschieben und nachdenklich zu sein, dann können die verschiedenen Strategien der Steuerung und Unterdrückung durchaus unbeabsichtigte Folgen zeigen. Das Selbst kann die verlangte Art der Therapeutisierung, der Politisierung und der Emotionalisierung verweigern. Das macht eine der entscheidenden Qualitäten jedes Selbst aus.

Fazit

Der transcript-Verlag hat wieder ein interessantes und zur Diskussion ermunterndes Buch vorgelegt, das ich jedem zur Lektüre empfehlen kann. Bei aller grundsätzlichen Kritik werden doch wichtige Entwicklungen der Zeitgeschichte in ihren Auswirkungen auf die Formung der Persönlichkeit dargestellt und bewertet. Diese Konzentration auf die zeitgeschichtlichen Bewegungen macht darüber hinaus viele und unterschiedliche Unterdrückungspotentiale und Einschränkungen der Freiheit sichtbar.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 25.02.2016 zu: Pascal Eitler, Jens Elberfeld (Hrsg.): Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung - Politisierung - Emotionalisierung. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3084-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20383.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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