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Marion Hulverscheidt: Weibliche Genital­verstümmelung

Cover Marion Hulverscheidt: Weibliche Genitalverstümmelung. Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 3. Auflage. 189 Seiten. ISBN 978-3-935964-00-5. 26,95 EUR.
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Thema

Die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung wird in der allgemeinen Diskussion häufig nur im Kontext der Dritten Welt bzw. rituellen Beschneidungen bei afrikanischen Ethnien betrachtet und beschrieben. Praktisch unbekannt ist die Tatsache, dass auch im europäischen Raum noch bis ins 20. Jahrhundert medizinisch begründete Genitalverstümmelungen durchgeführt wurden.

Autorin

Marion Hulverscheidt studierte Humanmedizin und Wissenschaftsgeschichte an den Universitäten in Kiel und Göttingen, mit Studienaufenthalt in Wien. Sie arbeitet vornehmlich medizin- und wissenschaftshistorisch, verfügt jedoch auch über klinische Erfahrungen aus der Gynäkologie und der Allgemeinmedizin. Die vorliegende Schrift stellt ihre Dissertation dar.

Aufbau und Inhalt

das vorliegende Buch umfasst insgesamt neun Gliederungspunkte:

  1. Einleitung
  2. Kenntnis und Praxis um die weibliche Genitalverstümmelung von der Antike bis ins 18. Jahrhundert
  3. Historische Voraussetzungen und kulturelle Deutungsmuster für die Konjunktur der Klitoridektomie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
  4. Gegenseitige Einflussnahme von Medizin und Anthropologie
  5. Der Eklat um Baker Brown in London
  6. Fallbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum
  7. Zusammenfassung
  8. Bildteil
  9. Literaturverzeichnis

Die Autorin setzt sich in ihrer Einleitung mit der Begriffsbestimmung dem Stand der Forschung und dem Quellenmaterial auseinander. Sie weist bereits hier auf die Tatsache hin, dass auch im deutschsprachigen Raum Genitalverstümmelungen von Medizinerhand vorgenommen wurden.

Im zweiten Gliederungspunkt beleuchtet die Autorin die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung vom alten Ägypten, der Antike, dem Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Bei dieser historischen Analyse ist die lustfeindliche Begründung für die weibliche Beschneidung nicht zu übersehen. Eine vergrößerte Klitoris wirke sich angeblich negativ auf den Koitus aus und würde darüber hinaus zur Homosexualität und zur „Liebestollheit“ (Nymphomanie) führen.

Im darauf folgenden Kapitel widmet sich die Autorin der Fragestellung, warum gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Häufung von Fällen weiblicher Genitalverstümmelung festzustellen war. Sie führt hier drei mögliche Erklärungen auf, die aber auch untereinander in Beziehung stehen und erläutert diese ausführlich:

  • Medikalisierung der Masturbation
  • die Idee der Reflexneurose
  • die Lokalisation des Geschlechtstriebes in den weiblichen Genitalien.

Im nächsten Gliederungspunkt ihrer Schrift arbeitet die Autorin den Einfluss der Anthropologie auf die Medizin heraus. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine Vielzahl von ethnologischen Untersuchungen und Reiseberichten aus den afrikanischen Ländern publiziert. Die meisten AutorInnen berichteten auch über die Beschneidungen in den verschiedenen Kulturen Afrikas. So finden sich anthropologische Erkenntnisse über die rituelle weibliche Beschneidung in vielen medizinischen Büchern des 19. Jahrhunderts, deren Ätiologie aber aufgrund der in Europa existierenden Indikationen für die operative Behandlung des äußeren Genitales fehl gedeutet wurden. So dienten die ethnologischen Studien einer Befestigung der operativen Behandlungsmethoden, um der angeblich durch Masturbation entstandenen Hypertrophie des weiblichen Genitales entgegenzuwirken.

Im fünften Kapitel ihrer Arbeit widmet sich Hulverscheidt ausführlich dem umstrittenen Londoner Gynäkologen Baker Brown, der sich sehr vehement für die Klitoridektomie in Wissenschaft und Praxis einsetzte. Der Disput um die von ihm ausgeübte Praxis führte schließlich zum Ausschluss aus seiner geburtshilflichen Fachgesellschaft. Allerdings bedeutete dieser Ausschluss noch nicht das Ende der Klitoridektomie.

In ihrem umfangreichsten sechsten Kapitel präsentiert die Autorin dem interessierten Leser verschiedene Fallbeispiele aus Deutschland und diskutiert diese abschließend.

Fazit

Die vorliegende Arbeit füllt eine Lücke in der aktuellen Diskussion um weibliche Genitalverstümmelungen. Das Verdienst der Autorin besteht insbesondere darin, dass sie in ihrer Schrift nachweisen kann, dass in Deutschland sowie im ganzen europäischen Raum verstümmelte Genitaloperationen bis in das 19. Jahrhundert hinein Tradition hatten. Diese historische Tatsache ist in der Fachöffentlichkeit wenig bekannt und unterstreicht die Lustfeindlichkeit und Bigotterie der Medizin bis in das 20. Jahrhundert hinein, die damit auch das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität der Frau erfolgreich lange Zeit verhindern konnte.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Stumpe
Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Harald Stumpe. Rezension vom 29.09.2016 zu: Marion Hulverscheidt: Weibliche Genitalverstümmelung. Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 3. Auflage. ISBN 978-3-935964-00-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20384.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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