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Heike Ulatowski: Pflegeplanung in der Psychiatrie

Cover Heike Ulatowski: Pflegeplanung in der Psychiatrie. Eine Praxisanleitung mit Formulierungshilfen. Springer (Wiesbaden) 2016. 290 Seiten. ISBN 978-3-662-48545-3. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Das Buch behandelt die konkrete Unterstützung beim Formulieren schriftlicher Dokumentationen in der Psychiatrie.

Eine „gute“ Pflegeplanung ist eine Möglichkeit der Zeit- und Kostenersparung sowie unerlässliches Hilfsmittel zur Qualitätssicherung. Umso klarer und definierter die Aufgaben und Ziele in der Pflegeplanung erfasst sind, umso besser kann der Behandlungsprozess gelingen.

Der „Weg“ in der psychiatrischen Pflege von ein- und weggesperrten Patienten noch bis in die 1970er Jahre zu einem jetzt überwiegend vertrauensvollen Verhältnis war lang und mühevoll – durch die entsprechende Dokumentation sollen die durchgeführten Leistungen/ Hilfen entsprechend kenntlich und nachvollziehbar gemacht werden.

Autorin

Heike Ulatowksi ist Dipl.- Pflegewirtin, Sozialökonomin, Psychotherapeutin und examinierte Altenpflegerin. Sie ist als Unternehmensberaterin für Pflegeeinrichtungen, als Gutachterin und als Lehrbeauftragte tätig und hat bereits mehrere Fachbücher geschrieben und veröffentlicht.

Aufbau

Übersichtlich, klar, sachlich-schnörkellos und nachvollziehbar zeigt sich die Inhaltsübersicht, gegliedert nach Krankheitsbildern entsprechend den ICD-Codes F10 bis F00 mit kurzen und eingängigen Begriffen nach einem immer gleichen Schema:

  • Merkmale,
  • Pflegeplanung,
  • Anmerkungen für die ambulante Pflege.

In den Texten finden sich Anmerkungen wie z. B. Praxistipps, Tabellen mit aufgelisteten Symptomen, Definitionen und Exkursen.

Inhalt

Vorwort. Die Autorin benennt die Zielgruppe des Buches, nämlich Führungskräfte in der stationären psychiatrischen Pflege. Erklärt wird der Umgang mit dem vorliegenden Fachbuch und den Wunsch zur Unterstützung bei der Dokumentation behilflich sein zu können.

Grundlagen und Geschichte der psychiatrischen Pflege. Differenzierung zwischen „psychiatrische Pflege“ bzw. Psychiatriepflege und Pflege in der Psychiatrie an Hand von mehreren Zitaten und Benennung von Handlungsfeldern, die zusätzlich in einer Abbildung sichtbar gemacht werden. Die Geschichte der psychiatrischen Pflege und der Psychiatrie beginnt im Mittelalter einhergend mit den damals durchgeführten Gräueltaten gegenüber den damals nicht als „Kranke“ sondern „vom Teufel Besessene“ über erste Behandlungsansätze Anfang des 19. Jahrhunderts und den Experimenten an Menschen mit psychischen Erkrankungen während der NS-Zeit bis zur jüngeren Geschichte der Psychiatriegeschichte. Beschrieben werden durchgeführte Behandlungen wie z. B. Elektroschocks oder die Stellung des Pflegepersonals vom „Irrenwärter“ zu den jetzt hochprofessionellen Psychiatriefachpflegekräften.

Pflegemodell- Pflegeprozess – Pflegediagnosen – Pflegestandard. Die Autorin erklärt in einer tabellarischen Übersicht die Pflegemodelle, erläutert in einer Begriffsdefinition den Pflegeprozess sowie in einer schematischen Darstellung des sechsstufigen Pflegeprozesses nach Fiechtner und Meier. Es wird der Umgang mit Pflegediagnosen erklärt und die Begrifflichkeit des Standards. Ein Exkurs behandelt die Expertenstandards, die ggf. auch bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen zu tragen kommen können.

Pflegeplanung in der psychiatrischen Pflege. Die Autorin beschreibt die Schritte beim Erstellen einer Pflegeplanung und die gesetzlichen Hintergründe im Rahmen einer Novellierung bereits im Jahr 1985! Weiter werden in Textform Inhalte und Zweck einer Pflegeplanung genannt.

Klassifikationssystem in der Psychiatrie. Beschrieben wird der historische Hintergrund der Klassifikationssyteme bereits im 19. Jahrhundert sowie die Einführung der ICD- 9 bzw. -10 Codes sowie tabellarische Darstellung der Entwicklung.

Stellenwert psychiatrischer Erkrankungen im Gesundheitsmarkt. Darstellung und Nennung von Bettenanzahl, Erkrankungshäufigkeiten, Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychiatrischer Erkrankungen zur Verdeutlichung der wirtschaftlichen und personellen Relevanz.

Formulierungshilfen für die Pflegeplanung

Allgemeine Erklärung zur Darstellung der folgenden Pflegeplanungen in kurzer und präziser Formulierung. So sind die folgenden Pflegeplanungen immer mit Problemen, Ressourcen, Zielen und Maßnahmen formuliert.

Störungen durch psychotrope Substanzen. Zunächst kurze Einführung in die Thematik mit Unterscheidung zwischen Abhängigkeit und schädlichem Gebrauch sowie Erklärung der „Entgiftungsphase“. Die Pflegeplanung „Abhängigkeitssymptom“ benennt als Probleme:

  • Bagatellisieren der Abhängigkeit,
  • fehlende Krankheitseinsicht,
  • Unkooperativität,
  • starke Abhängigkeitszeichen,
  • Angst vor Entzugssymptomatik.

Als Ressourcen wird häufig genannt: „Patient ist kognitiv nicht eingeschränkt“. Als weitere Ressourcen wird beispielsweise der Wille zum suchtmittelfreien Leben genannt. Als Ziele werden unter anderem das Verbleiben auf Station und die Anerkennung der Abhängigkeitserkrankung benannt. Zu den Maßnahmen werden zum Beispiel Gespräche und Gesprächsangebote, gemeinsame Festlegungen, Bestärkung in entsprechende Entscheidungen genannt. Insgesamt umfasst die Pflegeplanung fast vier Seiten in kleiner Schrift. Ergänzt werden Hinweise mit dem Vermerk CAVE, z. B. keine juristischen Ratschläge zu erteilen. In diesem Kontext wird die Thematik des Entzugssyndroms mit einer Auflistung von physischen und psychischen Symptomen verdeutlicht. Anmerkungen für die ambulante Pflege

Es folgt die Pflegeplanung „Entzugssyndrom“ mit Problemen wie beispielsweise entzugsinduzierten Krampfanfällen, deliranten Symptomen, Angstzuständen. Entsprechend hierzu Ressourcen (z. B. Vorhandensein der kognitiven Fähigkeiten), Ziele (Verhinderung von Selbst- und Fremdgefährdung, Linderung der Entzugssymptomatik) und Maßnahmen (regelmäßige Vitalzeichenkontrolle, Gesprächsführung, Krankenbeobachtung). Insgesamt umfasst die Pflegeplanung sieben Seiten.

Beschrieben werden Symptome einer psychotischen Störung mit oder ohne Zusammenhang mit Suchtmitteleinnahme und vierseitige Pflegeplanung „psychotische Störung“ mit Problemen wie z. B. Halluzinationen, Wahnideen; entsprechende Ziele seien Verhinderung von Selbst- und Fremdschädigung, erträglicher Zustand des Versicherten; Maßnahmen unter anderem wie Dokumentation der Gegebenheiten, Krankenbeobachtung, Gespräche;

Aufgrund der Rückfallgefahr bei Suchtdruck ist hierfür extra die Pflegeplanung „Suchtdruck“ erstellt, mit Problemen wie Rückfalltendenzen und Suchtverlagerung. Anmerkungen für die ambulante Pflege

Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen. Statistische Angaben und Einführung in die Thematik sowie Merkmalen, ergänzt durch zwei schematischen Abbildungen zu Symptomen. Die fünfseitige Pflegeplanung „paranoid-halluzinatorische“ Schizophrenie behandelt Probleme wie Misstrauen gegenüber der Bezugspflegekraft, Wahnvorstellungen (z. B. Vergiftungswahn mit Verweigerung der Essens-, Getränke- und Medikamenteneinnahme). Entsprechende Ziele und Maßnahmen. Anmerkungen für die ambulante Pflege Beschrieben wird auch die Form der Hebephrenen Schizophrenie mit Merkmalen und Störungsbereichen – es folgt die 4seitige Pflegeplanung „hebephrene Schizophrenie“. Weiterhin wird die katatone Schizophrenie in gleicher Form behandelt – zunächst eine Beschreibung der Merkmale, anschließend die Pflegeplanung. Es folgt ein Exkurs zum Thema „Pflege bei Zwangsmaßnahmen“ in Form von freiheitsentziehenden Maßnahmen bzw. Fixierung, Zwangsmedikation, Isolation. Die Pflegeplanung „Fixation“ behandelt dabei entsprechend auftretende Probleme wie „Körperpflege und Toilettengang sind nicht möglich“, „Patient ist laut und unruhig“ oder „Patient versucht sich aus der Fixierung zu lösen“. Entsprechende Ziele und Maßnahmen sind formuliert. Abschließend Anmerkungen für die ambulante Pflege

Affektive Störungen. Aufzählung der affektiven Störungen und statistisches Vorkommen sowie Ursachen. Zunächst wird die Manische Episode mit den entsprechenden Merkmalen in Textform und entsprechende Symptome in Tabellenform vorgestellt. Die Pflegeplanung umfasst Probleme wie „übermäßig aktiv und unruhig“, „euphorisch und überschätzt sich“, „hat keine Krankheitseinsicht“, „hält sich nicht an die Stationsordnung“, „ist distanzlos und zeigt kein Schamgefühl“, „vernachlässigt aufgrund von Ungeduld die Körperpflege“ usw. Entsprechend finden sich beispielsweise folgende Ziele

  • „Patient bekommt ausreichend Schlaf“,
  • „Patient befolgt die Stationsordnung und die Anweisungen“,
  • „Patient kann Nähe und Distanz angemessen einschätzen“,
  • „Verhinderung von Selbst- und Fremdgefährdung“.

Dazu beispielsweise entsprechende Maßnahmen „dem Patienten Anzeichen und Merkmale seiner Erkrankung aufzeigen“, „Therapeutische Maßnahmen aufzeigen“, „Entspannungstechniken anbieten“, „Patienten auch bei kleinen Fortschritten loben“, usw.

Unter der Teilunterschrift 8.2 findet sich die Bipolare affektive Störung, die in bekanntem Muster (Merkmale, Praxistipp, Tabelle mit Symptomen) und anschließender mehrseitiger Pflegeplanung und Anmerkungen für die ambulante Pflege. Dementsprechend folgt die Abhandlung zur depressiven Episode, ergänzend mit einer Definiton nach Gold und der rezidivierenden depressiven Episode. Das Kapitel wird mit einem Exkurs über Pflege bei Suizidalität mit der Eingraduierung in Schweregrade, Benennung von Risikofaktoren, Möglichkeiten der Suizidprophylaxe und Pflegeplanung „Suizidalität“ abgeschlossen.

Neurotische Störungen, Belastungsstörungen und somatoforme Störungen. Entsprechend dem bekanntem Muster (Merkmale, Praxistipp, Tabelle mit Symptomen) und anschließender mehrseitiger Pflegeplanung und Anmerkungen für die ambulante Pflege werden hier die Angststörungen, Zwangsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Dissoziative Idenitätsstörungen bearbeitet. Ergänzend ein Exkurs zu Angstexpositionsstraining.

Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren. Hierunter fallen die Erkrankungen des ICD-Codes F50.0 Anorexia nervosa und F50.2 Bulimia nervosa entsprechend dem Muster: Merkmale (ergänzend Phasenmodell in schematischer Darstellung), Praxistipp und Pflegeplanung sowie Anmerkungen für die ambulante Pflege und dem Exkurs zu Kochgruppen.

Persönlichkeitsstörungen. Thematische Behandlung der Krankheitsbilder Borderline-Persönlichkeitsstörung, histrionische Persönlichkeitsstörung (HIS) und abhängige Persönlichkeitsstörung sowie der Exkurs zum Thema Skills-Training.

Gerontopsychiatrische Störungen. Merkmale der Alzheimer-Demenz und der vaskulären Demenz jeweils mit Auflistung von Beeinträchtigungen und entsprechenden Pflegeplanungen sowie Anmerkungen zur ambulanten Pflege.

Serviceteil. Enthält das Stichwortregister.

Diskussion

Gerade im Hinblick auf individuelle (langfristige) Wohnformen, z. B. Obdachlosenheimen, Männerheimen oder ähnlichem ist das Wissen zu Symptomen und entsprechenden Maßnahmen bei psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen sowie den möglichen Gefahren für alle an der Versorgung Beteiligten notwendig. Das vorliegende Fachbuch eignet sich in seiner kurzen und präzisen Art diesbezüglich eigentlich sehr gut.

Daher ist es verwunderlich, dass dieses Fachbuch seinen Leserkreis laut Autorin in Führungskräften in der stationären Psychatriepflege findet. Aufgrund der Form- und Titelgebung des Fachbuches nachvollziehbar, da das Verständnis ohne die Fähigkeit zum Lesen einer Pflegeplanung verloren geht. Dabei sind sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen anzutreffen und gerade dort, wo der alltägliche Umgang und die fachliche Spezialisierung fehlt, entstehen Fragen und Unklarheiten, die durch Fachliteratur beseitigt oder gemindert werden können. Meiner Meinung nach ist das vorliegende Werk inhaltlich durchaus einer größeren Leserschaft anzuraten, jedoch in einer anderen Textform.

In diesem Zusammenhang gilt außerdem zu bedenken: Derzeit findet sowohl in ambulanten wie auch in stationären Pflegeeinrichtungen bereits die Umstellung von der derzeitigen Pflegedokumentation auf die vereinfachte Pflegedokumentation mit der Strukturierten Informationssammlung (SIS) statt. Die Pflegeplanung in der Form Problem, Ressource, Maßnahme und Ziel gibt es nicht mehr, vielmehr wird als wesentlicher Bestandteil der Dokumentation ein sogenannter Maßnahmenplan sein.

Leider waren die Maßnahmen überwiegend sehr unspezifisch aufgelistet – vielleicht wäre an der einen oder anderen Stelle ein Praxistipp mit ganz konkreten Maßnahmen dem Leser noch hilfreich gewesen.

Fazit

Ein kompakter Auffrischkurs für alle Pflegefachkräfte, die mit psychisch Erkrankten zu tun haben und für all diejenigen, die Pflegeplanungen lesen können. Vereinzelte Textstellen wie die Tabellen mit Symptomen, Beeinträchtigungen usw. auch für an der Versorgung Beteiligter sicherlich informativ und hilfreich. Insgesamt gut geeignet zur Erstellung von Textbausteinen (wer solche nutzt) oder zur Verdeutlichung, dass weniger manchmal mehr ist.


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 21.05.2016 zu: Heike Ulatowski: Pflegeplanung in der Psychiatrie. Eine Praxisanleitung mit Formulierungshilfen. Springer (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-662-48545-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20391.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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