socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Annika Hampel: Fair Cooperation

Cover Annika Hampel: Fair Cooperation. Partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Auswärtigen Kulturpolitik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 364 Seiten. ISBN 978-3-658-07592-7. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Zôon politikon

Wenn der Mensch, nach der anthropologischen, aristotelischen Sichtweise, als politisches Lebewesen verstanden wird, kommt zum Ausdruck, dass sein Dasein, sein Denken und Tun politisch, d. h., als Gesamtheit aller Interaktionen anerkannt wird, die auf allgemein akzeptierten, vereinbarten und verbindlichen Wertvorstellungen und Handlungen beruhen (Frank Schimmelfennig) und als soziale, individuelle und kollektive Haltungen zum Ausdruck kommen. In der institutionellen, demokratischen Verfasstheit eines politischen Gemeinwesens differenziert sich Politik in verschiedenen Formen aus Gesellschaftspolitik, Innen- und Außenpolitik…, deren Einzelelemente jedoch als Gesamtheit der Grundlegung des Humanums zu verstehen sind, wie sie in der Präambel der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, postuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Entstehungshintergrund und Autorin

Hier geht es um Auswärtige Kulturpolitik und damit um die Frage, wie in der Vielfalt der Kulturen Gesellschaft als Individuelles und Kollektives verstanden werden kann und gesellschafts- und kulturpolitische Transformationsprozesse in der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden (Einen?) Welt wirksam werden (vgl. dazu auch: Stephan Moebius, Hrsg., Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual studies. Eine Einführung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14406.php). Es ist die notwendige und (hoffentlich) wachsende Erkenntnis, dass nationale Ziele wie Sicherheit, Wohlstand und die Sicherung eigener und gemeinsamer Werte nur im internationalen Miteinander erreicht werden können, die auch die (deutsche) Außenpolitik bestimmt (siehe dazu auch: Frank R. Pfetsch, Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Von Adenauer bis Merkel, Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts., 2011, 286 S.). Kultur als eigene Identität und als interkultureller Austausch vollziehen sich als Information, beim Dialog, Kennen lernen und bei der Zusammenarbeit (auf Augenhöhe). Eine gelingende, partnerschaftliche Kooperation setzt nicht nur voraus, Kultur im Sinne der UNESCO-Definition als die gleichwertige Anerkennung der Gesamtheit der typischen Lebensformen, Denkweisen und Werte zu verstehen (siehe dazu z. B. den Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ vom 6. September 1996: „Inventory of Our Creative Diversity“), sondern auch danach Ausschau zu halten, wie sich die (deutsche) Auswärtige Kulturpolitik bei den Aspekten Kunst, Kooperation und Kulturpolitik darstellt, und wie sie konkret durch Institutionen und Agierende ausgefüllt wird. Die vielfältigen Bereiche der internationalen Zusammenarbeit werden, neben den privaten und zivilgesellschaftlichen Initiativen (vgl. z. B. dazu: www.initiativen-partnerschaft.de) überwiegend als staatlich organisierte und geförderte Aktivitäten verstanden mit dem Ziel, gegenseitiges Verständnis für die jeweils kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu erreichen und für ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben der Menschen auf der Erde zu sorgen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist, neben dem Auswärtigen Amt und anderen Fachressorts dafür zuständig, diese Aufgaben zu koordinieren (Rainer Öhlschläger / Hartmut Sangmeister, Hrsg., Von der Entwicklungshilfe zur internationalen Zusammenarbeit. Chancen nutzen – Zukunft gestalten, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15277.php).

Das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, UNESCO-Chair in Cultural Policy for the Arts in Development (Prof. Dr. Wolfgang Schneider), hat sich als interkulturelle Dialog- und Diskurs-Einrichtung entwickelt, aus dem bisher zahlreiche Initiativen und Forschungsergebnisse hervorgegangen sind (z.B.: Daniel Gad / Wolfgang Schneider, Hrsg., Good Governance for Cultural Policy. An African-European Research about Arts and Development, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17572.php). Die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut, Annika Hampel, seit August 2015 Leiterin des International Office der Fachhochschule Schmalkalden, hat 2014 ihre Dissertation „Fair Cooperation“ vorgelegt. Mit Schwerpunkt auf die kulturelle und künstlerische Zusammenarbeit bei der deutsch-indischen Partnerschaft setzt sie sich kritisch mit der Theorie und Praxis der bikulturellen Kooperation auseinander: „Es steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Geber ihre Rolle, die bislang ihre Existenz legitimiert, aufgeben können und wollen. Für sie würde es bedeuten, die eigene – machtvolle und kontrollierende – Position und Arbeitsweise in Frage zu stellen und zu verändern“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Arbeit in neun Kapitel. Im ersten, einführenden Teil ordnet sie ihre Dissertation in die Spannweite „Kunst, Kooperation, Kulturpolitik“ ein, erläutert die Zielsetzung und informiert über den gegenwärtigen Forschungsstand zur Thematik. Im zweiten Kapitel diskutiert sie „Künstlerische Kooperationen in der Auswärtigen Kulturpolitik“ und klärt die im Diskurs benutzten unterschiedlichen Begrifflichkeiten. Im dritten Kapitel wendet sie sich ihrem Schwerpunktthema „“Indien“ mit einer kulturpolitischen Verortung zu. Im vierten Kapitel grenzt sie das Thema der deutsch-indischen Partnerschaften in die Aspekte „Politik, Wirtschaft, Kultur“ ein. Im fünften Kapitel informiert sie über die in der Forschungsarbeit benutzten Methoden. Im sechsten Kapitel stellt sie die „partnerschaftliche Zusammenarbeit auf den Prüfstand, indem sie (ausgewählte) Praxis analysiert. Im siebten Kapitel entwickelt sie aus der vorgefundenen Praxis „Kriterien einer Kooperationskultur“ und formuliert kulturpolitische Perspektiven. Im achten Kapitel formuliert sie ein Fazit ihrer Arbeit und gibt einen Ausblick über die sich daraus ergebende, weiterführende Praxis. Das neunte Kapitel umfasst das umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis.

Die Motive, Innovationen und Zielsetzungen ihrer Forschungsarbeit stellt die Autorin unter den Ausspruch Mahatma Ghandhis: „Find purpose, the means will follow“. Damit gibt sie schon vor, was sie antreibt, sich mit dieser Thematik wissenschaftlich auseinander zu setzen: Es ist die Erkenntnis, dass nur ein Perspektivenwechsel bewirken kann, sich selbst, die anderen Menschen und die Dinge zu verändern und nach Kriterien Ausschau zu halten, wie eine gegenwärtige und zukünftige, gleichberechtigte und interkulturelle Partnerschaft und ein internationaler und interkultureller Austausch insbesondere in den künstlerischen Bereichen möglich wird. Um die Leitlinien eines so verstandenen Vorhabens setzen zu können, bedarf es natürlich der Begriffsklärungen, insbesondere im internationalen und interkulturellen Dialog. Da ist der Begriff der „Kooperation“, der sich in unterschiedlichen Zusammenhängen darstellt und als künstlerische Zusammenarbeit als „ein Format des freiwilligen miteinander Arbeitens mit dem Ziel (verstanden wird) etwas Neues entstehen zu lassen auf Grundlage eines gemeinsamen Arbeitsprozesses“. Die differenzierten, regierungsamtlich und parteipolitisch durchaus verschieden formulierten Zielsetzungen und Programmatiken, wie ein (offizieller) Kulturaustausch sich vollziehen solle, verweisen auf die jeweils eingesetzten und beauftragten Akteure und Institutionen, wie z. B. auch bei den deutsch-indischen Kulturbeziehungen, das Goethe-Institut, das den Namen „Max Mueller Bhavan“ trägt. Die Analyse der Praxis dieser Einrichtung nimmt in der Forschungsarbeit eine zentrale Stellung ein.

Weil kulturelle Kooperation alleine weder verordnet werden kann, noch (im allgemeinen) von alleine entsteht, wird konstitutiv, welche Akteure an einem Kulturaustausch beteiligt sind und sich daran beteiligen können: „Kunst ist nur frei, wenn der Zugang zu ihr frei ist“. Bei ihrer Forschungsarbeit über die deutsch-indische, kulturpolitische Zusammenarbeit orientiert sich die Autorin an den „Zehn Geboten der Feldforschung“, wie sie von Roland Girtler (2008) mit dem vierten Gebot aufgegeben wird: „Du sollst dir ein solides Wissen über die Geschichte und die sozialen Verhältnisse der dich interessierenden Kultur aneignen“. Mit ihrer Analyse deckt sie eine Reihe von Imponderabilien und Entwicklungen auf, wie sie sich für Kulturschaffende in Indien zeigen und auch die deutsch-indische Kulturkooperation beeinflussen: „Eine Kulturpolitik für alle – und vielleicht von allen – wäre eine große Errungenschaft“; wie gleichzeitig die „Augenhöhe-Frage“ danach, was die Beteiligten miteinander und voneinander lernen können: „Denn die deutsche Kulturlandschaft ringt mit ähnlichen Herausforderungen und Fragestellungen: die Vielfalt der Kulturen im Migrationsland Deutschland, der Künstler als Überlebenskünstler, der europäisch-elitäre Kunstbegriff der vielerorts nach wie vor die Kulturförderung bestimmt…“.

Die traditionell guten Kulturbeziehungen zwischen Indien und Deutschland – „Die Kulturbeziehungen zwischen Indien und Deutschland sind traditionsreich, beständig und institutionalisiert“ – haben freilich bei näherem Hinsehen einige Ecken und Kanten: „Die deutsch-indische Partnerschaft ist von einer beidseitigen unkritischen Bewunderung und unendlichen Faszination geprägt“ - diese Einschätzung wird mit der Analyse einer Reihe von Projekten, Events und Programmen belegt und als Ungleichgewichtigkeit charakterisiert. Dies aber zeigt sich nicht allein im bilateralen, sondern vor allem im globalen Vergleich: Es sind die ungleichen, ökonomischen, politischen und strategischen Machtgefüge zwischen dem „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“.

Die Einsichten und Ergebnisse der Forschungsarbeit werden von der Autorin bei ihren Feldforschungsaufenthalten in Indien (2012) mit qualitativen Methoden ermittelt: Leitfadenbasierte Experteninterviews und Fallstudien. Die Herausforderungen und Aufgaben sind klar erkennbar: „Um künstlerische Kooperationen zu verstehen und sie zukünftig kulturpolitisch bestmöglich begleiten und gestalten zu können, ist es notwendig, die derzeitigen Bedingungen von Kooperationsarbeiten zu identifizieren und aufzuzeigen“. Hier werden eine Reihe von scheinbaren Selbstverständlichkeiten und Defiziten erkennbar, die bisher im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung so nicht nachgefragt wurden und ohne Zweifel für diejenigen, die „Augenhöhe“ nicht als abstrakte und vage wünschenswerte Prämisse postulieren, sondern sie in Wirklichkeit übersetzen wollen, als Auftrag für einen Perspektivenwechsel betrachten.

Die Autorin entwickelt daraus einen Kriterienkatalog mit dreizehn Anforderungen für eine Kooperationskultur: Partnerschaftswirklichkeit – Interessenanalyse – Recherchewissen – interkulturelle Kompetenz – Verständlichkeit als Verständigung – institutionelle Verankerung und Sicherheit – Transferbewusstsein – Verortung als Zeit- und Prozessverständigung – Ergebnisorientierung – Offenheit – Nachhaltigkeit – Erfahrungsaustausch – Fairness und Respekt.

Fazit

Die Forschungsarbeit zeigt auf, dass wünschenswerte und systemstabilisierende Aspekte sowohl die partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Kulturpolitik bestimmen, aber auch Traditionen, Gewohnheiten und vorherrschende Macht- und Ohnmachtverhältnisse eine Partnerschaft „auf Augenhöhe“ beeinträchtigen oder sogar verhindern können. Die Autorin identifiziert in der Praxis der kulturellen, deutsch-indischen Zusammenarbeit eine Reihe von Herausforderungen, etwa die Diskrepanz bei der Wahrnehmung und Programmatisierung zwischen der jeweils nationalen Kulturinnen- und -außenpolitik und der unzulänglichen finanziellen und Etatgestaltung. Es bleibt auch die Frage als Herausforderung offen, in welcher individuellen und institutionellen Form eine bisher kaum realisierte Form der internationalen Zusammenarbeit und Verbindung von Entwicklungs- und Kulturkooperation im speziellen Fall der deutsch-indischen Partnerschaft, wie darüber hinaus als Grundprinzip eines gleichberechtigten, kulturellen, globalen Miteinanders verwirklicht werden kann.

Die Forschungsarbeit ist ohne Zweifel als Baustein für eine im Entstehen befindliche internationale Kooperationsforschung!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.03.2016 zu: Annika Hampel: Fair Cooperation. Partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Auswärtigen Kulturpolitik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07592-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20393.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Kaufmännische Leitung (w/m/d), Kiel

Leitung Lohnbuchhaltung (w/m/d), Augsburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung