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Michael Dick, Winfried Marotzki u.a. (Hrsg.): Handbuch Professions­entwicklung

Cover Michael Dick, Winfried Marotzki, Harald Mieg (Hrsg.): Handbuch Professionsentwicklung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 638 Seiten. ISBN 978-3-8252-8622-4. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 52,00 sFr.

UTB Band-Nr. 8622.
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Thema

Das vorliegende Handbuch hat den Anspruch, Professionsentwicklung als absichtsvollen, geplanten Veränderungsprozess einer Berufsgruppe und ihrer jeweiligen Akteure mit der Absicht, gesamtgesellschaftliche Entwicklungsaufgaben wahrzunehmen, darzustellen Es grenzt sich damit dezidiert vom gängigen Professionalisierungsbegriff ab.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Michael Dick ist Professor für Betriebspädagogik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Fakultät für Humanwissenschaften
  • Prof. Dr. Winfried Marotzki ist emeritierter Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften, Fakultät für Humanwissenschaften an der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg
  • Prof. Dr. Harald Mieg ist Professor am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin

Entstehungshintergrund

Dem Handbuch sind keine Hinweise zu dessen Entstehungshintergrund zu entnehmen.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch ist in einen einführenden Artikel und vier thematische Kapitel unterteilt. Es umfasst 57 Beiträge unterschiedlicher Länge, in der Regel 10-12 Seiten. Ein Stichwortverzeichnis und ein Autorenverzeichnis finden sich am Ende des Werkes.

Michel Dick beschreibt Professionsentwicklung in einem einführenden Beitrag als Forschungs- und Handlungsfeld. Er begründet die Unterscheidung von Professionalisierung und Professionsentwicklung als Leitgedanken dieses Handbuchs: „Professionalisierung und Professionsentwicklung sind begrifflich ähnlich, unterscheiden sich aber in zwei wichtigen Kriterien. Während Professionalisierung sich als immanenter Wandlungsprozess über die Zeit selbst vollzieht, ist Professionsentwicklung ein bewusst intendierter Prozess, der von konkreten Personen ausgeht, die ihre Leistungsfähigkeit und die ihres Berufsstandes insgesamt erhalten und weiterentwickeln, um damit ihre gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen“ (S. 17).

Im 1. Kapitel werden grundlegende professionstheoretische Konzepte dargestellt: Harald Mieg führt in den Professionsbegriff und seien gesellschaftliche Bedeutung ein, Michaela Pfadenhauer skizziert Gemeinwohlorientierung als Maxime professionellen Handelns und Werner Helsper verweist auf die Paradoxien und Antinomien im professionellen Handeln. Astrid Seltrecht nimmt sich des Themas Arbeitsbogen im Projekt- oder Verlaufskurvenkontext an, gefolgt von zwei Beiträgen Fritz Schützes zum Konzept der Sozialen Welt. Das Kapitel schließt mit einem Ausblick von Ulrich Heisig zur Europäisierung von Professionen.

Das 2. Kapitel behandelt Konzepte aus benachbarten Forschungsfeldern und nimmt zentrale Begriffe auf: Beruf und Beruflichkeit (Tim Unger, Sabine Hering), Wissensarbeit(er) (Klaus North, Stefan Güldenberg, Michael Dick), Biographie (Dieter Nittel, Astrid Seltrecht), Vertrauen (Sandra Tiefel), Empowerment (Bianca Lehmann, Michael Dick), Experten-Laien-Kommunikation (Rainer Bromme, Regina Jucks), Expertise und Kompetenz (Hans Gruber, Stefan Degener), Erfahrung (Martin Fischer), Evidenz (Bernt-Peter Robra), Evaluation (Andrea Goldenbaum, Harm Kuper), Gesundheitliche Belastungen Professioneller (Michael Dick, Christa Riesen), Irrtümer und Fehler im professionellen Handeln (Theo Wehner, Klaus Mehl), Entwicklungsaufgaben im Erwachsenenalter (Hans Gruber, Christian Hartheis), Berufsbegleitendes Lernen (Nicole Heitzmann, Frank Fischer), Interprofessionelle Kooperation (Albert Vollmer), Freiwilligenarbeit (Max Neufeind, Theo Wehner), Gender und Profession (Anna Stach).

Ausgewählte Methoden der Professionsentwicklung stehen im Mittelpunkt des 3. Kapitels. Wolfgang Eberling widmet sich der Supervision und dem Coaching. Ottomar Bahrs und Edith Andres behandeln Qualitätszirkel im Gesundheitswesen. Ihnen folgt ein Beitrag zur Kollegialen Beratung von Kim-Oliver Tietze. Den Übergang von der kollegialen Beratung zur wechselseitigen kollegialen Visitation beschreiben Michael Dick, Christa Riesen und Jochen Klenke. Die spezifische Methodik des Triadengesprächs wird von Michael Dick, Katrin Neubauer-Herzig und Wilhelm Termath veranschaulicht. Es folgen Beiträge von Michael Meuser und Ulrike Nagel zum Experteninterview, von Ulrich Zeutschel zur Moderation und von Albert Vollmer zur interprofessionellen Zusammenarbeit. Dana Bergmann, Ulrike Frosch, Nathalie Weisenburger und Michael Dick widmen ihren Artikel der Kompetenzermittlung und Anforderungsanalyse, Fritz Westermann der Führungskräfteentwicklung und Bernt-Peter Robra der Evidenzsicherung in der medizinischen Praxis. Einen weiterer Aspekt der Professionsentwicklung in der Medizin – Incident Reporting Systeme – thematisieren Theo Wehner und Yvonne Pfeiffer. Carmen Heckmann und Holger Horz behandeln die Rolle computerbasierter Medien für lebenslanges Lernen und Digital Citizenship. Peter Diekmann befasst sich mit Lernen in der Simulation im Gesundheitswesen und Christian Hoffmann sowie Daniela Lasdiant stellen Minimale Leittexte als Methode schriftlicher Instruktion dar. Das Kapitel schließt mit einem Text von Hans-Ulrich Brauer, Christa Riesen und Michael Dick zu Sachverständigengutachten in der Konfliktbearbeitung der Arzt-Patient Beziehung sowie einem Beitrag zur Wirksamkeitsforschung in der Weiterbildung von Simone Kauffeld, Hilke Paulsen und Simone Ulbricht.

Das letzte Kapitel stellt eine Ansammlung der Entwicklung beispielhafter Professionen dar: Alltagsmedizin (Markus Hermann, Bianca Lehmann), Zahnärzteschaft (Mike Jakob, Winfried Walther), Pflegeberufe (Astrid Seltrecht), Deutsche Psychologie (Luisa Olos, Ernst-H. Hoff), Soziale Arbeit (Werner Thole), Soziale Arbeit in der Schweiz (Roland Becker-Lenz, Edgar Baumgartner), Jugendrichter und Jugendstaatsanwälte (Klaus Breymann, Hans-Joachim Plewig), ArchitecktInnen (Thomas Welter, Anja Mieg-Debik), LehrerInnen (Andreas Ortenburger), Erwachsenenbildung (Dieter Nittel, Julia Schütz), Kindheitspädagogik (Peter Cloos), Unternehmensberatung (Klaus Bredl, Jane Fleischer), Umweltberufe (Matthias Näf), JournalistInnen (Nikolaus Meyer) und Leistungssport Natalie Barker-Ruchti, Uwe Pühse).

Diskussion

Um es vorwegzunehmen: Das Handbuch Professionsentwicklung hinterlässt einen ambivalenten Eindruck: Es überzeugt einerseits durch eine klare Struktur und logischen Aufbau, durch einen Einblick in unterschiedlichste Professionen und deren Methodik, Orientierung über grundlegende professionstheoretische Fragestellungen (vornehmlich im 1. Kapitel), kann aber andererseits den selbstgewählten Anspruch, Professionsentwicklung in Abgrenzung zur Professionalisierung als Forschungs- und Handlungsfeld zu beschreiben, nicht durchgängig erfüllen.

Die Qualität der Handbuchbeiträge ist sehr unterschiedlich und nimmt nicht immer auf „Professionsentwicklung“ Bezug, sondern verbleibt der althergebrachten „Professionalisierung“ verhaftet. Hier wäre ein tieferer Einblick in die Entwicklungsprozesse der einzelnen Professionen – der ja auch Interessierten in einem Handbuchartikel Orientierung bieten soll – hilfreich gewesen.

Stellvertretend mag der Beitrag von Werner Thole zur Sozialen Arbeit angeführt werden, der auf die Differenz von Profession, Professionalität und Professionalisierung (S. 522) verweist – Professionsentwicklung als programmatische Leitlinie findet bei ihm keine Erwähnung. Auf gerade mal fünf Textseiten beschränkt er sich auf die Rezeption ausgewählter erziehungswissenschaftlicher und sozialpädagogischer Professionsforschungen, ohne auf die durchaus vorhandene sozialarbeitswissenschaftliche Professionsentwicklungen einzugehen. Leserinnen und Leser erhalten in der Konsequenz nur einen selektiven Einblick in die Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit.

Als Kontrapunkt kann auf den Beitrag von Peter Cloos zur Kindheitspädagogik verwiesen werden. In seiner Ausführung lässt sich in einem ähnlichen Handlungsfeld, der Kindheitspädagogik, nachzeichnen, wie eine Profession im Zusammenspiel von Personen, Organisationen und Gesellschaft neu entwickelt.

In weiteren Beiträgen aus dem nicht pädagogischen Kontexten finden sich immer wieder terminologische Unschärfen, die den Blick auf „Professionsentwicklung“ als theoretische Gemeinsamkeit des Handbuchs verstellen, bei Max Neufeind und Theo Wehner sogar im Titel ihres Beitrags „Professionalisierung und Freiwilligenarbeit“ (S. 262).

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass nicht allen Autorinnen und Autoren der Unterschied die Intention des Handbuchs geläufig war, einzelne Beiträge sich wesentlich mit der Beschreibung der eigenen Methoden und des spezifischen Handlungsfelds begnügen. So entsteht beispielsweise in dem Artikel von Tim-Oliver Tietze der falsche Eindruck, dass die Methode „Kollegiale Beratung“ im Wesentlichen durch ihn geprägt ist. Er unterschlägt dabei deren Erfindung durch Heinrich Fallner und Martin Gräßlin (1990) und den Umstand, dass deren Methodik sich in dem vorgestellten Modell mit nur leichten Erweiterungen wiederfindet.

Angesichts derartiger Auslassungen hätte man sich einen Hinweis auf die Auswahlkriterien für die Handbuchtexte gewünscht, um sie entsprechend einordnen zu können, auch wenn Michael Dick in seinem Einleitungstext hierzu zumindest Orientierungshilfen geben will.

Fazit

Trotz einiger kritischer Einwände ist das Handbuch Professionsentwicklung ein Gewinn für die Professionsforschung, umfasst es doch grundlegende Texte und profunde Einblicke in sich entwickelnde professionelle Handlungsfelder. Offen bleibt, inwieweit sich der gewählte Anspruch „Professionsentwicklung“ statt „Professionalisierung“ darstellen zu wollen, dauerhaft in einem Handbuch realisieren lässt.

Literatur

Fallner, Heinrich/Gräßlin, Martin (1990): Kollegiale Beratung. Eine Systematik zur Reflexion des beruflichen Alltags. Hille


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Harmsen
Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel, Lehrgebiet Sozialarbeitswissenschaft; M.A. Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter, Supervisor, Familienberater, Qualitätsentwickler
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Zitiervorschlag
Thomas Harmsen. Rezension vom 17.05.2016 zu: Michael Dick, Winfried Marotzki, Harald Mieg (Hrsg.): Handbuch Professionsentwicklung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-8252-8622-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20403.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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