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Gunter Gebauer: Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs

Cover Gunter Gebauer: Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-570-55266-7. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,50 sFr.
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Autor

Gunter Gebauer, Jahrgang 1944, ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin und Sprecher des interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie. Als Hobbyfußballer war er Mitglied bei „Lokomotive Reichstag“, bis ein Chirurg seiner fußballerischen Laufbahn ein Ende setzte. Als Fußball-Fan hängt er dem 1. FC Köln an.

Philosophie?

Kann Fußball zu einem ernsthaften Gegenstand der Philosophie werden? Aus Sicht der scholastischen Schreibtischphilosophen ist das ausgeschlossen. Für sie ist der Fußball ein nichtiger Gegenstand. Über Fußball nachzudenken wäre noch sinnloser als Fußball zu spielen. Gebauer kommt aus einer anderen Ecke. Seine geistigen Schirmherren sind Nietzsche und Wittgenstein, Foucault und Bourdieu.

Mit dem Körper denken

Wir gestehen jedem Schachspiel zu, dass es ein Denkakt sei. Gleiches behauptet Gebauer vom Fußball: Jedes Fußballspiel ist auch ein Denkakt, der verstanden sein will. Die Akteure auf dem Feld organisieren sich als Mannschaft, verfolgen Ziele mit Strategien und Taktiken, interagieren und kommunizieren – aber im Wesentlichen ohne Worte und in der Hauptsache mit den Füßen. Die Wahrheit des Fußballs, meinte einst der alte Kämpe Adi Preißler, „liegt auf´m Platz“ – und wird geschrieben von den Füßen. Gebauer betreibt eine Philosophie des Körpers und des praktischen Handelns „in situ“, also „auf´m Platz“. (vgl. S. 59) Am Fußball interessiert ihn als Philosophen vor allem das „anthropologische Experiment“ (S. 17), bei dem Menschen zeigen, was sie aus sich machen können, wenn sie sich den Einsatz der Hände freiwillig und ohne Not verbieten. Ein heroischer Akt der freiwilligen Selbsterschwerung im Umgang mit elastischen Kugeln steht am Anfang der philosophischen Betrachtung des Fußballspiels.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

Es muss eine übermütige Zeit gewesen sein, als englische Internatsschüler in der Mitte des 19. Jahrhunderts dazu übergingen, beim Spiel mit der elastischen Kugel die Hände aus dem Verkehr zu ziehen und sich selbst zum Tölpel zu machen, indem man die Beherrschung höchst sprunghafter Bälle dem niederen Organ der ungelenken Füße überließ. – Das war die Geburtsstunde des Fußballs, wie wir ihn heute kennen.

Der Mensch ist das Tier, das aufrecht geht. Dadurch entlastet es die Vorderläufe von der Aufgabe der Fortbewegung und schafft die freibewegliche Hand, die repräsentativ für die kulturelle Umgestaltung der Welt durch den Menschen steht. Kultur und Zivilisation sind ein Produkt der Hände, nicht der Füße.

Im Fußballspiel nun traut der Mensch den Füßen zu, sie könnten wie Hände sein – bei der Beherrschung elastischer Kugeln, dazu noch im agonalen Wettkampf gegen andere, die gleichfalls von dieser fixen Idee besessen sind. Damit stellt der Fußball ein „Handeln in Unsicherheit“ (S. 50) in den Mittelpunkt des Interesses; er provoziert Unwägbarkeiten und Zufälle, die den Menschen „alt“, das heißt unvollkommen aussehen lassen; er unterstützt eine Weltsicht, in der das Misslingen zur Normalität und das Gelingen zur kostbaren Rarität gehört.

Schwäche zeigen

In keinem anderen Sportspiel wird die Schwäche der Menschen so schonungslos offenbar – nirgendwo sonst wird z. B. so viel hingefallen – wie im Fußballspiel. (vgl. S. 135) Jedes Spiel droht permanent an mindestens vier „Fronten“ zu scheitern: an der Überlegenheit des Gegners; am Versagen des eigenen Körpers; am Unvermögen des Mitspielers; an der Eigenwilligkeit des Balls; vor allem letztere ist ein Alleinstellungsmerkmal des Fußballspiels. Von der Beschaffenheit des Wetters, des Platzes und anderer Imponderabilien wollen wir hier gar nicht erst reden. Ein Fußballspiel ist also eine permanente Übung in der Bewältigung des Unvermögens und des Zufalls – und somit ein vom Menschen nicht zu gewinnendes Spiel. Was jedoch der Lust am Spiel keinen Abbruch tut, wie wir von Sisyphos wissen.

Locus theologicus oder öffentliche Bedürfnisanstalt

Der Ort des Geschehens, das Fußballstadion, wird als „Kultstätte“ und „locus theologicus“ (S. 190) beschrieben, um die zivil- und quasi-religiösen Seiten des Fußballspiels hervorzuheben. Jedes Fußballspiel erinnert mit seinen nonverbalen Riten und Choreographien, seinen verbalen Fürbitten und Gesängen an die Liturgie eines katholischen Hochamtes. Demgegenüber bleiben die profan-sozialpsychologischen Funktionen des Stadions ohne tiefergehende Betrachtung. Das Stadion als öffentliche Bedürfnisanstalt für den Stuhlgang gestresster Seelen ist beim Versuch einer philosophischen Behandlung des Themas offenbar nebenrangig. Als Leser hat man wiederholt den Eindruck, das Buch lasse profane Hauptsachen stiefmütterlich links liegen, um sich im Stile geisteswissenschaftlicher Miszellen an ausgesuchten Details zu delektieren. Dabei erfahren wir viel Kluges, ohne Zweifel. Auf die Frage zum Beispiel, warum die Fußballfans ihren Messis und Ronaldos, Götzes und Müllers die monatliche Million auf dem Konto nicht neiden, gibt das Buch die verblüffende Antwort: Weil die Fans allen Grund haben, ihren Idolen zu glauben, dass sie „nicht für Geld spielen“.

Deutschland, Deutschland unter anderm

Im vorletzten Kapitel des Buches geht Gebauer der Frage nach, wie es der Fußball – und nicht der Handball oder das Springreiten (um nur zwei von vielen weiteren Sportarten zu nennen) – geschafft hat, in Deutschland zum Leit- und „Nationalsport“ (S. 245) zu werden. Sicher liegt es daran, dass der Fußball praktisch von jedermann im Land verstanden wird; auch wird man kaum jemanden finden, der nicht schon einmal selbst gegen die Kugel getreten hat. Das Spiel hat einfache Regeln, ist voraussetzungsarm und auch billig. Mehr aber noch liegt es an der Liaison von Massenmedien und Massensport. Namentlich das Fernsehen nach seiner Privatisierung (deren Beginn Gebauer fälschlich mit „1987“, S. 231, angibt) hat das Fußballspiel zu einem Dauerbrenner in den Programmen gemacht. Weil man erkannt hat, dass der Fußball etwas bietet, das die Einschaltquoten permanent hoch hält: Spannung (= Ungewissheit des Ausgangs, potenziert durch das „Eigenleben“ des Balls); Inhaltsfreiheit (= dem Fußballspiel liegt nicht, wie im Theater, ein Text zugrunde, der interpretiert sein will); Realitätsgarantie (= das Geschehen findet tatsächlich in Echtzeit statt und ist nicht, wie im Theater, fiktiv) Und das alles in einer für die menschliche Aufmerksamkeitsspanne angenehmen Spielfilmlänge.

Angefangen hat alles mit 1954 und dem so überraschenden wie identitätsstiftenden WM-Sieg der Deutschen in Bern. Seither ist Deutschland ein Land, das in seiner Fußballnationalmannschaft einen quasi-staatlichen Repräsentanten sieht und nicht nur die Auswahlmannschaft eines eingetragenen Vereins namens „Deutscher Fußball-Bund“. Es hat also Gründe, dass ein Running Gag unter den Versprechern deutscher Nachrichtensprecher seit den 1950er Jahren die Verwechslung von „Bundestrainer“ und „Bundeskanzler“ ist.

Das ganze Leben in 90 Minuten

Was lernt man für und über das Leben, wenn man im Fußball zur Schule geht? Sei es als Akteur (Spieler) oder Co-Akteur (mitfiebernder Zuschauer im Stadion)? Immerhin behauptet der Titel des Buches, „Das Leben in 90 Minuten“, ein Fußballspiel repräsentiere ein ganzes Leben im Zeitraffer. Nun, man lernt einiges über die Conditio humana, also über die Bedingungen des menschlichen (Zusammen-)Lebens:

Aus der Übung des Unmöglichen (Ballbeherrschung durch Füße unter Konkurrenzbedingungen) mit seltenen Glücksmomenten des Gelingens (Tore), lernt man nicht nur eine gewisse Fehlerfreundlichkeit gegenüber eigenen Unzulänglichkeiten, sondern auch Demut und Dankbarkeit. Sicher lernt man im Fußball, sich an Regeln zu halten und das oberste Gebot, die Fairness, zu achten. Dazu gehört auch, dass minderschwere Regelverstöße und so genannte „taktische Fouls“ hinnehmbare Optionen beim Streben nach Erfolg sind. Überhaupt lernt man im Fußball nicht allein, die Regeln zu befolgen, sondern auch für seine Zwecke zu manipulieren. Fußball ist eine gute Schule des Opportunismus! Man lernt das kooperative Zusammenspiel über die egoistische Einzelaktion zu setzen. Man lernt mit den unvorhersehbaren Einschlägen von Glück und Pech zu rechnen, ohne die Fassung zu verlieren. Auch lernt man, dass Erfolg teilbar ist (beim Unentschieden), eine Erfahrung, die zum Beispiel die amerikanischen Leitsportarten nicht anbieten.

Aus dem Erlebnis des gelungenen Zusammenspiels zwischen anfeuernden Fans auf den Rängen und angestachelten Spielern auf dem Rasen lernt man die Macht der Einigkeit unter Leuten zu schätzen, die sich gar nicht persönlich kennen. Viele Mannschaftssportarten bieten dieses Erlebnis. Die US-Amerikaner brauchen dazu nicht den Fußball, denn sie haben das Baseball- und Basketball-Spiel, dazu noch den American Football. Alles Spiele allerdings, bei denen die Hand am Ball ist und darum die Versagens- und Überraschungswahrscheinlichkeit kleiner. Länder, die den Fußball über alles lieben, sind ins Versagen vernarrt – „Was daneben gehen kann, geht auch daneben!“ – und wissen die seltenen Glücksmomente des Gelingens umso mehr zu schätzen.

Kritisches Fazit

Das Buch ist im Frühjahr 2016 erschienen, aber wir vermissen eine Reflexion auf der Höhe der Zeit. Was neue Trends im professionalisierten Hochleistungsfußball über die Gesellschaft aussagen, in der sie stattfinden, darüber erfahren wir kaum etwas. 1954 symbolisierte ein erschöpfter und von Regen und Schweiss durchnässter Fritz Walter den WM-Erfolg der deutschen Mannschaft. 60 Jahre später, 2014, war es das blutüberströmte Lazarusgesicht von Bastian Schweinsteiger, das von der WM in Brasilien in Erinnerung bleibt. Zwischen diesen beiden Bildern liegt eine ungeheure Beschleunigung nicht nur des Spiels, sondern auch der Verhunzung von Menschenmaterial. Heute braucht es durchschnittlich acht Jahre, um aus einem Fußballhelden ein Wrack zu machen. „Wir killen die Spieler“, hat Meistertrainer Guardiola diesen Trend kommentiert. Und die nächste Umdrehung deutet sich an: Bald könnten 15-, 16-jährige Kinder, die, früh „gescoutet“, bereits ein zehnjähriges Fußballinternats-Leben hinter sich haben, die kaputten Stars ersetzen. Die großen Fußballer von gestern kamen von der Straße, die neuen Stars von heute kommen aus der Zucht. Die Dauer einer Fußballkarriere verlagert sich nach vorne und verknappt sich nach hinten. Dann wird es in einem Staat, der sein Renteneintrittsalter auf 70 festgesetzt haben wird, 25jährige Invaliden geben, die ihre Millionen hoffentlich gut angelegt haben, aber kreuzunglückliche Menschen sind. Gabriel Batistuta, einst einer der weltbesten Goalgetter, flehte seine Ärzte an, nachdem aus seinen Knien alle Puffer und Bänder entfernt worden waren, die Beine zu amputieren, weil er die Schmerzen nicht mehr ertrug. Lieber wie Oskar Pistorius auf Prothesen durchs Leben staksen, als ins Bett zu pinkeln, weil die drei Meter zum Klo zu grauenvoll sind. – Hier bietet sich der Profifußball als Spiegelbild der Erschöpfung einer gehetzten Gesellschaft und einer hilflosen Symbolpolitik geradezu zur Bildinterpretation an. Leider kaum etwas davon im vorliegenden Werk.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 07.06.2016 zu: Gunter Gebauer: Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2016. ISBN 978-3-570-55266-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20415.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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