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Christoph Gräf, Stephanie Probst (Hrsg.): Praxishandbuch Kinderrechte im Alltag von Kinderheimen

Cover Christoph Gräf, Stephanie Probst (Hrsg.): Praxishandbuch Kinderrechte im Alltag von Kinderheimen. Geachtet, beteiligt, gefördert, beschützt!´. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 128 Seiten. ISBN 978-3-7799-3290-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Im Buch wird praxisnah das Thema Kinderrechte mit behinderten Kindern im Heimalltag dargestellt. Dabei wird den Fragen nachgegangen, wie behinderte Kinder ihren Alltag im Heim erfahren, wie sie die Einhaltung oder Nichteinhaltung der Kinderrechte im Heimalltag erleben und wodurch sie sich geachtet, beteiligt und beschützt fühlen. Dafür werden im Buch Arbeitshilfen zur Verfügung gestellt, die es ermöglichen, den Heimalltag aus der Perspektive behinderter Kinder und Jugendlichen zu betrachten. Weitere Praxisbeispiele aus sieben kooperierenden Kinderheimen werden vorgestellt und die Kinderrechte mit Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung reflektiert.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Christoph Gräf ist Fachbereichsleiter Kindheit, Jugend und Familie St. Gallus-Hilfe gGmbH Liebenau.
  • Stephanie Probst ist Projektmitarbeiterin bei der Caritas Arbeitsgemeinschaft Hilfen für behinderte und psychisch kranke Menschen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart (AG BEPS) am Kooperationsprojekt Kinderrechte.

Entstehungshintergrund

Das Praxishandbuch Kinderrechte ist durch ein zweijähriges Kooperationsprojekt (AG BEPS) des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg und durch seine Mitgliedseinrichtungen entstanden. Hintergrund waren dabei die UN-Kinderrechtskonvention und die Forderungen der Runden Tische der Bundesregierung zur Heimerziehung und zu sexuellem Missbrauch. Dafür sind sieben Kinderheime in Baden-Württemberg eine Kooperation eingegangen und haben in ihren Einrichtungen gemeinsam Methoden und Herangehensweisen zur Umsetzung der Kinderrechte mit beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen in stationärer Unterbringung entwickelt.

Ziel des Projekts war, die Bedürfnisse und Wünsche von beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen, die in Kinderheimen leben, herauszufinden, sie anzuerkennen und durch gemeinsame Strukturen zu realisieren und zu garantieren. Von Bedeutung für die Initiierung des Projekts war, dass das Thema Kinderrechte bereits in verschiedenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe schon vielfältig umgesetzt wurde, während dies im Bereich der Behindertenhilfe anscheinend bisher noch kaum der Fall gewesen war.

Die amtliche Zuordnung der Kinder mit Behinderungen zur Eingliederungshilfe (SGB XII) statt zur Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII) schlägt sich im Alltag spürbar auf die Ungleichbehandlung für Kinder mit Behinderung nieder. Vor dem Hintergrund der UN-Kinderrechtskonvention sowie der UN-Behindertenrechtskonvention ist diese in Deutschland praktizierte Vorgehensweise nicht mit den Maßstäben der UN-Konventionen vereinbar. Dieses Ungleichgewicht führte zur Initialzündung des Projekts.

Aufbau und Inhalt

Das Praxishandbuch ist in einen einleitenden Teil, einen Teil I A, einen Teil I B und einen Teil II gegliedert.

Zuerst wird im einleitenden Teil das Kooperationsprojekt Kinderrechte vorgestellt. Es wird die Notwendigkeit eines Kinderrechteprojekts in der Eingliederungshilfe nach SGB XII herausgestellt und auf Arbeitsmaterialien zu weiteren Kinderrechteprojekten verwiesen. Die Durchführung und Auswertung der qualitativen Interviews, die mit der Story Telling Methode gekoppelt wurden, wird vorgestellt. Die verwendeten Materialien, die während der Erhebung genutzt wurden, können unter www.beltz.de abgerufen werden.

Im Teil I A werden 30 Arbeitsblätter zu den Kinderrechten in Anlehnung an die UN-Kinderrechtskonvention praxisnah für pädagogische Fachkräfte vorgestellt. Die Arbeitsblätter sind das zentrale Ergebnis des Kooperationsprojekts und sollen unterstützen, im Team, evtl. auch mit Kindern und Jugendlichen, über verschiedene Themen, die mit den Kinderrechten verknüpft sind, ins Gespräch zu kommen und die pädagogische Arbeit und Haltung zu reflektieren. In den Umgang mit den Arbeitsblättern wird eingeführt. Alle Arbeitsblätter können unter www.beltz.de kostenfrei herunter geladen werden.

Der Teil I B besteht aus sieben Erfahrungsberichten Mitarbeitender aus den kooperierenden Kinderheimen. Der gesamte erste Teil wird mit einer Projektreflexion abgeschlossen. Die Erkenntnisse und Erfordernisse für die Umsetzung der Kinderrechte im Alltag werden herausgearbeitet.

Im Teil II werden die UN-Kinderrechte aus verschiedenen wissenschaftlichen und fachlichen Perspektiven beleuchtet.

Diskussion

Das Praxishandbuch ist in mehrfacher Hinsicht für die Praxis hilfreich:

  1. Gibt es einen Einblick in die Initiierung und Durchführung eines Kooperationsprojektes, in dem verschiedene Akteure beteiligt waren.
  2. Gibt es Auskunft über die Durchführung von qualitativen Interviews mit beeinträchtigten Kindern.
  3. Gelingt es mit dem Praxishandbuch effektiv die Rechte und die Perspektive der Kinder und Jugendlichen in das Zentrum des pädagogischen Handelns zu rücken. Die 30 Arbeitsblätter sind so aufgebaut, dass zum jeweiligen Kinderrecht zuerst Zitate der befragten Kinder dargestellt werden. Auf der nächsten Seite werden Prüfkriterien für die pädagogisch Handelnden eingeführt und Reflexionsfragen für die Einrichtung gestellt. Alle Kinderrechte können dann im Wortlaut der UN-Kinderrechtskonvention nachgelesen werden. Die grafische Aufarbeitung der Arbeitsblätter rückt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen zusätzlich in den Vordergrund. Da die Arbeitsblätter online erhältlich sind, können diese sehr gut für das Team ausgedruckt und dann in kollegialer Beratung eingesetzt werden.
  4. Bieten die Beiträge aus Wissenschaft und Forschung einen kurzen aber profunden Überblick zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention.
  5. Werden kritische Überlegungen zum Stand der Umsetzung der Kinderrechte in den kooperierenden Kinderheimen angestellt.
  6. Bietet das Praxishandbuch überzeugende Argumente dafür, dass die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention im Besonderen auch in Kinderheimen für beeinträchtigte Kinder unbedingt verfolgt werden muss und dass die UN-Kinderrechte im beruflichen Kontext eine wesentlich größere Rolle einnehmen müssen.

Die eher unkonventionelle Gliederung, die weniger ein lineares Schema verfolgt, erschwert am Anfang der Lektüre einen schnellen Einstieg in das Praxishandbuch. Auf der anderen Seite gelingt es, durch die reiche Illustration und die teilweise in leichter Sprache geschriebenen Texte, den Lesenden die Situation behinderter Kinder in stationären Einrichtungen vor Augen zu führen und kreative Prozesse im Gehirn auszulösen.

Fazit

Das Praxishandbuch ‚Kinderrechte im Alltag von Kinderheimen. Geachtet, beteiligt, gefördert, beschützt!‘ liefert einen wichtigen und überfälligen Beitrag dazu, wie Kinderrechte im Alltag behinderter Kinder in stationärer Unterbringung umgesetzt werden können. Das Buch besticht durch die Offenheit der Autoren hinsichtlich ihrer Motivation zur Umsetzung des Projekts und der Darstellung der auftretenden Schwierigkeiten, die sich damit ergeben. Die entwickelten Arbeitsblätter sind in der Praxis gut einsetzbar. Es bleibt zu hoffen, dass mit dem Buch, die UN-Kinderrechte im Alltag behinderter Kinder in Heimen (flächendeckend!) zum Wohl und Schutz der anvertrauten Kinder zügig umgesetzt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Ulrike Zöller
HTW Saar, Fakultät Sozialwissenschaften. Vorsitzende des Beirats der Anlauf- und Beratungsstelle Heimerziehung in den Jahren 49-75 in Baden-Württemberg.
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Zitiervorschlag
Ulrike Zöller. Rezension vom 01.06.2016 zu: Christoph Gräf, Stephanie Probst (Hrsg.): Praxishandbuch Kinderrechte im Alltag von Kinderheimen. Geachtet, beteiligt, gefördert, beschützt!´. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3290-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20418.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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