socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

John Litau, Andreas Walther u.a. (Hrsg.): Theorie und Forschung zur Lebensbewältigung

Cover John Litau, Andreas Walther, Annegret Warth, Sophia Wey (Hrsg.): Theorie und Forschung zur Lebensbewältigung. Methodologische Vergewisserungen und empirische Befunde. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-1939-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Buch gibt einen Überblick zur Forschung des Konzeptes der Lebensbewältigung in der Sozialarbeit der deutschen Forschungslandschaft und stellt sich die Frage inwiefern das Konzept Lebensbewältigung als Grundlage für eine empirische Forschung genutzt werden kann. Der Band versteht sich als Anregung empirische Forschung zur Lebensbewältigung im Verhältnis zu bildungstheoretischen Konzepten.

Aufbau und Inhalt

Lothar Böhnisch setzt sich in seinem Aufsatz mit der sozialpädagogischen Interventionsmöglichkeit der Thematisierung bei kritischen Lebensereignissen in Form. Dabei bezieht er das Verhalten der Abweichung von sozialen Normen bis hin zur Fremdaggression auf das Konzept der Hilflosigkeit, welche die Sprachlosigkeit intrapersonal und milieubedingt externalisiert und wenn auch mitunter regressiv als Bewältigungsschema zur Handlungsfähigkeit angesehen werden muss. Dabei geht er auf die ökonomische Beschleunigung der Moderne ein, die durch ständige Wissensgenerierung bildungsschwachen Personen ein Selbstwirksamkeitserleben verwehrt. Die Entgrenzung tradierter gesellschaftlicher Bewältigungsaufforderungen an das Subjekt wird in unverbindlichen Lebens- und Selbstinszenierungen handhabbar. Die Herausforderung im Spannungsfeld zwischen subjektiven- im Streben nach Selbstwirksamkeit und sozialer kollektiver Anerkennung in einer individualisierten unsicherer gesellschaftlicher Rahmung sieht der Autor ein Forschungsfeld der Sozialpädagogik.

Die Selbstinszenierung als Lebensbewältigungskonzept greift auch Barbara Stauber in ihrem Beitrag auf und stellt die kompliziert gewordenen biographischen Übergänge als Unsicherheiten dar, aus denen Selbstinszenierungen Handlungsfähigkeit generieren. Sie beschreibt verschiedene Praktiken von Selbstinszenierungen als verbalen und nonverbalen Ausdruck von biographischen Momenten und Stationen. Die Autorin hebt hierbei für die forschende Betrachtung hervor, dass Handlungen und Handlungsspielräume nie ausschließlich von strukturellen Rahmungen abzuleiten und erklärbar sind und fordert den Ansatz einer qualitativen offenen Forschung, die sich in einer Analyse der Binnenstrukturen komplexer sozialer Systeme und sozialer Bildungsprozesse, die ihrer Eigenlogik und Sinnstruktur folgen, versteht, um so individuelle aber auch kulturelle Übergangsrealitäten deuten zu können.

Andreas Walter bearbeitet in seinem Beitrag die Spannung zwischen Bildung und Bewältigung des Lebenslaufes. Dabei differenziert er die Übergänge vom Jugendalter zum Erwachsenenalter nach gesellschaftlicher Struktur und bemerkt den Wandel tradierter Übergänge, denen sich die Sozialarbeit in ihren Hilfen stellen muss. Er markiert drei Forschungsaufgaben der Sozialen Arbeit zur Lebensbewältigung:

  1. Die Rekonstruktion individueller Lebensläufe und Entwicklungsperspektiven,
  2. das Herausbilden neuer bildungspolitischer Formen, um Übergänge zu gestalten,
  3. eine Neureflexion des Bildungsbegriffes.

Er sieht, nicht unkritisch, ein Forschungsziel der Sozialen Arbeit, Bedürfnisse der Adressanten und deren Bewältigungsleistungen zu den statischen Anforderungen einer wohlfahrtsstaatlichen Rahmung die Hilfen der Sozialarbeit zu optimieren.

Sandra Tiefel führt in ihrer Arbeit die Möglichkeiten qualitativer Forschungsdesigns zur Lebensbewältigungsforschung auf. Sie zeigt biogafieanalytische und ethnomethodologische Erkenntnismöglichkeiten auf, die zum einen die Selbstrekonstruktion und zum anderen die Rekonstruktion der Sozialwelten erfassen. Dabei stellt sie klar, in welchen Bereichen das Konzept der Lebensbewältigung sich vor- und nachteilig in der qualitativen explorativen Forschung auswirkt.

In seinem spannenden Artikel beschreibt Arnd- Michael Nohl den Forschungsgegenstand der transformativen Bildung und unterscheidet zwischen Bildung und Lernen, indem er der Bildung einen persönlichen Bewältigungsprozess unterstellt, der nicht immer reflektiv ist. Er setzt sich konstruktiv mit der Annahme von Koller (Koller 2012) auseinander, dass erst eine Krise und deren paradoxe Situationen Bildungsprozesse herausfordern. Dies relativiert er jedoch durch die Auswertung seiner Interviews und setzt in seinen entwickelten 5-Phasen-Modell nicht die Krise als Transformationsinitial zum Bildungsprozess sondern sieht neu gewonnene Interessen und Erfahrungen katalysatorisch für die Lösung später entstehenden Problemlagen an. Dabei macht er deutlich, dass die angebahnten Bildungsphasen neue Selbst- und Weltreferenzen erschließen, wo krisenbedingt alte Handlungspraktiken nicht mehr greifen. Damit zeigt er einen gangbaren Weg für sozialpädagogische Interventionen in Krisen in der Biographiearbeit solche Interessenlagen und Erkundungen aufzuspüren und ggf. zu nutzen. Er eröffnet ein praxisbezogenes Forschungsthema welches ressourcenorientiert die Verbindung zur realen Lebenswelt sucht.

John Litau versucht in seinem Artikel die Handlungsfähigkeit in Bildungsprozessen anhand von Umgang mit Alkohol in Jugendkulturen zu erörtern. Dabei gibt er einen Überblick über die aktuellen Forschungsstandards zum Alkoholkonsum. Er verweist, jenseits jeglicher Moralisierung auf die Fähigkeit Jugendlicher im Umgang mit Rauschmitteln umzulernen.

Annegret Warth stellt hingegen in ihrer Untersuchung die Bedeutung von Gleichaltrigengruppen in konformistischen Milieukontexten als Ort der Handlungsfähigkeit dar und identifiziert anhand ihrer Untersuchungen bei jungen türkischen Frauen den Ort der Peergroup als praktische Ebene episodischer Handlungsfähigkeit. Ein interessanter Beitrag, der zu dem Bereich der Normierungen in Gesellschaften und der Bildung von Subsystemen neue Aspekte erahnen lässt.

Der Beitrag von Sophia Wey beschäftigt sich mit der Lebensbewältigung junger Erwachsener im Kontext von schweren Erkrankungen. Exemplarisch stellt sie in einem besonderen Fall, den Versuch Handlungsfähigkeit zu erhalten, durch den Kontrollmechanismus des „Nicht Wissens“ dar. Sie gibt hier einen Anstoß, das Verhalten von Erkrankten und deren augenscheinlich unkritisches Handlungs- und Erwartungsmuster in medizinischen Institutionen als aktive Bewältigungsstrategie zu verstehen.

Im letzten Abschnitt des Buches überprüft Christine Wiezorek in ihrem Kommentar noch einmal die einzelnen Aufsätze dahingehend, ob die darin enthaltenden bewältigungstheoretischen Konzepte erweiternde Perspektiven für die empirische Sozialforschung aufweisen und konstatiert, dass der bewältigungstheoretische Zugang hilft, individuelle und kollektive Bewältigungsleistungen zu identifizieren. Sie weist zusammenfassend und gut nachvollziehbar auf Fallstricke des Konzeptes der Lebensbewältigung hin und fordert perspektivisch eine gründliche Theoriearbeit.

Fazit

Zusammenfassend stellt der Sammelband einen guten Überblick zur derzeitigen Theorie und Forschung zur Lebensbewältigung dar und verbindet den stark theorielastigen Anfang mit hoch interessanten Forschungsbeispielen.


Rezensent
Dipl. Sozpäd./Sozialarb. Harald A. F. Kunz
Gerontologe (M.A.)/
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg Campus Cottbus Sachsendorf
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Harald A. F. Kunz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Harald A. F. Kunz. Rezension vom 07.04.2016 zu: John Litau, Andreas Walther, Annegret Warth, Sophia Wey (Hrsg.): Theorie und Forschung zur Lebensbewältigung. Methodologische Vergewisserungen und empirische Befunde. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-1939-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20419.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung