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Matthias Dammert, Christine Keller u.a.: Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Cover Matthias Dammert, Christine Keller, Thomas Beer, Helma Bleses: Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eine Untersuchung zur Anwendung der Integrativen Validation und der Basalen Stimulation in der Begleitung von Personen mit Demenz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-3309-0. D: 19,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Randgebiete des Sozialen.
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Thema

Die Publikation thematisiert eine Untersuchung zur Anwendung der Integrativen Validation und der Basalen Stimulation bei Personen mit Demenz. „Unser Ziel ist […], diese beiden Verfahren in ihrer Umsetzung, Anwendung und Wirkung im Pflege- und Therapiealltag mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen“ (S. 15).

Autorinnen und Autoren

  • Matthias Dammert arbeitet als Sozial- und Gesundheitswissenschaftler im Bereich der Fort- und Weiterbildung mit dem Schwerpunkt „Situations- und Phänomenorientierung in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz“.
  • Christine Keller ist Stipendiatin im Kolleg des Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg. An der TU Dortmund promoviert sie am Lehrstuhl für Soziologie.
  • Thomas Beer ist Professor für Pflege und Pflegewissenschaft an der Fachhochschule St. Gallen. Er arbeitet und forscht zur Pflege von Personen mit Demenz.
  • Helma M. Bleses hat an der Hochschule Fulda eine Professur im Fachbereich Pflege und Gesundheit.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung bezieht sich auf das Projekt EMOTi-KOMM. Das Projekt untersucht spezifische Betreuungs- und Umgangsformen für Personen mit Demenz, um ein maximales Wohlbefinden für dieselben zu erreichen.

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Integrative Validation und Basale Stimulation
  3. Forschungsdesign
  4. Ergebnisse
  5. Zusammenfassung und Diskussionen

Inhalte

Mit Bezug auf die Ausführungen von Anne Honer stellt das Autorenteam bereits in der Einleitung heraus, dass Personen mit Demenz keineswegs einfach so vergessen. Menschen mit Demenz halten sich dagegen eher nicht in derselben Welt auf, wie es die Menschen ohne Demenz tun. Zumindest zeitweise leben sie in ihrer eigenen Welt. „Allgemein gilt herausforderndes Verhalten als ein kulturell abweichendes Verhalten, welches von solcher Intensität, Häufigkeit oder Dauer gekennzeichnet ist, dass die physische und psychische Sicherheit der Person darunter leidet und somit das soziale Miteinander beeinträchtigt ist“ (S. 11).

Personenzentrierte Pflege von Personen mit Demenz geht auf deren emotionale Bedürfnisse ganz besonders ein. Eine derartige Pflege beobachtet den Demenzverlauf, reflektiert die Bedürfnisse der von Demenz Betroffenen und begegnet ihnen wertschätzend. Erreicht werden soll bei den Personen mit Demenz eine bestmögliche Förderung des Selbstwertgefühls und des emotionalen Wohlbefindens. Hierbei wird die verbliebene Ausdrucks- und Kommunikationsform berücksichtigt.

Die Integrative Validation, von Naomi Feil (vgl. z. B.: www.socialnet.de/rezensionen/17799.php) wird Anfang der 1990er Jahre von der Pädagogin und Psychogerontologin Nicole Richard als pragmatische Methode für den Umgang und die Kommunikation mit Personen mit Demenz generiert. Jemanden zu validieren bedeutet […], „seine Gefühle anzuerkennen, ihm zu sagen, dass seine Gefühle wahr sind. […] In der Methode der Validation verwendet man Einfühlungsvermögen, um in die innere Erlebniswelt der alten, desorientierten Person vorzudringen. […] Validationsanwender haben die Signale des älteren Menschen aufzufangen und in Worte zu kleiden. So validieren sie ihn und geben ihm seine Würde zurück“ (S. 18).

Bei der Basalen Stimulation handelt es sich um ein Instrument der Sonder- bzw. Förderpädagogik. Sie aktiviert die Wahrnehmungsbereiche und regt die primären Körper und Bewegungserfahrungen an. Sie ist konzipiert z. B. für schwerstmehfachbeeinträchtige Menschen, schwer Hirntraumatisierte und Menschen im Zustand eines apallischen oder komatösen Syndroms.

Bei Menschen mit Demenz dient die Anwendung der Basalen Stimulation der Kontaktaufnahme zu wahrnehmungs- und bewegungsbeeinträchtigten bzw. schwerstpflegebedürftigen Menschen. Letztgenannte sollen eine gewisse Lebensqualität – in Form von Wohlbefinden – erfahren.

Integrative Validation und Basale Stimulation sind nicht – ausreichend – wissenschaftlich belegt.

Bei der Erforschung der Ingtegrativen Validation und der Basalen Stimulation bei Menschen mit Demenz wenden die AutorInnen einen sinnverstehenden Ansatz an. Sie bedienen sich der teilnehmenden Beobachtung der beobachtenden Teilnahme, der Videographie und der situativen Gespräche bzw. Interviews. Herausbekommen wollten die ForscherInnen „Handlungsschemata wie Arbeits und Funktionsweisen, Interaktionsprozesse, Routinen und Strategien der Pflegenden im Umgang mit Personen mit Demenz […] und vorherrschende Struktur- und Rahmenbedingungen“ (S. 30). Die Datenauswertung erfolgte über das Theoretical Sampling im Sinne der Grounded Theory.

Das Resultat ist im Grunde erschreckend: So sind ist die „Kontakthäufigkeit zu den Bewohnenden gering“ (S. 38). „Wir sehen […] einen Umgang und eine Kommunikation zwischen professionell Pflegenden und Betreuungspersonen, die auf ein angespanntes Verhältnis hindeuten könnten“ (ebd.). „Die zentrale Erkenntnis der Studie besteht darin, dass eine systematische und regelmäßige Anwendung und Umsetzung sowohl der Integrativen Validation nach Richard als auch der Basalen Stimulation nach Bienstein und Fröhlich nicht zu erkennen war“ (S. 41).

Fazit

Die Publikation basiert auf einer Untersuchung, welche die Anwendung der Integrativen Validation und der Basalen Stimulation bei Personen mit Demenz erforscht. Die Ergebnisse zeigen:

  1. „wer oder was den Transfer von Integrativer Validation und Bas(a – CR)ler Stimulation von der Theorie in die Praxis verhindert“ (S. 78);
  2. dass die Konzepte Basale Stimulation und Integrative Validation bei der Anwendung bei Menschen mit Demenz eine spezifische Einstellung bzw. Grundhaltung einfordern;
  3. dass Personen mit Demenz ein Bedürfnis nach Zuwendung und Aufmerksamkeit erkennen lassen;
  4. dass es einer professionellen Beziehungsstruktur im Umgang von Menschen mit Demenz, i. S. einer Kultur der professionellen emotionalen Nähe bedarf, welche bewusst reflektiert und zielorientiert ist.

Die Publikation empfiehlt sich zur Lektüre für diejenigen, die Menschen mit Demenz pflegen und betreuen, denn „zentral für professionelles Handeln in der Pflege von Personen mit Demenz ist die ‚stellvertretende Deutung‘ der je individuellen Situation einer Person“ (S. 10).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 22.06.2016 zu: Matthias Dammert, Christine Keller, Thomas Beer, Helma Bleses: Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eine Untersuchung zur Anwendung der Integrativen Validation und der Basalen Stimulation in der Begleitung von Personen mit Demenz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3309-0. Randgebiete des Sozialen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20421.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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