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Nadine Schallenkammer: Autonome Lebenspraxis im Kontext Betreutes Wohnen und Geistige Behinderung

Cover Nadine Schallenkammer: Autonome Lebenspraxis im Kontext Betreutes Wohnen und Geistige Behinderung. Ein Beitrag zum Professionalisierungs- und Selbstbestimmungsdiskurs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3357-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Mit dem Einleitungssatz „Die gesellschaftliche Konstruktion der normativen Leitidee der Selbstbestimmung hat sich seit den 1990er Jahren zu einer zentralen handlungsleitenden Kategorie der Behindertenhilfe entwickelt“ (9) wird zugleich die Bedeutung und die Problemstellung der Arbeit herausgestellt: Welche Bedeutung hat die Leitidee der Selbstbestimmung, die ursprünglich von Menschen mit Behinderungen als Kritik und in Abgrenzung zu pädagogischer und insgesamt professioneller Unterstützung als Forderung erhoben wird, in einem Arbeitsfeld, das sich eindeutig dem Bereich pädagogischen Handelns zuordnen lässt? Es geht um die „Antinomien pädagogischen Handelns“ (10) in der Unterstützung von Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden, in ihrem alltäglichen Leben in einer eigenen Wohnung.

Autorin

Nadine Schallenkammer ist seit September 2015 Professorin für Ergotherapie an Fakultät für Gesundheitswissenschaften der privaten SRH Hochschule Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Auch wenn dies aus dem Buch selber nicht ersichtlich ist, geht die Veröffentlichung wohl zurück auf die Promotion der Autorin, die sie am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt bei Dieter Katzenbach abgeschlossen hat.

Aufbau

Im Mittelpunkt der Arbeit steht eine empirische Untersuchung, in der über einen Zeitraum von 1,5 Jahren Übergänge von stationären Einrichtungen in das Betreute Wohnen durch offene leitfadenorientierte Interviews mit den Betroffenen selbst und anderen Akteuren begleitet werden.

Das Buch wird eingeleitet durch eine Annäherung an das Phänomen Geistige Behinderung und die Klärung des Verhältnisses zum Diskurs über Selbstbestimmung. Abgeschlossen wird die Arbeit durch einen Ausblick auf die Möglichkeiten der Entwicklung von Unterstützungen.

Inhalt

Die Begriffsklärungen im ersten Teil der Arbeit führen konsequent zu einer Präzisierung der Fragestellung und einer ersten Hypothesenbildung. Das Phänomen der ‚Geistigen Behinderung‘ wird als Folge einer Behinderung der Autonomieentwicklung verstanden. Das im Hilfesystem zu beobachtende Paradox einer verordneten Selbstbestimmung (Sei selbstbestimmt!) wird in seiner Spannung zwischen einer emanzipatorischen Forderung und der Konstruktion des individualisierten Individuums beschrieben. Hinsichtlich der Bezeichnung der Unterstützung hält die Autorin an dem auch im Titel auftauchenden Begriff des ‚Betreuten Wohnens‘ fest, da in diesem Begriff die Widersprüchlichkeit und Herausforderung für professionell pädagogisches Handeln deutlich wird, ohne Illusionen zu wecken oder Realitäten auszublenden: „Das Klientel steht formal unter institutionalisierter Betreuung und damit unter sozialer Kontrolle. Die angestrebten Bedingungen aber, das Miteinander und der autonomieermöglichende oder verhindernde (institutionalisierte) Beziehungsraum, in dem dies stattfindet, streben nach Veränderung“ (52). Diese Spannung setzt Schallenkammer in Beziehung zum Professionalisierungsdiskurs in Anlehnung an Ulrich Oevermann und Burkhard Müller ein. Die professionalisierungsbedürftige Praxis zeigt sich in einem in wesentlichen Teilen unbestimmten und von Widersprüchen geprägten Arbeitsbündnis. Vor dem Hintergrund des Verständnisses von ‚Geistiger Behinderung‘ als behinderter Autonomieentwicklung „scheint eine Haltung gegenseitiger Anerkennung und eine haltbietende Arbeitsbeziehung nötig, innerhalb der autonomes Leben möglich wird, um eine bestmögliche Teilhabe der Klientel an der Gesellschaft und damit Inklusion im Sinne der UN-BRK zu erreichen“ (69). Am Ende des einleitendenden Kapitels werden Vorannahmen abgleitet, deren für die Weiterentwicklung der Unterstützung vor dem Hintergrund der Forderung nach Selbstbestimmung wichtigste die ist, dass durch das Arbeitsbündnis eine Beratungssituation herzustellen und zu begleiten sei, statt zu betreuen.

Die Anlage der empirischen Untersuchung wird in einem eigenen Kapitel sehr ausführlich beschrieben. Mit insgesamt sechs Personen, die von einer stationären Wohneinrichtung in das Betreute Wohnen wechseln, wurden kurz nach und ca. ein Jahr nach dem Umzug Interviews geführt. Diese werden zum Zwecke einer Fallrekonstruktion ergänzt durch die Befragung von professionell involvierten Personen. Die Analyse des Materials orientiert sich an der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann, wobei methodisch die Sequenzanalyse im Mittelpunkt steht.

Die ausführliche Fallanalyse beschränkt sich auf einen Fall, der nach Einschätzung der Autorin eine ‚genügend gute‘ Beziehungspraxis aufweist. Der Fall ist – so ergeben die Auswertungen – als Arbeitsbündnis durch eine begleitende und betreuende Form der Arbeitsbeziehung gekennzeichnet. Die anderen in die Erhebung einbezogenen Fälle werden auch mit dem Verweis auf weitere Forschungsergebnisse als ‚verordnete Autonomie‘ bezeichnet, in denen bereits der Übergang in das Betreute Wohnen im Wesentlichen durch die Logik freiwerdender Plätze bestimmt wird und eine paternalistische Arbeitsbeziehung nicht überwunden werden konnte. Die Ergebnisse ihrer Fallanalyse deutet Schallenkammer mit dem Begriff der Bewährung: „Die Klientin zeigt sich als Bewährungssuchende. – Der Übergang in das Betreute Wohnen erweist sich als Bewährungsprobe. – Die Betreuerin und die Klientin bewähren sich im Arbeitsbündnis. – Bewährung findet im Leitbild Selbstbestimmung statt. – Das Leitbild Selbstbestimmung bewährt sich in der Praxis“ (247)

Diskussion

Die empirische Arbeit von Nadine Schallenkammer leistet einen interessanten Beitrag zur Professionalisierung der pädagogischen Unterstützung von Menschen mit sogenannter Geistiger Behinderung. An den von ihr für die Einzelfallanalyse nicht ausgewählten Fällen wird deutlich, welche problematischen Folgen eine rhetorische Vereinnahmung des Konzepts der Selbstbestimmung bei Beibehaltung einer paternalistischen Betreuungspraxis zeitigen kann. An der von ihr ausgewählten Fallanalyse wird deutlich, dass eine professionelle Orientierung am Leitbild der Selbstbestimmung zur Begründung professionellen Handelns nicht hinreichend ist. Hieraus ergeben sich Fragen, die weiterführend diskutiert werden sollten.

Es kann kritisch hinterfragt werden, ob der Ansatz der Selbstbestimmung eine tragfähige Grundlage für die Legitimation pädagogischer Unterstützung bietet. Er entfaltet seine Wirkung, vor allem im Hinblick auf seinen Charakter als Grund- oder Menschenrecht, eher als kritischer Einspruch oder Korrektiv einer übergriffigen, bevormundenden pädagogischen Unterstützung. In diesem Sinne wurde der Anspruch auf Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen als Kritik an professioneller Praxis formuliert. Die Behindertenbewegung hat erreicht, dass der Begriff mittlerweile als Zielbestimmung in das Leistungsrecht Eingang gefunden hat. In der UN-Behindertenrechtskonvention verbindet sich der Ansatz in Artikel 19 zur unabhängigen Lebensführung (Independent Living) in erster Linie mit dem Recht, über den eigenen Aufenthaltsort zu entscheiden und mit dem Anspruch auf eine dazu notwendige Unterstützung. Dies muss auch dazu führen, dass die Orientierung an stationären Wohnformen und die davon ausgehende Gestaltung von Übergängen überwunden werden. Die Organisation von Unterstützungsleistungen muss sich vielmehr durchgängig an der Logik des privaten Wohnens orientieren.

Es wäre daher für die Praxis der Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigung bedenkenswert, diese aus dem Kontext der auf der Besonderung von Menschen mit Behinderungen gründenden Heil- und Sonderpädagogik und ihrer Einrichtungen herauszulösen. In diesem Kontext erscheint es dem Rezensenten doch entgegen der Auffassung der Autorin sinnvoll, den Ansatz des ‚Betreuten Wohnens‘ aufzugeben zugunsten eines Verständnisses von Unterstützung als Assistenz und Beitrag zu einem gelingenderen Alltag. Schallenkammer schlägt vor, die bevormundende Praxis der Betreuung durch einer Ansatz der ‚Beratung‘ zu überwinden. Es ist jedoch keineswegs so, dass damit sublime Strategien der Manipulation und Bevormundung überwunden werden. Neben einer veränderten professionellen Orientierung ist eine Institutionalisierung des Unterstützungsangebotes notwendig, die eine Besonderung überwindet oder zumindest reflexiv bearbeitet.

Fazit

Die empirische Forschung zur Unterstützung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Bereich des Wohnens konzentriert sich bislang auf einen Vergleich der Lebensqualität und der Entwicklungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Wohnformen. Die Arbeit von Nadine Schallenkammer, die sich auf den Professionalisierungsbedarf im Kontext selbstbestimmter Wohnformen bezieht, leistet hier eine wichtige Ergänzung, die sich auf die Rolle der professionellen Unterstützungskräfte bezieht. Es ist daher zu hoffen, dass die Arbeit im Bereich der Ausbildung von Fachkräften intensiv diskutiert wird. Eine fachliche Bestimmung der Unterstützung von Menschen mit Behinderung, die den Anspruch auf Selbstbestimmung unabhängig von Art und Umfang einer Beeinträchtigung ernst nimmt, steht erst ganz am Anfang.

Summary

Empirical research assisting people with cognitive impairment in the area of housing has so far focused on a comparison of the quality of life and development opportunities in different kinds of care. The contribution of Nadine Schallenkammer, which refers to the professionalization needs in the context of independent living, makes an important addition which refers to the role of professional staff. It is therefore to be hoped that the book in the field of training of professionals will be intensively discussed. Thinking about support for people with disabilities, which takes seriously the right to self-determination regardless of type and extent of the impairment, is just at the very beginning.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/rohrmann/
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 21.03.2016 zu: Nadine Schallenkammer: Autonome Lebenspraxis im Kontext Betreutes Wohnen und Geistige Behinderung. Ein Beitrag zum Professionalisierungs- und Selbstbestimmungsdiskurs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3357-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20424.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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