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Britta Klopsch: Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungs­partnerschaften

Cover Britta Klopsch: Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften. Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen und Schulleitungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 400 Seiten. ISBN 978-3-7799-3383-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Die Schultüren öffnen,

diese Aufforderung gilt spätestens seit den 1960er Jahren, als die gesellschaftlichen Aufbruchstimmungen auch die Schulen erreichten. Es galt, einen „neuen Begriff des Lernens“ zu entwickeln, wie ihn die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates mit der seinerzeit aufsehenserregenden Feststellung in den pädagogischen Diskurs gebracht hat, nicht mehr die Erbanlagen als wichtigsten Faktor für Lernfähigkeit und Lernleistungen anzusehen, sondern betonte:„Begabung ist nicht nur Voraussetzung für Lernen, sondern auch dessen Ergebnis“ (Heinrich Roth, Hrsg. Begabung und Lernen. Ergebnisse und Folgerungen neuer Forschungen, Stuttgart, 4. Aufl. 1969, S. 22). Die traditionelle „Lernstube“ entwickelte sich zur „Lernwerkstatt“. Die Rede vom „zerstückelten Schüler“, der in der ersten Unterrichtsstunde Mathe, in der zweiten Bio, in der dritten … über sich ergehen lassen muss, und vom Lehrer, der frontal und vom erhobenen Platz aus, gewissermaßen dem „Nürnberger Trichter“ gleich, den verordneten und traditionell überlieferten Lernstoff (und dazu noch aus Lehrbüchern, die von Lehrbüchern abgeschrieben wurden, die von Lehrbüchern abgeschrieben wurden…) an die Schüler verteilte, wurde ad acta gelegt; und es entstand ein Bewusstsein vom „ganzheitlichen Lernen“, das sogar als entdeckendes und selbstbestimmtes Lernen möglich wurde (Willehad Lanwer ,Hrsg., Bildung für alle. Beiträge zu einem gesellschaftlichen Schlüsselproblem, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16915.php). Denn „Bildung ist ein Menschenrecht“, wie dies in Artikel 26 der „globalen Ethik“, wie die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt und betont: „Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit… gerichtet sein“.

Entstehungshintergrund und Autorin

Dieser Anspruch freilich lässt sich nur erreichen, wenn es gelingt, in den Bildungs- und Erziehungsprozessen in der Familie, Schule, Beruf und Freizeit ein Bewusstsein zu etablieren, dass Lernen (als Verhaltensänderung) eine lebenslange Aufgabe und Herausforderung darstellt, dass es auf das Lernen des Lernens ankommt, und zwar mit der Erkenntnis, dass der Mensch in seiner Existenz ein aus der Vergangenheit gewachsenes, in der Gegenwart sich um ein gutes, gelingendes Leben bemühendes und in die Zukunft wirkendes Lebewesen ist (vgl. dazu auch: Claus Otto Scharmer, Theorie U. Von der Zukunft her führen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8328.php). Mit Blick auf den wichtigen, institutionalisierten Lernort Schule gestaltet sich ein so verstandenes Lernen eben nicht (nur) als ex cathedra oder ordre mufti, auch nicht als hierarchisch vorformulierte Stofffülle, sondern als „dialogisches Lernen“. Das aber braucht Kooperation mit Lernpartnern, möglichst auf Augenhöhe.

Wir sind beim Thema: Die Heidelberger Bildungswissenschaftlerin Britta Klopsch hat an der dortigen Pädagogischen Hochschule ihre Forschungsarbeit als Dissertation vorgelegt. In ihrer empirischen Arbeit hat sie insbesondere erkundet, welche individuellen und kollektiven Auswirkungen bei Schülerinnen und Schülern zu beobachten sind, wenn eine Erweiterung der schulischen (traditionellen) Lernumgebung durch eine Zusammenarbeit mit außerschulischen ExpertInnen, Institutionen und Organisationen stattfindet, und zwar nicht in erster Linie als eher einmalige oder spontan entstehende Aktivitäten, wie z. B. die Einladung einer Persönlichkeit in eine Unterrichtsstunde, oder der Besuch in einem Betrieb, einer Gedenkstätte, einer Moschee…, sondern als eine gemeinsam vereinbarte, längerfristig angelegte Bildungspartnerschaft, mit dem Ziel, durch veränderte Lernumgebungen und Methoden des Lernens die kognitiven, emotionalen, sozialen und handlungsorientierten Kompetenzen und Entwicklungen der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Um das zu ermöglichen, bedarf es der Aufmerksamkeit in zweierlei Richtungen:

  • Die eine in Richtung Schule als Institution, System, Organisation und auf die Beteiligten: SchülerInnen, Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulaufsicht;
  • zum anderen in Richtung auf die außerschulischen Partner, deren Möglichkeiten, Kompetenzen und Interessen.

Es bedarf keiner besonderen Betonung, dass die Etablierung von Lernprojekten mit außerschulischen Partnern in der Schule bestimmte, organisatorische und didaktische Bedingungen benötigt. So ist es eher schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, dass in einer fächergetakteten Halbtagsschule Bildungspartnerschaften entstehen können. Voraussetzung also dürfte die Organisations- und Bildungsform der Ganztagsschule sein.

Aufbau und Inhalt

Um es gleich vorweg zu sagen: Als Bildungspartnerschaften im Sinne der Studie werden eher nicht Kooperationen und Projekte bezeichnet, wie sie z. B. als „interkulturelle (Schul-)Partnerschaften“ bekannt sind und in dem von der Kultusministerkonferenz (KMK) und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 2009 vorgelegten „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung“ empfohlen werden, was den Schluss zulässt, dass internationale Partnerschaften im Zusammenhang mit den hier definierten Bildungspartnerschaften eher nicht oder nur am Rande des Diskurses zu finden sind, oder lediglich als Beipack von kirchlichen, staatlichen oder privaten Aktivitäten der Entwicklungszusammenarbeit vorkommen.

Als Bildungspartnerschaften werden von der Autorin lediglich die Kooperationen benannt, wie sie sich im nahen Umfeld einer Schule bilden, etwa mit Kindertagesstätten und anderen städtischen Einrichtungen, Feuerwehr, Kirchen, Vereinen, Museen, Theater, Polizei, Gericht, u.a. Das soll kein Bewertungskriterium sein, sondern vielmehr interessierte LeserInnen auf diesen Schwerpunkt verweisen.

Die Forschungsarbeit wird in zwei Hauptteile gegliedert:

Im ersten Teil werden die theoretischen Fragestellungen zur Bedeutung und Entwicklung von „Lernumgebungen“ beim schulischen Lernen thematisiert und die Wirksamkeit von Kooperationen für das individuelle und kollektive Lernen in der Lerngruppe untersucht. Das daraus sich bildende Erkenntnisinteresse formuliert die Autorin als „Ausprägungensmöglichkeiten und Vorstellungen von Bildungspartnerschaften auf Organisations-, Schulsystems- und Lehrerebene aufzudecken und damit die ‚Transaktionalität‘ der Schulen, d. h. die Fähigkeit wechselseitig wirksame Bildungspartnerschaften auf verschiedenen Systemebenen einzugehen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten“.

Im zweiten, empirischen Teil werden die mit dem Forschungsdesign ermittelten Ergebnisse bei den an der Studie beteiligten, allgemeinbildenden Schulen im Bezirk Heidelberg (sechs Grundschulen, eine Grund- und Hauptschule, eine Realschule und zwei Gymnasien) dargestellt. Die Ermittlung der Befunde erfolgte durch die Autorin mit den Instrumenten der schriftlichen Befragung (Fragebogen) und Interviews. Die Auswertung der Ergebnisse wurde zum einen quantitativ, also statistisch vorgenommen, zum anderen mit der Faktorenanalyse interpretiert. In einer Vergleichsanalyse ermittelte die Forscherin drei verschiedene Schultypen: Die kooperationsferne Schule, die kooperationsinteressierte Schule und die kooperationsintegrierte Schule. Die sieben ermittelten Faktoren, von denen die ersten beiden mit quantitativen Methoden beforscht,, und die restlichen qualitativ analysiert wurden, bieten hinreichende Analyse- und Aussagemöglichkeiten an:

  1. Professionsbezogenes Selbstkonzept
  2. Schülerbezogene Selbstwirksamkeit
  3. Selbstorganisation
  4. Standardisiertes schrittweises Lehren / Lernen
  5. Lernprozessorientierung
  6. Strukturierte Vorgehensweise
  7. Psychohygiene.

Für die weiter notwendige Forschungsarbeit ergeben sich aus der Studie eine Reihe von Erkenntnissen und Vermutungen zur Bedeutung, Realisierung und Wirksamkeit von Bildungspartnerschaften (in dem hier eher eng und ortsnah bezeichneten außerschulischen Kooperationen): Da ist zum einen die in der Zielsetzung der Studie vorangestellte Bedeutung der Lehrkräfte für das Zustandekommen und die (längerfristige, kontinuierliche) Realisierung der Kooperationen; die Vermutungen über die teilweise zurückhaltenden bis ablehnenden, aber auch bereitwilligen Lehrerinnen und Lehrer äußert die Autorin dahingehend, „dass Bildungspartnerschaften von den Lehrkräften als Innovationen und damit im System noch nicht fest etabliert angesehen werden“, und sich dadurch in einer Rollenunsicherheit ausdrücken. Die in der Analyse über Lehrerverhalten und -handeln zu Bildungspartnerschaften ermittelten Kategorien werden von der Autorin als drei Typen charakterisiert: Selbstwirksam und strukturbezogen – opportunistisch und flexibel – nüchtern und unflexibel.

Bei der Auswahl und beim Umgang mit den außerschulischen Bildungspartnern zeigen sich eine Reihe von weiteren Auffälligkeiten. So stellt die Autorin fest, dass sich die Schule durch die Einbindung von Bildungspartnerschaften in ihrer Binnenstruktur nicht verändert: „Sie bleibt eine nach innen geschlossene Einheit, die sich nach außen orientiert“. Dieser erst einmal wertfrei geäußerte Befund wird freilich dadurch gewertet, wenn die Forscherin feststellt: Die Lehrkräfte verstehen sich in dieser Kooperation als „Senior-Partner“.

Die Bedeutungen, die bei den ermittelten Aktivitäten den Schulleitungen zukommen, zeigen sich vor allem in den eher Organisations-, denn Individuallogiken, was bedeutet, dass Schulleitungen im allgemeinen eher die formalen, funktionsorientierten und belastenden Aspekte bei Bildungspartnerschaften für die jeweilige Schule berücksichtigen, wobei die positive Einbeziehung der außerschulischen Aktivität in das Schulprofil und in Formen der medialen Selbstdarstellung der Schule eine Rolle spielt.

Fazit

In der Studie wurden allerdings die direkt Beteiligten, die Schülerinnen und Schüler, über deren Einstellungen und Erfahrungen zu außerschulischen Bildungspartnerschaften nicht befragt, so dass die Vermutungen darüber sich lediglich indirekt und über Zweitmeinungen und -einschätzungen der Lehrkräfte und Schulleitungen bilden lassen (was z. B. in einer Interview-Aussage bei der Schulleiterbefragung so klingt, dass die SchülerInnen zur Teilnahme an den Bildungspartnerschaften gezwungen werden müssen). Dieser möglicherweise einseitige und falsche Zungenschlag kann dazu führen, dass die pädagogische, entwicklungspsychologische und innovative Bedeutung der Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern eher kleingeredet und verhindert wird. Das ist zwar der Autorin nicht vorzuwerfen, weil ihre Forschungsziele sich ausdrücklich auf die „Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen und Schulleitungen“ fokussieren; die Engführung auf den (hierarchischen?) Personenkreis der „Macher“ (und „Bestimmer?“) bei diesem Kooperationsprozess macht deutlich, dass die in der Studie ermittelten Befunde zu (nahen) Bildungspartnerschaften an Aussagekraft und Beleg für Innovationen in der Schule solange nicht stichhaltig und somit reformförderlich sind, solange die wichtigen anderen Stimmen – SchülerInnen, Bildungspartner, Eltern, Öffentlichkeit – „auf Augenhöhe“ nicht zu hören sind. Weitere Forschungen zu dieser wichtigen Frage der Öffnung der Schule hin zu zivilgesellschaftlichen Aktivitäten sind notwendig!

Es bleibt jedoch das Verdienst von Britta Klopsch, dass sie mit ihrer Forschungsarbeit die bildungs- und gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit auf Initiativen lenkt, die als Bildungspartnerschaften im engeren und weiteren Sinn nicht nur dazu beitragen können, dass Schulen ihre Türen öffnen für „die Welt da draußen“, sondern damit auch deutlich macht, dass die Bildungseinrichtung Schule sich verändern muss hin zu den Lernumgebungen und Lebensbereichen der Zivilgesellschaft, und damit „lebensweltliches Lernen“ ermöglicht (vgl. dazu auch: Rainer Öhlschläger / Hartmut Sangmeister, Hrsg., Von der Entwicklungshilfe zur internationalen Zusammenarbeit. Chancen nutzen – Zukunft gestalten, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15277.php; sowie: Anne-Christin Schondelmayer, Interkulturelle Handlungskompetenz. Entwicklungshelfer und Auslandskorrespondenten in Afrika. Eine narrative Studie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10201.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.03.2016 zu: Britta Klopsch: Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften. Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen und Schulleitungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3383-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20425.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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