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Eva Maria Gajek, Christoph Lorke (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Visier

Cover Eva Maria Gajek, Christoph Lorke (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Visier. Die Wahrnehmung von Armut und Reichtum in Europa und den USA nach 1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. 334 Seiten. ISBN 978-3-593-50472-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Wie werden Armut und Reichtum im öffentlichen bzw. veröffentlichten Diskurs wahrgenommen? Die Sichtbarmachung von Armut und von Reichtum ist eine folgenreiche soziale Konstruktion, die unmittelbar die soziale Ordnung betrifft. Der Sammelband nimmt diese kulturellen Deutungsprozesse in den Blick. Neben der seltenen sozialwissenschaftlichen Aufmerksamkeit für Reichtum wird auch den sozialen Imaginationen im Staatssozialismus nachgegangen. Das Buch greift die aktuellen Debatten um soziale Ungleichheit auf und will dazu beitragen, Zeitgeschichte als Vorgeschichte heutiger Probleme zu begreifen (23).

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Eva Maria Gajek, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der Justus-Liebig Universität Gießen, und Dr. Christoph Lorke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Westfälische-Wilhelms-Universität Münster sind die Herausgeber.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband baut auf der Tagung „Soziale Ungleichheit im Visier. Images von ‚Armut‘ und ‚Reichtum‘ in West und Ost seit 1945“ im November 2014 an der WWU Münster auf.

Die Tagung und der Band wurden von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert.

Aufbau und Einführung

Nach der Einführung Einführung in das Thema durch die Herausgeber gliedert sich das Buch in drei Teile:

  1. Oben – Mitte – Unten. „Arme“ und „Reiche“ in der „alten“ Bundesrepublik und den USA
  2. Utopien des Egalitarismus. Soziale Imaginationen und soziale Abweichungen im Staatssozialismus
  3. Erinnerungen, Selbstzeugnisse und gegenwärtige Reflexionen. „Armut“ und „Reichtum“ in individuellen Konstruktionen

Zur Einführung: (An)Ordnungen des Sozialen. „Armut“ und „Reichtum“ in Konstruktionen und Imaginationen nach 1945 (Gajek/Lorke)

Zunächst: Dem einleitenden Beitrag kommt eine Schlüsselstellung zu. Er verbindet die inhaltlichen Perspektiven der sehr unterschiedlichen Schwerpunkte in den nachfolgenden Texten, schlägt den Bogen zur aktuellen Debatte über die Ungleichverteilung und belegt den herausragenden Stellenwert des Themas: Wie Armut und Reichtum in einer Gesellschaft wahrgenommen und legitimiert werden.

Für Gajek/Lorke bedeutet die gesellschaftliche Deutung von Armut und Reichtum soziale Ordnung. Es ist ertragreich darauf zu blicken, „wie … konstante Imaginierungsmodi von ‚Armut‘ und ‚Reichtum‘ auch immer zur ‚Produktion diskursiver Gewissheiten‘ beitragen“ (14). Das Wechselspiel aus Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit schafft Räume für interessengeleitete Darstellungen. Reichtum lässt sich leichter abdecken, weil Ressourcen dafür vorhanden sind. Die Autoren formulieren den Anspruch des Sammelbandes „…nicht nur zu beleuchten, welche Ausschnitte der Sozialphänomene Armut und Reichtum gezeigt werden, sondern insbesondere warum“ (15). So ist zu fragen: „Und welche Funktionen erfüllen diese Stereotypisierungen im Kontext des gesamten Sozialgefüges?“ (14).

Um dieser Fragestellung näher zu kommen, wählen sie einen interdisziplinären Ansatz. Im Gegensatz zu sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die sich auf quantitative Beschreibungen und Analysen stützen, orientieren sie sich an der Dekonstruktion der Images des Sozialen. Die Verbindung der sozialen und der symbolischen Formen „durch spezifische Produktionsprinzipien öffentlichkeitswirksamer sozialer Images von ‚Armut‘ und ‚Reichtum‘“ (15) beeinflusst sowohl die individuellen Konstruktionen wie die gesellschaftliche Kommunikation.

Zusammenfassend formulieren die Autoren vier übergeordnete Absichten ihres Bandes:

  • interdisziplinär aktuelle Forschungsanstrengungen zu sammeln, die beide Sozialphänomene der Ungleichheit im Blick haben, bzw. zumindest in ihrer Arbeit mitdenken. Das große Potenzial einer zusammengedachten Analyse von sozialer Ungleichheit wird damit wenigstens deutlich.
  • die kulturwissenschaftliche Ausrichtung der Analyse der Konstruktion von Armut und Reichtum zu stärken
  • es soll durch die Zeitspanne von der Nachkriegszeit bis in die jüngste Vergangenheit möglich werden, Diskurskonjunkturen zu erkennen und die Situation im Osten Europas einzubeziehen.
  • die aktuellen Erfahrungen, wie die Angleichung der ost- und westdeutschen Wirtschafts- und Sozialsysteme und den neuen Debatten zur Ungleichheit sollen berücksichtigt werden.

Zu Teil I

Den Anspruch, die Beiträge im Einzelnen inhaltlich, aus der Perspektive ihrer Fachdisziplin und ihrem Entstehungszusammenhang zu rezensieren, kann ich hier nicht erheben. Es sollen lediglich illustrierende Hinweise auf Aspekte gegeben werden, die dem Rezensenten bemerkenswert erscheinen.

Mediale Repräsentationen Hamburger Unternehmer in der „alten“ Bundesrepublik (Lu Seegers). Der Aufsatz zeigt, wie lohnenswert es ist, mediale Repräsentation von Reichtum vor dem regionalen Raum zu interpretieren. In Hamburg schien die zugeschriebene Allgemeinwohlorientierung die Akkumulation großer Vermögen zu legitimieren (56).

Reichtum im Fernsehen der 1980er Jahre. Rezeption von Dalles und Denver Clan in der westdeutschen Öffentlichkeit (Anne Kurr). Der gezeigte Reichtum ist nicht nur Kulisse für melodramatische Handlungsabläufe, sondern „…beeinflusste die Wahrnehmung der reichen Oberschicht und prägte dadurch höchstwahrscheinlich auch das gängige Image von Reichtum“ (63). In der Kritik der Serien wurde die „kulturelle Andersartigkeit“ der westdeutschen Reichen betont, aber letztlich aufgrund fehlender Einblicke nur die „Idealvorstellungen von Bescheidenheit und kulturellen Manieren verfestigt“ (84).

Kein Zeitalter der Extreme. Die Mitte als gesellschaftliches Leitbild in der Bundesrepublik (Rüdiger Schmidt). Obwohl ein soziales Konstrukt, wird die soziale Mitte noch als gesellschaftlicher Bezugspunkt wahrgenommen: sie fungiert als Anker der Bestätigung. Sie repräsentiert einen „Kristallisationskern des Systemvertrauens“ und vielleicht noch einen Ort der privilegierten Widerspruchsbearbeitung (99).

Konstruierte Unterschiede. Die untere Mittelklasse, Populisten und der US-Wohlfahrtsstaat in den 1960er Jahren (Christian Johann). „Die Verwendung des diffusen Begriffs der Mittelklasse nahm ab der Mitte der 60iger Jahre infolge der politischen Erfolge, die mit ihm zu feiern waren, rasant zu. Er wurde zum Container für positive gesellschaftliche Attribute und Werte und zugleich zum Synonym für Mehrheit“ (129).

„‚The poorest of the poor in this country‘. Die Culture of Poverty und Debatten um die Armut mexikanischer Einwandererfamilien in den USA der 1960er Jahre“ (Claudia Roesch). Die Debatten um die Armut verhandeln auch immer den Faktor race mit, Problembeschreibungen transportieren Problemzuordnungen. Auch 2015 zählten mexikanischstämmige Kinder noch mit zu „Ärmsten der Armen“. „Was sich in den Debatten geändert hat, ist, dass nun nicht mehr die Eltern und ihre Schwächen, sondern noch stärker die Kinder und ihre Leistungen im Mittelpunkt stehen“ (160).

Zu Teil II

Die egalitäre DDR? Staatssozialistische Intersektionalität und der lange Schatten des Intershops (Jens Gieseke). Gleichheit und Ungleichheit waren auch in den staatssozialistischen Gesellschaften Gegenstand eines nicht- bzw. halböffentlichen Diskurses. Aber die Frage sozialer Ungleichheit war nicht der „Top-Aufreger“ in der DDR-Bevölkerung (179). „Die relativ enge Koppelung sozialer Lagen mit Kriterien politischer Loyalität wurde offenbar mehrheitlich als illegitime Form der Ungleichheit betrachtet“ (180).

Media Images of „Conspicuos Consumption“ and Private Entrepreneurs in Post-communist Poland (Patryk Wasiak). Wasiak zeigt in seinem Beitrag, wie sich die Bewertung des sog. „Geltungskonsums“ in den polnischen Medien seit den 80er Jahren verändert hat. Die früheren Stereotypen von „Wodka und Entertainment“ in der Klasse der Reichen wurden von neuen Bildern abgelöst. Heute gelten die zur Schau gestellten teuren Autos, Markenuhren und chicen Anzüge der Privatunternehmer als „professionelle Mittel“, um in der Wirtschaftswelt ernst genommen zu werden. Der Kapitalismus wird individualisiert auf „notwendige“ Konsummuster der Reichen, die letztlich dem Wirtschaftsaufschwung Polens nutzen.

Erlaubte Wörter, verbotene Bilder. Armut und Reichtum in Medien der Volksrepublik Bulgarien (Anelia Kassabova). Not und Armut durften im sozialistischen Staat nicht sichtbar werden. Der optimistische „sozialistische Realismus“ ließ keinen realistischen Blick zu, insbesondere die Offenheit und Mehrdeutigkeit der Bilder, im konkreten Fall des Films, wurden im spätsozialistischen Bulgarien nicht geduldet (229).

Tunejadstvo in der Sowjetunion. Zeitautonomie zwischen staatlicher Repression und individuellen Gestaltungsansprüchen (Tatjana Hofmann). Tunejadstvo (Art. 209 des sowjetischen Strafgesetzbuches) zielt auf Personen, die gesellschaftlich nützliche Arbeit verweigern und eine parasitäre Lebensweise führen. Das Phänomen prägte die gesellschaftliche Atmosphäre, das Bild vom Verbrechen und die Möglichkeit der Staatsführung, damit auch politische, nicht nur soziale, Lösungen zu finden (231). Hofmanns Fazit: Erstens war das Phänomen auch eine Möglichkeit sich „frei und unvorhersehbar“ zu entfalten. Zweitens bedeutete sich ideologisch korrekt zu verhalten weder besonders reich noch arm zu sein. Drittens sendeten die Machthaber eine Art Doppelbotschaft (Bateson) aus, die die Grenzen zwischen positiv und negativ im sozialen Bewusstsein verwischten (249).

Zu Teil III

In der besseren Hälfte Deutschlands. Biografische Erinnerungen an soziale Gerechtigkeit und Solidarität in der DDR (Sabine Kittel). Der Beitrag bestätigt, u.a. durch einige seiner eigenen Interpretationen: „Es hat den Anschein, als ob der Kalte Krieg und die Frontstellung beider deutschen Staaten in vielen geschichts- und erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen noch nicht vorüber sind“ (273).

„‚Aber damals waren wir alle gleich‘. Nostalgische Repräsentationen über Armut, Reichtum und Gleichheit in der späten Sowjetunion“ (Kirsten Bönker). Arm und Reich waren keine dominierenden Klassifikationen in der sozialen Ordnung der Sowjetunion. Die Befragten rückten „… ganz überwiegend den Aspekt der verlorenen sozialen Gleichheit in den Mittelpunkt“ (288).

Selbstzeugnisse von Obdachlosen. Zur medienspezifischen Varietät von Armutsbildern (Gertraud Koch und Bernd Jürgen Warneken). Die veröffentlichten Selbstbilder argumentieren gegenüber angenommenen Fremdbildern. Es soll ein Fremdbild modifiziert werden. Mit der Anpassung an gesellschaftlich akzeptierte Deutungshorizonte geht die Gefahr des blinden Fleckens einher (307). Die vergleichsweise intensive Öffentlichkeitsarbeit, lässt vermuten, „… dass das Bild des Obdachlosen das der Armenbevölkerung insgesamt über Gebühr prägt – was dann auch Fehlannahmen wie die, dass Alkohol- oder Drogenabhängigkeit eine häufige Ursache oder auch nur eine häufige Folge von ‚Armutskarrieren‘ sei, verstärken dürfte“ (309).

Der Konsum der Reichen. Ein Essay zur gegenwärtigen Lage (Thomas Hecken). Die Reichen sind heutzutage öffentlich wenig präsent, auch „wenn ihnen die Firma gehört, für die man arbeitet“ (312). Die im 19. Jahrhundert nicht unübliche Praxis, in der Nähe seiner Fabrik seine Villa zu bauen, hat sich nicht erhalten. Die Probleme sind zum Teil aber die alten: Geldbesitz alleine reicht nicht, man muss es unter Beweis stellen, dass man zu den Reichen zählt. Dabei wird vermieden, „…in direktem Kontakt mit Unbekannten, zumindest in unmittelbarer Reichweite von Ärmeren, aufzutreten. Dem Konsum der Reichen tut dies in beiderlei Hinsicht keinen Abbruch, Raum für exklusive Käufe und ungreifbare Auftritte wie für die mediale Rezeption durch Ärmere ist im Überfluss vorhanden“ (328).

Diskussion

Der Sammelband bietet auf mehreren Dimension sehr bedeutende und vergleichsweise originelle Bezüge. Die Interpretationen und sozial wirksamen Darstellungen von Armut und Reichtum; kulturelle Hintergründe aus Europa und den USA, Wahrnehmungsmuster vor dem Hintergrund der alten politischen Blöcke West und Ost, Beiträge aus verschiedene Sozialepochen und unterschiedlicher Medien ermöglichen eine beeindruckende Zusammenschau. Die Vielfalt verdeutlicht die Relevanz der Perspektive und die Notwendigkeit systematischer Theoriearbeit – so muss, bzw. kann, der Leser viele Verbindungslinien selber herstellen. Die selbstgesteckten Ziele sind entsprechend als Orientierungsmarken zu begreifen. Das Buch hilft Fragen zu entwickeln, die wichtig im Sinne von weiterführend und sozial verantwortungsbezogen sind. Es ist im besten Sinne demokratisch.

Wie die subjektiven, die milieuspezifischen und die gesellschaftlichen Deutungen von Armut und Reichtum sind und wie der Zusammenhang wahrgenommen wird, stellt unmittelbar Sozialordnung dar und beeinflusst weitere Entwicklungen (eindrücklich dazu C. Roesch). Die Texte kreisen – auch wenn ihre Inhalte sich konkret auf sehr Verschiedenes beziehen, z.B. auf die Rezeptionsgeschichte von Fernsehserien wie Dalles – um die Entstehungsbedingungen sozialer Macht und leisten wertvolle Beiträge zur Dekonstruktion.

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch, weil es thematisiert, was wir zu den Themen Armut und Reichtum wahrnehmen – und was nicht. Weil der Sammelband es entweder hereinholt und oder als Auslassung sichtbar werden lässt, wird die Bedeutung unserer Vorstellungen über Armut und Reichtum greifbar.


Rezensent
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 02.08.2016 zu: Eva Maria Gajek, Christoph Lorke (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Visier. Die Wahrnehmung von Armut und Reichtum in Europa und den USA nach 1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-593-50472-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20426.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


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