socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Russ Harris: Akzeptanz- und Commitmenttherapie

Cover Russ Harris: Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 56 Seiten. ISBN 978-3-621-28310-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

56 Bildkarten zum Erarbeiten von Werten und Zielen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Thema, bzw. der Rahmen des zu rezensierenden Kartensets ist die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (kurz ACT, englisch in einem Wort gesprochen). Dabei handelt es sich um ein in jüngster Zeit populär gewordenes Psychotherapieverfahren, welches der sogenannten „Dritten Welle“ der Verhaltenstherapie zugeordnet werden kann.

Die Ursprünge dieses Ansatzes liegen in den 1970er Jahren und gründen sich auf dem funktionellen Kontextualismus. Darin wird dem Kontext, in dem jegliches psychologisches Geschehen entsteht, große Bedeutung beigemessen. Zusätzlich fußt die ACT auf der Bezugsrahmentheorie, die auf menschliche Sprache als indirekte, quasi „stille“ Lernerfahrung mit ihren daraus resultierenden Bezügen und zum teil gravierenden Auswirkungen abzielt. ACT gilt daher als kontextuelle Verhaltenswissenschaft und versucht, störungsübergreifend Erklärungen von dysfunktionalen Verhaltensweisen zu liefern.

Zur praktischen Orientierung und Arbeit dient ein Modell psychologischer Inflexibilität, das durch sechs zusammenhängende, jedoch voneinander abgrenzbare psychologische Prozesse gekennzeichnet ist. Ziel der Arbeit zusammen mit dem Patienten oder Klienten ist die Umkehrung in eine psychologische Flexibilität, welche ein dynamisches Umgehen mit unterschiedlichen Kontexten beinhaltet. Neben Un-Achtsamkeit im Sinne einer übermäßigen Beschäftigung mit Vergangenheit und/oder Zukunft und einer starken Erlebnisvermeidung wird ein Mangel an Klarheit über Lebensziele und Werte als relevanter Kernprozess des Modells beschrieben.

Mit den vorliegenden Karten unternimmt Russ Harris zusammen mit dem Beltz Verlag den Versuch, die Arbeit an den Werten und Zielen auf kreative, erlebnisorientierte Weise zu erleichtern. Die insgesamt 56 Karten sollen bei der Auswahl von Werten sowie bei der konkreten Umsetzung und Integration im Alltag unterstützen.

Autor

Dr. med. Russ Harris ist australischer Arzt, Coach und Psychotherapeut. Er befasst sich in seiner Arbeit schwerpunktmäßig mit psychischer Gesundheit, Psychoneuroimmunologie und Stressmanagement. Er gilt als weltweiter angesehener Experte für die Anwendung, Weiterentwicklung und Verbreitung von ACT und ist Autor mehrerer Fachpublikationen. In seinen erfolgreichen Sachbüchern ermöglicht er Klienten, Patienten und Betroffenen einen leichten Zugang zu ACT.

Entstehungshintergrund

Ein wesentlicher Bestandteil der ACT ist die Erlebnisnähe. Die innere Auseinandersetzung, eine Neuorientierung, das Ermöglichen neuer Erfahrungen geschieht in der ACT vorrangig über die Ebene von persönlichen Erfahrungen. Mentale Erfahrungen haben ihren Platz, wenn sie der psychologischen Flexibilität und damit dem persönlichen Wachstum dienlich sind. Insofern ist ein Stolperstein in der Arbeit nach ACT die zunehmende Kopflastigkeit, die sich z.B. daran bemerkbar macht, dass Modelle erklärt und Klienten logisch überzeugt werden. So ist es ein Anliegen der ACT, die Bearbeitung eines jeden Kernprozesses erlebnisnah zu gestalten.

Durch die Nutzung der Karten ermöglicht Harris dem Patienten oder Klienten eine direkte Auseinandersetzung mit der Thematik Werte und Ziele und verfolgt damit eine schnellere Integration und Umsetzung.

Aufbau

Das Set besteht aus insgesamt 56 farbigen Bildkarten und einem 10-seitigen Booklet mit inhaltlichen Hinweisen und Vorgaben.

Inhalt

Von den 56 Karten beinhalten ca. 40 Karten konkret benannte Werte, wie z.B. Liebenswürdigkeit, Fairness und Gerechtigkeit sowie Mut. Jede dieser Karten enthält eine passende Illustration und einen kurzen Begleittext, der den Wert inhaltlich erläutert. Der Wert Sicherheit wird z.B. wie folgt dargestellt: Meine eigene Sicherheit oder die von anderen schützen, wahren oder sicherstellen.

Zusätzlich zu den konkreten Wertkarten sind fünf Joker-Karten mit der Bezeichnung „Andere Werte“ enthalten. Da nicht jeder potenziell relevante Wert über die benannten Karten abgedeckt werden konnte, erhält der Anwender hierüber die Möglichkeit, weitere persönlich bedeutsame Werte zu spezifizieren und einzubeziehen.

Die Vorgehensweise gestaltet sich nun wie folgt. Zu Beginn erfolgt die Auswahl eines zu bearbeitenden Bereichs anhand der Karte „Lebensbereiche“. Darauf enthalten sind konkrete Bereiche, wie z.B. Familie, Gesundheit, oder Bildung/Lernen. Im Anschluss daran werden aus den vorgenannten Karten passende Werte herausgesucht und nach persönlicher Bedeutung sortiert. Letztlich sollen zwei bis drei als wichtig erachtete Wertkarten ausgewählt werden. Nachdem anhand der Karten eine Auswahl und inhaltliche Klärung erfolgt ist, können weitere Karten verwendet werden.

Die Karte „Die eigenen Werte leben“ lädt zur Auseinandersetzung mit Fragen wie „Wie möchte ich gemäß meiner Werte mit mir selbst, oder mit anderen umgehen?“ ein. Daraus lassen sich entsprechend Ziele und konkrete Handlungen ableiten.

Eine weitere Karte, „Für Werte werben“ soll zu einer Diskussion darüber anregen, wie andere Personen einbezogen und zu gewissen Werten und deren ermutigt werden können. Je nach inhaltlicher Fragestellung bzw. schwierigen Situation in der Werteklärung und Handlungsplanung können weitere Karten unterstützend eingesetzt werden.

Werte verdrehen“ stellt Fragen zur Thematik, wie Werte verzerrt und letztlich wiederum zu inflexiblen Normvorstellungen werden können, während die Karten „Platz schaffen“ und „Gedanken, die nicht hilfreich sind“ die Sensibilität für möglicherweise auftretende schwierige Gedanken und Gefühle schärfen.

Mit der „Fertigkeiten“-Karte können nützliche Fähigkeit entdeckt und weitere ausgebaut sowie Querverweise zu anderen Karten hergestellt werden.

Mit der „Hindernisse“-Karte findet dagegen eine Vorwegnahme möglicher Barrieren und Schwierigkeiten statt. Eine solche Schwierigkeit kann die Konkurrenz zwischen zwei gleichrangingen Werten sein.

Möglichkeiten zum Umgang finden sich auf der Karte „Wertkonflikte“.

Diskussion

Mit den Karten soll eine erlebnisnahe und damit veränderungsorientierte Auseinandersetzung mit den eigenen Werten geschehen. Die Wertearbeit ist eine wichtige Säule der Akzeptanz- und Commitmenttherapie und erfolgt vor allem über die Vermittlung von Metaphern, Bildern und Geschichten. Patienten und Klienten sollen sich mit der Frage beschäftigen, was ihr eigenes Leben wertvoll werden lässt, wodurch sie in ihrem Leben Zufriedenheit erfahren. Dabei sind Werte näherungsweise „innere Leuchttürme“, die auch in Zeiten von Schwierigkeiten und Belastungen eine Richtung vorgeben und damit Orientierung bieten.

In Beratung und Therapie lassen sich die Karten sehr flexibel einsetzen. Als „Spielleiter“ lohnt es sich, die Thematik durch ein Kartenspiel einzuführen, um damit die innere Auseinandersetzung auf spielerische Weise anzustoßen und um nicht den Fehler der trockenen Theoretisierung („Was sind denn ihre Werte, zählen sie mal auf.“) zu begehen. Die vorhandenen Wertekarten bieten dafür eine erste Orientierung, wenngleich sie nicht erschöpfend sind. Die Hinzunahme von Joker-Karten ist daher sinnvoll, um nicht zu sagen notwendig. Dennoch verleiten die vorgegebenen Werte möglicherweise zu einer vorschnellen Orientierung und Festlegung, ohne diese wirklich zu hinterfragen. Der eigentliche Prozess der Werteklärung – jenseits der Auswahl von geeigneten Karten – wird durch diese nicht angestoßen.

So obliegt es dem Anleiter weiter, kritisch zu überprüfen, ob der Wert wirklich für den Menschen selbst von Bedeutung ist, oder ob dieser von außen vorgelebt und damit implementiert wurde. Dazu erscheint das Studium von weiterführender, auch ausführlicherer Literatur als angeraten. Insbesondere im deutschen Sprachraum kommt diesem Prozess besondere Bedeutung zu, da allzu oft scheinbare Werte wie „Pünktlichkeit“ und „Ordnung“ eingebracht werden. Dem kulturellen Hintergrund des australischen Autors möglicherweise Rechnung tragend, fehlen diese Werte dann auch auf den vorgegebenen Karten.

Ein weiteres Element der Werteklärung in ACT lässt sich durch die Karten ebenfalls nur unzureichend abdecken, nämlich die Frage der Bedeutung und Gewichtung. Nicht jeder Wert weist dieselbe Priorität auf, so dass eine Reihung und Sortierung wesentlich erscheint. Einzelne, damit zusammenhängende Fragen werden mithilfe unterschiedlicher Karten aufgegriffen (Z.B. die Wertkonflikte), eine eigene Karte zur spezifischen Auseinandersetzung mit diesem Aspekt wäre jedoch wünschenswert. Nachdem sämtliche Hürden zur Werteklärung genommen sind, lassen sich die übrigen Karten jedoch flexibel und äußerst nutzbringend anwenden. Auch eine Abwendung von den Vorschlägen und Vorgaben sind möglich, so dass auch individuell Karten gezogen und genutzt werden können. Durch das Ansprechen unterschiedlicher Sinneskanäle erfolgt so ein niedrigschwelliger Zugang zu einem gewichtigen Thema, gleichzeitig wird Reaktanz zu vermeiden versucht.

Eine Verwendung über den Einzelkontext hinaus in Gruppensettings erscheint ebenfalls möglich und vermag zu einer kreativen Auseinandersetzung anzuregen. Grafisch muten die Bilder sehr comichaft an. Ob dies dienlich ist, bleibt jedoch jedem Anwender selbst überlassen.

Insgesamt lassen sich die Karten als kreatives Tool zur Wert- und Zielklärung nutzbringend einsetzen, selbstredend auch über einen ACT-Kontext hinaus.

Fazit

Mit den Bildkarten zur Erarbeitung von Werten und Zielen auf Grundlage der Akzeptanz- und Commitmenttherapie liefert Russ Harris eine wertvolle, praktisch handhabbare und strukturierte Arbeitshilfe. Die ansprechend gestalteten Kärtchen erleichtern die quasi spielerische Annäherung an den bedeutsamen und dennoch schweren Bereich der Werte. Die Wertekarten sind bedacht ausgewählt und in Verbindung mit weiteren Reflexions- und Strukturierungskarten ermöglichen sie einen fokussierten und dennoch flexiblen Klärungsprozess, der auch jenseits von ACT im beratenden Kontext eingesetzt werden kann.


Rezensent
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg; in Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten in Verhaltenstherapie
E-Mail Mailformular


Alle 43 Rezensionen von Tobias Eisenmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 25.07.2016 zu: Russ Harris: Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28310-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20429.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung