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Gerd Jüttemann (Hrsg.): Entwicklungen der Menschheit

Rezensiert von Prof. Dr. Mark Galliker, 15.03.2016

Cover Gerd Jüttemann (Hrsg.): Entwicklungen der Menschheit ISBN 978-3-95853-004-1

Gerd Jüttemann (Hrsg.): Entwicklungen der Menschheit. Humanwissenschaften in der Perspektive der Integration. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2014. 362 Seiten. ISBN 978-3-95853-004-1. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.

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Thema

Im vorliegenden Band wird versucht, die Psyche des Menschen historisch zu verstehen. Die akademische Psychologie fasste bisher die Psyche nicht als Psychogenese auf, sondern versuchte sie – in erster Linie auf experimentellem Wege – als zeitlose Gesetzmäßigkeiten i.S. eines quasi naturwissenschaftlichen Ansatzes zu interpretieren. Zwar gibt es auch in der akademischen Psychologie Wissenschaftler/innen, die historisch orientiert sind, doch befassen sich dieselben i.d.R. nur mit der Geschichte der Psychologie (also des Faches) und nicht mit der Geschichte der Psyche (also des Gegenstandes dieses Faches).

Entstehungshintergrund

Theoretische Ansätze zur Entwicklung der Menschheit wurden zunächst von Johann Gottfried Herder in seinem zweibändigen Werk „Ideen zur Philosophie und Geschichte der Menschheit“, dann in verschiedenen psychohistorisch orientierten Aufsätzen von den Begründern der „Völkerpsychologie“ Moritz Lazarus und Hajim Steinthal und später vom experimentell und naturgeschichtlich ausgerichteten Wilhelm Wundt in seiner zwischen 1900 und 1920 erschienenen zehnbändigen „Völkerpsychologie“ konzipiert. In neuerer Zeit beschäftigte sich Gerd Jüttemann in diversen Artikeln, Büchern und Sammelbänden mit der Konzeption einer Wissenschaft, welche die Entwicklung der Psyche zu ihrem Gegenstand macht. Sein Ziel ist die Grundlegung einer interdisziplinären Wissenschaft der Entwicklung der Menschheit bzw. der Psychogenese.

Aufbau und Einführungskapitel

Das Buch besteht aus den beiden Hauptkapiteln

  1. „Grundfragen und Ansätze“ und
  2. „Beispiele für Entwicklungen“.

Im ersten Teil werden grundlegende Fragen und Probleme hinsichtlich des neuen Ansatzes behandelt wie beispielsweise „Was ist der Mensch?“ oder „Welche Arten von Fortschrittsmessern gibt es?“.

Der zweite Teil ist themenbezogen und behandelt materielle Entwicklungen wie jene der Technik, der Industrie, der ökonomischen Verhältnisse und ideelle Entwicklungen wie jene der Religion und der Psyche (u.a. der Fantasie und der Empathie).

Im Sammelband werden insgesamt 34 Studien vorgelegt. Sie zeichnen einzelne Entwicklungslinien nach, reflektieren Zusammenhänge und suchen Antworten auf Fragen wie die folgenden: Wie lassen sich menschheitsgeschichtliche Entwicklungen erklären? In welcher Hinsicht schlägt sich der Prozess der menschlichen Vergesellschaftung in der Sozialisation des Individuums nieder? Worauf beruht der Kapitalismus? War der Kolonialismus für europäische Mächte ökonomisch defizitär und für das Ende des Sklavenhandels maßgebend? Oder auch: Wie verloren Eltern das „Recht“, ihre Kinder zu züchtigen?

Im Einführungskapitel „Integrative Humanwissenschaft – Konturen einer Metadisziplin“ erörtert Gerd Jüttemann systematische und theoretische Fragen. Er weist darauf hin, dass die Schrift einen ersten Beitrag zur Schließung der Lücke im System der Wissenschaften zu leisten versucht. Auch erörtert er, wie die Menschheitsentwicklung interdisziplinär und kooperativ erforscht werden kann. Dabei scheinen ihn besonders Problemstellungen zu interessieren, welche die Welt im Großen mit jener im Kleinen verbinden: „Mit welchen Intentionen und Strategien verändert der Mensch handelnd die Welt? In welcher Weise verändert das Ergebnis rückwirkend auch den Menschen? Und was bedeutet das für unsere Motivation, die Welt und uns selbst weiter zu verändern?“ (S. 26).

Im Zentrum seiner Einführung stellt der Herausgeber das Modell integrativer Humanwissenschaft dar, das aus einem individualpsychologischen und einem menschheitsgeschichtlichen Stufenmodell besteht.

  1. Das an erster Stelle angeführte menschheitsgeschichtliche Stufenmodell beginnt mit der Zeugung, die das Individuum in seiner genotypischen „ersten Natur“ festlegt (Stufe 1a). In Auseinandersetzung mit der Umwelt und unter dem Einfluss der Sozialisation (v.a. durch die Eltern und die Schule) entwickelt sich das Kind zu einer Persönlichkeit mit einer Struktur von Eigenschaften, die sich nicht auf dessen „erste Natur“ reduzieren lässt (Stufe 1b). Als Erwachsener entfaltet das Individuum seine Persönlichkeit, woraus die Autogenese mit seinen Konsequenzen hervorgeht, die als das aktuelle individuelle Psychische erlebt wird (Stufe 1c).
  2. An dieser Stelle wird nun das zweite, menschheitsgeschichtliche Stufenmodell angefügt. Personen ändern sich in einem kürzeren Zeitraum in Abhängigkeit vom aktuellen Zeitgeschehen durch angeeignete Kompetenzen und Erfahrungen, mithin durch Wissensbestände und Erinnerungsbilder, auch durch gewandelte Gefühlshaltungen und Einstellungen, wodurch das „aktuelle soziokulturelle Psychische“ (primäre Psychogenese) konstituiert wird (Stufe 2a). Im mittleren Zeitraum des intergenerativen Wandels betrachtet bilden sich unter den sich verändernden sozialen, milieutypischen und geographischen Verhältnissen entsprechend den vermittelten Inhalten von Erziehung, Bildung und Ausbildung durch die Tradierung (bzw. die „kulturelle Vererbung“) prägende Persönlichkeitstrukturen bzw. das „phänotypische Psychische“ (sekundäre Psychogenese) heraus, das als „zweite Natur“ (s.o.) verstanden wird (Stufe 2b). Langfristig betrachtet, ändern sich die Menschen hinsichtlich ihres gattungsbegründenden Genompotenzials v.a. in Abhängigkeit vom Partnerwahl- und Fortplanzungsverhalten i.S. der „biologischen Vererbung“. Mit dem organischen Code entsteht das „genotypische Psychische“ (tertiäre Psychogenese). Dieses allgemeine Genom des Menschen wird heute u.a. auch durch staatliche Gesundheits- und Familienförderungsprogramme beeinflusst (Stufe 2c). Damit erfolgt gewissermaßen eine Rückkehr zum Ausgangspunkt des Modells (Stufe 1a).

Nach Jüttemann besteht die integrative Funktion des Modells darin, die Einordnung von Forschungsergebnissen zu ermöglichen, die aufgrund empirischer Untersuchungen sich ergeben. Der Herausgeber thematisiert in seiner Einführung auch das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft und zur Praxis: „Die Wissenschaft tritt viel zu selten für das Zustandekommen gesellschaftlicher und humanitärer Veränderungen ein, die einen dringend notwendigen Bewusstseinswandel implizieren“ (S. 19). Es stellt sich die Frage, ob die folgenden Beiträge, auch einen Beitrag zur Praxis zu leisten vermögen und damit den Leser/innen, die sich mit den grundlegenden Fragen der „Menschwerdung“ beschäftigen, auch etwas für sie Sinnvolles bieten können.

Ausgewählte Inhalte

Natürlich kann im Folgenden nicht auf alle 34 Studien eingegangen werden. Aus Platzgründen ist es nur möglich, drei Beiträge herauszugreifen und ganz kurz auf deren Inhalte hinzuweisen:

  1. Norbert Rath legt in seinem Artikel „Historische Prozesse als Prozesse der Bildung von ‚zweiter Natur‘“ dar, was unter den vergegenständlichten Ergebnissen menschlicher Tätigkeiten als „zweiter Natur“ (s.o.) philosophiegeschichtlich verstanden werden kann (insb. bei Cicero und Hegel). Die Menschen werden von den von ihnen mehr oder weniger bewusst geschaffenen Hilfssystemen und Institutionen abhängig, die eine Eigenlogik, Eigenmächtigkeit und Eigendynamik entwickeln und sie schließlich beherrschen. Der Autor unterscheidet zwischen äußerer und innerer „zweiter Natur“, zwischen objektiver Lebenswelt und subjektivem Habitus, wobei eine Passung zwischen den beiden – so der Autor – gelingen muss, damit die Fortdauer der Kultur und mit ihr die ideelle und materielle Reproduktion ihrer Mitglieder garantiert sei (Näheres s. S. 57-65).
  2. Peter Fischer thematisiert im Artikel „Technikgeschichte und Psychogenese“ vom Konzept der Technik ausgehend die grundlegenden kognitiven Fähigkeiten der technisch-geistigen Aneignungsweise des Tradierten und die notwendigen ontogenetischen Transformationen der phylogenetisch ererbten Fertigkeiten. Wären primär die in Sozialisation erworbenen Fähigkeiten gemeint, könnte hier wohl der von den ersten Völkerpsychologen und den Vertretern der Kulturhistorischen Schule verwendete Begriff der Aneignung stehen und das Scharnier zwischen Modell 1 und 2 bilden (s.o.). Aus dem Technikbegriff sowie aus der ontogenetischen Betrachtung gehen nach Fischer Folgerungen hinsichtlich der Konzipierung des Zusammenhanges von Technikgeschichte und Psychogenese hervor. „Wenn die Geschichte wesenhaft auf einer Abfolge soziokulturell transformierter Ontogenesen beruht, dann wird die Psychogenese durch jene technischen bzw. durch Technik ermöglichten Artefakte beeinflusst, die als jeweiliger geschichtlicher Input die Ontogenese mitprägen. Dies betrifft insbesondere Spielzeuge, Lehrmittel und andere Medien“ (S. 189).
  3. Daniela Steinberger vertritt in ihrem Beitrag „DNA und Kultur: Ursprung und Entwicklung einer Interaktion“ die Meinung, dass durch den Fortschritt in den molekularen Analysetechniken in den letzten beiden Jahrzehnten viele neue Befunde über die genetischen Grundlagen menschlicher Verhaltensdimensionen erbracht werden konnten. Die Handlungsweise einer Person ist das Ergebnis vieler neurobiologischer, genetisch basierter Prozesse in Wechselwirkung mit der natürlichen und auch mit der von den Menschen produzierten kulturellen Umwelt. Die kulturelle Umwelt wiederum ist unter anderem ein Ergebnis kognitiver und emotionaler Kompetenzen und Leistungen des Menschen, die durch genetische Faktoren beeinflusst wird. „In Anbetracht der neueren Erkenntnisse der Genetik erscheint die Zeit dafür gekommen, die bisher ausschließlich geisteswissenschaftlich geprägten Kulturwissenschaften um eine Perspektive zu erweitern und die Lebenswissenschaften in das Studium menschlicher Kulturen zu integrieren“ (S. 103).

Diskussion

Jüttemann hat ein Modell vorgelegt – oder müsste man es eher als grundlegendes Forschungsparadigma bezeichnen? –, das vielversprechend ist. Das Paradigma hat ein großes Potenzial in sich und kann zu vielen Forschungsvorhaben anregen. Es stellt sich indes die Frage, ob Modell 1 oder 2 Priorität zukommt. Sowohl nach dem kulturhistorischen Paradigma als auch nach jenem der Kritischen Psychologie wäre die Abfolge umgekehrt, wodurch Probleme der Privatsprache und des Individualismus vermeidbar wären.

Die einzelnen Beiträge können hier nicht diskutiert werden. Von unmittelbarer praktischer Bedeutung können sie in diesem Anfangsstadium des Projektes wohl noch nicht sein. Sie sind aber sehr reichhaltig, mithin heterogen. Die meisten Autoren und Autorinnen bemühen sich, das Werden der Menschheit umfassender als bisher zu untersuchen, und geben viele wertvolle Inhalte und Anregungen für eine Weiterentwicklung des vorliegenden lebens- und humanwissenschaftlichen Ansatzes.

Der Begriff der Lebens- und Humanwissenschaften ist weiter gefasst als jener der Geisteswissenschaften. Dadurch wird es möglich, Kultur und Natur in einem direkten Zusammenhang zu sehen und verschiedene Disziplinen zu integrieren. Mit dieser Perspektive schlägt der Herausgeber vor, eine Metadisziplin mit dem Namen „Integrative Humanwissenschaft“ oder „Psychogenese“ zu begründen. Auf weitere Bände darf man gespannt sein. Ein höherer Wissensstand würde es nicht nur ermöglichen, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern auch die Gegenwart zu fokussieren und zukünftige Entwicklungen – in gesellschaftlicher und humanitärer Verantwortung – zu beeinflussen und damit auch zu Befunden zu gelangen, die sich als praxisrelevant herausstellen könnten.

Fazit

Im vorliegenden Band wird ein menschheitsgeschichtliches Stufenmodell präsentiert, das die Grundlage bietet für ein interdisziplinäres Forschungsparadigma, das es künftig erlauben wird, das Verhältnis zwischen Natur und Kultur des Menschen sowie dessen Psychogenese näher zu untersuchen.

In der Einleitung und in den einzelnen Beiträgen werden wichtige wissenschaftliche Fragen aufgeworfen, von denen einige bisher noch nicht gestellt wurden. In mehreren Einzelbeiträgen werden auch schon Übergänge in der menschlichen Entwicklung näher beleuchtet und erörtert.

Im Sammelband zeichnen sich erste Konturen einer Lebens- und Humanwissenschaft ab, deren Projekte und zu erwartenden Forschungsergebnisse sich längerfristig betrachtet für uns Menschen als relevant erweisen könnten. Deren Natur und Kultur werden in einen direkten Zusammenhang gebracht und verschiedene Fächer, wie beispielsweise die Biologie, die Ökonomie, die Soziologie und die Psychologie auf historische Fragestellungen bezogen und integriert. Der Band bietet Grundlagen, Detailwissen, Analysen und erste Synthesen. Er ermöglicht Naturwissenschaftler/innen sowie Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen faszinierende Einblicke in ein Gebiet, das bis heute noch viel zu wenig erforscht wurde.

Rezension von
Prof. Dr. Mark Galliker
Institut für Psychologie der Universität Bern
Eidg. anerkannter Psychotherapeut pca.acp/FSP
Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für den Personzentrierten Ansatz
Weiterbildung, Psychotherapie, Beratung (pca.acp).
Redaktion der Internationalen Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung (PERSON).
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Es gibt 19 Rezensionen von Mark Galliker.

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Zitiervorschlag
Mark Galliker. Rezension vom 15.03.2016 zu: Gerd Jüttemann (Hrsg.): Entwicklungen der Menschheit. Humanwissenschaften in der Perspektive der Integration. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2014. ISBN 978-3-95853-004-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20431.php, Datum des Zugriffs 19.05.2024.


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