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Monika Keppner: Die Spielsache im Spannungsfeld zwischen Spielmittel und Spielware

Cover Monika Keppner: Die Spielsache im Spannungsfeld zwischen Spielmittel und Spielware. Das kindliche Spiel als Herausforderung im 21. Jahrhundert. Eine pädagogische Untersuchung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 248 Seiten. ISBN 978-3-8309-3179-9. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Das Kind spielt, weil es spielt

Mit dieser oberflächlich betrachtet Nonsens- oder tautologischen Aussage hat der Philosoph Martin Heidegger die Auffassung des antiken griechischen Philosophen Herakleitos aufgenommen, der bei seinem Nachdenken über die Entstehung der Welt zu der Erkenntnis kam: „Geburt und Entwicklung des Universums sind Spiel eines Kindes, das seine Steine auf dem Schachbrett herumschiebt. Das Schicksal liegt in den Händen eines spielenden Kindes“. Über Bedeutung, Sinn und Sinnlosigkeit denken Pädagogen, Psychologen, Anthropologen, Ökologen und Ökonomen immer wieder nach. In einen seiner Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ stellt Friedrich von Schiller fest: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Spielen ist ein zweckfreies und gleichzeitig zweckbestimmtes Tun. Nach Einschätzung von Kulturanthropologen und Philosophen hätte sich die Menschheit ohne den Spieltrieb nicht zu dem entwickelt, was sie heute ist. Nehmen wir diese Auffassung evolutionär und nicht kassandrisch, wird deutlich, welche Chancen und existentielle Möglichkeiten im Spielen vorhanden sind. Wenn das Spiel, wie der Philosoph Eugen Fink (1905 – 1975) es ausdrückte, bei der Daseinsbestimmung und -bewältigung zwischen Himmel und Erde eine „Oase der Glückseligkeit“ darstellt und der Mensch beim Spielen „einen Augenblick lang vom Leben nur das fordert, was es ist, und ihm auch keine andere Zweckbestimmung abverlangt als sich selbst“, wird deutlich, (Martine Mauriras-Bousquet, Die Bedeutung des Spiels für den Menschen, in: UNESCO-Kurier 5/1991, S. 8), dass Spielen Ordnungs- und Chaos-Elemente beinhaltet, Spaß und Ernst des Lebens verdeutlicht, Regelbewusstsein und Zügellosigkeit bewirken kann, Selbst- und Fremdvergewisserung befördert und Theorie und Praxis des menschlichen Daseins bestimmt (Regine Strätling, Hrsg., Spielformen des Selbst. Das Spiel zwischen Subjektivität, Kunst und Alltagspraxis, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13887.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Spielen ist kreatives, unterhaltsames, ernsthaftes, zweckbestimmtes und zweckfreies Tun (Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php). Das kindliche Spielen ist mit pädagogischen Zeigefingern, Rezeptvorschlägen, Traditionen, Handlungs-, Gebrauchsanweisungen, Vermarktungsstrategien und Geheimnissen umwabert. Wie Kinder spielen und mit welchen Spielsachen sie sich beschäftigen, ist kulturell und gesellschaftlich bestimmt. Und damit unterliegt auch die Art und Weise, mit welchen Methoden, Motiven und Motivationen Kinder in ihrer Zeit spielen, dem gesellschaftlich gleichgerichteten Wandlungsprozessen. Es geht um das Spannungsfeld zwischen Spielmittel und Spielware, wenn die pädagogische und erziehungswissenschaftliche Frage danach gestellt wird, wie Kinder heute spielen. Dass dabei Dilemmata und neue Sicht- und Verhaltensweisen auftreten, lässt sich alltäglich beobachten. Der Rezensent schiebt hier eine kürzlich beobachtete Szene ein: Im Nachbarsgarten wird Kindergeburtstag gefeiert. Kinder spielen ausgelassen, lustig, laut und begeistert Fang- und Raufspiele, Völkerball und Abklatschen; Spiele also, die auch die an Nebentischen sich unterhaltenden Eltern und Großeltern schon gespielt haben. Mitten in diese Spielszenen ertönt der Ruf der Gastgebermutter: „Kinder, kommt schnell: Fernsehen!“.

Die Pädagogin von der Universität Bayreuth, Monika Keppner, legt ihre Dissertation vor, in der sie sich mit den Fragen auseinandersetzt, weshalb z. B. das Kinderspiel, im Gegensatz zum Spielen der Erwachsenen, in der wissenschaftlichen Forschung nach wie vor so wenig Aufmerksamkeit erfährt, und warum es gerade heute so wichtig ist, diese Fragestellung pädagogisch zu stellen. Die möglichen Antworten liegen auf der Straße: „Erstens die Entdeckung der Kinder als Konsumenten, und zweitens die übersteigerten Bildungsansprüche vieler Eltern, die eine kindgerechte Entwicklung verhindern“. Weil Kinder im allgemeinen nicht spielen, um zu lernen, aber beim Spielen lernen und sich weiter entwickeln, kommen den Spielsachen und Spielmitteln eine besondere Bedeutung zu. Die These der Autorin, dass „im kindlichen Spielprozess die Spielware mit ihren spezifischen Attributen überwunden werden kann und somit ein konstruktives Spiel entsteht“, wird ja konfrontiert mit der bestandsaufnehmenden Frage: „Hat die Omnipotenz der Spielware das Spielmittel schon verdrängt?“, und: „Wie kreativ ist die kindliche Vorstellungskraft, wenn sie doch nichts anderes kennt als Waren?“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Forschungsarbeit in sieben Kapitel und schließt sie mit einem Fazit ab.

Während im ersten, einführenden Teil die erkenntnisleitenden Fragestellungen thematisiert werden, im zweiten die Methodik der Arbeit erklärt wird und im dritten, vierten und fünften Kapitel Definitionen und thematische Abgrenzungen vorgenommen werden, setzt sich die Autorin im sechsten Kapitel mit der Unterscheidung in „Spielware“ und „Spielmittel“ auseinander, und diskutiert im siebten Teil „Spielware als Spielmittel“.

Bei den Auseinandersetzungen mit den unter- wie auch überschätzten Zuschreibungen der Bedeutung des kindlichen Spielens finden wir keine tabula rasa vor; vielmehr wird seit der Antike darüber nachgedacht, wie sich der homo ludens zum homo faber verhält, welche Parallelen und Kontrapunkte dabei zu berücksichtigen sind, und welche Zusammenhänge sich aus Spieler – Spielware – Spielraum – Spielzeit – Spielmotiv und Spielgelegenheit ergeben. In der Ausdifferenzierung des Spielzeugs in Spielware und Spielmittel wird eine Wertung und damit eine Profilierung und Kategorisierung vorgenommen, die es ermöglicht, eine qualitative und quantitative Unterscheidung zu treffen: Während mit „Spielware“ das heutzutage gängige, in Massenproduktion industriell hergestellte, profitorientierte Spielmaterial einer „knallbunte(n), schadstoffbelastete(n) Plastikwelt“ benannt wird, die zudem Kinder zu „Markenbewusstsein und Konsumverhalten“ verführt, zugleich „für das Kind in vielen Bereichen wenig anregungs- und lehrreich (darstellt), da viele Farben sich wiederholen, Formen und Funktionen festgelegt sind und sich Materialien nicht wie ihre natürlichen Vorbilder anfühlen“, ist die Idealvorstellung „Spielmittel“ auf die individuellen, entwicklungsorientierten Bedürfnisse des Kindes abgestimmt, bietet Anreiz für Denken, Handeln und Fühlen, und fördert Regellernen und Kreativität. Die theoretische Spielware-Spielmitteldiskrepanz wird anhand von zahlreichen Theoriebildungen, Erzählungen und literarischen Beispielen aufgewiesen; etwa mit dem Höhlengleichnis von Platon; mit John Lockes aufgeklärten Erziehungsratschlägen; mit Jean-Jacques Rousseaus ganzheitlichem Denken von Natur – den Dingen – den Menschen; mit Jean Pauls poetischem Erfahrungs- und Erlebensspektrum; mit Wilhelm von Humboldts humanistischem, positiv-dialektischem Denken; mit Maria Montessoris pädagogischem Zugang; mit Jean Piagets pädagogisch-psychologischem Verständnis; mit den Klassifizierungen, wie sie von Winfried Klinke im „Handbuch der Spielpädagogik“ (1983) vorgenommen wurden, und nicht zuletzt mit der Berücksichtigung der neueren, neurologischen und interkulturellen Erkenntnissen und Imponderabilien.

Fazit

Monika Keppner will mit ihrer Ausdifferenzierung und Analyse der Bedeutung von Spielmittel und Spielware überprüfen, ob die Behauptung zu verifizieren ist, „dass das kindliche Spiel eine Dynamik und Spontaneität entwickeln kann, die einen Übergang von ‚schlecht‘ nach ‚gut‘ ermöglicht“. Diese moralische und gleichzeitig funktionale und hermeneutische Zugangsweise gibt dem Spielen des Kindes einen Eigenwert und plädiert für ein konstruktives Spielen. Sie zeigt auf, „dass die Rolle der Ware im zeitgenössischen Spielgeschehen zentral ist, aber dennoch im kindlichen Spiel nicht zwingend als solche wahrgenommen werden muss“. In der im Spielen immanent vorgegebenen Funktion der Unvorhersagbarkeit des Spielverlaufs wie der Spielsituation bietet die Chance, kindliches Spielen nicht als Rezept- und Handlungsanweisung zu begreifen, sondern als ein natürliches, entwicklungs- und intelligenzförderliches Bedürfnis zu verstehen, um Selbst- und Welterkenntnis zu erfahren. Angesichts der „Sesshaftung“ und „Fesselung“, die die neuen, medialen Spielwaren (freiwillig) erzeugen, ist es um so notwendiger, Spielmittel als den „natürliche(n), gegenständliche(n) Ausdruck des Spieldrangs“ in das bildungs- und erziehungswissenschaftliche Bewusstsein zu rücken.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.10.2016 zu: Monika Keppner: Die Spielsache im Spannungsfeld zwischen Spielmittel und Spielware. Das kindliche Spiel als Herausforderung im 21. Jahrhundert. Eine pädagogische Untersuchung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3179-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20432.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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