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Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): Schwerpunkt Partizipation

Cover Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): ISA-Jahrbuch zur Sozialen Arbeit 2015. Schwerpunkt Partizipation. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 236 Seiten. ISBN 978-3-8309-3359-5. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR.
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Entstehungshintergrund

Das Jahrbuch wird vom Institut für soziale Arbeit e.V. in Münster herausgegeben, das seit 35 Jahren zu aktuellen Fragen der Kinder- und Jugendhilfe arbeitet und die Qualifizierung und Professionalisierung der PraktikerInnen fördern will.

Thema

Nach 25 Jahren Verankerung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen „an allen sie betreffenden Entscheidungen in der öffentlichen Jugendhilfe“ (§ 8 SGB VIII) soll in einigen Arbeitsfeldern des ISA die Umsetzung des politischen, rechtlichen und fachlichen Anspruchs auf Partizipation bilanziert werden.

Das Jahrbuch einer Organisation unterscheidet sich zwangsläufig von einer Fachbuchveröffentlichung. In erster Linie geht es darum die Arbeitsthemen des vergangenen Jahres vorzustellen, Projekte, Ergebnisse und praxistaugliche Folgerungen bekanntzumachen. Personelle Veränderungen in der Organisation müssen angezeigt werden. Das Jahrbuch zeigt, mit welchen Auftraggebern und Kooperationspartnern Praxisforschung in einer Fülle von Projekten durchgeführt wurde und bietet nur Raum für eine Kurzfassung von Forschungsberichten.

Deshalb dürfen die Erwartungen an den Ertrag des Schwerpunktthemas eines Jahrbuches nicht allzu hoch angesetzt werden, schon sein Umfang macht nur ein knappes Drittel der gesamten Seitenzahl aus – gerade vier Beiträge sind dem Thema „Partizipation“ zugeordnet.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Beitrag von Ivo Züchner und Katrin Peyerl, „Partizipation von Kindern und Jugendlichen – Annäherung an einen vielfältigen Begriff“ werden grundsätzliche Überlegungen zum Begriff der Partizipation vorgestellt, z.B. zum Verhältnis zwischen politischer und sozialer Partizipation. Die Funktionen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen werden kurz umrissen, vom Bildungsziel für Kinder und Jugendliche bis zum Qualitätsmerkmal eines guten Unterrichts oder als Faktor zur Legitimierung öffentlichen politischen oder institutionellen Handelns. Der fachlich intensivste Teil beschäftigt sich mit den damit verbundenen pädagogischen Herausforderungen: So wird betont, dass Partizipation aktiv „eingeräumt“ werden muss, durch Aushandeln von Rechten und durch Information, Motivation und Befähigung von Kindern und Jugendlichen. Die beiden AutorInnen betonen, dass Partizipationsprozesse keine „Wohlfühlveranstaltungen“ sind, sondern Kontroversen und Interessenabstimmungen enthalten.

Im zweiten Beitrag „Kinderrechte und Professionalität in der Kinder- und Jugendhilfe“ von Hans-Jürgen Schimke geht es einmal um die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Rechtsverfahren, speziell in familiengerichtlichen Verfahren. Hier werden die Funktionen hervorgehoben, welche die Beteiligung für die betroffenen Kinder hat. Ein zweiter Punkt konfrontiert mit den Rechten von Kindern und Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe, die im Konstruktionsprinzip des SGB VIII mit seinem vorrangigen Blick auf die Eltern nicht unbedingt angelegt sind. Der Autor sieht einen Ausweg aus dem Machtgefälle in unabhängigen Beschwerde- oder Ombudsstellen.

Der dritte Beitrag bezieht sich auf die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Ganztagsschule. Dörthe Heinrich und Janina Stötzel arbeiten sehr deutlich das Gefälle heraus, das zwischen den rechtlichen Grundlagen der Schülerpartizipation, den nachgewiesenen positiven Effekten und der schulischen Realität liegt. Mehrere Studien weisen nach, dass auch für die Partizipation in „Gesamtschulen“ noch „Luft nach oben“ ist: Mitbestimmung findet sich deutlich häufiger in außerunterrichtlichen Angeboten als im unterrichtlichen Bereich. Als Erfolgsfaktor wird eine enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften und den pädagogischen Fachkräften benannt, die in vielen Ganztagsschulen nur unzureichend zu gelingen scheint.

Johannes D. Schütte und Christina Günther haben sich für den letzten Beitrag einen programmatischen Titel gewählt: „Ausgrenzung erzeugt Ausgrenzung: Der Teufelskreis der Nicht-Partizipation und Wege, diesen möglichst frühzeitig zu durchbrechen“. Der Artikel zielt auf Armutskreisläufe in den Städten: Die einkommensschwächeren BewohnerInnen beteiligen sich weniger an Wahlen, mischen sich insgesamt seltener in die Gestaltung des lokalen Zusammenlebens ein (wenn man es an Mitgliedschaften in NGOs usw. misst) und können deshalb weniger Einfluss nehmen auf eine z.B. gesundheitliche Verbesserung ihrer Situation im Stadtteil. Frühe Hilfen könnten diese Zusammenhänge aufbrechen: Die Willkommens- und Babybegrüßungsbesuche mit ihrem stigmatisierungsfreien und breiten Zugang erreichen nach Forschungsprojekten des ISA 80 % der Betroffenen. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass es sich hier meist um eine Vorstufe von Partizipation handelt: Die Beschäftigung mit den Wünschen und Ressourcen der Eltern wird „nur“ dafür genutzt, dass die Angebote des Hilfesystems passender gestaltet werden, eine aktive Teilnahme an Entscheidungsprozessen, Aufklärung über Rechte, Mobilisierungsstrategien usw. fehlen weitgehend.

Diskussion

Die Beiträge haben durchgehend den Charakter einer Einführung in Fragestellungen zur Partizipation in Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. Sie beziehen sich auf die drei unterschiedlichen Handlungsfelder Rechtsverfahren in der Jugendhilfe, Ganztagsschulen und „Frühe Hilfen“. Sie stehen unverbunden nebeneinander, da sie in verschiedenen Praxisforschungsprojekten entstanden sind. Deshalb wiederholen sich grundsätzliche Überlegungen zu den möglichen Funktionen der Partizipation, zu erhofften Effekten und zu Hindernissen der Umsetzung. Das schmälert beim geringen Umfang jedes Beitrags den Aussagegehalt.

Als Leserin erfahre ich am meisten über die jeweiligen Hindernisse der Umsetzung von Partizipation – das ist nicht gerade eine Einladung für die Praxis. Institutionelle Barrieren und noch fehlende Kompetenzen der Fachkräfte werden immer wieder genannt. Leider erfährt man wenig über mögliche Ressourcen im jeweiligen Handlungsfeld. Auch der Ausflug in die Definition der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession (Staub-Bernasconi) ist zwar sinnvoll, aber bleibt zu allgemein ohne erkennbaren Praxisbezug.

Fazit

Vier relativ kleine Artikel zu drei verschiedenen Handlungsfeldern der Jugendhilfe (Familiengerichtsverfahren, Ganztagsschule und Frühe Hilfen) geben einen Einblick in die jeweiligen Herausforderungen für eine aktive Partizipation von Kindern, Jugendlichen und Eltern. Ertragreicher wird die Praxisforschung wohl erst, wenn (auch) gelingende Beispiele und erfolgreiche Praxis trotz vorhandener Barrieren in diesen Handlungsfeldern vorgestellt und analysiert werden. Für eine hilfreiche Einführung in die Herausforderungen, die sich den Organisationen der Jugendhilfe mit der Teilhabe, Mitbestimmung und Partizipation von Kindern und Jugendlichen stellen, ist der Themenschwerpunkt im Jahrbuch nicht systematisch und konsequent genug aufgestellt, für die Vermittlung von Partizipationskompetenz sind die Hinweise für die Fachkräfte schmal und unspezifisch. Aber ein Anfang ist gemacht, eine einklagbare Aufgabe der Sozialen Arbeit wird zum Thema in der Praxisforschung.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Cyprian
Ehem. Uni Bamberg, FB Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Gudrun Cyprian. Rezension vom 05.07.2017 zu: Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): ISA-Jahrbuch zur Sozialen Arbeit 2015. Schwerpunkt Partizipation. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3359-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20436.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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