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Andreas Bihrer, Anja Franke-Schwenk u.a. (Hrsg.): Endlichkeit

Cover Andreas Bihrer, Anja Franke-Schwenk, Tine Stein (Hrsg.): Endlichkeit. Zur Vergänglichkeit und Begrenztheit von Mensch, Natur und Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2015. 360 Seiten. ISBN 978-3-8376-2945-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Endlichkeit wird in diesem Buch auf ganz unterschiedliche Weise erörtert.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Das Wissen um die eigene Endlichkeit empfinden einige – und vielleicht zunehmend viele – Menschen als Zumutung. Manche orten in dieser Kränkung ein Symptom für den herrschenden gesellschaftlichen Narzissmus. Wie dem auch sei, der vorliegende Sammelband geht dem Umgang mit Endlichkeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen nach.

Das Buch ist in drei Formen von Endlichkeit unterteilt:

  1. die Endlichkeit des individuellen Lebens;
  2. die Endlichkeit von natürlichen Ressourcen sowie
  3. die Endlichkeit von sozialen Formationen, also beispielsweise Staaten.

Da Endlichkeit von Menschen individuell und/oder kollektiv erfahren wird, sind die wichtigsten Forschungsperspektiven im Buch die Erfahrung (wiederum sowohl individuell als auch kollektiv) von Endlichkeit sowie deren Verarbeitung, also der Umgang mit Endlichkeit, welche nach Luigi de Marchi (1988) vielleicht gar am Anfang jeder Kultur steht. [1]

Das im vorliegenden Buch vertretene Verständnis von Endlichkeit beruht auf folgenden drei Prämissen:

  1. Der Umgang mit Wirklichkeit wird als ein permanenter sozialer Kommunikationsprozess verstanden, in welchem Wahrnehmung, Deutung, Verständigung und Handeln miteinander koordiniert werden.
  2. Zwischen Erfahrungsraum und Erfahrungshorizont spannt sich ein Feld auf, welches die zeitliche Struktur von Erfahrungen berücksichtigt. Erfahrungen sind immer anschlussfähig an andere Wahrnehmungen und Erfahrungen, seien es eigene, die Erfahrungen anderer Individuen oder jene von Kollektiven. Erfahrungen existieren nicht per se, sondern werden in ständiger Vermittlung mit ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen gebildet. Bei fehlender Korrelation, wenn kollektive Sinngebung und eigene Erfahrung nicht in Übereinstimmung gebracht werden können, kann die Verflechtung von individuellem und kollektivem Erleben für eine soziale Figuration destabilisierend wirken. Kollektive, etwa generationenübergreifende und zwischenmenschliche Erfahrungen entstehen durch Kommunikation; sie sind wandelbar, nicht statisch. Lutz Niethammer bezeichnet die Kluft zwischen individuellen Erfahrungen und kollektiven Tradierungen als „floating gap“. [2]
  3. Gemachte Erfahrungen erscheinen im Verständnis dieses Buches als mitteilenswert. Es könnte für andere interessant sein, von den Erfahrungen anderer zu hören. Erfahrungen wollen zur Sprache gebracht werden. Durch die Kommunikation von Erfahrungen kann es zu neuen kollektiven Aufmerksamkeitsmustern und zu Transformationen von Verhältnissen der (Nicht-)Anerkennung kommen.

Erfahrung wird verstanden als subjektive Erfahrung von Wirklichkeit, welche in eine Form des Umgangs, sprich eine Art der Bewältigung dieser Erfahrung mündet.

Wie oft in solchen Werken ist der inhaltliche Bogen der einzelnen Beiträge sehr weit gespannt. So geht zum Beispiel der Beitrag von Timo Reuvekamp-Felver (S. 75-97) den Bewältigungsstrategien menschlicher Endlichkeit in der Nibelungenüberlieferung nach. Unter dem Titel „Kollektivtod, Gemeinschaftsbildung und Genealogie“ untersucht er, wie der Untergang der Burgunden in der Nibelungenüberlieferung beschrieben, kontextualisiert, erfahren und erklärt wird und wie durch den literarischen Zugang eine Form der Bewältigung, des handelbaren Umgangs mit dem Geschehen erzielt wird. Literatur stellt laut diesem Beitrag eine wichtige Ressource im Set der Bewältigungsstrategien gegenüber der menschlichen Endlichkeit dar, welche sich m.E. problemlos auch auf die mündlichen Überlieferungen oraler Gesellschaften ausdehnen liesse.

Viel praxisnaher und pragmatischer geht es im Hier und Jetzt des Beitrages von Frank Gieseler, Valerie Schäfer und Werner Theobald zu und her (S. 137-149). Sie plädieren in „Entscheidungen im Schatten der Endlichkeit“ für eine neue Gesprächskultur in der Onkologie. Die Vielzahl neuer Therapiemöglichkeiten, die um ein Vielfaches verbessertem Überlebenschancen bei einer Krebsdiagnose sowie der – auch im nationalen Krebsplan Deutschlands festgehaltene – Ruf nach Patient_innenkompetenz und Beteiligung und Einbezug der Patient_innensicht in alle Entscheidungen („shared-decision“) führen zu einer immer komplexeren und anspruchs- aber auch hoffnungsvolleren Gesprächskultur in der Onkologie. Die Autor_innen machen sich keine Illusionen. Weder sei wohl das allumfassende, integrierte und ohne Zeitdruck stattfindende Patient_innengespräch allgemeiner Usus, noch sei vielleicht die Berücksichtigung sämtlicher diskutierter Elemente unter allen Umständen und stets notwendig. Allerdings stelle sich auch aufgrund des zunehmenden Alters der Patient_innen zunehmende die Frage nach Lebensqualität und palliativer Behandlung bei Patient_innen am Lebensende, bei welchen Heilung nicht möglich, Linderung jedoch geboten sei. Auch hier wird klar: auf die richtige Kommunikation kommt es an.

Als drittes und letztes Beispiel möchte ich den Beitrag von Maria Grewe (S. 331-349) hervorheben. Sie untersucht in „Reparieren in Gemeinschaft: Ein Fallbeispiel zum kulturellen Umgang mit materieller Endlichkeit“ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ein Repair-Café in Deutschland. Sie kommt dabei zum Schluss, dass Repair-Cafés ein komplexes Sinnsystem darstellen, welches dem Mainstream von Verschwendung und dem Apparaten und Elektronikteilen einprogrammierten „Tod“ eine Strategie von Verstehen-Wollen und Aneignung entgegensetzt. Auch hier spielt die kollektive Erfahrung, als freiwillige Helfer_innen etwas bewirken zu können, eine wichtig Rolle.

Fazit

Ein absolut empfehlenswertes Buch, das manches in ein neues Licht stellt, Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögen und unseren Konzeptionen der Welt aufzeigt und zum Nachdenken anregt.


[1]  Luigi de Marchi (1988). Der Urschock. Unsere Psyche, die Kultur und der Tod. Darmstadt 1988, S. 29.

[2]  Lutz Niethammer (1995). Diesseits des ‚Floating Gap‘. Das kollektive Gedächtnis und die Konstruktion von Identität im wissenschaftlichen Diskurs, in: Platt, Kristin; Dabag, Mihran (Hrsg.): Generation und Gedächtnis, Opladen, S. 25-50.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 10.01.2017 zu: Andreas Bihrer, Anja Franke-Schwenk, Tine Stein (Hrsg.): Endlichkeit. Zur Vergänglichkeit und Begrenztheit von Mensch, Natur und Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2945-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20438.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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