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Christiane Mahr: „Alter“ und „Altern“ – eine begriffliche Klärung (...)

Cover Christiane Mahr: „Alter“ und „Altern“ – eine begriffliche Klärung mit Blick auf die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte. transcript (Bielefeld) 2016. 246 Seiten. ISBN 978-3-8376-3308-5. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Thema

Ausgehend von den Altersbegriffen der klassischen Philosophie untersucht Christiane Mahr die Konzeptionen von Alter und Altern in der Biologie, der Soziologie und der Psychologie.

Autorin

Christiane Mahr untersucht in ihrem Buch, welches ihre Dissertation darstellt, ob verschiedene Disziplinen dasselbe unter „Altern“ und „Alter“ verstehen.

Aufbau und Inhalt

Dazu legt sie zuerst die Alterskonzepte der klassischen Philosophen dar, für welche die Phase des Alters teilweise mit Weisheit, Reife und Freiheit von lästigen libidinösen Zwängen einhergeht, teilweise aber auch in erster Linie Zerfall und Elend bedeutet.

Im weiteren Verlauf untersucht Christiane Mahr die Alterskonzepte von Biologie, Soziologie und Psychologie. Dabei stellt sie fest, dass in der Biologie ein negativer Altersbegriff dominiert, der sich primär auf den Zerfall und zunehmende Fehlentwicklungen – mit zunehmendem Alter – der Zellerneuerung und weiterer biologischer Prozesse bezieht. In der Biologie müsse ein Alterungsprozess universell, intrinsisch, progressiv, schädlich (verringerte Funktionsfähigkeit, geringeres Überleben) sein. Interessant wäre meiner Meinung nach aus biologischer Perspektive die Unterscheidung des einzelnen Lebewesens und des ganzen Ökosystems gewesen, welches gerade durch den Zerfall und den Tod Einzelner sich in einem ständigen Kreislauf erneuert.

In der Soziologie ist die Aussage ambivalenter. Zerfall und zunehmende Starre beobachtet Mahr zwar auch auf der gesellschaftlichen Bühne, jedoch gibt es hier auch die Kehrseite der Medaille. Zum Beispiel können in einer Gesellschaft der Langlebigkeit das Zusammenleben und die gemeinsamen Interessen der Generationen über längere Zeit erprobt und ausgelotet werden, was ein „gutes Leben“ im philosophischen Sinn fördert. Mahr geht auf die makro- und mikrosoziologische Ebene ein, welche Altern aus gesellschaftlicher resp. individueller Perspektive betrachten. Auch die Unterteilung von chronologischen Lebensaltern von Peter Laslett ist ein soziologisches Konzept. Machtaspekte dagegen kommen im Buch von Christine Mahr nicht zur Sprache.

In der Psychologie wiederum stellen sich einige Altersdefinitionen bei näherem Hinsehen als biologisch begründet heraus. Für die Psychologie gibt es unterschiedliche individuelle Alterungsprozesse, welche teilweise mit dem Verlust, teilweise mit dem Gewinn von (alterstypischen) Fähigkeiten einhergehen. Die Erfahrungen, welche das Individuum im Laufe seines Lebens gemacht hat, sind auch im Alter prägend für sein In-Der-Welt-stehen. Gemäss Christine Mahr ist Altern aus psychologischer Perspektive weniger chronologisch festgelegt. Im Vordergrund steht das entwicklungspsychologische Konzept des erfolgreichen Alters, welches Wohlbefinden und Lebensqualität der alternden Menschen befördert.

Diskussion und Fazit

Die Chance einer inter- und transdisziplinären Sicht auf die unterschiedlichen Konzepte und Bilder vom Altern löst das Buch bei aller Akribie und allem Bemühen, Sozial- und Naturwissenschaften von innen heraus verstehen zu wollen, bedauerlicherweise nicht ganz ein. Einem Dia- oder Trialog steht die Festsetzung der Philosophie als übergeordnetes Wissenssystem entgegen.

Der interessante Ansatz, dass die Bedeutung von Begriffen arbeitsteilig gebildet und erweitert werden kann, wird insofern nicht eingelöst, als dass der Philosophie mehr Deutungsmacht als den anderen Disziplinen und Wissenssystemen zugesprochen wird. Dies erstickt das äusserst vielversprechende und interessante Unterfangen, Altern umfassend zu verstehen, gerade im Benennen und Zulassen auch von widersprüchlichen und ambivalenten Konzepten in den verschiedenen Wissenschaften.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 11.01.2017 zu: Christiane Mahr: „Alter“ und „Altern“ – eine begriffliche Klärung mit Blick auf die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3308-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20440.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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