socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tilman Becker: Verfügbarkeit und Sucht beim Automatenspiel

Cover Tilman Becker: Verfügbarkeit und Sucht beim Automatenspiel. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-631-67334-8. D: 44,95 EUR, A: 46,20 EUR, CH: 51,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor

Prof. Dr. Tilman Becker ist Hochschullehrer an der Universität Hohenheim, Leiter der „Forschungsstelle Glücksspiel“ und Herausgeber der „Schriftenreihe Glücksspielforschung“, in der das nachfolgend rezensierte Buch als Band 15 kürzlich erschienen ist.

Thema

Gegenstand des Buches ist eine Aufarbeitung wissenschaftlicher Literatur über den Zusammenhang zwischen Verfügbarkeit und Sucht beim Automatenspiel. In Hinblick auf veränderte gesetzliche Regelungen, aufgrund derer sich die Anzahl von Spielhallen und Glücksspielautomaten und damit die quantitative Verfügbarkeit des Automatenspiels reduzieren soll, geht der Autor mittels empirischer Untersuchung der Frage nach, inwiefern sich das Angebot des Automatenspiels auf problematisches bzw. pathologisches Spielverhalten auszuwirken vermag.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn des Buches stellt der Autor die wichtigsten Ergebnisse seiner Untersuchung auf wenigen Seiten im Überblick dar. Es folgen das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung (Kapitel 1), in der der Status Quo und die zukünftigen Änderungen gesetzlicher Regelungen im Kontext des Glücksspiels am Automaten sowie die Inhalte der darauffolgenden Kapitel erläutert werden.

Nachdem die Mindestabstandsregelungen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt werden, erklärt der Autor in Kapitel 2 die länderrechtlichen Regelungen und diesbezüglichen Unterschiede. Am Beispiel der bundesweit ersten Spielhallengesetze (Bremen, Berlin und Hessen) wird auf den darauffolgenden Seiten ausgeführt, welche Überlegungen und Begründungen den einzelnen Maßnahmen zu Grunde gelegt wurden.

Angelehnt an das Sucht-Dreieck, das Kielholz und Ladewig 1973 zur Erklärung des multifaktoriellen Suchtkonzepts entwickelt haben, erläutert der Autor im folgenden Kapitel 3 die Risiko- und Schutzfaktoren pathologischen Glücksspiels und stellt Studienergebnisse in Bezug auf Komorbiditäten vor.

Daran anschließend finden therapeutische Angebote und schadensmindernde Maßnahmen Erwähnung, bevor in Kapitel 4 der Kernaspekt thematisiert wird: Spielverhalten im Kontext der Verfügbarkeit. Hierzu werden in Kapitel 5 und 6 zahlreiche empirische Untersuchungen zu Verfügbarkeit und Sperrzeiten aus verschiedenen Ländern vorgestellt und länderspezifische Besonderheiten erläutert.

In den anschließenden Kapiteln 7 und 8 werden die Identitätskontrollen und Spielersperren als (Selbst)Schutzmaßnahmen beschrieben und abschließend (Kapitel 9) Überlegungen zu möglichen Auswirkungen der Mindestabstandsregelungen gegeben.

Das Kapitel 10 „Schlussfolgerungen“ gibt letztlich eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse und der Schlüsse, die aus den vorangegangenen Darstellungen, Erläuterungen und Überlegungen gezogen werden können.

Die Quellen sind fortlaufend am unteren Seitenrand in Fußnoten notiert, so dass kein Quellenverzeichnis erforderlich wird, sondern das Buch mit einer Auflistung der bisherigen, in der Schriftenreihe zur Glücksspielforschung erschienenen, Bände (1-15) endet.

Diskussion

Vor dem Hintergrund der zum 1. Juli 2017 in Kraft tretenden Mindestabstandsregel zwischen Spielhallen geht Tilman Becker empirisch der Frage nach, inwiefern sich aufgrund des aktuellen Forschungsstandes ein Zusammenhang zwischen der Entwicklung problematischen Spielverhaltens und der Verfügbarkeit von Spielautomaten nachweisen lässt. In einem Themen- und Forschungsfeld, das im deutschsprachigen Raum und insbesondere in Deutschland bislang verhältnismäßig dürftig untersucht ist und vor allem Detailfragen unbeantwortet sind, stellt die Analyse von Tilman Becker einen wichtigen Beitrag dar. Die Fokussierung auf einen speziellen Ausschnitt im Themenfeld Glücksspiel macht dabei eine differenzierte Ausarbeitung möglich. Es wird allerdings zunächst nicht ganz deutlich, wie der Autor zu seinen Ergebnissen kommt. Ein „Methodenteil“ oder ein Konzept der Analyse wäre deshalb hilfreich gewesen.

Die theoretische Verortung sowie die Erläuterung und Diskussion sämtlicher für die Bearbeitung der Fragestellung relevanter Aspekte sind äußerst fundiert gelungen.

Wenngleich die Fragestellung und die Ergebnisse erhebliche Relevanz für die Praxis haben, lässt der Schreibstil und die verwendete Fachsprache vermuten, dass die Zielgruppe Personen mit Forschungsexpertise sein soll und weniger Expertinnen und Experten aus der Suchthilfepraxis.

Fazit

Es lässt sich abschließend feststellen, dass Tilman Becker den Glücksspielausschnitt „Verfügbarkeit und Sucht beim Automatenspiel“ vor dem Hintergrund relevanter Theorien und empirischer Studien differenziert und umfassend untersucht und dargestellt hat. Es handelt sich um ein Fachbuch für Expertinnen und Experten, das Wissen voraussetzt und für forschungsunerfahrene Leserinnen und Leser sicherlich nicht einfach zu lesen sein dürfte, dafür aber eine zufriedenstellende Antwort auf die Forschungsfrage liefert, die zudem anschlussfähig ist an die Diskussion ähnlicher Fragestellungen, beispielsweise im Kontext stoffgebundener Süchte.


Rezensent
Dr. Florian Schäffler
Sozialarbeiter M.A. und berufener Professor für Methoden der Sozialen Arbeit. Lehrt und forscht an der Hochschule München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, und an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf im Studiengang Soziale Arbeit. Arbeietet projektbezogen in der Suchthilfe, aktuell für das Projekt „Netzwerk 40+“ bei Condrobs e.V. in München
Homepage www.researchgate.net/profile/Florian_Schaeffler
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Florian Schäffler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Florian Schäffler. Rezension vom 22.06.2016 zu: Tilman Becker: Verfügbarkeit und Sucht beim Automatenspiel. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. ISBN 978-3-631-67334-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20460.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!