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Petra Kolip, Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Handbuch Geschlecht und Gesundheit

Cover Petra Kolip, Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Handbuch Geschlecht und Gesundheit. Männer und Frauen im Vergleich. Hogrefe (Bern) 2016. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 447 Seiten. ISBN 978-3-456-85466-3. D: 79,95 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 99,00 sFr.
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Thema

Das Handbuch Geschlecht und Gesundheit nimmt 14 Jahre nach der Erstauflage die Diskussion auf und führt sie weiter. Es bietet einen Überblick über den Stand des Wissens und die aktuellen Fragestellungen in diesem interdisziplinären Forschungsfeld.

Aufbau und Inhalt

Das Einführungskapitel der Herausgeberin und des Herausgebers fasst die Weiterentwicklungen des Themenfeldes „Geschlecht und Gesundheit“ seit dem Zeitpunkt der Erstauflage zusammen und stellt sie in einen übergreifenden Kontext. Deutlich wird etwa, dass der Gesundheitsbegriff jeweils zeittypisch geprägt ist, dass nach und nach die Gesundheit der Männer „entdeckt“ wurde und dass zunehmend mehr Disziplinen an der Erforschung von Geschlecht und Gesundheit beteiligt sind. Die gemeinsame Sprachbasis ist verbessert worden, das Bekenntnis zu einem bio-psycho-sozialen Modell wird von allen Disziplinen geteilt. Die Debatte um die Grenzziehung zwischen Sex und Gender ist abgelöst worden durch Fragen, wie Sex und Gender miteinander verwoben sind, das heisst wie biologische und soziale Faktoren zueinander in Wechselwirkung stehen.

Im Anschluss an das Einführungskapitel sind die weiteren 33 Beiträge dieses Sammelbandes fünf Hauptkapiteln zugeordnet. Ihnen entsprechen die nachfolgenden Gliederungsüberschriften.

Theorien und Methoden der geschlechtervergleichenden Forschung: Den Auftakt macht das Kapitel „Gendertheorien“. Zu den tiefgreifendsten Veränderungen gehören jene in der Medizin, zusammengefasst als „Gendermedizin“. Sie beschäftigt sich mit der Wahrnehmung, Entstehung, Prävention, Diagnose und Therapie von Krankheiten, mental oder physisch, bezogen auf Unterschiede, aber auch auf Gleichheiten zwischen Frauen und Männern. Die Herausforderungen sind zahlreich: die Gefahr eines neuen Biologismus, die Verankerung von Geschlecht als institutionelle Ungleichheitskategorie und insbesondere die vereinfachende binäre Kategorisierung nach Frauen und Männern. Hier schliesst der Beitrag zu den methodischen Herausforderungen einer geschlechtergerechten Public Health-Forschung an: Fragen nach einem gendersensiblen Studiendesign werden angesprochen, nach dem Geschlecht der Forschenden (nicht nur der Beforschten), nach unterschiedlichen Zielen und Verwertungsinteressen sowie nach der Reflexion von vertrauten Kategorien und Einteilungen. Ein weiteres Kapitel stellt die wichtigsten psychosozialen Gesundheitstheorien aus einer Geschlechterperspektive dar. Dabei wird bei aller Problematik der dualen Kategorisierung doch deutlich, dass psychosoziale Erklärungsansätze zu Geschlechterunterschieden insgesamt sehr aussagekräftig sind. Es braucht aber Ergänzungen zu den herkömmlichen Deutungen, wie und warum sich Männer und Frauen in ihrer Gesundheit unterscheiden: Vermehrt rücken übergeordnete soziale und lebensweltliche Faktoren ins Blickfeld.

Soziale und umweltbedingte Einflussfaktoren aus der Geschlechterperspektive: Jeweils unter dem spezifischen Blickwinkel der Geschlechterzugehörigkeit und der Geschlechterdifferenz werden vier Relationen aufgearbeitet: Soziale Ungleichheit und Gesundheit, Familienarbeit und Erwerbsarbeit, private Lebensformen und Gesundheit sowie Migration und Gesundheit. Charakteristisch für diesen Teil des Handbuchs sind theoriegestützte Erklärungsansätze, etwa zu den sozial bedingten Unterschieden in der Aussicht auf eine gute Gesundheit, zu den Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit, zwischen Gesundheitsstatus und (partnerschaftlicher oder singulärer) Lebensform oder zwischen Geschlecht und Migration. Ausserdem werden neue Ansätze für die Forschung diskutiert, insbesondere die Nutzung von Modellen und Konzepten, die in den letzten Jahren die Debatte befruchtet haben. Beispiele: das Lebenslaufmodell bzw. der Lebensspannen-Ansatz, der Befähigungsansatz (Capability Approach) im Verhältnis zur sozialen Zugehörigkeit, der Agency-Ansatz in der Analyse von Migration, Geschlecht und Gesundheit.

Geschlechtervergleichende Analyse gesundheitlicher Problemlagen: Dieser Teil des Handbuchs umfasst die meisten Einzelkapitel (es sind deren 13). Er gliedert sich entlang der wichtigsten Krankheitsgruppen und fokussiert jeweils auf die Unterschiede zwischen Frauen und Männern: bezüglich Prävalenz und Mortalität einer Krankheit, bezüglich Entstehungsbedingungen (Risikoverhalten und strukturelle Faktoren), teilweise bezüglich Behandlung, Therapie oder Rehabilitation, seltener mit Verweis auf eine gendersensible Prävention. Jeweils ein Kapitel ist den Geschlechterunterschieden bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionserkrankungen, Krebserkrankungen, Diabetes mellitus, rheumatischen Erkrankungen und orthopädischen Erkrankungen gewidmet. Weiter beleuchtet je ein Kapitel die Geschlechterunterschiede bei Essstörungen, psychischen Störungen, Suchtmittelkonsum, Suizid und Suizidalität; schliesslich zu Unfällen und zu Gewaltvorkommen. Die epidemiologischen Daten beziehen sich mehrheitlich auf Deutschland, teilweise auf den EU-Raum, seltener auf weltweite Vergleiche.

Das Auftaktkapitel zu diesem krankheitsorientierten Buchteil (Autorinnen: Lange & Kolip) handelt übergreifend von Geschlechterunterschieden in der Lebenserwartung und Morbidität. Es bestätigt zum einen bekannte Muster: Frauen leben länger als Männer, und vorzeitige Sterblichkeit, welche durch riskante Verhaltensweisen mitbedingt ist, trifft Männer häufiger. Die neueren Daten zeigen jedoch, dass die Geschlechterunterschiede kleiner werden und von anderen Faktoren überlagert werden, namentlich von der Vielfalt an Lebensformen und Lebensbedingungen innerhalb einer Geschlechtergruppe.

Geschlechteraspekte des Versorgungssystems: Das erste Teilkapitel, verfasst von Altgeld, handelt von Geschlechteraspekten in der Gesundheitsförderung und Prävention. Der Autor betont, dass Geschlecht zwar ein zentraler Faktor für erfolgreiche Programme und Projekte sei, dass jedoch andere Dimensionen von Diversität ebenso zu beachten seien, namentlich die sozio-ökonomische Lage. Im Weiteren ist dieses Hauptkapitel, im Unterschied zum vorherigen, nicht nach Krankheitsbildern aufgebaut, sondern nach Behandlungsformen: Geschlechteraspekte in der medizinischen Versorgung, in der Pharmakotherapie, in der Psychotherapie, in der familialen Versorgung – eingeschlossen Pflege durch Angehörige – sowie in der professionellen Pflege. Dabei richtet sich das Augenmerk nicht nur auf das Geschlecht der Patientinnen und Patienten, sondern verschiedentlich auch auf jenes der Fachpersonen und ihren intra- bzw. interprofessionellen Kooperationen.

Gruppen mit spezifischem Versorgungsbedarf: Die fünf Beiträge dieses Buchteils beleuchten die gesundheitliche Situation von Frauen mit Behinderung, von Männern mit Behinderung, von lesbischen und bisexuellen Frauen, von schwulen Männern und von Trans*-Personen. Letzteres, verfasst von Sauer, Güldenring und Tuider, gibt einen Überblick über die Trans*-Begrifflichkeiten, das heisst zu Identitäten und Lebensweisen, die über die vertraute Zweigeschlechternorm hinausgehen und von geschlechtlicher Nonkonformität zeugen. Grundanliegen ist es, Transgeschlechtlichkeit nicht länger zu pathologisieren. Das betrifft zum einen somatische Gesichtspunkte (Stichworte: Geschlechtsumwandlung, Hormonbehandlungen), besonders aber auch die Diagnosestellung in der Psychiatrie sowie die Psychotherapien. Der geforderte Perspektivenwechsel in der Forschung und in der Grundversorgung von Trans*-Personen beruft sich auf die Menschenrechte.

Herausgegriffen sei weiter das Kapitel „Männlichkeit und Behinderung“. Lenz schreibt gleich zu Beginn: „Das Forschungsfeld Behinderung und Männlichkeit ist bislang nicht entwickelt.“ Auch in der Emanzipationsbewegung von Behinderten würde eine Reflexion über Männlichkeit nur spärlich stattfinden. Der Blick auf die Datenlage, die Begriffs- und Gegenstandsgeschichte führt zur zentralen Erkenntnis, dass behinderte Männer scheinbar kein Geschlecht haben. Im Gegensatz dazu wird die Perspektive „Weiblichkeit und Behinderung“ seit rund 30 Jahren wissenschaftlich bearbeitet.

Diskussion

Das Handbuch ist nicht nur sehr umfassend, sondern auch sehr zweckmässig gegliedert. Die Orientierung fällt leicht. Deshalb kann das Buch auch gut zum Stöbern oder als Nachschlagewerk genutzt werden: Je nach spezifischem Interesse, zum Beispiel an der Geschlechterperspektive in einer bestimmten Lebenslage, bei einer bestimmten Krankheit oder aus Sicht einer Berufsgruppe bietet das entsprechende Kapitel eine abgerundete Gesamtschau. Die verschiedenen Teile sind in überzeugender Weise faktengestützt und aktuell nachgeführt. Die verwendeten Daten beziehen sich mehrheitlich auf Deutschland. Ein Plus wäre gewesen, wenn Daten aus Österreich oder der Schweiz ebenfalls integriert worden wären.

Bereits das Einleitungskapitel macht deutlich, dass im Themenfeld Geschlecht und Gesundheit der epidemiologische Zugang überwiegt, während in theoretischer Hinsicht Entwicklungsbedarf besteht. Das Handbuch weckt auch den Eindruck, dass die vorhandenen Theorieansätze in der Empirie noch selten ankommen. Bei der Erhebung, Auswertung und Interpretation von epidemiologischen Daten scheint es üblicherweise keine Zweifel zu geben, dass sich die Kategorien Frau-Mann eindeutig zuordnen lassen. Vor allem gilt das Primat des anatomischen Geschlechts unhinterfragt. Es ist zu vermuten, dass die Debatte um die Relativierung der Zweigeschlechternorm auch in der Professionsausbildung der Gesundheitsberufe noch selten aufgegriffen wird.

Altgeld kritisiert in seinem Buchbeitrag, dass sich „Geschlecht und Gesundheit“ oft auf die Beschreibung von geschlechtstypischen Auffälligkeiten und auf die Forderung von Gendersensibilität in Präambeln von Leitbildern beschränke und dass die Praxis derweil unverändert vorgibt, „geschlechtsneutral“ handeln zu können. Diese Kritik ist ernst zu nehmen. Nicht nur Menschen mit Behinderung scheinen oft „geschlechtslos“ zu sein, ähnliches gilt auch für Hochaltrige, für jüngere Kinder oder für Menschen, die von einer schweren Krankheit betroffen sind. Andererseits ist eine Bewusstmachung der Geschlechtszugehörigkeit aller Menschen bei gleichzeitiger Respektierung der Tatsache, dass das biologische Geschlecht nicht determinierend sein darf und dass es Zwischen- und Erweiterungsformen neben „Mann“ und „Frau“ gibt, eine echte Herausforderung für jegliche Kommunikation zum Thema Geschlecht und Gesundheit. Es wird komplizierter.

Fazit

Krankheit – Mann – Frau wird häufiger bearbeitet als Gesundheit – Mann – Frau. Die empirische Forschung und das Versorgungswesen schaffen es ohne Mühe einzuteilen, was Frau, was Mann ist. In der theoretischen Auseinandersetzung mit Geschlecht und Gesundheit ist dieser Sachverhalt nicht mehr so gewiss: Hier ist einiges in Bewegung, aber auch unaufgeregter als zu Beginn der Debatte um Sex versus Gender. Das gesammelte Wissen über diese Ansätze und über empirische Fakten ist in diesem gehaltvollen, vorzüglich strukturierten Band vereint.


Rezensent
Prof. Felix Wettstein
Pädagoge, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit der FH Nordwestschweiz in Olten, Leiter des Master of Advanced Studies (MAS) Gesundheitsförderung und Prävention, Mitglied der Koordinationsgruppe des Netzwerks Gesundheitsförderung D|A|CH. Zusätzliche Homepage www.dach-gf.net
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Felix Wettstein. Rezension vom 24.06.2016 zu: Petra Kolip, Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Handbuch Geschlecht und Gesundheit. Männer und Frauen im Vergleich. Hogrefe (Bern) 2016. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-456-85466-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20463.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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