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Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS

Cover Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS. Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-028687-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Autismus und ADHS sind geläufige Begrifflichkeiten geworden, wenngleich die Kenntnisse und Zusammenhänge darüber in der allgemeinen Bevölkerung erst Recht und in der Fachwelt sicherlich auch differieren. Beide pathologischen Auffälligkeiten erstrecken sich in einem weiten Bereich von … bis …, so dass die Diagnostik nicht einfach ist und die Auswirkung individuell sehr unterschiedlich sind. Seltsamerweise kommt Autismus häufiger als Schizophrenie vor (S. 13), trotzdem gibt es nicht an allen Unikliniken spezialisierte Sprechstunden. Ludger Tebartz van Elst möchte mit diesem Buch den Blick stärker auf die Bandbreite von diagnostischen Spektren legen und stellt dazu die klassische psychiatrische Frage: Was ist schon normal? Hier geht es nicht um (weitere) Testverfahren, sondern eine Sensibilität für Beeinträchtigungen, denen das Attribut „krank“ nicht gerecht wird. Mit dem Untertitel des Buches: „zwischen Normvariante Krankheit“ wird der Spannungsbogen schon ziemlich deutlich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat insgesamt acht Kapitel, die jeweils weiter untergliedert sind. Die Kapitel sind für sich jeweils abgeschlossen und können auch als klinische Darstellung der jeweiligen Phänomene gelesen werden. Jedes (Unter-) Kapitel enthält am Ende eine kurze Zusammenfassung.

Die Einleitung weist auf die Fragestellung hin, die auch berufsbiographisch begründet ist: Mit der Einführung einer Spezialsprechstunde ist dem erfahrenen Arzt Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst die klinische Sicherheit hinsichtlich der Phänomenologie von „Störungen“ gekommen und er begann sich zu fragen, was ist eigentlich (noch) normal?

Das ist die zentrale Frage des 2. Kapitels, wobei Normalität aus drei Perspektiven betrachtet wird: statisch, technisch und sozial. Das bündelt der Autor in einem Konzept von multikategorialer Normalität.

Der Logik des Themas folgend steht im 3. Kapitel die Krankheit als Phänomen im Mittelpunkt. Im Sinne klassischer Definitionen sind danach weder Autismus noch ADHS eine Krankheit. Während die somatische Medizin ungleich mehr naturwissenschaftliche Grundlagen hat, ist die psychiatrische Medizin mehr auf Deskription und Interpretation angewiesen.

Insofern ist die Frage der psychischen Störung im 4. Kapitel nicht einfach zu beantworten. So kommt der Autor nach Diskussion von ICD und DSM zu dem Schluss: „Die so resultierenden Störungskategorien sind sowohl klinisch als auch neurobiologisch unscharf voneinander abgegrenzt“ (S. 42).

Anknüpfend an die vorherigen Ausführungen steht im 5. Kapitel die Frage der Persönlichkeitsstörung im Raum. Auch hier werden die gängigen Kategorialschemata herangezogen und diskutiert. Es bleibt dem Autor nur am Ende festzustellen, dass zwischen Persönlichkeitsstörungen und Entwicklungsstörungen mehr Parallelen als Angrenzungen bestehen (vgl. S. 65 ff.).

Autismus als mögliche Modediagnose wird im 6. Kapitel dargestellt, wobei es dem Autor nicht um die Beliebigkeit der Verwendung sondern um die Bandbreite der Erscheinung geht. In gebotene Kürze wird das Autismus-Spektrum trotzdem umfassend dargestellt.

Das zweite klinische Beispiel, anhand dessen der Autor seine Überlegungen formuliert, ist ADHS, das -ähnlich in der Systematik wie bei Autismus- in 7. Kapitel beschrieben wird. Der Autor kommt dann zu folgender Schlussfolgerung: „Persönlichkeitseigenschaften im Sinne einer ADHS mit einer erkennbaren lebenslangen Neigung zu Unaufmerksamkeit, motorischer (innerer) Unruhe, Hyperaktivität Impulsivität sowie häufiger emotionaler Instabilität begegnen uns im Alltag sowohl als Normvariante als auch im Sinne einer Persönlichkeitsstörung oder einer klassischen neuropsychiatrische Krankheit“ (S. 148).

Das letzte 8. Kapitel, diskutiert die Fragestellung des Buches. Anhand der Kategorisierung von primärer Störung und sekundärer Störung, die bereits in Kapitel vier begrifflich eingeführt wurden, möchte der Autor psychobiologische Symptome wieder stärker in den Blickpunkt rücken. „Sekundäre psychische Störungen sind solche, bei denen erkennbare hirnorganische Ursachen vorhanden sind, die die psychischen Symptome plausibel erklären. Bei primären Störungen ist dies nicht der Fall. Allerdings findet sich häufig eine familiäre Veranlagung im Sinne einer multifaktoriellen komplexen Genetik“ (S. 49f.).

Diskussion

Dieses Buch hat zwei Anliegen:

  • zum einen möchte es den Blick auf psychobiologische Symptome bei psychischen Störungen lenken und
  • zum anderen ist es ein Plädoyer für einen relativen Normbegriff und für Toleranz.

Man merkt dem Autor an, dass er klinischer Mediziner ist, denn seine Kasuistiken, die er zwischendurch als Beispiele anführt, sind rein deskriptiv (gleichwohl zutreffend). Die Argumentationen sind gut nachvollziehbar und seine Diskussion bzw. Gegenüberstellungen plausibel. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht könnte das Konzept der Salutogenese diesen Ansatz ergänzen, denn neben der vermeintlich objektiven Klassifikation spielt auch das subjektive Erleben der Störung sowie der (gelingende) Umgang damit eine erhebliche Rolle. Ähnliches hat der Autor möglicherweise gemeint, wenn er sagt: „Gesundheit ist eine Haltung, die mit der Fähigkeit einhergeht, das Leben zu genießen“ (S. 162).

Zu Recht weist der Autor darauf hin, dass die Kunst des Lebens in jedem selbst liegt, was aber bedeutet, sich selbst gut zu kennen. „‚Gnothi seauton – erkenne dich selbst‘, mit dieser alten Weisheit könnte die Aufforderung an alle Menschen gemeint sein, den Raum der eigenen Persönlichkeit als weitgehend unfreie innere Ökologie zu begreifen, die verstanden werden will, wenn man ihren starren Gesetzmäßigkeiten nicht staunend ausgeliefert sein möchte“ (S. 164).

Studierenden in den Fachbereichen Medizin, Human- und Sozialwissenschaft in fortgeschrittenen Semestern ist das Buch unbedingt zu empfehlen. Ludger Tebartz van Elst stößt damit eine notwendige Debatte zur Phänomenologie von Auffälligkeiten an jenseits von Objektivierung und Empirismus. Letztendlich steht dahinter die Frage nach Potenzialen in ihren unterschiedlichsten Formen. Das Buch kann so als Baustein zu Diversity gesehen werden.

Fazit

Das Buch diskutiert anhand von Autismus und ADHS die Frage, „was ist normal?“

Es ist dem Autor ein Anliegen, ein weites, tolerantes Verständnis von krank oder eine besondere Per-sönlichkeit sein zu entwickeln. Der Autor plädiert für:

  • einen Blick auf psychobiologische Symptome bei psychischen Störungen und
  • für einen relativen Normbegriff und für Toleranz.

Für Menschen mit manifesten Beeinträchtigungen ist es notwendig eine Diagnose zu bekommen, aber aus ihrer Sicht ist es vordringlich, das eigene Leben möglichst selbstständig (mit Hilfen) zu leben. Der Blick auf psychobiologische Symptome hilft, Gesundheit als Kompetenz zur Lebensbewältigung zu verstehen.

Summary

This book discusses the basic question „what is normal“, using Autism and ADHS as examples of a wide range understanding illness or being a special person. The author pleads for

  • look to psychobiology symptoms concerning psychical illness and
  • a wide understanding of normal and for tolerance.

For people with special needs it is necessary to get a diagnosis but it is in their own competition to live their life (with helps). The look to psychobiology symptoms is helping to understand healthy as a competition to join life.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 06.06.2016 zu: Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS. Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-028687-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20468.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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