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Margret Dörr (Hrsg.): Sozialpsychiatrie im Fokus sozialer Arbeit

Cover Margret Dörr (Hrsg.): Sozialpsychiatrie im Fokus sozialer Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 176 Seiten. ISBN 978-3-8340-1428-3. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

Beziehungen Grundlagen der sozialen Arbeit ; Bd. 35.
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Thema

Mit dem Buch „Sozialpsychiatrie im Fokus Sozialer Arbeit“ liegt ein Sammelband vor, in dem fundiert zu den Aufgaben Sozialer Arbeit in der Sozialpsychiatrie Stellung genommen wird, die sich im Spannungsfeld von Selbstbestimmung der Psychiatriebetroffenen vs. Fürsorge und Eingriff in deren Lebensführung abspielt. Es grenzt sich damit deutlich von einer Tendenz ab, die Selbsthilfe und Empowerment auf Aktivierung und Selbstmanagement reduziert, ohne die biografischen Sinnhorizonte und lebensweltlichen Bedingungen zu berücksichtigen.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Margret Dörr lehrt an der Katholischen Hochschule Mainz am Fachbereich Soziale Arbeit. Von ihr ist im Jahr 2005 bereits das Buch „Soziale Arbeit in der Psychiatrie“ (Reinhardt UTB ) erschienen. Die AutorInnen der Beiträge sind zum überwiegenden Teil renommierte WissenschaftlerInnen oder PraktikerInnen in der Sozialpsychiatrie.

Aufbau und Einführung

Nach einer Einführung in das Thema gliedert sich der Sammelband in zwei Teile

  1. Historische Entwicklungslinien, aktuelle Tendenzen sowie rechtliche Grundlagen der Sozialpsychiatrie

  2. Konzeptionelle Gesichtspunkte und handlungslogische Spannungsfelder eienr Praxis Sozialer Arbeit im sozialpsychiatischen Feld

In einem thematischen Problemaufriss zur Sozialpsychiatrie im Fokus der Sozialen Arbeit spannt die Herausgeberin Margret Dörr den Bogen von der Psychiatireenquete und Reformbewegung in den 70er Jahren bis zur aktuellen Situation heute. Wurde damals die Forderung eines erweiterten Blicks auf die Vielfalt sozialer Bezüge Psychiatriebetroffener betont, so gewinnt heute die bio-medizinische Perspektive mit ihrer Reduzierung von Psychiatrieerfahrenen auf neurobiologische Fehlfunktionen an Gewicht. Ihre kritische Einschätzung der aktuellen Situation mündet in der Forderung an die Soziale Arbeit, sich im Zuge einer zunehmenden Individualisierung und Ökonomisierung nicht zum Handlanger einer medizinischen Psychiatrie machen zu lassen, sondern sich dafür einzusetzen, die „subjektiven und lebensgeschichtlichen Erfahrungen“ (10) der Betroffenen in das wissenschaftliche und psychiatrische Wissen zu (re)integrieren. Die Beiträge in dem Band sollen dazu beitragen.

Zum ersten Teil

Der erste Teil beginnt mit einem Überblick von Burkhart Brückner zur Geschichte der psychiatrischen Sozialarbeit in Deutschland im 20. Jahrhundert. Er skizziert, wie früh die „Irrenfrage“ bereits mit der „sozialen Frage“ verknüpft war und erste Ansätze der Sozialen Arbeit hervorgebracht hatte. Durch die Anstaltspsychiatrie wurden diese Ansätze jedoch weitgehend in Schach gehalten und in der Zeit des Nationalsozialismus völlig zurückgedrängt. Erst die Psychiatriereform in den 70er Jahren führte zum Auf- und Ausbau der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie, die aber weitgehend auf den ambulanten Bereich beschränkt blieb. In der Praxis und v.a. Forschung bestehe deshalb die Notwendigkeit einer Vernetzung mit der Medizin.

Karl-Heinz Stange befasst sich mit der Sozialpsychiatrie Heute und der Entwicklung der Sozialen Arbeit. Er charakterisiert die Sozialpsychiatrie als Erfolgsgeschichte, konstatiert jedoch auch einige Fehl- und Rückentwicklungen. Daraus entwickelt er die Frage, welche Aufgabe und Perspektiven sich daraus für die Soziale Arbeit in der Psychiatrie ergeben. Orientiert an Maja Heiner dekliniert er diese auf der Ebene der System-, Handlungs- und Beziehungskompetenzen durch.

Ebenso detailliert bezieht Klaus Obert sozialpsychiatrisches Handeln auf den genuin sozialpädagogischen Ansatz der Alltags- und Lebenswelttheorie, die sich seiner Ansicht nach mit sozialpsychiatrischen Leitlinien deckt. Dies arbeitet er an zentralen Kategorien der Alltagstheorie, wie Strukturierung des Raumes, der Zeit und von Kontakten und Beziehungen heraus und verweist dabei auf die Handlungsmaxime der Sinnhaftigkeit, d.h. einer konsequenten Orientierung am Lebenssinn und Lebensentwurf der Psychiatriebetroffenen bei jeglichem sozialpsychiatrischen Handeln. Darauf müsse sich die Soziale Arbeit in einem medizinisch dominierten Feld und unter dem Druck der Ökonomisierung des Sozialen besinnen und die Frage nach dem Sinn nicht spezifischen Projekten überlassen.

Den ersten Teil schließt Christian Behrens mit seinem Beitrag Rechtliche Grundlagen für die Soziale Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen ab, die den Rahmen sozialpädagogischen Handelns bilden. Ausgehend von psychisch erkrankten Menschen als Rechtssubjekte entfaltet er Hinweise für konkretes Handeln in der Sozialen Arbeit, die sich zwischen den gesetzlichen Polen Selbstbestimmungsrecht vs. Eingriffsrecht bewegt und formuliert diese für unterschiedliche Gesetzesbücher aus. Neben verfahrensrechtlichen Vorschriften klärt er zentrale Begriffe wie „psychische Krankheit“ und „seelische Behinderung“ und grenzt den juristischen vom medizinischen Krankheitsbegriff ab.

Zum zweiten Teil

Den zweiten Teil – Die konzeptionellen Gesichtspunkte und handlungslogischen Spannungsfelder – eröffnet Sigrid Haselmann zur Diskussion der neuen Hilfeplanung mit Blick auf Praxiskulturen Sozialer Arbeit im Psychiatriebereich. Sie befasst sich mit den Fallstricken bei der Umsetzung des personenzentrierten Ansatzes (PZA) mit dem Arbeitsinstrument des Integrierten Behandlungs- und Rehabilitationsplans (IBRP), die in unterschiedlichen Praxiskulturen (fürsorglich, sozialpsychiatrisch oder systemisch) mehr oder weniger stark ausgeprägt sind. Dabei kommt sie zum Schluss, dass unter sozialpsychiatrischer und systemischer Perspektive die IBRP der Verwirklichung von PZA nicht gerecht wird, und sich darüber hinaus entweder der Aufwand erhöht oder kommunikations- und begegnungsorientierte Arbeitsweise eingeschränkt oder verfremdet wird.

Reinhard Lütjen wirft in seinem Beitrag Soziotherapie: individualisiert und ration(alis)iert die Frage auf, „inwieweit die Soziotherapie mittlerweile in Gefahr geraten ist, von anderen integrativen Versorgungsmodellen ‚überholt‘ zu werden“. (99) Dabei spannt er den Bogen von den Ursprüngen der Soziotherapie im stationären Kontext bis hin zu Soziotherapie heute, die als ambulante ärztlich verordenbare Kassenleistung eine Engführung erfährt, die der Gestaltung eines sozialen Milieus zuwider läuft. An Beispielen seiner eigenen Forschungsarbeiten zur „Lebensführung von Menschen in sozialpsychiatrischer Betreuung“ arbeitet er heraus, dass Soziotherapie im Sinne von Milieugestaltung auch in einer individualisierten Gesellschaft nicht obsolet geworden ist, wobei ihr heute allenfalls der Status eines „Behandlungsmoduls“ der Integrierten Versorgung zukommt.

Die Besonderheiten migrationsspezifischer und kultursensibler rechtlicher Betreuungsarbeit am Beispiel des Betreuungsmanagements nehmen Jessica Karbon und Ali Türk in den Blick. Nach einer kurzen Einführung zur rechtlichen Betreuung als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit legen sie ihren Aufmerksamkeitsfokus auf die besondere Situation von Menschen mit Migrationshintergrund, die als sehr heterogene Gruppe kaum fachliche Resonanz erfährt. An einem Fall aus ihrer Praxis erläutern sie kleinschrittig das Vorgehen im Sinne des Case-Managements und leiten die dafür erforderliche Haltung sowie spezifischen Kompetenzen ab. Abschließend mahenen sie die Dringlichkeit migrationsspezifischer Kenntnisse in der Ausbildung der Sozialen Arbeit ebenso an wie differenzierte Forschung in diesem Feld.

Gunda Schlichte befasst sich mit der Frage „Welche Vorteile die Einbeziehung von psychiatrieerfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die sozialpsychiatrische Teamarbeit bietet, welche Probleme aufgeworfen werden und was sich dadurch verändern kann.“ In ihrem Beitrag „Frischer Wind im Teamprozess“ Psychisch erkrankte Menschen als ‚machtvolle Akteure‘ – veränderte Anforderungen an Teamarbeit und Kooperation in der Sozialpsychiatrie nimmt sie die besondere Teamdynamik, die sich durch die Mitwirkung von ExpertInnen aus Erfahrung ergeben kann in den Blick. Anhand der bekannten Phasen des Teambuildings arbeitet sie die Bereicherung für ein Team sowie alle damit verbundenen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Fallstricke heraus.

Von Suizidalen Krisen in der Sozialen Arbeit und möglichen Auswegen in (scheinbar) ausweglosen Situationen handelt der Beitrag von Mathias Elosge und Philipp Sperb. Aufbauend auf der These, dass „Krisen neben den mannigfachen Prozessen des Erleidens immer auch Chancen Neues zu entwickeln und in küftigen krisenhaften Situationen auf erweiterte Handlungsmuster zurückgreifen zu können“ beinhalten, untersuchen sie suizidförderliche Bedingungen einer Krise und stellen Überlegungen für den professionellen Umgang damit an.

Auf die spezifische Situation, die Wohnungslose, psychisch und suchterkrankte Männer und Frauen betrifft, zielt der Beitrag von Theo Wessel. Darin verweist er auf den hohen Zusammenhang von Wohnungslosigkeit und psychischer Erkrankung. Er merkt kritisch an, dass die bereits in der Psychiatriereform „vergessene Minderheit“ auch heute viel zu wenig im Blick der Gesundheitsversorgung ist und in unserem fragmentierten Hilfesystem zusätzlich ausgegrenzt wird. Die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe seien letztlich psychiatrische Einrichtungen.

Die Herausgeberin Margret Dörr schließt den Band ab, indem sie die Beiträge aus unterschiedlichen disziplinären Kontexten mit sozialpädagogischer Brille liest. Sie filtert dabei drei für das Denken, Forschen und Handeln zentrale Leitperspektiven der Sozialen Arbeit in der Sozialpsychiatrie: Biographie – Lebenswelt – Soziale Anerkennung heraus. Damit weist sie noch einmal eindringlich darauf hin, dass in der Sozialen Arbeit nicht einfach medizinische Denkmuster und Diagnosesysteme übernommen werden, sondern Probleme der Personen immer auch als sozial verfasst oder gesellschaftlich konstruiert verstanden werden müssen.

Diskussion

Der Sammelband verfolgt konsequent den Beitrag, den sozialpädagogische Forschung, Theorie und Methoden im sozialpsychiatrischen Arbeitsfeld leisten können und leisten. Dabei wird der Faden in der Geschichte der psychiatrischen Arbeit in Deutschland aufgenommen und bis heute verfolgt, einer Zeit, in der Individualisierung, Ökonomisierung und immer stärkere Medizinalisierung sozialpädagogischem Handeln zuwiderlaufen. In ihren Beiträgen verfallen die Autoren nicht in zeitdiagnostisches Jammern und Resignation, sondern stellen das besondere und im Umgang mit Menschen dringend erforderliche Potential sozialer Arbeit heraus. Dabei positionieren sie sich im Spannungsfeld von Förderung selbstbestimmten Lebens vs. Fürsorge und Eingriff in die Lebensentwürfe der Betroffenen und stellen sich damit einer sozial- und gesundheitspolitischen Tendenz einer reduktionistischen Aktivierung oder Biologisierung entgegen.

Die durchwegs fundierten Beiträge lesen sich teilweise wie ein Grundkurs der Methoden und Theorien sozialer Arbeit, z.B. in der detaillierten Aufzählung von Handlungs- und Beziehungskompetenzen, Gruppenphasen im Teambuildingsprozess oder Schritten des Case Managements ebenso wie in der Einordnung sozialpsychiatrischen Handelns in die Theorie der Lebensweltorientierung, was aber das Feld der Sozialpsychiatrie gerade für Studierende der Sozialen Arbeit sehr anschaulich werden lässt. Es wird Wert darauf gelegt, dass die „Eigenständigkeit der Disziplin und Profession ‚Soziale Arbeit‘ in der Sozialpsychiatrie nicht durch die Übernahme psychiatrisch definierter „Problem“-Diskurse in die eigene Forschungs- und Handlungsorientierung bestimmt werden kann“, gleichwohl hätte ich mir wenigstens an einer Stelle auch eine explizite Auseinandersetzung damit gewünscht.

Fazit

Der Sammelband von Margret Dörr (Hg.) beleuchtet die Haltung, Arbeitsweise und theoretischen Bezüge der Sozialen Arbeit im Feld der ambulanten Sozialpsychiatrie. Die gut lesbaren und kompakten Beiträge stellen die Eigenständigkeit der Disziplin und Profession Soziale Arbeit in diesem Feld heraus, wobei in einzelnen Beiträgen sozialpädagogische Methoden am Beispiel sozialpsychiatrischen Handelns sehr anschaulich durchdekliniert werden, was einem Grundlagenband der Sozialen Arbeit gerecht wird und es v.a. für Studierende sowie AnfängerInnen in der Sozialpsychiatrie zu einer gelungenen Einstiegslektüre macht.


Rezensentin
Prof. Dr. Luise Behringer
Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abt. Beneiktbeuern

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Zitiervorschlag
Luise Behringer. Rezension vom 02.11.2016 zu: Margret Dörr (Hrsg.): Sozialpsychiatrie im Fokus sozialer Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1428-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20476.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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