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Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention in der Kita

Cover Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention in der Kita. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. 368 Seiten. ISBN 978-3-451-34960-7. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Autor

Der Autor war Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen und Programm-Direktor der Berghof Foundation für Deutschland. Darüber hinaus nahm er Lehraufträge für Friedenspädagogik und Gewaltprävention an der Universität Tübingen und der Hochschule Esslingen wahr.

Entstehungshintergrund

Dieses Handbuch ist ein Vorhaben der Initiative „Wir stärken Dich e.V.“, welches als Kooperationsprojekt mit der Berghof Foundation entwickelt wurde und dort 2014 erstmals erschienen ist.

Thema

Das Werk ist praxisorientiert ausgerichtet. Es wendet sich an pädagogische Fach- und Leitungskräfte in der Kindertagesstättenarbeit und auch an Eltern. Der Verfasser verfolgt keinesfalls die Absicht, isolierte Maßnahmen zur Gewaltprävention oder abgeschlossene Programme zu diskutieren. Vielmehr will er einen „ganzheitlichen Blick“ auf „die zentralen Risiko- und Schutzfaktoren für Gewalt“ werfen und „konkrete Handlungsmöglichkeiten“ (7) beschreiben.

Aufbau und Inhalt

Günther Gugel knüpft an die aktuelle Fachdiskussion an, die Gewaltprävention als „Teil der Organisationsentwicklung pädagogischer Einrichtungen“ (7) versteht.

Das Buch umfasst 13 Themenkomplexe (Bausteine):

  1. Was bedeutet Gewaltprävention?
  2. Auf welchen Grundhaltungen beruht Gewaltprävention?
  3. Aggression und Gewalt
  4. Gewalt gegen Kinder
  5. Gewaltprävention in der Familie
  6. Prävention im Elementarbereich
  7. Präventionsprogramme
  8. Resilienzorientierung
  9. Konflikte lösen
  10. Interkulturelles Lernen
  11. Gewaltspielzeug
  12. Medien und Gewalt
  13. Kindeswohlgefährdung

Diese Bausteine sind gleich aufgebaut. Alle enthalten Ausführungen zu den Bereichen

  • „Grundwissen“,
  • „Problemfelder“ sowie
  • „Überlegungen zur Umsetzung“.

Den Letztgenannten ist eine Vielzahl unterschiedlichster Materialien für Pädagogen und Eltern beigefügt, die eine anwendungsorientierte Bearbeitung anregen und versachlichen, stofflich anreichern sowie systematisieren.

Eine umfangreiche und ergiebige Bibliographie belegt die vielen Quellen und bietet mannigfache Anregungen für weitergehende Recherchen.

Die inhaltliche Ausrichtung des Handbuches geht von der Grundannahme aus, dass Gewalt „eine Grundkonstante menschlichen Verhaltens“ ist, „auf die immer dann zurückgegriffen wird, wenn andere Verhaltensweisen nicht zur Verfügung stehen“ (10). Sie dient der Kommunikation und der Befriedigung von Grundbedürfnissen.Was als Gewalt verstanden wird, ist immer kontext- und kulturspezifisch.

Gewaltpräventive Arbeit bedarf nach Ansicht des Verfassers einer Rückbindung an spezifische Haltungen und Orientierungen (z.B. humanistisches Menschenbild, systemischer Ansatz, Einrichtungsqualität, Entwicklung einer Kultur des Friedens) (vgl. 36). Sie sollte die Lebensumstände des Kindes einbeziehen, an den kindlichen Grundbedürfnissen ansetzen, eine resiliente Entwicklung fördern und von allen Beteiligten aktiv getragen werden.

Der Verfasser weist zu Recht darauf hin, dass aggressives Verhalten für die kindliche Entwicklung notwendig ist und merkt an, dass Kinder immer Opfer sind, auch in der Täterschaft. Gewaltprävention im Vorschulalter heißt daher zuallererst die Wahrnehmung einer Schutzverantwortung gegenüber dem Kind in Bezug auf Gewalthandeln anderer Menschen, auch und besonders von Erwachsenen. Darüber hinaus ist das möglichst frühe Erkennen dissozialer und das gezielte Erlernen prosozialer Verhaltensweisen in dieser Altersphase von Bedeutung.

Die Anwendung einzelner standardisierter und evidenter Präventionsprogramme bewertet der Autor unter arbeitsökonomischen Gesichtspunkten als sinnvoll. Er weist aber u.a. darauf hin, dass diese unbedingt der Einbettung in ein schlüssiges pädagogisches Einrichtungskonzept sowie einer Zusammenarbeit mit den Eltern bedürfen (vgl.14). Daher sollte jede Kita ein eigenes spezifisches Projekt zur Gewaltprävention entwickeln, welches auch standardisierte Präventionsprogramme enthalten kann (vgl.141).

Diskussion

Günther Gugel ist vorbehaltlos zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass eine möglichst genaue Abklärung des Gewaltbegriffes in der pädagogischen Arbeit mit Kindern unabdingbar ist, um einen unspezifischen, unscharfen und inflationären Gebrauch zu vermeiden. Ihm ist ebenfalls beizupflichten, wenn er bezweifelt, dass der Begriff Gewalt „für das Verhalten von Kindern im Elementarbereich überhaupt angemessen ist“ (17). Aggressionen sind besonders im frühen Kindesalter ein weitgehend normales soziales Verhalten.

Meine Erfahrungen werden bestätigt, wenn der Autor betont, dass es in der pädagogischen Gewaltprävention nicht nur auf einzelne Projekte ankommt, sondern auf eine Verbesserung der sozialen und pädagogischen Qualität der Kita insgesamt. Das profunde Wissen, welches das Handbuch vermittelt, gibt hierfür Impulse und liefert einen theoretischen Hintergrund.

Zudem besticht die Gestaltung des Buches. Systematisch angefügte Randbemerkungen, Informationskästen, Schaubilder usw., lockern den Fließtext auf und stellen eine zusätzliche Ebene der Vermittlung dar.

Da es einen breiten Themenkreis bearbeitet, würde eine umfassende Behandlung aller Gegenstände seinen Rahmen sprengen. Daher bedürfen einige Materialien und Inhalte einer Vertiefung, die von den pädagogischen Kräften vor Ort selbst geleistet werden muss. Es ist eine lohnende Aufgabe der fachlichen Leitung einer Kita, diese im Dialog mit der Mitarbeiterschaft und den Eltern zu gestalten.

Neben diesen überzeugenden Stärken des Werkes gibt es aber auch kleinere Schwächen.

  • Für mein Verständnis impliziert der Begriff Kindertagesstätte auch die sozialpädagogische Arbeit mit Schulkindern (Hort). Besonders in Hinsicht auf ältere Schulkinder ist in der Gewaltthematik ein erweiterter Blickwinkel notwendig.
  • Günther Gugel geht zwar auf die Problematik massiv auffällig gewordener Kinder ein und verweist auf spezielle Hilfen (Heilpädagogik, therapeutische Begleitung) (vgl. 23), eine eigene Beschäftigung mit aggressiven Verhaltensauffälligkeiten und angemessenen pädagogischen Optionen in der Arbeit mit Schulkindern fehlt aber. Ebenfalls wird auf die Mediengewohnheiten dieser Altersklasse in Zusammenhang mit Gewalt im Internet und in Computerspielen zu wenig eingegangen.
  • Der Verfasser spricht in Bezug auf das Autonomieverhalten kleiner Kinder von Trotzphase. Es ist eigentlich nicht ratsam, Professionellen gegenüber diesen unwissenschaftlichen Begriff zu verwenden.
  • Vermisst habe ich übrigens auch ein Inhaltsverzeichnis. Zwar ist die Paginierung mehrfarbig unterlegt, und mittels eines „Daumenkinos“ sind verschiedene Farbbereiche auszumachen, welche dann eine Grobstruktur erkennen lassen. Ein solcher Überblick ist aber für ein Fachbuch ziemlich ungewöhnlich und zudem nicht wirklich übersichtlich.

Fazit

Dieses Buch hat einen hohen Gebrauchswert. Es regt und leitet die Auseinandersetzung mit diesem emotional besetzten Thema gekonnt an. Es ist inhaltlich reichhaltig, ästhetisch ansprechend aufbereitet, hochwertig und robust verarbeitet und beinhaltet viele Quellentexte, die informativ und kurz genug sind, um auch gelesen zu werden.

Günther Gugel bietet keine Patentrezepte an. Er gibt den Aneignungsprozess weitgehend in die Händen der Leserschaft. Seine Haltung ist klar positioniert aber nicht apodiktisch.

Dieses Werk kann die Arbeit pädagogischer Fach- und Leitungskräfte im Bereich der Kindertagesstättenarbeit unterstützen und bereichern. Es sensibilisiert und schärft den pädagogischen Blick und leistet gute Dienste in Bezug auf Planung und Durchführung der Elternarbeit, die Gestaltung von Mitarbeiterbesprechungen sowie Inhouse-Schulungen, die Entwicklung einer einrichtungsspezifischen gewaltpräventiven Konzeption u.v.a.m.

Auch in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern, sozialpädagogischen Assistentinnen und Assistenten vermag es einen wertvollen Beitrag zu leisten.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 01.03.2017 zu: Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention in der Kita. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. ISBN 978-3-451-34960-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20478.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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