Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungen
Rezensiert von Prof. i. R. Dr. Margitta Kunert, 17.10.2016
Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungen. Genderbewusste Pädagogik in der Kita. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2016. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-32885-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
Thema
Petra Focks legt mit diesem Band eine umfassende, anschauliche und praxisbezogene Einführung in die genderbewusste Pädagogik vor. Aktuelle pädagogische Diskurse wie die Umsetzung von Inklusion, die Berücksichtigung unterschiedlicher Diversitätsmerkmale wie soziale Herkunft, ethnisch-kulturelle Unterschiede und Aspekte unterschiedlicher Begabungen und Beeinträchtigungen (intersektionale Kategorien) werden ebenso berücksichtigt wie der professionelle Umgang mit sexueller Vielfalt. Auch wenn im Titel die Einschränkung auf das Arbeitsfeld Kita postuliert wird, eignet sich dieses Buch hervorragend für die Lehre sowie die Aus-, Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte zur Vermittlung von Grundlagen genderbewusster Pädagogik.
Autorin
Dr. Petra Focks ist Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und ausgewiesene Expertin der geschlechterbewussten Pädagogik.
Entstehungshintergrund
Schon 2002 veröffentlichte Petra Focks unter dem ähnlichen Titel das Buch „Starke Mädchen, starke Jungs. Leitfaden für eine geschlechtsbewusste Pädagogik“; Freiburg im Breisgau. Das hier besprochene Buch knüpft ganz offensichtlich an dieser Veröffentlichung an, auch wenn es sich nicht um eine Neuauflage handelt und die Autorin diese Erstveröffentlichung unerwähnt lässt.
Aufbau
Das Buch ist in 13 Kapitel untergliedert. Jedes Kapitel wird mit einem ansprechenden ganzseitigen Schwarz-Weiß-Foto aus der Kita mit Kindern oder pädagogischen Fachkräften oder Interaktionen zwischen Kindern und Fachkräften angezeigt. Es folgt ein Kasten der ankündigt, was im jeweiligen Kapitel „erfahren“ werden kann und was die Lesenden „erhalten“. Der Text ist optisch aufgelockert durch Definitionen in eigenen hellblau unterlegten Abschnitten oder den Abschnitten vorangestellten Zitaten.
Die Kapitel 1, 2, 3, 5 und 6 führen in grundlegende Geschlechtertheorien ein. Rechtliche Grundlagen werden ausführlich in Kap. 4 dargestellt. Es folgen zwei Kapitel die den Genderbezug in der Pädagogik als „fachliche Orientierung“ (Kap. 7) und „als Chance für Bildungsprozesse (Kap. 8) fokussieren. Die Kapitel 9-13 durchleuchten die in Bildungs- und Erziehungsplänen genannten Bildungsbereiche „Partizipation, Konfliktlernen, Sexualität und Sexualpädagogik, Körper und Bewegung sowie Naturwissenschaften, Technik und Mathematik“ vor dem Hintergrund einer geschlechterbewussten Pädagogik. Der Anhang ist untergliedert in „Literatur“ (theoretische Quellen Anm. d. V.), „Quellen zum Genderfragebogen“ (empirische Quellen) „Kinderbücher“, die im Text verwendet wurden und „Weitere Informationen und Materialien“ mit vor allem praxisbezogenen Publikationen, Spielen, Handreichungen etc. sowie „Weitere Kinderbücher“, die von der Autorin zusätzlich empfohlen werden.
Inhalt
Die Kapitel folgen alle einem ähnlichen Schema. Zuerst werden unterschiedliche theoretische Ansätze und Diskurse vorgestellt und kritisch diskutiert. Es folgen in eigenen grafisch abgesetzten „Kästen“ Empfehlungen zur Verankerung einer genderbewussten Pädagogik unter dem jeweils diskutierten Aspekt. So wird zum Beispiel im Kap. 1 zur „Geschlechtersymbolik- Stereotypen und tatsächlicher Vielfalt“ unter der Überschrift „Genderbewusstes Handeln bedeutet auf der Ebene Symbole und Stereotype, dass (..) .. unter 1. angeführt: “.. die Lernumgebung des Kindes möglichst (..) vorurteilsbewusst gestaltet wird “oder dass „geschlechterstereotypisches Material bewusst thematisiert und geschlechtsuntypische Symbole angeboten werden“ (S. 23). Darunter finden sich jeweils eine Reihe von konkreten Beispielen der Umsetzung, wie z. B. der Verzicht auf Bau- und Puppenecken oder die Einladung von Menschen mit geschlechtsuntypischen Berufen.
In den eher theoriebezogenen Kapiteln werden die Lesenden im letzten Abschnitt zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Gelernten angeregt. So gibt es „Anregungen zur Sensibilisierung für Geschlechterthemen“ im Team, ein Fragebogen zum Gender-Wissen (Gender Quiz) oder „Anregungen zur Selbst- und Gruppenreflexion“. In den Kapiteln zu den Bildungsbereichen werden nach einer theoretischen Einführung jeweils Leitfäden, Prinzipien und Empfehlungen für die genderbewusste Umsetzung der Bildungsbereiche formuliert. Darüber hinaus werden Anregungen für die Praxis, Aktionen und Spiele zusammengestellt.
Diskussion
Es gelingt Petra Focks in diesem Band hervorragend, theoretisch anspruchsvolle Befunde verständlich und kompakt einzuführen und diese unmittelbar mit dem pädagogischen Handlungsfeld und den professionellen Anforderungen an sozialpädagogische Fachkräfte zu verknüpfen. Diesem Vorgehen liegt das auch von der Autorin formulierte Konzept der Genderkompetenz zugrunde, die sich aus Theorie- Handlungs- und Selbstkompetenz zusammensetzt (S. 99 ff.). Neu ist, dass hier Genderkompetenz und Inklusionskompetenz überzeugend zusammengeführt werden. Der Inklusionsbegriff wird auf der Basis intersektionaler Kategorien weit gefasst. Die intersektionale Perspektive wird als wertvolle Ressource gesehen, weil die Wahrnehmung der Vielfalt von Lebenswelten und die Genderperspektive erst im Zusammenspiel Inklusion möglich machen. Dieser umfassende Blick auf Kinder in ihrer gesamten Lebenswelt, verwoben mit dem Anspruch auf geschlechter- und soziale Gerechtigkeit, zieht sich stringent durch das Buch.
Die gekonnte Verbindung von gender- und inklusionsbewussten Theorien und der Praxis mit einer reflexiven Professionalität der pädagogischen Fachkräfte macht das Buch auch unter didaktischen Aspekten besonders wertvoll.
Fazit
Petra Focks hat mit der Zusammenführung von Gender und Inklusion bestehende Ansätze der genderbewussten Pädagogik theoretisch und praktisch weiterentwickelt und gleichzeitig ein basales Lehrbuch für gender-und inklusionsorienterte Pädagogik vorgelegt. Der Aufbau des Buchs lädt zum Lernen ein und bietet eine Vielzahl konkreter Anregungen für die Umsetzung in der pädagogischen Praxis. Auch wenn dabei das Kindesalter und das Handlungsfeld der Kita fokussiert werden, sind die Grundlagen und Anregungen für Reflexionen und für die Praxis als Basis für genderbewusste Pädagogik im Wesentlichen in allen sozialpädagogischen Handlungsfeldern geeignet. Besonders wertvoll ist der ganzheitliche Ansatz, der die Trias professioneller Kompetenzen wie Fachwissen, Handlungsorientierung und Selbstkompetenzen durchgängig sehr fundiert berücksichtigt. Durch vielfältige Praxisbeispiele und das Zusammentragen umfangreicher Medien für die pädagogische Arbeit hat dieses Buch auch für die Praxis in der Kita und in anderen sozialpädagogischen Handlungsfeldern einen hohen Gebrauchswert. Als Lehrbuch ist es aufgrund einer verständlichen Sprache und des äußerst gelungenen und ansprechenden didaktischen Aufbaus hervorragend für die Ausbildung von ErzieherInnen genauso geeignet, wie für alle (sozial-) pädagogischen Studiengänge.
Rezension von
Prof. i. R. Dr. Margitta Kunert
Erziehungswissenschaftlerin, Frankfurt University of Applied Sciences Fachbereich 4 Soziale Arbeit, Frankfurt am Main
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