socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungen

Cover Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungen. Genderbewusste Pädagogik in der Kita. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-32885-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Petra Focks legt mit diesem Band eine umfassende, anschauliche und praxisbezogene Einführung in die genderbewusste Pädagogik vor. Aktuelle pädagogische Diskurse wie die Umsetzung von Inklusion, die Berücksichtigung unterschiedlicher Diversitätsmerkmale wie soziale Herkunft, ethnisch-kulturelle Unterschiede und Aspekte unterschiedlicher Begabungen und Beeinträchtigungen (intersektionale Kategorien) werden ebenso berücksichtigt wie der professionelle Umgang mit sexueller Vielfalt. Auch wenn im Titel die Einschränkung auf das Arbeitsfeld Kita postuliert wird, eignet sich dieses Buch hervorragend für die Lehre sowie die Aus-, Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte zur Vermittlung von Grundlagen genderbewusster Pädagogik.

Autorin

Dr. Petra Focks ist Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und ausgewiesene Expertin der geschlechterbewussten Pädagogik.

Entstehungshintergrund

Schon 2002 veröffentlichte Petra Focks unter dem ähnlichen Titel das Buch „Starke Mädchen, starke Jungs. Leitfaden für eine geschlechtsbewusste Pädagogik“; Freiburg im Breisgau. Das hier besprochene Buch knüpft ganz offensichtlich an dieser Veröffentlichung an, auch wenn es sich nicht um eine Neuauflage handelt und die Autorin diese Erstveröffentlichung unerwähnt lässt.

Aufbau

Das Buch ist in 13 Kapitel untergliedert. Jedes Kapitel wird mit einem ansprechenden ganzseitigen Schwarz-Weiß-Foto aus der Kita mit Kindern oder pädagogischen Fachkräften oder Interaktionen zwischen Kindern und Fachkräften angezeigt. Es folgt ein Kasten der ankündigt, was im jeweiligen Kapitel „erfahren“ werden kann und was die Lesenden „erhalten“. Der Text ist optisch aufgelockert durch Definitionen in eigenen hellblau unterlegten Abschnitten oder den Abschnitten vorangestellten Zitaten.

Die Kapitel 1, 2, 3, 5 und 6 führen in grundlegende Geschlechtertheorien ein. Rechtliche Grundlagen werden ausführlich in Kap. 4 dargestellt. Es folgen zwei Kapitel die den Genderbezug in der Pädagogik als „fachliche Orientierung“ (Kap. 7) und „als Chance für Bildungsprozesse (Kap. 8) fokussieren. Die Kapitel 9-13 durchleuchten die in Bildungs- und Erziehungsplänen genannten Bildungsbereiche „Partizipation, Konfliktlernen, Sexualität und Sexualpädagogik, Körper und Bewegung sowie Naturwissenschaften, Technik und Mathematik“ vor dem Hintergrund einer geschlechterbewussten Pädagogik. Der Anhang ist untergliedert in „Literatur“ (theoretische Quellen Anm. d. V.), „Quellen zum Genderfragebogen“ (empirische Quellen) „Kinderbücher“, die im Text verwendet wurden und „Weitere Informationen und Materialien“ mit vor allem praxisbezogenen Publikationen, Spielen, Handreichungen etc. sowie „Weitere Kinderbücher“, die von der Autorin zusätzlich empfohlen werden.

Inhalt

Die Kapitel folgen alle einem ähnlichen Schema. Zuerst werden unterschiedliche theoretische Ansätze und Diskurse vorgestellt und kritisch diskutiert. Es folgen in eigenen grafisch abgesetzten „Kästen“ Empfehlungen zur Verankerung einer genderbewussten Pädagogik unter dem jeweils diskutierten Aspekt. So wird zum Beispiel im Kap. 1 zur „Geschlechtersymbolik- Stereotypen und tatsächlicher Vielfalt“ unter der Überschrift „Genderbewusstes Handeln bedeutet auf der Ebene Symbole und Stereotype, dass (..) .. unter 1. angeführt: “.. die Lernumgebung des Kindes möglichst (..) vorurteilsbewusst gestaltet wird “oder dass „geschlechterstereotypisches Material bewusst thematisiert und geschlechtsuntypische Symbole angeboten werden“ (S. 23). Darunter finden sich jeweils eine Reihe von konkreten Beispielen der Umsetzung, wie z. B. der Verzicht auf Bau- und Puppenecken oder die Einladung von Menschen mit geschlechtsuntypischen Berufen.

In den eher theoriebezogenen Kapiteln werden die Lesenden im letzten Abschnitt zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Gelernten angeregt. So gibt es „Anregungen zur Sensibilisierung für Geschlechterthemen“ im Team, ein Fragebogen zum Gender-Wissen (Gender Quiz) oder „Anregungen zur Selbst- und Gruppenreflexion“. In den Kapiteln zu den Bildungsbereichen werden nach einer theoretischen Einführung jeweils Leitfäden, Prinzipien und Empfehlungen für die genderbewusste Umsetzung der Bildungsbereiche formuliert. Darüber hinaus werden Anregungen für die Praxis, Aktionen und Spiele zusammengestellt.

Diskussion

Es gelingt Petra Focks in diesem Band hervorragend, theoretisch anspruchsvolle Befunde verständlich und kompakt einzuführen und diese unmittelbar mit dem pädagogischen Handlungsfeld und den professionellen Anforderungen an sozialpädagogische Fachkräfte zu verknüpfen. Diesem Vorgehen liegt das auch von der Autorin formulierte Konzept der Genderkompetenz zugrunde, die sich aus Theorie- Handlungs- und Selbstkompetenz zusammensetzt (S. 99 ff.). Neu ist, dass hier Genderkompetenz und Inklusionskompetenz überzeugend zusammengeführt werden. Der Inklusionsbegriff wird auf der Basis intersektionaler Kategorien weit gefasst. Die intersektionale Perspektive wird als wertvolle Ressource gesehen, weil die Wahrnehmung der Vielfalt von Lebenswelten und die Genderperspektive erst im Zusammenspiel Inklusion möglich machen. Dieser umfassende Blick auf Kinder in ihrer gesamten Lebenswelt, verwoben mit dem Anspruch auf geschlechter- und soziale Gerechtigkeit, zieht sich stringent durch das Buch.

Die gekonnte Verbindung von gender- und inklusionsbewussten Theorien und der Praxis mit einer reflexiven Professionalität der pädagogischen Fachkräfte macht das Buch auch unter didaktischen Aspekten besonders wertvoll.

Fazit

Petra Focks hat mit der Zusammenführung von Gender und Inklusion bestehende Ansätze der genderbewussten Pädagogik theoretisch und praktisch weiterentwickelt und gleichzeitig ein basales Lehrbuch für gender-und inklusionsorienterte Pädagogik vorgelegt. Der Aufbau des Buchs lädt zum Lernen ein und bietet eine Vielzahl konkreter Anregungen für die Umsetzung in der pädagogischen Praxis. Auch wenn dabei das Kindesalter und das Handlungsfeld der Kita fokussiert werden, sind die Grundlagen und Anregungen für Reflexionen und für die Praxis als Basis für genderbewusste Pädagogik im Wesentlichen in allen sozialpädagogischen Handlungsfeldern geeignet. Besonders wertvoll ist der ganzheitliche Ansatz, der die Trias professioneller Kompetenzen wie Fachwissen, Handlungsorientierung und Selbstkompetenzen durchgängig sehr fundiert berücksichtigt. Durch vielfältige Praxisbeispiele und das Zusammentragen umfangreicher Medien für die pädagogische Arbeit hat dieses Buch auch für die Praxis in der Kita und in anderen sozialpädagogischen Handlungsfeldern einen hohen Gebrauchswert. Als Lehrbuch ist es aufgrund einer verständlichen Sprache und des äußerst gelungenen und ansprechenden didaktischen Aufbaus hervorragend für die Ausbildung von ErzieherInnen genauso geeignet, wie für alle (sozial-) pädagogischen Studiengänge.


Rezensentin
Prof. Dr. Margitta Kunert-Zier
Fachhochschule Frankfurt/Main
Fachbereich 4, Soziale Arbeit und Gesundheit
Professur für Pädagogik
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Margitta Kunert-Zier anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Margitta Kunert-Zier. Rezension vom 17.10.2016 zu: Petra Focks: Starke Mädchen, starke Jungen. Genderbewusste Pädagogik in der Kita. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. ISBN 978-3-451-32885-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20479.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung