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Niels Penke, Matthias Teichert (Hrsg.): Zwischen Germanomanie und Antisemitismus

Cover Niels Penke, Matthias Teichert (Hrsg.): Zwischen Germanomanie und Antisemitismus. Transformationen altnordischer Mythologie in den Metal-Subkulturen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 216 Seiten. ISBN 978-3-8487-1275-5. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Thema

Der Sammelband beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Rezeption altnordischer Mythologie und Erzählungen über Wikinger und Germanen im Black Metal und Pagan, sprich neu-heidnisch orientierten Metal und damit verbundenen antisemitischen Vorstellungen.

Autoren

  • Dr. Niels Penke, Studium der Germanistik, Skandinavistik und Philosophie in Braunschweig und Göttingen. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Skandinavischen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen.
  • apl. Prof. Dr. Matthias Teichert, Studium der Skandinavistik, Germanistik und Anglistik in Tübingen und Newcastle. Seit 2008 Juniorprofessor für Skandinavistische Mediävistik an der Georg-August-Universität Göttingen.

Entstehungshintergrund

Heavy Metal erlebt in den letzten Jahren eine Akademisierung, die letztlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass mancher Musiker oder Fan eine entsprechende Laufbahn eingeschlagen hat und Qualifizierungsarbeiten mitunter eine Chance bieten, eigenen Interessen nachzugehen. Im Rahmen derartiger „Metal Studies“ werden auch Untiefen der Szene ergründet, wie im vorliegenden Sammelband von Niels Penke und Matthias Teichert. Entstanden aus einem Blockseminar und einem Workshop an der Georg-August-Universität Göttingen widmet sich die Publikation, wie der Titel verspricht, der Transformation altnordischer Mythologie in den Metal-Subkulturen – zwischen Antisemitismus und Germanomanie.

Aufbau und Inhalt

Die inhaltliche Rahmung nehmen die beiden Herausgeber, die unter anderem das Studium der Skandinavistik und Germanistik verbindet, in ihrer Einleitung vor. Ausgehend von der extrem rechten Black-Metal-Band Burzum beziehungsweise dessen Bandleader Kristian ‚Varg‘ Vikernes zeichnen sie die Entwicklung der Germanomanie aus dem Ungeist des Antisemitismus nach. Germanomanie meint nach Penke und Teichert „die quasi-pathologische Überbetonung der ‚theodisken‘ (‚germanischen‘) Vorstufen [des] modernen Deutschtums, die sich als besonders radikale und aggressive Spielart dessen entwickelt hat, was mit einem griffigeren Terminus als der ‚deutsche Germanenmythos‘ (Kipper 2002) bezeichnet werden kann“ (Seite 14). Seinen Ausgang nahm diese, so die Autoren, mit der „‚Wiederentdeckung‘ des Tacitus“ im 15. Jahrhundert. Der Bezug auf und die Verklärung von ‚Germanien‘ und den ‚Germanen‘ radikalisierte sich mit der Romantik und fand seinen Höhepunkt schließlich in der völkischen Bewegung Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Alles Moderne wurde dabei unter einen Generalverdacht gestellt – und damit auch „die Juden“, die mit der Moderne assoziiert wurden und schon lange zu einem Feindbild in den Gesellschaften Europas gereift waren. Eine enge Verwandtschaft mit Motiven früher germanophiler Autoren und Künstler entdecken Penke und Teichert schließlich im Werk von Burzum und den Verlautbarungen des Bandleaders.

Die Herausgeber skizzieren in der Einleitung aber auch, wie sich diese Germanomanie nach 1945 zerfaserte. Ein Strang, die Propagierung des Germanischen, setzt(e) sich im neonazistischen Spektrum fort. Ein weiterer Strang, das künstlerische Moment ging, auf in der Popkultur von Hollywood und Fantasy. Und naturromantische Ideen lebten beispielsweise weiter in der Begeisterung für die ‚heile Welt‘ skandinavischer Filme und (Jugend-)Bücher (Penke und Teichert nennen es das ‚Bullerbü-Syndrom‘). Anknüpfend daran werden die ‚paganen Traditionen‘ im Heavy Metal beleuchtet, ausgehend von der Hardrock-Band Led Zeppelin, über die Vielzahl von Gruppen, deren Namen aus der nordischen Mythologie abgeleitet worden waren, bis hin zu Manowar und Bathory der 1980er Jahre und schließlich der zweiten Black-Metal-Welle der 1990er Jahre. In der Regel stellt sich der Umgang mit altnordischer Mythologie und mittelalterlicher Geschichte hier, aber auch bei Vikernes/Burzum, als „phantasmatische Gemengelage“ dar, als Hirngespinst. Abschließend unterscheiden Penke und Teichert drei Muster in der Metal-Szene:

  1. die „naive, reinen Unterhaltungszwecken geschuldete Inszenierung von – oder als – Wikinger“,
  2. eine Karnevalisierung im Rahmen der Nacherzählungen von Götter- und Heldensagen sowie die intentionslose Verwendung von ‚cultural icons‘ und
  3. die Bemühung „um Authentizität und ‚Pflege‘ historischer Traditionslinien“, die sie als „neuromantische Spielarten“ verstehen.

Die Herausgeber stecken damit in der Einleitung, leider sehr komprimiert, einen inhaltlich hochkomplexen Rahmen ab, dessen Gesamtbild sich in den folgenden Beiträgen des Sammelbands nur bedingt entfaltet.

Stefanie von Schnurbein skizziert mit Blick auf Heavy Metal und Neofolk (einer musikalischen Stilistik, die ihren Ursprung im New Wave der frühen 1980er Jahre findet) Beobachtungen über ein Revival spezifischer nordischer Bilderwelten und religiöser Vorstellungen.

Matthias Teichert geht auf die Wurzeln satanistisch-‚neugermanischer‘ Vorstellungen (ausgehend vom Beispiel der neonazistischen Black-Metal-Band Absurd) in der schwarzen Romantik, im Wagnerianismus und im (Vulgär-)Nietzscheanismus ein.

Mitherausgeber Nils Penke beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der radikalisierten Mythenrezeption im NS-Black-Metal. Dessen ästhetische Bildkonzepte thematisiert Steven Reiss, und Irina-Maria Manea schreibt über die völkische Dimension des Black Metal.

Anna-Katharina Höpflinger gibt kleine Einblicke in die Schweizer Black-Metal-Szene, die sie im Rahmen ihrer Feldforschung untersucht hat.

Florian Deichl taucht schließlich in die (Un-)Tiefen der Mythencollagen und -rezeption der Band Therion ein.

Dem Gesamtkonzept diametral gegenüber steht der Beitrag von Katharina Schubert – sie schreibt über ‚White Metal‘, christlichen Heavy Metal.

Fazit

Grundsätzlich sind die Artikel spannend und informativ, einzeln betrachtet variiert ihre Qualität allerdings. Die Thematisierung des Antisemitismus erfolgt, trotz des Titels, nur am Rande. Vor allem leiden viele Aufsätze unter ihrer Kürze, so dass die Analysen mitunter oberflächlich bleiben müssen. Auch die Rückbindung an das Forschungsobjekt fällt dürftig aus. Bemüht werden bekannte Beispiele, eine Rückbindung in der Breite bzw. in die (Un-)Tiefen fehlt. Dabei hätte es sich bei dem Thema angeboten, ein Sample zu ziehen aus einem Korpus aus Texten des Pagan Metal, aus Interviews mit unterschiedlichen Bands über einen längeren Zeitverlauf oder aus den diversen Fanzines der Szene und diese zu analysieren. Vergleichend hätten so unterschiedliche Thematisierungen der Forschungsfragen untersucht werden können, unter Umständen auch hinsichtlich ihrer Variation im Zeitverlauf. Diskursanalytische Zugänge hätten es erlaubt, die Thematisierung von „Juden“ beziehungsweise die Nutzung antisemitischer Ideen und Codes in ihrer Spezifik zu erforschen. Eine Kontrastierung mit der entsprechenden Reenactment- und Mittelalterszene hätte die Möglichkeit geboten, herauszuarbeiten, ob die Rezeption und Aneignung altnordischer Mythologie in den Metal-Subkulturen zu etwas genuin eigenem geführt hat oder ob es vergleichbares in den genannten Szenen gibt.

Nichtsdestotrotz sei dieser Band jedoch allen empfohlen, die sich mit jugendlichen Musikszenen im Allgemeinen beschäftigen sowie jenen, die explizit am Heavy Metal in all seinen Variationen interessiert sind. Empfohlen sei der Sammelband aber auch Pädagoginnen und Pädagogen, die mit Metal-Fans arbeiten, egal ob im Heimbereich, in Freizeiteinrichtungen oder in der schulischen beziehungsweise außerschulischen Bildungsarbeit. Die Publikation kann Wege eröffnen, wie mit den Fans politische Bildungsarbeit gestaltet werden kann und inwiefern eine Sensibilisierung möglich ist im Hinblick auf völkisches Denken und Antisemitismus.


Rezensent
Martin Langebach
Soziologe (MA), Dipl. Sozialpädagoge
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Zitiervorschlag
Martin Langebach. Rezension vom 20.06.2016 zu: Niels Penke, Matthias Teichert (Hrsg.): Zwischen Germanomanie und Antisemitismus. Transformationen altnordischer Mythologie in den Metal-Subkulturen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-1275-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20486.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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