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Linda Siefert: Das anorektische Ideal auf "Pro Ana" Weblogs

Cover Linda Siefert: Das anorektische Ideal auf "Pro Ana" Weblogs. Eine qualitative Studie zu einer virtuellen Inszenierungspraktik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 319 Seiten. ISBN 978-3-7815-2058-5. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.
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Thema

Die Zuwachsrate der klinischen Prävalenz von Anorexia nervosa nimmt in den letzten Jahren fast schon epidemische Ausmaße an. Eine neue Ausdrucksform zeigt sich gegenwärtig im Internet: auf sogenannten „Pro Ana“ Weblogs wird das anorektische Ideal virtuell inszeniert. In der vorliegenden Untersuchung wird anhand der Auswertung explorativer Fallstudien die virtuelle Inszenierungspraktik der Blogerinnen rekonstruiert. Unter Rückgriff auf psychoanalytische Erklärungsansätze wird ein theoretisches Modell entwickelt, das nach Sinn und Bedeutung der Inszenierungen fragt.

Autorin

Dr. phil. Linda Siefert promovierte nach Absolvierung des Diplom-Studiengangs Sonderpädagogik an der Leibniz Universität Hannover. Gegenwärtig ist sie am dortigen Institut für Sonderpädagogik als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und befindet sich parallel in einer berufsbegleitenden Ausbildung zur analytischen und tiefenpsychologischen Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Werk handelt es sich um die Dissertationsschrift, die im Jahr 2014 der Philosophischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover vorgelegt wurde und nun in der Reihe Perspektiven sonderpädagogischer Forschung im Klinkhardt Verlag erschienen ist.

Aufbau und Inhalt

Die Schrift gliedert sich in neun Kapitel.

Nach einer thematischen Einführung (Kap. 1) und einer kritischen Skizze zum aktuellen Forschungsstand (Kap. 2) folgt eine forschungsmethodische Grundlegung (Kap. 3), die den empirischen Gang der Studie expliziert. Ganz im Sinne der theoretischen Sensibilisierung nach Grounded Theory wird die Entfaltung des empirischen Datenmaterials (Kap. 5 und 7) immer wieder an den Stand der Theoriebildung zurückgekoppelt (Kap. 4, 6 und 8). Die Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Ausblick (Kap. 9).

Den mit weitem Abstand größten Raum (rund Zweidrittel des Gesamtumfangs) nimmt die Vorstellung und Diskussion des empirischen Datenmaterials ein, das zunächst in der Form einer Globalauswertung in Kapitel 5 (rund 30 Seiten) sowie anschließend in den Fallstudien in Kapitel 7 (170 Seiten) analysiert wird.

Der Spezifik des Datenmaterials wird besondere Beachtung zuteil. Unter forschungsmethodischen Gesichtspunkten sind nicht nur die virtuellen Merkmale des Internets (Alokalität und Asynchronität sowie das grundlegende Problem von Anonymität und Authentizität) zu berücksichtigen, sondern gerade auch die Besonderheiten von Weblogs, die durch eine eigentümliche Unbeständigkeit und Flüchtigkeit sowie Intertextualität, Non-Linearität und Multimedialität gekennzeichnet sind (28ff).

Als Kommunikationsmittel bietet das Internet Möglichkeiten der eigenen Körper- und Selbstinszenierung, die zu einer erheblichen Ausweitung der Risikogruppe essgestörter Adoleszentinnen beiträgt. Das Schlankheitsideal, das auch der Anorexia nervosa zugrunde liegt, ist fixer Bezugspunkt der „Pro Ana“ Weblogs. Gleichwohl sind offenbar nicht alle Bloggerinnen körperlich unterernährt. In der Globalauswertung der Fallstudien wird vielmehr eine Diskrepanz zwischen dem realen Körper und dem angestrebten Körperideal deutlich. Im Cyberspace lässt sich virtuell ein Körperskript entwerfen, bei dem das anorektische Ideal zunächst nur virtuell inszeniert wird.

In der Auswertung der Fallstudien wird die virtuelle Inszenierungspraktik des anorektischen Ideals rekonstruiert und führt so zu den motivbildenden Selbstwertproblematiken. Die anorektischen Inszenierungen auf den „Pro Ana“ Weblogs können als Mitteilungsversuche gedeutet werden, als Suche nach Verständnis und Anerkennung der Adoleszenz (297), die in Erziehung, Prävention und Therapie zu würdigen und zu bearbeiten sind.

Die vorliegende Studie bietet hierfür eine theoretische Fundierung. Unter Rückgriff auf psychoanalytische Entwicklungstheorien der Adoleszenz und der Anorexia nervosa sowie auf narzissmustheoretische Konzeptionen entwickelt die Autorin ein fallübergreifendes Modell, das einen Beitrag liefert zu einer gegenstandsbezogenen Theorie der virtuellen Inszenierungspraxis der Anorexia nervosa.

Die Rekonstruktion der „manifesten Selbstrepräsentationen“ ermöglicht es, die „latente(n) Sinn- und Bedeutungsgehalte des Selbst- und Welterlebens“ (10) freizulegen. Durch das Streben nach dem anorektischen Ideal erleben sich die Bloggerinnen subjektiv als etwas Besonderes und präsentieren eine bemerkenswerte Willensstärke. Die hiermit einhergehende „Infantilisierung des Körpers“ und die „reduzierte Weiblichkeit“ (ebd.) sind die Kehrseite der Medaille (302).

Der psychische Gewinn liegt in der narzisstischen Regulation, die allerdings zu einem hohen Preis erkauft wird: „Das Streben nach einem anorektischen Ideal ist ursächlich bedingt durch eine unzureichend und versagend erlebte Objektwelt, verbunden mit einem depressiven Selbsterleben und einer Körperunzufriedenheit, die bis zum Körperhass reichen kann. Um das Ideal zu erreichen, werden unterschiedliche Strategien der Körpermodulation eingesetzt: Nahrung wird als Bedrohung etabliert, kompensatorische Maßnahmen werden nach der Nahrungsaufnahme eingesetzt, die Waage wird als Kontrollinstanz, ‚Ana‘, der Weblog und/oder die Leserschaft werden zur Unterstützung der eigenen Selbstkontrolle herangezogen“ (302).

Fazit

Die modernen multimedialen Kommunikationsformate wie das Internet verändern die Selbstdarstellungspraktiken ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Im Zeitalter des medialen und digitalen Narzissmus gewinnt das virtuelle Selbst zunehmend an Bedeutung und mit diesem wird auch der eigene Körper virtuell inszeniert. Das in der Virtualität des Internets konstruierte Körperselbstbild kann dabei mitunter erheblich abweichen vom realen Körper. Die Diskrepanz digitaler Körperskripte und -techniken zur empirisch-realen Körperhaftigkeit zeigt sich in der vorliegenden Studie eindringlich anhand des anorektischen Ideals, wie es auf „Pro Ana“ Weblogs inszeniert wird.

Durch explorative Fallstudien werden die Inszenierungen des anorektischen Ideals rekonstruiert und unter Bezugnahme auf psychodynamische Erklärungsansätze in eine gegenstandsbegründete Theorie überführt. Damit liefert die Autorin einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung des theoretischen Verständnisses der Anorexie im Zusammenspiel von weiblicher Adoleszenz und narzisstischer Fragilität unter den Bedingungen einer Ausweitung virtualisierter Kommunikationsanlässe und Lebenszusammenhänge.

Erziehung und Therapie werden nicht umhinkommen, die modernisierten virtuellen Ausdrucksformen der Adoleszenzkrise zur Kenntnis zu nehmen – und das ist die zentrale Botschaft der vorliegenden Untersuchung: die veränderten Sozialisationsbedingungen der Gegenwart können nicht spurlos vorbeigehen an der psychoanalytischen Forschung und Theoriebildung, genauso wenig, wie sie an den Heranwachsenden vorbeigehen.


Rezensent
Prof. Dr. Marc Willmann
Hochschulprofessur für Inklusive Pädagogik mit dem Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung. Pädagogische Hochschule Oberösterreich in Linz, Österreich
Homepage www.marcwillmann.de
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Zitiervorschlag
Marc Willmann. Rezension vom 13.10.2016 zu: Linda Siefert: Das anorektische Ideal auf "Pro Ana" Weblogs. Eine qualitative Studie zu einer virtuellen Inszenierungspraktik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2058-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20488.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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