Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Katholischer Berufsverband für Pflegeberufe e.V., Ruth Schwerdt (Hrsg.): [...] Ernährung demenziell veränderter älterer Menschen

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 02.11.2004

Cover  Katholischer Berufsverband für Pflegeberufe e.V., Ruth Schwerdt (Hrsg.): [...] Ernährung demenziell veränderter älterer Menschen ISBN 978-3-936065-11-4

Katholischer Berufsverband für Pflegeberufe e.V., Ruth Schwerdt (Hrsg.): Probleme der Ernährung demenziell veränderter älterer Menschen. Paradigma und Indikator für die Versorgungssituation von Menschen in Demenzprozessen? Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2004. 112 Seiten. ISBN 978-3-936065-11-4. 12,00 EUR.
Reihe: Dementia services development - Band 1
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Zur Thematik des Buches

Demenzkranke haben oft Schwierigkeiten mit dem Essen und Trinken aufgrund ihrer spezifischen Krankheitssymptome. So "vergessen" sie manchmal regelrecht, etwas zu essen bzw. zu trinken, oder sie lassen sich leicht ablenken und lassen die Mahlzeiten und Getränke stehen und wenden sich einem neuen Reiz in ihrer Umgebung zu. Hinzu kommt, dass die motorische Unruhe sie dabei behindert, die Zeit und Ruhe für die Mahlzeiteneinnahme aufzubringen. Auf der anderen Seite ist ihr Bedarf an Nahrung und Flüssigkeit in der mobilen Phase meist höher als bei rollstuhl- oder Bettgebundenen Bewohnern, denn die ständige Bewegung erfordert Energien. Aus diesen Problemstellungen lässt sich leicht ablesen, dass bei der Pflege Demenzkranker das Essen und Trinken ein Kernelement in der Versorgung darstellt, das sowohl krankheits- als auch milieuspezifische Faktoren zu berücksichtigen hat.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese Thematik Gegenstand von Fachtagungen und Seminaren geworden ist. Die vorliegende Broschüre ist der Tagungsband eines Symposiums zu dieser Aufgabenstellung, das am 2. 12. 2003 in Frankfurt am Main stattgefunden hat. Veranstaltet wurde diese Tagung von der Fachhochschule Frankfurt am Main gemeinsam mit dem Katholischen Berufsverband für Pflegeberufe e. V..

Inhalt

Der erste Beitrag mit dem Thema "Pflegewissenschaftliche Aspekte der Ernährung von Menschen mit Demenz" (Prof. Dr. Ruth Schwerdt, FH Frankfurt am Main) beschäftigt sich eingehend auf verschiedenen Ebenen mit dem Gegenstandsbereich. Zuerst wird der Stand der Forschung diesbezüglich eingehend referiert, wobei u. a. besonders auf die Aspekte Epidemiologie der Fehlernährung, Ernährungsbezogene Funktionsdefizite und das Konflikterleben der Pflegenden bei Problemen der Nahrungsaufnahme eingegangen wird. Hieran anschließend werden auf der Ebene der Praxis und Standardsetzung die Fragen der Rahmenbedingungen im Heim zur Realisierung einer angemessenen Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme erörtert, wobei eine Reihe von Erfassungsskalen, Messinstrumenten (u. a. auch der Body-Mass-Index / BMI) und Handlungsempfehlungen (u. a. ständige Gewichtskontrolle und Dokumentation der Nahrungsaufnahme) dargestellt wird. In diesem Zusammenhang wird auch auf die pflegerische Kompetenzentwicklung in diesem Bereich eingegangen. Den Abschluss bildet ein eher kulturphilosophischer Exkurs über den Gegenstandsbereich Nahrungsaufnahme.

Das zweite Referat "Medizinische Versorgung von alten Menschen mit Demenz zwischen Sedierung und PEG?" (Prof. Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch, Rheinische Kliniken Bonn) befasst sich zum Einstieg mit den Aspekten Lebensqualität, subjektives Befinden und Essen und Trinken als Grundbedürfnisse. Darauf folgend geht der Referent auf die Mangelernährung (Unter- oder Fehlernährungen) und ihre Folgen (z. B. Störung der Organaktivität, Muskelschwäche, verringerte Mobilität mit erhöhter Sturzgefahr und die Beeinträchtigung der Immunabwehr) und auf die Faktoren zur Verhütung der Mangelernährung (u. a. energiereiche Wunschkost, Einsatz von Zusatznahrung, Dokumentation der Nahrungsaufnahme und regelmäßige Gewichtskontrolle) ein. Eingehend befasst er sich dann mit der künstlichen Ernährung, wobei er zu Beginn Ziel und Indikation für diese Ernährungsform anführt und dann die verschiedenen Formen wie transnasale Ernährung, PEG und subkutane Flüssigkeitszufuhr erläutert. Anschließend erörtert er Nutzen und Schaden der PEG bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium.

Der dritte Beitrag "Rechtsgüterabwägung Leben - Selbstbestimmungsrecht. Die neue Rechtssprechung" (Prof. Dr. Helmut Schellhorn, FH Frankfurt am Main) beleuchtet die rechtlichen Dimensionen der Thematik künstliche Ernährung. Hierbei geht er u. a. auf die Einwilligung des Patienten, des Betreuers oder des Bevollmächtigen und die Patientenverfügung ein. Anschließend interpretiert er kritisch die Entscheidung des BGH vom 17. März 2003, aus der hervorgeht, dass auch beim Vorliegen einer rechtsverbindlichen Patientenverfügung stets das Vormundschaftsgericht beim Tatbestand der Nichtvornahme bzw. des Abbruches einer künstlichen Ernährung angerufen werden muss.

Das abschließende Podiumsgespräch mit dem Thema "Auf dem Weg zu konsensgetragenen Entscheidungsfindungen in professioneller Zusammenarbeit" wurde durch mehrere Eingangsstatements folgender Referenten eingeleitet: Jutta Becker (Fortbildung und Fachberatung Demenz, Frankfurt am Main), Dr. Christina Ding-Greiner (Universität Heidelberg), Christa Gavert (Marienhaus GmbH, Waldbreitbach), Hermann Holzinger (Heimbeirat, Frankfurt am Main), Christian Kolb (Klinikum Nürnberg), Walter Odrich (Amtsgericht Frankfurt am Main) und Maria Magdalena Schreier (Universitätsklinikum Gießen).

Kritische Würdigung

Den Beiträgen und auch der anschließenden Diskussion waren nach Ansicht des Rezensenten verschiedene Problemstellungen zu entnehmen, die noch weiteren Erörterungen, Reflexionen und auch fachlicher Vertiefung bedürfen:

  • Dies gilt zum Beispiel für die Frage, wann bei Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium eine bewusste Nahrungsverweigerung vorliegt. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob Demenzkranke aufgrund des Verlustes der Exekutivfunktionen wie z. B. Abschätzen, Beurteilen und Entscheiden überhaupt noch die Fähigkeit zum Selbstbestimmten Handeln besitzen. Inwieweit kann man Demenzkranken noch Autonomie zubilligen? Wo beginnt der fürsorgliche Zwang und wie wird er gerechtfertigt (Selbstgefährdung)? All diese Fragestellungen harren noch einer verbindlichen Klärung.
  • In diesem Kontext steht auch das Problemfeld PEG bei Demenzkranken. Handelt es sich nur um eine recht qualvolle Maßnahme für die Verlängerung des Leidens und Sterbens, die oft auch noch mit Fixierungen verbunden ist? Auch in diesem Bereich bedarf es noch eingehender Diskurse, die unter den Gesichtspunkten Ethik, Medizin und Pflege geführt werden müssen.

Fazit

Es kann das Fazit gezogen werden, dass hier eine inhaltlich fundierte Publikation vorliegt, die nicht nur eine Fülle an einschlägigen Fakten verschiedenster Herkunft zum Themenbereich Nahrungsaufnahme bei Demenzkranken enthält, sondern darüber hinaus auch die Problemstellungen aufzeigt, die es noch zu bearbeiten gilt.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Website
Mailformular

Es gibt 220 Rezensionen von Sven Lind.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 02.11.2004 zu: Katholischer Berufsverband für Pflegeberufe e.V., Ruth Schwerdt (Hrsg.): Probleme der Ernährung demenziell veränderter älterer Menschen. Paradigma und Indikator für die Versorgungssituation von Menschen in Demenzprozessen? Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-936065-11-4. Reihe: Dementia services development - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2049.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht